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Karlsruhe Mamma Mia: 101 Jahre alt - exklusive Fotos von Phönix Karlsruhe in Italien entdeckt!

Geheimtipp für alle Karlsruher Fußballfans: Wer als Tourist das italienische Modena unsicher machen will, sollte im bekannten Museum "Fondazione Fotografia" vorbeischauen. Grund: Dort sind acht einmalige Bild-Negative auf Glasplatten zu bestaunen, die Spieler von KSC-Vorgänger Phönix Karlsruhe bei einem Match vor stolzen 101 Jahren zeigen!

Die Story der exklusiven Bilder, die hier zum ersten Mal gezeigt werden: Der Autor machte einen italienischen Fußballexperten ausfindig, der das Erbe des Mailänder Stürmer-Stars Luciano Vezzani (1905 - 1992) verwaltet. In dessen Nachlass entdeckte man insgesamt 25.000 (!) Fotos des vor 100 Jahren starken FC Modena - und die unbeschrifteten Aufnahmen aus dem Match Modena gegen Phönix vom 1. Juni 1914! Ein Amateurfotograf namens Ferruccio Testi soll die brillanten Bilder geschossen haben.

Phönix "eine der besten Mannschaften Deutschlands"

Bei dem Freundschaftsspiel (damals Propaganda- oder Privatspiel genannt) hatte die große Stunde von Robert Heger geschlagen. Denn beim erst zwei Jahre zuvor gegründeten FC Modena durfte der Wasserträger, der als Läufer meistens unauffällig, dafür umso effektiver die Drecksarbeit für die Stürmerstars Wegele, Oberle oder Leibold erledigte, die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen. Mit Erfolg: Der neue "Capitano" und sein Team putzten die Italiener mit 4:2 - und als Belohnung für Heger gab's ein schönes Erinnerungsfoto mit Modenas Spielführer Roberts und Schiri Colombo.

Neuer Capitano: Phönix-Läufer Robert Heger (re.) durfte gegen den FC Modena 1914 als Spielführer ran; v.li.: Modena-Kapitän John Roberts und Schiedsrichter Attilio Colombo - der eigentlich Spieler bei Inter Mailand war."

Für die Italiener war es das Spiel des Jahres: Zum Saisonabschluss stellte man sich dem Phönix, "eine der besten Mannschaften Deutschlands", wie die hiesigen Zeitung verkündeten. Für den hohen Besuch von "Il Phenix" haute man dann mächtig auf den Putz: So stand nicht nur eine Stadtrundfahrt, sondern auch ein Besuch im Rathaus auf dem Programm, die Medien schwärmten bereits Tage zuvor von den "fortissimi" Karlsruhern wie Karth oder "Il Wegele" - der dann aber gar nicht auflief.

Heißes Match: Mit Hüten, Sacktuch und eigenwilligem Sonnenschutz (re.!) gegen die Hitze.

Die "Vorbereitung" für das Montagsspiel lief für die Schwarzblauen recht anstrengend ab: Um exakt 12.58 Uhr kam das Team mit dem Zug aus Mailand an (wo unsere Helden dem AC Milan am Vortag noch ein 3:3 abgetrotzt hatten!), wurde von einer Delegation des Vereins begrüßt und im Auto zur Unterkunft ("Hotel Commercio") kutschiert, wo es gleich mal Wermut frei Haus gab. Praktisch: In der obersten Etage des Hotels hatte der Gastgeber FC Modena seine Geschäftsräume! Um 15.30 Uhr wurden die (sicher fröhlichen) Phönixler ins Rathaus bestellt, und nach einem Besuch beim Bürgermeister sowie einer City-Tour um 17.15 Uhr vom Hotel (in voller Fußballmontur!) zum Spiel gefahren - um 17.30 Uhr sollte das Match angepfiffen werden. Und auch nach dem Match bei tropischen Temperaturen blieb keine Verschnaufpause: Bereits um 20.30 Uhr luden die Italiener zu einem großes Bankett ins Zentrum von Modena - Mamma Mia!

Hitzeschlacht mit "warmen Applaus"

Zur Hitzeschlacht: Nach einem "warmen Applaus" der etwa 2000 Zuschauer am Spielfeld nahe der Pferderennbahn spielte eine Band die italienische und die deutsche Hymne, am Mittelkreis sollen beide Nationalflaggen gelegen haben. Aber nix "Blüh' im Glanze": Für Phönix wurde damals selbstredend die "langsame und schwere" Kaiserhymne ("Heil dir im Siegerkranze") intoniert. Und auch die "Brüder Italiens" gab's erst ab 1947 auf die Ohren - 1914 wurde noch "Marcia Reale" (Königlicher Marsch) angestimmt.

Schick mit Strohhut und Sonnenschirmchen: Halb Modena ist beim Spiel gegen Phönix auf den Beinen.

