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Karlsruhe "Ein einziges Durcheinander!": Warum das Durlacher Tor Blinden zum Verhängnis werden kann - und was dagegen getan wird

Autos hupen, Bahnen rattern und Fußgänger eilen durcheinander - für Blinde eine fast unüberwindbare Herausforderung, am Durlacher Tor allerdings Realität. Mobilitätstrainer sollen sehbehinderten Studenten nun helfen, einen sicheren Weg zum nahegelegenen Unicampus zu finden. Wie schwer das eigentlich ist - ka-news.de-Redakteurin Melissa Betsch hat den Selbsttest gemacht und mit betroffenen Studenten gesprochen.

Ich stehe an der Haltestelle der stadteinwärts fahrenden S2 am Durlacher Tor und ziehe mir die blickdichte Maske über die Augen. Wo eben noch heller Sonnenschein war, umhüllt mich plötzlich undurchdringliche Schwärze. Augenblicklich umklammere ich den Blindenstock in meiner Hand fester. Er muss mich jetzt führen, mir mithilfe der taktilen Leitlinien auf dem Boden zeigen, wie ich den Weg zum Bahnsteig finde.

ka-news.de-Redakteurin Melissa Betsch hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, sich blind zurechtfinden zu müssen. | Bild: Hammer Photographie

Ich kann meinen Ohren nicht mehr trauen

Schritt für Schritt bewege ich mich vorwärts, streiche immer wieder mit der runden Spitze des Stocks über den Boden und versuche mich am Klang der gerillten Spur auf dem Boden an ihr entlang zu orientieren. Doch das ist nicht einfach: Das Kratzen des Stabs geht im Umgebungslärm unter: Kinder rempeln mich lachend an, Autos auf der Kreuzung hupen, Feuerwehrautos mit Martinshorn rasen hinter mir vorbei, Bahnen fahren ratternd in die Haltestelle ein.

Der Lärmpegel am Durlacher Tor ist enorm, die Orientierung über das Gehör ist daher nicht leicht. | Bild: Hammer Photographie

Plötzlich kann ich meinen Ohren nicht mehr trauen und jede Unebenheit fühlt sich unter meinem Stock auf einmal gleich an. Ich spüre leichte Panik in mir aufsteigen und reiße mir die Augenbinde vom Kopf. Ich blinzele. Im hellen Sonnenlicht sieht meine Umgebung alles andere als bedrohlich aus. Und obwohl ich weiß, dass das nur eine Übung war, bin ich innerlich sehr froh, mich jetzt wieder auf meine Augen verlassen zu können.

Die größte Herausforderung: "An welchem Bahnsteig stehe ich gerade?"

Michael aber kann das nicht. Der Bachelor-Student am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist seit seiner Geburt blind. Das tägliche Pendeln mit der S1 aus Bad Herrenalb nach Karlsruhe stellt ihn damit - im Gegensatz zu nicht-blinden Menschen - vor eine große Herausforderung. Gerade die Orientierung an den Haltestellen fällt ihm schwer.

Student Michael hat an Haltestellen keine gute Erfahrungen gesammelt. | Bild: Hammer Photographie

"Ich weiß nie, an welchem Bahnsteig ich mich gerade befinde und welche Bahn wann einfährt", erklärt er. Eine "sprechende Bahn", die bei der Einfahrt ihre Linie ansagt, würde ihm sehr helfen. Bis es soweit ist, muss er sich damit begnügen, die anderen wartenden Mitreisenden zu fragen, "aber manche reagieren einfach gar nicht".

Besonders mit den Fahrern des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV) habe er keine guten Erfahrungen gemacht. "Manchmal versuche ich die Leute in der Straßenbahn selbst zu fragen, welche Linie das ist und strecke meinen Stock zwischen die Tür, damit sie nicht zugeht. Ein Fahrer hat ein Mal die Türen trotzdem geschlossen und ist einfach losgefahren. Hätte jemand meinen Stock nicht geistesgegenwärtig herausgerissen, wäre er weg gewesen!" 

"Das Durlacher Tor ist ein einziges Durcheinander"

Solche Orientierungsprobleme kennt auch der blinde Master-Student Max Kordel von der neu gestalteten Haltestelle Durlacher Tor auf seinem Weg zur Uni. Wenn möglich, meidet er sie und wählt lieber den Weg über den Kronenplatz. 

Student Max Kordel meidet das Durlacher Tor, für ihn herrscht hier ein einziges Chaos. | Bild: Hammer Photographie

Besonders das Aufeinandertreffen der verschiedenen Verkehrsmittel macht das Durlacher Tor für ihn zur Herausforderung. "Es ist einfach ein großes Durcheinander: Die Bahnen fahren aus vier Richtungen, dann gibt es noch eine Busspur, Fahrradfahrer, Fußgänger und ein Wirrwarr aus Leitlinien, bei denen ich nie weiß, welche ich jetzt eigentlich genau brauche, um zum Ziel zu kommen", erklärt er im Gespräch mit ka-news.de.

Taktile Leitlinien - am Durlacher Tor stiften sie fast mehr Verwirrung, als dass sie der Orientierung dienen. | Bild: Hammer Photographie

Mobilitätstrainer sollen Orientierung vermitteln

Neben den weißen, taktilen Linien sollen auch akustische Ampelanlagen helfen, Menschen mit Sehbehinderung sicher ans Ziel zu bringen.

Ein spezieller Knopf unter den Ampelschaltern sendet ein akustisches und haptisches Signal an Max, wenn die Ampel grün wird. | Bild: Hammer Photographie

Am Durlacher Tor aber reichen diese Hilfsmittel nicht aus. Das hat nun auch die Stadt Karlsruhe erkannt und aus diesem Grund Michael, Max und anderen sehbehinderten KIT-Studenten am Dienstag - dem Tag der Menschen mit Behinderung - eine "fachspezifische Erkundung des Durlacher Tors" angeboten. Das bedeutet: Mithilfe von ausgebildeten Mobilitätstrainern üben sie das sichere Überqueren und Zurechtfinden auf dem Platz vor der Bernharduskirche.

Ohne Hilfe sind Sehbehinderte am Durlacher Tor nahezu aufgeschmissen. | Bild: Hammer Photographie

"Mindestens zehn Stunden muss man trainieren, bis man die Umgebung verinnerlicht hat", sagt Ottmar Kappen. Er ist einer der Trainer und hilft Max, die Haltestelle an der Durlacher Allee zu queren. "Am Durlacher Tor ist es vor allem wichtig zu wissen, wo man ankommt, um sich zurechtzufinden", erklärt er gegenüber ka-news.de. 

Max und Ottmar Kappen üben das Überqueren der Bahngleise. | Bild: Hammer Photographie

Dass es ein solches Mobilitätstraining überhaupt gibt und jeder Sehbehinderte einen Anspruch darauf hat, sei laut der kommunalen Behindertenbeauftragten Ulrike Wernert noch zu wenig bekannt. "Als spezifisches Angebot gibt es das hier in Karlsruhe leider noch nicht", erklärt sie. "Das Durlacher Tor ist das Tor zur Uni, daher möchten wir mit dieser Aktion heute ein Signal in diese Richtung setzen."

Die kommunale Behindertenbeauftragte Ulrike Wernert. | Bild: Hammer Photographie

Übersichtspläne in Braille könnten an allen Haltestellen hängen

Doch auch außerhalb des Mobilitätstrainings wünscht Wernert sich für blinde Menschen Hilfsmittel, um ihnen die Orientierung an Haltestellen zu erleichtern. Eines davon könnte beispielsweise eine Übersichtskarte des Durlacher Tors sein - verfasst in Brailleschrift. Als Arbeitsmaterial für Studierende gibt es sie bereits, die kommunale Behindertenbeauftragte könnte sich aber auch vorstellen, einen solchen Plan bei Bedarf an jeder Haltestelle in Karlsruhe anzubringen.

Solche Pläne in Braille-Schrift sollen den Studenten helfen, sich zu orientieren. | Bild: Hammer Photographie

"Hier ist aber noch nichts Konkretes geplant", meint sie. Vorerst wird also das Mobilitätstraining genügen müssen, um Max, Michael und seine Kommilitonen sicher über die Haltestelle zu bringen - für ein kleines Stück mehr Selbstbestimmung im Alltag.

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  •   andip
    (10291 Beiträge)

    09.12.2019 11:22 Uhr
    Frage
    Gibt es eigentlich noch andere Punkte hier, bei denen Sehbehinderte/Blinde Probleme bekommen könnten?
    Orte, an denen sich Haltestellen und daneben sonstiger Verkehr befinden, gibt es hier viele und nicht jeder Blinde ist ein Student, der von/zur Uni will.
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  •   dipfele
    (5738 Beiträge)

    08.12.2019 13:09 Uhr
    Selbst für Sehende....
    ….. ist es schwierig von der Haltestelle aus Richtung Durlach zum KIT Campus zu gelangen. Das alte Lied: Autofahrer planen für Autofahrer.
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  •   ettlinger
    (192 Beiträge)

    08.12.2019 19:39 Uhr
    Autofahrer planen für Autofahrer
    Zustimmung.

