1  

Karlsruhe 1.175 Tore: Rekord-Kicker "Ezi" hat seine Ruhestätte in Karlsruhe

Auf dem Karlsruher Hauptfriedhof kann man einen eher unscheinbaren Grabstein mit der Inschrift "Ernst Wilimowski 1916-1997" finden. Was kaum einer der Friedhofsbesucher weiß: Willimowski (mit einem polnischen oder zwei deutschen "l" geschrieben) war ein echter Superstar der Fußballgeschichte!

Das Leben des Rekord-Kickers und Paradiesvogels liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch: Am heutigen Tag vor 99 Jahren wurde Willimowski als Ernst Otto Pra(n)della im damalig oberschlesischen Kattowitz geboren - mit sechs Zehen am linken Fuß! Die Behinderung erwies sich aber als Glücksfall: Obwohl er rechts viel härter schießen konnte, erzielte "Ezi" die meisten Treffer mit seiner "Glückszehe" -  und dass natürlich ohne Spezialschuh.

Fußball war sein Leben

Der Fußball war sein Leben - und rettete es oftmals. Als nach einem Volksentscheid 1922 Oberschlesien polnisch wird, zählt der kleine Ernst plötzlich zur deutschen Minderheit. Er wird von seiner Mutter aufgezogen, der Vater ist im Ersten Weltkrieg gefallen und erhält den Nachnamen seines Stiefvaters. Das Supertalent heuert beim "deutschen Club" 1. FC Kattowitz an, wo er bis 1934 bereits Tore im Akkord schießt. Der große Durchbruch kommt dann mit dem Wechsel zum heutigen Ruch Chorzów (deutsch: Königshütte), wo er in 86 Spielen sagenhafte 112 Buden schießt. Lohn der Mühe: Als polnischer "Ernest" wird er 1934 und 1936 Torschützenkönig, gewinnt mit seinem Team von 1933 bis 1939 ununterbrochen die Meisterschaft. Für den Vereinswechsel hatte Kattowitz 1.000 Zloty erhalten - damals das Jahresgehalt einen Briefträgers. "Er hat einfach immer Fußball gespielt, hatte dadurch eine exponierte Stellung", berichtete seine Tochter Sylvia später - sie ist eines von insgesamt vier Kindern.

Doch Willimowski hatte viele Talente, er spielte in der oberschlesischen Eishockey-Auswahl und war Mitglied im Handball- sowie im Ski-Team. Bei einer Bergtour freundete er sich mit einem Skifahrer namens Karol Wojtyla an - der später als Papst Johannes Paul II. berühmt werden sollte.

Der "doppelte Ernst" wird zum Superstar

Ob mit oder ohne päpstlichen Segen, der "doppelte Ernst" wird 1934 zum ersten Mal zum Superstar: Im Mai wird er mit gerade einmal 17 Jahren in die polnische Nationalmannschaft berufen, wo er auf (vermutlich) 25 Einsätze kommt und dabei beeindruckende 25 Tore schießt. An seiner unglaublichen Treffsicherheit könnte aber auch ein kleines Heiligenmedaillon "Schuld" gehabt haben, dass der abergläubische "Ezi" bei jedem Match im Stutzen versteckte. Allerdings warf ihn der Verband 1936 auch für 12 Monate aus dem Kader - weil er zu viel feierte.

Polnischer Goalgetter: Als Ernst Wilimowski im Trikot der polnischen Nationalmannschaft - hier (2.v.li.) bei seinem Debüt 1934 gegen Dänemark.

Weltweit bekannt wurde Willimowski vor allem durch das Achtelfinalspiel bei der Weltmeisterschaft 1938: Bei der 5:6-Niederlage nach Verlängerung gegen Brasilien holte der 22-jährige Oberschlesier nicht nur den Elfmeter zum 1:0 seiner Farben heraus, sondern traf vier Mal in den gegnerischen Kasten - er schoss damit als erster Fußballer überhaupt vier Tore in einem WM-Spiel! Ein Zuschauer im Stadion war von der Gala besonders begeistert: Reichstrainer Sepp Herberger.

Partylöwe Willimowski lässt es krachen

Kurioses Nachspiel: Partylöwe Willimowski war nach der Niederlage aus dem Mannschaftsquartier ausgebüxt und hatte bis in die Puppen in einem Nachtclub gefeiert - und dabei sowohl bei Racing Paris als auch bei zwei brasilianischen Vereinen Verträge unterschrieben. Der Legende nach soll er sogar seine nackten Füßen auf den Tisch gepackt und den jubelnden Gästen das Ergebnis des Spiels anhand seiner Zehen (5:6) gezeigt haben! Bei Tageslicht konnte sich der arme Ernst allerdings an nichts mehr erinnern und die polnischen Fußballfunktionäre dachten gar nicht daran, ihren Top-Stürmer wegzugeben - er musste zurück nach Polen.

Fußballerisch war der Rothaarige mit den Sommersprossen und den markanten Segelohren ein feiner Techniker, der seine Gegenspieler reihenweise mit Körpertäuschungen oder Drehungen narrte und dann entweder hart mit rechts, aber vor allem gefühlvoll mit links einnetzte - Kopfbälle vermied er fast völlig.

"Heiliger Geist" - Schläge auf den nackten Po

Nach der Besetzung Polens wurde der Oberschlesier Deutscher und nannte sich Ernst Willimowski. "Er hat sich nie viel aus Nationalitäten gemacht. Er war mal der Pole, mal Deutscher, so wie er am besten durchkam", erinnerte sich Tochter Sylvia. "Ezi" wechselte zum PSV Chemnitz und traf wie gewohnt nach Belieben: "Willimowski hat für Chemnitz schon so viel Tore geschossen wie oft ein Verein im ganzen Jahr zusammen", wunderte sich das "Reichssportblatt". Kein Wunder: Nach sieben Spielen hatte Ernst bereits 35 (!) Tore auf seinem Konto.

Deutscher Goalgetter: Als Ernst Willimowski 1942 im Trikot der deutschen Nationalmannschaft - hier schießt er das 5:0 beim 7:0 gegen Rumänien.

Dann begann die zweite Karriere: Sein großer "Fan" Sepp Herberger berief den "Volksdeutschen" 1941 in die Nationalmannschaft. Mit Erfolg: In acht Länderspielen erzielte er sagenhafte 13 Tore. "Er war kein politischer Mensch, er wollte nur Fußball spielen", so Tochter Sylvia. Sein Geheimrezept? Vor jedem Spielen trank er Buttermilch und schlürfte rohe Eier! Laut der Biographie "Sport ohne Grenzen: Die Lebensgeschichte des Fußball-Altnationalspielers Ernst Willimowski" (von seinem Schwiegersohn verfasst) musste "Ezi" ein bizarres Aufnahmeritual in der deutschen Elf über sich ergehen lassen. Jedem Neuling wurde nämlich traditionell der "Heilige Geist" verabreicht - in Form von Schlägen auf den nackten Po!

Trotz der "Abreibung" war Willimowski kaum zu bändigen. Obwohl ihn Herberger ständig ermahnte ("Vor dem Spiel keine Liebe und kein Alkohol!"), war das Schlitzohr oft vor wichtigen Matches unterwegs. Aber: Egal was er angestellt hatte, das Tor-Phänomen war spätestens beim Anpfiff topfit - und machte seine Kiste! Besonders den starken Eidgenossen lehrte "Ezi" das Fürchten: Gegen den berüchtigten "Schweizer Riegel" traf er beim 5:3-Sieg gleich vier Mal - der Schweizer Torwart Erwin Ballabio soll sich danach beim Bankett aus Kummer fürchterlich betrunken haben.

Fußball-Legende Fritz Walter: "Für mich der größte aller Torjäger"

Seine Überlebensgarantie war das Kicken: Um dem Fronteinsatz zu entgehen, spielte der Wunderstürmer ab 1942 in der Soldatenelf „Die Roten Jäger“ (nach ihren roten Trikots so genannt), die sich der bekannte Jagdflieger Hermann Graf leistete. Er scharte Nationalspieler wie Fritz Walter und Willimowski um sich – und stellte sich ab und zu selbst ins Tor. "Für mich der größte aller Torjäger", urteilte Fußball-Legende Walter über seinen Mitspieler. Und: „Er hatte keine Nerven, er war eiskalt. Er war der einzige Stürmer, den ich je gesehen habe, der mehr Tore machte als er Chancen hatte“. Der Kontakt zu Graf rettete Willimowskis Mutter Pauline schließlich das Leben: Als sie nach einer Liebesbeziehung zu einem Juden nach Auschwitz abtransportiert wurde, konnte er ihre Entlassung arrangieren. Sie starb erst 1981 in Karlsruhe.

