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Karlsruhe Das erste "Golden Goal" der Fußballgeschichte - diese Karlsruher waren dabei!

Das Spiel war laut Augenzeugen "hochdramatisch" und ging allein wegen seiner Länge in die Fußball-Annalen ein. Am 10. April 1910, heute vor exakt 105 Jahren, gewann das süddeutsche Team mit vier Karlsruhern in seinen Reihen erstmalig den Kronprinzenpokal - nach zwei Stunden und 23 Minuten Spielzeit, zwei Verlängerungen und dem wohl ersten "Golden Goal" der Sportgeschichte.

Zur Kaiserzeit war es als Fußballer noch nicht ganz so einfach, ins Pokalendspiel zu gelangen. Denn neben den sportlichen Hürden - Süddeutschland hatte Westdeutschland (3:0) und Mitteldeutschland (6:2) in der Vorrunde klar besiegt - hatten Beruf und Heimatverein Vorrang.

Nach der Berufung durch den Verband für das große Finale gegen die Berliner Auswahl hatten Ernst Karth und Karl Wegele, beide Studenten in Heidelberg und Kicker beim KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe, dann auch bange Stunden zu überstehen: "Wir hatten Gott sei Dank Studienferien und später die Genehmigung unseres Spielführers erhalten", erinnerte sich Wegele.

Strenger "Papa Phönix"

Das war bei diesem Kapitän, Phönix-Legende Arthur Beier, keine Selbstverständlichkeit. Der strenge "Papa Phönix" hatte nur zwei Jahre zuvor Wegele und Vereinskollege Fritz Reiser gar eine Einladung zur Nationalmannschaft verweigert. Begründung: Am gleichen Tag sollte Phönix ein "wichtiges" Freundschaftsspiel gegen Leipzig austragen. Für Reiser hatte die Absage Folgen: Er wurde im Gegensatz zu seinem Bruder Otto nie mehr für ein Länderspiel nominiert.

1910 hatte man wie erwähnt mehr Erfolg und durfte neben den Karlsruher-FV-Stars Fritz "Frieder" Förderer und Max Breunig mit sieben weiteren Recken aus Stuttgart, München, Wiesbaden, Fürth und Nürnberg nach Berlin fahren - zum erst zweiten Endspiel eines Kronprinzenpokals überhaupt.

Fußballspieler mit "Toto-Lotto-Laden"

Auf dem Sportplatz von Viktoria Berlin in Mariendorf kam es dann am 10. April vor 4.000 Zuschauern "nachmittags ½ 4 Uhr" zum Showdown. Laut Zeitungsannonce kosteten Tickets zwischen 50 Pfennig (Kinder) bis zwei Mark (Tribüne), die im Vorverkauf übrigens auch bei den Berliner Finalisten Dumke und Dutton zu erstehen waren - Fußballspieler mit "Toto-Lotto-Laden" waren also keine Erfindung der Neuzeit.

Das Publikum und das Berliner Team, das Mark (Märkischer Fußball-Bund) mit 5:2 und Südostdeutschland gar mit 9:1 geschlagen hatte, zeigten sich schon beim Einmarsch der Süddeutschen schwer beeindruckt, denn Spieler wie Breunig, Karth oder Löble (Stuttgarter Kickers) waren echte Schränke. Die Medien berichten dann auch nach der historischen Schlacht, dass die Süddeutschen "der Berliner 'Pony-Section' an Größe und Körpergewicht weit voraus waren".

Sturmtank Willy Worpitzky köpfte ein

Bei dem von Schiedsrichter Bartels (Hannover) angepfiffenen Match ("Die Süddeutschen gewinnen das Los und mit Sonne und Wind als Bundesgenossen nehmen sie den Kampf auf") kamen dann alle auf ihre Kosten: Der gefürchtete Sturmtank Willy Worpitzky hatte für die Berliner Lokalmatadoren nach "tadelloser Flanke" Thiels zwar früh eingeköpft, aber dann schlugen die Süddeutschen zurück.

