Herr Baden, wie beurteilen Sie das aktuelle Titelbild der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo"?

Sebastian Baden: Ich bin sehr froh, dass sich eine Nachfolgeredaktion gefunden hat, um Charlie Hebdo auferstehen zu lassen. Der trauernde Prophet mit der Solidaritätschiffre "Je suis Charlie" auf dem Titelblatt ist eine pointierte Reduktion und Reaktion auf die überlieferten Ausrufe der Täter, sie hätten im Namen des Propheten Mohammed gehandelt. Die Karikatur macht klar, dass den Attentätern ihre Legitimation, ihre Identifikation mit dem Islam, genommen werden soll.

Karikaturen haben einerseits enormes Potenzial, um Konflikte eskalieren zu lassen, wie man in Paris sehen konnte. Andererseits können sie mit Humor auch die Absurdität von Konflikten aufzeigen und deeskalieren. Nicht ohne Grund wird ihnen die Waffen-Metapher zugeschrieben. Generell sind Karikaturen aber Zeichen der Meinungsfreiheit und es ist mit Witz viel Entlarvung zu erreichen.

"Terroristen bauen auf eine Übertragung durch die Medien." So lautet eine Aussage von Ihnen in Ihrer Dissertation. Sollte der Terror in den Medien weniger Beachtung finden – auch in Bezug auf Karikaturen?

Terrorismus lässt sich nicht ignorieren, das liegt in der Natur der Sache. Aber professionelle Medien sollten ihre Berichterstattung nicht ganz in den Dienst des Gewaltspektakels stellen, auch wenn die Nachrichtenkonsumenten gerne Blut sehen.

Selbst die ARD hatte einen Live-Ticker, wie bei der Fußballweltmeisterschaft. Das halte ich für übertriebene Sensationsbefriedigung. Hingegen gibt es gute Karikaturen und hier fand ich in fast allen Medien die internationale Berichterstattung sehr gut. Es sollten viel mehr Karikaturen publiziert werden - es muss ja nicht gleich ein kompletter Charlie Hebdo sein.

Folgen die Medien unbewusst einer vom Terror vorgegebenen Linie bei der Berichterstattung, indem sie ihm Aufmerksamkeit schenken?

Als Menschen sind wir vor dem Affekt im Angesicht der Katastrophe nicht gefeit. Die Attentate in Paris wurden zielsicher durchgeführt und waren bestimmt auf den Effekt ausgerichtet. Entsprechend wichtig finde ich die breite Solidaritätswelle mit den Opfern. Es war auch absehbar, dass sich die Profiteure einreihen, beginnend beim französischen Front National bis hin zu Pegida.

Jeder hat seine Meinung und will sich einbringen. Meine Position als Bildwissenschaftler und Kunstkritiker will ich da nicht ausnehmen. Letztlich tragen Journalisten mit an dieser demokratischen Verantwortung, die Inhalte dann kritisch aufzubereiten und nicht unkontrolliert zu berichten.

Wie definieren Sie "Terror"?

Terrorismus ist ein modernes Phänomen, das wir seit der französischen Revolution und den Guerilla-Kriegen gegen Napoleon kennen. Linksextreme und rechtsextreme Gruppierungen habe die Methode übernommen, gezielt Gewaltanschläge auszuüben. Gelangen sie dann an die Macht, wie zum Beispiel in der Sowjetunion und im NS-Regime, entsteht eine Terror-Herrschaft. Diese wird dann wieder terroristisch bekämpft. Das Hin und Her der Gewalt lässt sich meistens nur durch eine republikanische Gesetzgebung mit Gewaltenteilung regeln - und durch parlamentarische Mitbestimmung. Wir sehen täglich, wie schwer das ist.

Niemand bezeichnet sich übrigens selbst als Terroristen, der Begriff ist immer eine Fremdzuschreibung. So wird ein Feindbild definiert und weitere Kommunikation mit dieser generierten Identität behindert. Yassir Arafat ist zum Beispiel der Beweis eines gewandelten Politikers: Erst wurde er als Terrorist bezeichnet, dann bekam er den Friedensnobelpreis verliehen. Bilder von ihm werden wie Ikonen verehrt. Zeitlos geblieben sind seine Accessoires: Uniform, Keffiyah und Waffe.

In ihrer Dissertation heißt es, Terror habe eine eigene ästhetische Praxis in den Medien – wie sieht diese aus?

Unter der ästhetischen Praxis des Terrorismus verstehe ich den Effekt des kalkulierten Medieneinsatzes. Jedes Attentat funktioniert wie eine "Mindbomb", es verursacht nicht nur die Explosion vor Ort, sondern den Donner im Kopf der Zuschauer. