Kamera an, Frisurenkontrolle, los geht's: Auf dem Computerbildschirm erscheint eine junge Frau mit brünetten Haaren. Sie sitzt vor einem Herzchenduschvorhang und begrüßt die Zuschauer, als würde sie sich mit ihnen auf eine Tasse Kaffee treffen. Vertraut und doch nicht persönlich: "Hallo ihr Lieben" - Samantha, alias MissMarbles92, winkt in die Webcam.

60.000 deutschsprachige "Hauls" auf Youtube

Das was die 20-Jährige da macht, nennt sich "Haul" - aus dem Englischen: Beute - und liegt voll im Trend. Auf Youtube lädt sie regelmäßig selbstgedrehte Videos hoch. Der Inhalt: Ein Einblick in die Shoppingtüte von der letzten Einkaufstour, inklusive Gebrauchsanweisung, Preisauskunft und Tipp von Frau zu Internetpublikum. Ob Make-Up, Kleidung oder Produkte aus dem Bioladen - MissMarbles92 hält in die Kamera, was sie Neues erstanden hat. In der aktuellen Folge ist das ein "Intensive wet and dry eyeshadow in der Farbe 070 Dr. Bluelittle" - laut Samantha hat dieser, im Schlussverkauf einer Drogeriekette erbeutete, Lidschatten einen schönen Farbauftrag. Das demonstriert sie, in dem sie ihren Finger in das Töpfchen mit dem blauen Farbpuder steckt und diesen dann in die Webcam hält: "Wie schön, schaut mal!"

84 Videos dieser Art hat die Karlsruherin schon gedreht - der Vlog (Video-Blog) mit den meisten Aufrufen heißt "Primark Haul". Rund 380 Follower schauen regelmäßig bei MissMarble's Kanal vorbei. Aber warum?

ka-news sprach mit dem Mannheimer Sozialwissenschaftler Axel Schmidt über das Phänomen "Hauling": "Ein sogenannter Haul ist im Grunde eine neue Form des Gesprächs unter Freundinnen - frau erzählt, was sie bewegt und was sie bei der letzten Shoppingtour gekauft hat, gibt Kombinations-Tipps und Rezepthinweise - dieser Service-Charakter kommt bei vielen an", so Schmidt. Von Basilikumpesto bis Wühltischschnäppchen, von Teenie-Mädchen bis Hausfrau in den 40ern - auf Youtube gibt es neuerdings zu allem und für jede Altersgruppe Ratschlag-Videos - etwa 60.000 Videos in deutscher Sprache an der Zahl. Samantha will eigenen Angaben nach gleichaltrigen oder jüngeren Zuschauern von ihren Erfahrungen berichten und ihnen erklären, was sie aus ihnen gelernt hat. "Sei es die Erfahrung mit einem Kosmetikprodukt, der Ernährung oder mit dem Leben generell."

Gefahren im Netz: "Vloger haben ihren Internetauftritt nicht unter Kontrolle"

Tagebuch kann man auch privat im stillen Kämmerlein schreiben - der Schritt vor die Kamera ist ein großer, wenn es darum geht, seinen Tag zu rekonstruieren oder das Privatleben offenzulegen. Laut Schmidt bedeute dies jedoch nicht, dass es sich ausschließlich um exzentrische Charaktere handelt, die sich als "Haul"-Versuchskaninchen oder Vloger auf Youtube präsentieren: "Oft wirken gerade schüchterne Mädchen auf den Betrachter sympathisch, die nicht aussehen, als wollten sie ausschließlich anderen zeigen 'wie toll sie sind'." Das seien Jugendliche, die lediglich ihre Interessen ausleben und mit anderen teilen wollen - in diesen Fällen sei es eben das Shopping. "Aus psychologischer Sicht ist interessant, dass in solchen Hauls Kaufentscheidungen außergewöhnlich umfangreich begründet werden und so Gedanken thematisiert werden, die sonst nicht reflektiert werden", erklärt Schmidt. So gehe es nicht nur um das Einkaufserlebnis an sich, sondern auch um das Nachbereiten - ja manchmal sogar um das Vorbereiten in solchen Videos.

"Vor Kurzem habe ich mal wieder mein erstes Video angeschaut und erstmal einen Lachanfall bekommen", gibt Samantha im Gespräch mit ka-news zu -  "am liebsten würde ich es löschen, aber irgendwie ist es ja auch ein Teil von mir und es wäre blöd nur die, inzwischen besser gewordenen, Videos auf meinem Kanal zu haben." Eine Löschfunktion gibt es auf so gut wie jedem Internetportal - auch bei Youtube. "Aber sucht man sogar ein paar Jahre später gezielt nach einem bestimmten Posting oder einer Person, spuckt das Netz oft dennoch aus, was der Suchende will - egal ob einst entfernt oder nicht", so Schmidt - "Das Internet vergisst nichts. Zwar denken die Vloger, sie hätten ihren Internetauftritt unter Kontrolle, aber dem ist nicht so." Oft seien eben solche Amateur-Videos Stoff für Satire-Sendungen im TV oder Shitstorms in Internetforen - hier würden Inhalte verfälscht und in einen anderen Zusammenhang gestellt, um die Person hinter dem Video ins Lächerliche zu ziehen, so der Sozialwissenschaftler.

Hauls statt Werbung: Primark setzt auf Mode-Blogger

Catwalk auf und ab im Kinderzimmer, einmal Fokus auf die Halskette, die im Dekoltée baumelt - Gefahren lauern darüber hinaus auch anderswo: Hauls und Vlogs gewähren (gewollt oder nicht) einen weiten Einblick in das Privatleben des Users und sind damit ein gefundenes Fressen für Betreiber von Kinderpornografie oder Stalker, so Schmidt weiter. "Anfangs habe ich ehrlich gesagt viel zu wenig darauf geachtet, ob man im Videohintergrund ein Bild meiner Tante oder meine Socken sieht", räumt Samantha ein. Seit sie mehr Abonnenten habe, achte sie jedoch darauf, einen einheitlichen Hintergrund zu haben und nicht mehr in den Raum hinein zu filmen.

Trotz der Gefahren im Netz: Der Trend schlägt Wellen - über die private Unterhaltung hinaus. Mittlerweile gibt es sogar Kaufhäuser, die gezielt auf Werbung verzichten und auf Hauls in Eigenregie setzen. "Aus Sicht der Labels ist das viel authentischer als Plakate oder inszenierte Fernsehspots", so der Sozialwissenschaftler. Längst hat beispielsweise die irische Billig-Modekette Primark die Szene für sich entdeckt und honoriert erfolgreiche Modeblogger sogar mit Gutscheinen und Einladungen zu Shoperöffnungen. Auch auf dem Karlsruher Eröffnungsevent waren zahlreiche Internetberühmtheiten zu Gast. Samantha kam als normale Kundin - vielleicht wird sich das im Laufe ihrer Youtube-Karriere ja bald ändern.

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