20  

Kalrsruhe Abluftkamin am Karlstor: Erst messen, dann bauen

Ein entschiedenes "Nein" ertönte aus den Reihen des Gemeinderats, auf den Vorschlag des Oberbürgermeisters über den Sachstandsbericht zum Abluftkamin am Karlstor direkt abzustimmen. Zu viele Fragen brannten den Stadträten noch unter den Nägeln. Was passiert, wenn die Grenzwerte nicht eingehalten werden können, beispielsweise im Falle einer Absenkung durch den Gesetzgeber oder einer Überschreitung aufgrund falscher Vorannahmen? Wieso wurden nur sechs von 17 Vorschlägen vorgelegt? Lag es an zu hohen Kosten? Und wieso macht man eigentlich kein Modellprojekt aus der ganzen Entlüftungssache?

"Atommeiler", "Betonturm", "Monstrum" - der im Rahmen der Kombilösung geplante Abluftkamin am Karlstor sorgte für viel Unmut unter den Karlsruhern. Am Dienstag stand der Sachstandsbericht auf dem Prüfstand im Gemeinderat - mit ihm sechs mögliche Alternativen zum ursprünglich 20 Meter hohen und fünf Meter breiten Turm. Am Ende der Diskussion war klar: Stadtverwaltung und Gemeinderat setzen auf das Prinzip Hoffnung. Nur drei Gegenstimmen gab es gegen die vorgeschlagene Vorgehensweise der Stadtverwaltung in Sachen Abluftkamin.

"Erst wenn tatsächlich Grenzwertüberschreitungen bei den zirka ein Jahr dauernden Messungen festgestellt werden, sind eine vollständige Installation der Portalluftabsaugung und der Bau des Abluftkamins am Karlstor erforderlich." Derzeit geht die Stadt von einer Einhaltung der maßgeblichen Immissionsgrenzwerte aus. Die erforderlichen Messungen, die über den Bau eines späteren Abluftkamins entscheiden werden, sollen an der Messstelle der LUBW (Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg) durchgeführt werden.

Gemeinderat gegen Bebauungsplanänderung

Insgesamt hatte die Karlsruher Schieneninfrastruktur-Gesellschaft (Kasig) zusammen mit Planungsingenieuren und einem Gutachter 17 Varianten in einem Sachstandsbericht erarbeitet. Diesem stimmte der Gemeinderat zwar mehrheitlich zu, sprach sich aber gegen eine Änderung des aktuellen Bebauungsplans aus - und erteilte damit fünf der sechs Alternativen indirekt eine Absage.

Laut Beschlussvorlage konnte keine mit dem Bebauungsplan konforme Variante gefunden werden - zumindest keine, die eine Einhaltung der Immissionsgrenzwerte nach Eröffnung des Tunnels gewährleisten kann. Durch die Reihen der Stadträte favorisiert, wurde die Variante des photokatalytischen Abbaus von Stickoxiden (NOx). Hier werden die Schadstoffe durch die Einwirkung von Tageslicht in einer chemischen Reaktion umgewandelt. Als Katalysator fungiert in den Beton eingelassener oder auf ihn aufgetragenes Titandioxid.

Aus 17 mach' sechs: Wie soll der Kamin aussehen?

Zur Diskussion standen im Gemeinderat folgende Alternativen:

  • Portalluftabsaugung mit einem nur etwa 10 bis 12 Meter hohen Abluftkamin
  • Lamellen- beziehungsweise Rasterdecke ("Züblin-Decke") in Verlängerung des Westportals
  • Zentrale Be- und Entlüftungsanlagen in den betroffenen Gebäuden
  • Öffnung der Nordröhre auf 80 bis 100 Meter Länge im Bereich der Ritterstraße beziehungsweise des Nymphengartens
  • Öffnung neben der geplanten Straßenbahntrasse ohne Verschiebung der Straßenbahn
  • Photokatalytischer Abbau von Stickoxiden (NOx)

Hoffnung "auf Gedeih und Verderb" ausgeliefert

Trotz mehrheitlicher Zustimmung - die baulichen Alternativen zum Kamin stießen am Dienstag auf Skepsis im Gemeinderat: "Wenn wir jetzt akzeptieren, was vorgeschlagen wird, dann heißt es, dass wir auf Gedeih und Verderb bis zum Ende aller Tage hoffen müssen, dass die Grenzwerte eingehalten werden", sagte Eberhard Fischer, stimmte der Vorlage im Namen der KAL-Fraktion aber zu.