Wegele hatte seinen ersten großen Auftritt und holte einen Elfer heraus: "Da ich Torwächter Schmidt ungelegen stehe, nimmt er mich mit beiden Händen und räumt mich aus dem Weg! 11-Meter, den Max Breunig mit maximaler Ladung einschießt", berichtete der Rechtsaußen über den Ausgleich. Die 2:1-Führung markierte der wieselflinke Phönix-Stürmer gleich selbst: "Ich bin vor Schmidt auf der Torlinie im Tor platziert, der Ball kommt direkt von der Torecke herunter. Ehe Schmidt ihn in der Gewalt hat, spitzele ich ihn, zwischen Arm und Körper durch, den Ball vor der Nase weg ins Tor. Das wurmt ihn nicht schlecht!"

Der Sieg schien den Süddeutschen sicher, nachdem man durch ein Eigentor des Berliner Keepers und einen weiteren Treffer von Eugen Kipp ("sein scharfer Schuss landete plaziert in der Ecke") sogar auf 4:1 erhöhte. Doch die kämpferisch bärenstarken Berliner ließen nicht locker: Edwin Dutton erzielte das 4:2 für den "V.B.B.", Tor-Kanone Worpitzky das 4:3 und 4:4 - letzteres Goal durch einen Elfmeter ("unfaires Spiel"). Karl Wegele kannte den vermeintlich Schuldigen: "Wir hätten schon gewonnen, wenn der Münchner Torwart sicherer gewesen wäre!"

Nichts für schwache Nerven

Jetzt war das Spiel nichts mehr für schwache Nerven: Während Koloss Karth in der Abwehr ein ums andere Mal "hart arbeiten" musste und Kollege Dr. Nicodemus sogar "rücksichtslos" spielte (damals ein Kompliment), gab der Schiedsrichter ein angebliches Abseitstor vom Berliner "Durchbrecher mit Schnellzugstempo" Otto Dumke nicht (der schon mit 26 Jahren an einer Lungenerkrankung sterben sollte).

Dann der Abpfiff - nach 90 Minuten stand es also 4:4, zwei Mal 15 Minuten Verlängerung sollten die Entscheidung bringen. Doch nach nervenaufreibenden 30 Minuten gab es immer noch keinen Sieger. Eine zweite Verlängerung musste her, der Krimi ging weiter. Dann gelang KFV-Stürmer Förderer ("mit gutem Schuss") die Führung, Teufelskerl Worpitzky glich aber mit seinem vierten Finaltreffer noch aus - eine Minute vor dem Ende. Nicht nur die Fans waren am Verzweifeln: "Noch mal zwei Mal 1/4 Stunde mit Seitenwechsel, auch dann sind wir um nichts gescheiter, 5:5!", so Wegele.

Premiere für das "Golden Goal"

Nun sollte ("nach Verabredung") das nächste Tor die Entscheidung bringen - das "Golden Goal" feierte also bereits 1910 seine Premiere! Den historischer Treffer nach nur drei Minuten, in der insgesamt 143. (!) Minute, beschreibt der "Internationale" Wegele dann so: "Wir kommen durch, ich erhalte von Kipp eine lange Durchlage auf den Flügel, überlaufe den linken Verteidiger und gebe rasch zur Mitte, wo Löble/Stuttgarter Kickers ohne anzuhalten einschießt: Das 2 ½ -Stunden-Rennen ist beendet, der Sieg ist unser!"

Selbst Berliner Zeitungen schrieben später über das "faire und hochinteressante, aber heiße Match", dass der Süden "in Technik, Kopfarbeit und Zusammenspiel" überlegen war.

"Ist ein Herr Karth aus Karlsruhe hier?"

Eine schöne Anekdote abseits des Berliner Rasens sollte nicht vorenthalten werden: Sie beweist, was für ein sanftmütiger Riese Phönix-Abräumer Karth tatsächlich war - und was die Kicker-Gründerväter damals amüsant fanden. Das süddeutsche Team saß in einer "Bauernkneipe in fröhlicher Unterhaltung" zusammen, als ein Kellner laut ruft: "Ist ein Herr Karth aus Karlsruhe hier?"