    Für die Bahnen ist der Knoten (neben dem Kronenplatz) mittlerweile die reinste Verspätungsfalle. Die Ampelprogrammes sollten doch zumindest das (bekannte!) Regelprogramm der Bahnen abarbeiten können. Echte Staufallen sind die Kreuzungen für die Straße ja nicht gerade.
    Das ist ein hausgemachtes Problem.
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  •   janh
    (453 Beiträge)

    09.12.2019 10:04 Uhr
    Das Regelprogramm
    soll wohl der Zustand nach Eröffnung des Tunnels sein, also (bis auf höchstens einzelne Verstärkerfahrten) kein planmäßiger Betrieb mehr auf der Durlacher Allee. Bis dahin ist der Knotenpunkt planmäßig unterdimensioniert und es heißt Augen zu und durch, einziges größeres Zugeständnis scheint die Sperrung der Linksabbieger aus der Kaiserstraße zu sein.
    Ärgerlich ist auch, dass im LSA-Programm pro Umlauf eigentlich zwei Bahnfahrten pro Richtung möglich sein, praktisch stadtauswärts aber öfters trotzdem nur eine Bahn durchkommt (selbst wenn beide in unterschiedliche Richtungen abbiegen würden) - damit sind dann Rückstaus natürlich vorprogrammiert.

    Dass die Anmeldung in Fahrtrichtung Osten erst kurz vor der Kreuzung mit der Weichenstellung zu erfolgen scheint, und damit immer nur eine Bahn gleichzeitig an der Kreuzung angemeldet sein kann, hilft da bestimmt auch nicht weiter.
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  •   Skudder
    (469 Beiträge)

    09.12.2019 20:27 Uhr
    .
    Mit "kein planmäßiger Betrieb auf der Durlacher Allee" wäre ich mir nicht so sicher. Da sollen immer noch oberirdisch Schienen bleiben, wenn ich das richtig verstanden habe. Und da die Kapazität des Tunnels wohl ziemlich "überschätzt" wurde, werden da auch Bahnen oberirdisch fahren müssen. Abgesehen davon gibts ja auch noch die Bahnen aus Richtung Waldstadt / Stutensee / Rintheim, die am nördlichen Teil der Haltestelle halten.

    Mal sehen, wie das endgültige Schienennetz aussieht.
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  •   janh
    (453 Beiträge)

    09.12.2019 21:25 Uhr
    Liniennetz
    Die bisherigen Überlegungen zur Entlastung des Tunnels um eine Linie gehen alle in die Richtung, im Osten die Waldstadt vom Marktplatz abzuhängen (ob der Bürgerverein das schon weiß?), sodass die Durlacher Allee sehr wohl bis auf mögliche einzelne Verstärkerfahrten ohne Betrieb bliebe, was aber schon immer so geplant war.
    Aber selbst wenn man sich umentscheidet und beispielsweise der Linie 2 das "Vergnügen" gönnt, an der Oberfläche zu bleiben (nach all den Jahren Umleitung sollten sich Wolfartsweier und Aue ja dran gewöhnt haben, in Richtung Innenstadt nicht weiter als bis zum Kronenplatz zu kommen, har har har), ist das in der Hinsicht auch egal.

    Der Hauptunterschied ist, dass dann nur noch vielleicht drei Linien am Durlacher Tor oberirdisch verbleiben, während es heute fast sieben sind (S4/S7/S8 zusammen entsprechen fast einer Linie im 10-min-Takt).
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  •   mueck
    (11498 Beiträge)

    09.12.2019 11:58 Uhr
    !
    "einziges größeres Zugeständnis scheint die Sperrung der Linksabbieger aus der Kaiserstraße zu sein."
    ... und das Geradausfahrverbot aus Richtung Durlach in die City, stört mich auch als Radler, weil die Fahrradstr. so nur über den eigentlich nicht benutzungspflichtigen und schlechten (insbes. am Aufzug) "Gehweg, Schleichradler frei" erreichbar ist.
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  •   Route66
    (2415 Beiträge)

    07.12.2019 15:50 Uhr
    Dieser Fahrer
    gehört angezeigt. Einen Blindenstock kann der letzte Depp erkennen. Unfassbar was es für Menschen gibt.
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  •   BMWFahrer
    (273 Beiträge)

    07.12.2019 16:58 Uhr
    Dürfte schwierig sein.
    Beim KVV arbeiten keine Fahrer.
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  •   Route66
    (2415 Beiträge)

    07.12.2019 17:28 Uhr
    Na dann
    beim anderen Verein 😉 steht nun mal falsch im Bericht.
    Brauchst halt nur Zeugen, weil der junge Mann ja nichts sieht.
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