"So richtig einverstanden sind wir auch nicht", ließ Bettina Lisbach aus den Reihen der Grünen verlauten. Es werde weiter auf das Prinzip Hoffnung gesetzt, dass der Fall einer Grenzwertüberschreitung nicht eintrete. Die Grünen wünschten sich eine vertiefende Betrachtung im Aufsichtsrat sowie in den Fachausschüssen. Zudem bleibe die Frage nach dem Grund für das Ausscheiden der anderen elf Varianten, merkte Stadträtin Lisbach an.

Ein klares Nein zum Sachstandsbericht gab es von den Freien Wählern und von den Linken in Form von Niko Fostiropoulos. "Der Autotunnel ist blanker Unsinn", sagt Stadtrat Niko Fostiropoulos mit sichtlich erhitztem Gemüt und macht die Ablehnung seiner Fraktion gegenüber der Kombilösung deutlich: Man sei gegen solche Großprojekte mit enormen Folgekosten.

FDP: Entlüftungssystem könnte Modellprojekt werden

Optimismus hingegen bei CDU: Bis zur Eröffnung des Autotunnels habe man noch einige Zeit vor sich, man hoffe auf den technischen Fortschritt. "Ich glaube, kein Mensch will diesen Abluftkamin", sagt Sven Maier, "auch die CDU-Fraktion nicht."

Ein Finanzierungsidee brachte indessen Stadträtin Rita Fromm zu Gespräch: In Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) könnte die photokatalytische Abbauvariante aus dem Entlüftungssystem des Autotunnels ein Projekt mit Modellcharakter werden.

Ebenfalls auf das KIT setzt die SPD und ist überzeugt, eine "technische-fortschrittliche Lösung zu finden, die uns den Abluftkamin erspart". Fraktionsvorsitzende Doris Baitinger erinnert an frühere Prioritäten, die zur Aufstellung des Bebauungsplans in der jetzigen Form führten. An diesen sollte nicht gerüttelt werden, aus diesem Grund stellen sich die Karlsruher Sozialdemokraten entschieden gegen Kamin-Alternativen, die eine Änderung des Bebauungsplans zur Folge hätten.

"Keine Alternative ist an den Kosten gescheitert"

"Wir haben jetzt Ansätze gefunden, die uns erlauben, die Entscheidung offen zu lassen und letztlich anhand realer Grenzwerten zu treffen", bezieht Oberbürgermeister Frank Mentrup Stellung zum Sachstandsbericht. Mit der Photokatalyse habe die Stadt ein Verfahren als Alternative, das funktioniert - allerdings sei dessen Wirksamkeit in einer solchen Situation wie die des Karlsruher Autotunnels noch nicht nachgewiesen, gibt Mentrup zu bedenken.

Keine der elf Varianten, die nicht den Weg in den Sachstandsbericht gefunden haben, sei an zu hohen Kosten gescheitert, versichert das Stadtoberhaupt auf die SPD-Nachfrage. Und was passiert, wenn sich nach dem Messungsjahr 2019 herausstellt, dass die Grenzwerte entgegen aller Erwartungen doch überschritten werden? Das müssen man im Detail nochmals im Aufsichtsrat der Kasig besprechen.

Gegebenenfalls wäre auch ein dynamisches Verkehrsmanagement eine Maßnahme, die man vor dem Bau eines Ablüftungssystems in Angriff nehmen könnte. Aber: "Wenn wir etwas bauen müssen, dann weil wir wissen, dass es auch wirklich so ist und nicht aus theoretischen Annahmen heraus", so Mentrup.

Dennoch will die Stadt Vorbereitungen für den Bau eines Entlüftungssystems für den Kriegsstraßentunnel treffen: Die unterirdischen baulichen Einrichtungen der Abluftzentrale einschließlich eines Fluchttreppenzugangs und eines Zuluftschachtes sollen ausgeschrieben werden. Laut Beschlussvorlage soll auch im Bereich der Reinhold-Frank-Straße ein größerer Abschnitt von photokatalytisch wirkendem Pflasters verlegt werden.