Zum Sportlichen: Die Karlsruher in "nerazzurro" (schwarzblau) stoßen nach Pfiff von Schiedsrichter Attilio Colombo an - eigentlich Spieler in Mailand - und überzeugen laut italienischen Zeitungen durch Forechecking und exaktes Passspiel. Dann das 1:0: Während ein erster Schuss von Volk noch durch einen Kopfball von Modena-Kapitän Roberts entschärft werden kann, ist der blutjunge Torwächter Borgetti bei einem scharfen Knaller von Stürmer Andres chancenlos - "der Ball flitzt unter seinem Bauch durch ins Netz". Und nur eine Minute später erhöht "Il Phenix" auf 2:0 - der Torschütze ist leider nicht überliefert. Für das in gelb-blau angetretenen Modena kommt es jetzt ganz dicke: Weil Spieler Rota (laut Zeitungen "nach einem Zusammenprall mit Phönix-Spieler Kuhn"; Wer um Himmels willen soll "Kuhn" sein?) mit einem "Riss im Knie" ausfällt und kein Ersatz bereit steht, muss die Mannschaft zu zehnt weiterkämpfen. Mit Erfolg: Stürmer Zorzi gelingt kurz vor der Pause der Anschlusstreffer.

"Avanti, avanti!"

In der Pause wird es feierlich: Spielführer John Robert Roberts (Spitzname: "Mister") darf seinem Pendant Heger einen Blumenstrauß überreichen - das Publikum jubelt. In der zweiten Hälfte feuert der aus Liverpool stammende Mittelfeldspieler Roberts seine Mitspieler unermüdlich an ("Avanti, avanti!"), aber es hilft alles nichts: Obwohl Modena durch Minchio der Ausgleich gelingt, erhöht Andres durch einen unhaltbaren Weitschuss auf 3:2 und Fleckenstein I später zum 4:2. Tenor nach dem Spiel: Modena hat gegen den großen Favoriten gut mitgehalten, Torwächter-Neuling Borgetti hat bei seiner Feuertaufe "atemberaubende Paraden" gezeigt (und auch schon mal "Sprünge auf den Rücker der Stürmer"!), man hat "ehrenvoll gekämpft" und viel Pech gehabt. Durch die Ausfälle von (nacheinander) Rota, Zorzi und Roberts ("Wunde am rechten Bein") spielte man fast durchgehend mit einem Mann weniger.

Beim Spiel ging es immer hoch her: Die Spieler beklagten sich später abwechselnd über den zu rutschigen oder zu harten Boden – ,Asterix bei den Olympischen Spielen' lässt grüßen!

Rätselraten gibt es bis heute über einen zweiten geheimnisvollen Spieler (neben dem ominösen "Kuhn"): Während die Aufstellung der Italiener von den Medien in Modena wenig überraschend korrekt überliefert ist (Borgetti - Roveri , Secchi - Hats, Roberts, Zanasi - Tosatti , Minchio , Rota [Giberti] , Paltrinieri , Zorzi), konnten selbst Fußballexperten mit einem Phönix-Kicker namens "Breumatk" (sic!) nichts anfangen, der für die Karlsruher gestürmt haben soll.

Der Rest des Teams lautete wie folgt: Rapp - Fleckenstein I, Karth - Godelmann, Firnrohr, Heger - Fleckenstein II, Hörmann, Andres, Volk. Die einzigen Phönix-Spieler, die phonetisch einigermaßen ein "Breumatk" hätten sein können, waren der Ersatz-Rechtsinnen Brannath und der Mittelstürmer der 2. Mannschaft, Burckhardt. Denn es wäre doch komisch gewesen, wenn KFV-Hüne Breunig bei diesem Match für den Erzrivalen aufgelaufen wäre.

Bella Italia: Über Phönix wurde sogar in der berühmten (und traditionell rosafarbenen) "La Gazetta dello Sport" berichtet! Feierlicher Anlass: Das oben erwähnte 3:3-Remis der Karlsruher gegen den AC Mailand am 31. Mai 1914, um deren Stadion "Campo del Sempione Velodrome" einzuweihen. 1912 hatte man gegen Milan noch 0:1 verloren.

Weitere Fotos von Phönix Karlsruhe in Italien finden Sie hier in der Galerie!

Der Autor und Journalist Thomas Alexander Staisch hat über den KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe das Buch "Die Deutschmeister 1909 - eine vergessene Meisterschaft" geschrieben. Der Karlsruher FC Phönix 1894, der Vorgängerverein des Karlsruher SC, wurde vor 120 Jahren gegründet. ka-news griff daher in diesem Jahr in die Fotokiste: weitere historische Bilder garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1984 finden Sie hier!

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KSC-History: 125 Jahre Karlsruher FC Phönix 1894: Der Vorgängerverein des Karlsruher SC feiert am 6. Juni Jubiläum. Anlass für ka-news in der Vergangenheit zu graben. Ab Montag, 3. Juni, greifen wir daher in die historische Fotokiste: Täglich präsentieren wir Ihnen hier historische Fotos garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1894. Reinschauen lohnt sich!
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  •   bud
    (46 Beiträge)

    15.06.2015 12:40 Uhr
    Todesjahr Falsch
    Luciano Vezzani ist nicht 1922 sondern 1992 gestorben.
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  •  hat kein leider Bild
    unbekannt
    (511 Beiträge)

    15.06.2015 12:59 Uhr
    @bud
    Danke für den Hinweis - wurde korrigiert.
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