Zwischenzeitlich - und nach kurzer Station bei einer Karlsruher Militärmannschaft (nach Karlsruhe war er als Soldat versetzt worden) – war der Jahrhundertfußballer bei 1860 München gelandet, wo er seinen Verein mit spektakulären 13 Toren bis in Finale des "Tschammer-Pokals" schoss (dem Vorgänger des DFB-Pokals) und dort vor 80.000 Zuschauern auch einen Treffer zum überraschenden 2:0-Sieg gegen den Favoriten Schalke 04 beitrug. 14 Tore im Pokalwettbewerb – diesen Rekord hält Ernst Willimowski bis heute! Beim 15:1-Sieg im Achtelfinale hatte "Ezi" allein sieben bis zehn Tore (je nach Quelle) beigesteuert. Und in Sachsen und Bayern war der Straßenfußballer natürlich auch Torschützenkönig geworden. Nach Kriegsende tingelte Globetrotter Willimowski von Verein zu Verein (insgesamt ballerte er für knapp 20 Clubs!), bevor er in Südbaden sesshaft wurde – 1949/50 wurde er Spielertrainer beim Offenburger FV, bis 1959 kickte er für den Kehler FV. Wie sehr Ernst den Fußball liebte, zeigt auch die Geschichte, dass er 1951 zu seiner Hochzeit - seine Frau Klara hatte er in Offenburg kennengelernt - mit dem Auto vom Training abgeholt werden musste!

1.175 Pflichtspieltore - unfassbar!

Der "Deutsche aus Polen", der im Nationaldress sowohl gegen Deutschland als auch für Deutschland spielte (also den weißen und den schwarzen Adler auf der Brust trug), konnte gar nicht aufhören zu spielen - und Tore zu schießen. 1955 wurde er mit stolzen 39 Jahren noch Torschützenkönig beim VfR Kaiserslautern in der Oberliga Südwest, die damals zur höchsten deutschen Spielklasse zählte. "Er konnte fast anderthalb Stunden auf dem Platz herumstehen und kaum etwas tun, um anschließend doch noch das entscheidende Tor zu schießen", so Fritz Walter. In Karlsruhe arbeitete er später bei den Pfaff-Werken und war auch öfters in Wildparkstadion zu sehen. Seinen Lebensabend verbrachte er mit seinen Katzen und Hund "Huskie" - er starb am 30. August 1997 mit 81 Jahren.

Letzte Ruhe: Der Fußball-Star Willimowski verbrachte seinen Lebensabend in Karlsruhe - auf dem Hauptfriedhof ist er begraben.

In Polen galt er bis 1990 noch als "Vaterlandsverräter", sein Name und seine Tore wurden aus allen Statistiken getilgt - heute zählt er dort zu den besten polnischen Fußballern aller Zeiten. Und fast jedes Jahr an seinem Todestag legen Fans seines ehemaligen Vereins Ruch Chorzów Blumen an seinem Grab in Karlsruhe nieder.

In den (nie eindeutigen) ewigen Torjägerlisten der besten Schützen aller Zeiten steht Ernst Willimowski mit unfassbaren 1.175 Pflichtspieltoren hinter den brasilianischen Giganten Arthur Friedenreich und Pelé, aber noch vor den Superstars Ferenc Puskás und Alfredo Di Stéfano.

Mein Dank gilt Patrizia Kaluzny für die Anregung.

Der Autor und Journalist Thomas Alexander Staisch hat über den KSC-Vorgängerverein Phönix Karlsruhe das Buch "Die Deutschmeister 1909 - eine vergessene Meisterschaft" geschrieben. Der Karlsruher FC Phönix 1894, der Vorgängerverein des Karlsruher SC, wurde vor 120 Jahren gegründet. ka-news griff daher immer wieder in die Fotokiste: weitere historische Bilder garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1984 finden Sie hier!

Mehr zum Thema
KSC-History: 125 Jahre Karlsruher FC Phönix 1894: Der Vorgängerverein des Karlsruher SC feiert am 6. Juni Jubiläum. Anlass für ka-news in der Vergangenheit zu graben. Ab Montag, 3. Juni, greifen wir daher in die historische Fotokiste: Täglich präsentieren wir Ihnen hier historische Fotos garniert mit spannenden Anekdoten aus der Geschichte des Karlsruher FC Phönix 1894. Reinschauen lohnt sich!
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (1)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.