Mehr zum Thema

Beschlussvorlage der Stadt Karlsruhe

Abgaskamin am Karlstor: Turm wird vorerst nicht gebaut

Abluftkamin am Karlstor sorgt für heiße Luft: "Turm darf nicht kommen"

Kombilösung: Kommt der Riesenkamin am Karlstor?

Mehr zum Thema
Kombilösung Karlsruhe | ka-news.de: Baufortschritt, Mehrkosten, Sperrungen und Verzögerungen: Mehr Infos und Fotos von der Karlsruher Kombilösung finden Sie in unserem Dossier!
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (20)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Robina
    (202 Beiträge)

    09.04.2014 12:49 Uhr
    Es wurde 3x mit NEIN gestimmt!
    Ich war gestern im Rathaus und habe nur drei NEIN-Stimmen gezählt.
    1 x Fusti für LINKE und einmal Freie Wähler, den/die Dritte/n konnte ich nicht sehen!
    KAL-Fraktion + LINKE + FW wären aber mehr als 3!
    Wo ist der Fehler?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   bohnerc
    (116 Beiträge)

    09.04.2014 14:53 Uhr
    Das stimmt natürlich.
    Da hat sich der Formulierungsteufel eingeschlichen, danke für den Hinweis. Die drei Gegenstimmen setzen sich aus zweimal Freie Wähler und einmal Niko Fostiropoulos von den Linken zusammen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   SagMalWas
    (326 Beiträge)

    09.04.2014 12:04 Uhr
    Werbefläche
    Man könnte das Ding auch als "Weltgrößte Litfaßsäule" vermarkten und aus den entsprechend hoch Ausfallenden Werbeeinnahmen den Tunnel finanzieren.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   candyman
    (7188 Beiträge)

    09.04.2014 12:38 Uhr
    Man könnte das Ding auch
    im unteren Achtel orange anpinseln und den Rest obendrüber weiß anmalen und es dann als die "Karlsruher Zigarette" für Anti-Raucher-Kampagnen nutzen und dafür den goldenen Scheißhaufen der Societé Generale du grand malheur de Caque gewinnen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   runsiter
    (11986 Beiträge)

    09.04.2014 21:40 Uhr
    Gute Idee.
    Ich würde das aber noch begehbar machen für die Raucher. Als kostenloser Stadtservice. Vom Schadstoffgehalt durchaus vergleichbar. Nur mit dem Nikotin müsste man noch eine Lösung finden.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    09.04.2014 22:55 Uhr
    Auf der
    momentan geplanten Höhe die Abgase ausleiten, das Ding aber mindestens fünfmal so hoch bauen. Oben ein Drehrestaurant rein, obendrauf eine Aussichtsplattform und eine Antenne.

    Denn was hat Karlsruhe nicht? Richtig! grinsen

    Auf die 50 Millionen kommts auch nicht mehr an.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   candyman
    (7188 Beiträge)

    09.04.2014 11:43 Uhr
    Warum nicht?
    Es wurden in Karlsruhe mittlerweile so viele Ecken verschandelt, da kommts auf die ja jetzt auch nicht mehr an...

    [ironie aus]

    Mal ganz ehrlich: Hat der, der dat Ding da geplant hat, Drogen genommen? Und wenn ja: Warum hat er nicht noch mehr Drogen genommen oder sie weggelassen? Zum Glück gibts noch ein paar Leute, die einigermaßen gesunden Menschenverstand bewiesen haben und das Ding gekippt haben. Da legt man Straßen unter die Erde und anschließend plant man den größten Auspuff der Welt... Wahnsinn.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    09.04.2014 17:19 Uhr
    Man hätte
    alles lassen können wie es ist und die Bahn als Hochbahn ausführen sollen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (29986 Beiträge)

    09.04.2014 17:22 Uhr
    Korrektur,
    nicht als richtige Hochbahn, dafür ist der Abschnitt zu kurz, sondern die Mitte so auffüllen, dass die Bahn auf konstantem Niveau fährt.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   candyman
    (7188 Beiträge)

    10.04.2014 08:34 Uhr
    Achso,
    du meinst, dass wenigstens dort einmal ein hohes Niveau erreicht wird? zwinkern
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 (2 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.