Wegele macht seinen Kameraden aufmerksam und begleitet ihn zum Telefon, das in dem Lokal an der Wand hängt. "Hier Karth, Karlsruhe, wer ist da?", meldet sich der verwunderte Hüne. Die Antwort ist für alle Umstehenden deutlich zu hören: "Hier Portier, Hotel Brandenburg. Wollen Sie doch bitte sofort hierher zurückkommen, eine junge Dame erwartet sie!" Wegele berichtet weiter: "Als ich mich umschaue, sehe ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, dass nahezu alle Gäste des Lokals feixend hinter Karth stehen und dass direkt hinter ihm der grobknochige Kellner als Bauchredner die Antwort des Portiers gibt. Das Telefon war also nur markiert."

Der Riese wird nervös: "Du, ich kann mer net denke, was des für e Dam sei soll", raunt er Wegele im badischen Dialekt zu. Aber der "Portier" drängt: "Herr Karth, beeilen Sie sich, die junge Dame wird immer unruhiger!" "Ja, was will denn die Dame von mir?", ruft Karth verzweifelt. "Das weiß ich auch nicht, aber jedenfalls ist sie sehr aufgeregt. Was haben Sie denn da gemacht?" Karth ist mit den Nerven am Ende: "Ich habe keine Dame hier in Berlin kennengelernt, das muss ein Irrtum sein!"

"Das kostet eine Runde Schnaps, du Ochse!"

"Die Dame ist nicht aus Berlin, sie ist eben mit dem Schnellzug angekommen." Karth flüstert: "Woher kommt sie denn und hat sie über ihre Absichten nichts geäußert?" "Sie ist in derartiger Erregung, dass ihrem wirren Gerede Vernünftiges überhaupt nicht entnommen werden kann. Sie faselt von Ehrenrettung ihrer unglücklichen Schwester. Kommen Sie doch bitte umgehend!" Der Herkules ist erledigt: "Gut, ich komme sofort!", verspricht er kleinlaut. Hinter ihm bricht alles in schallendes Gelächter aus. Der Bauchredner fasst Karth am Arm, öffnet vorne am "Scheintelephon" eine Klappe und weist auf eine dort sichtbare Aufschrift hin: "Das kostet eine Runde Schnaps, du Ochse!" Karth lachte mit und zahlte "an die ulkigen Bauernkellner willig seinen Tribut".

Anmerkung des Autors: Wer mitgerechnet hat, kommt bei normaler Spielzeit plus zwei Verlängerungen bis zum Golden Goal auf eine Gesamtlänge von 153 Minuten. Als haben entweder alle Zeitungen damals vor lauter Aufregung die fehlenden 10 Minuten unterschlagen, oder (was wahrscheinlicher ist) Schiedsrichter und Kicker nahmen es mit der Zeit vor 105 Jahren nicht so genau...

Für Statistik-Freunde:

Berlin - Süddeutschland 5:6 (4:4, 5:5)

Torfolge: 1:0 Worpitzky, 1:1 Breunig, 1:2 Wegele, 1:3 Schmidt (Eigentor), 1:4 Kipp, 2:4 Dutton, 3:4 Worpitzky, 4:4 Worpitzky (Elfmeter), 4:5 Förderer, 5:5 Worpitzky. 5:6 Löble (143. Minute)

Berlin: Schmidt (Concordia), Gelbhaar (Preussen), Hensel (Minerva), Poetsch (Union), Köckeritz (Hertha), Schulz (Hertha), Kirsten (Minerva), Dumke (Viktoria), Worpitzky (Viktoria), Dutton (Preussen), Thiel (Preussen).

Süden: Werneck (Wacker München), Nicodemus (SV Wiesbaden), Karth (Phönix Karlsruhe); Burger (SpVgg Fürth), Breunig (Karlsruher FV), Krebs (Stuttgarter Kickers), Wegele (Phönix Karlsruhe), Förderer (Karlsruher FV), Löble (Stuttgarter Kickers), Kipp (Sportfreunde Stuttgart), Philipp (1. FC Nürnberg).

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  •   quattrostagnazione
    (874 Beiträge)

    10.04.2015 14:32 Uhr
    Wenn die vier Karlsruher
    zusammen mit sieben anderen Kollegen nach Berlin reisten waren das 11 Mann (wenn ich richtig rechne). Gabs damals eigentlich schon Auswechslungen oder musste man mit dem klarkommen was man hatte?
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  •   master-of-comment
    (3737 Beiträge)

    10.04.2015 11:12 Uhr
    Pech für Bierhoff!
    Löble war 86 Jahre früher dran ... zwinkern
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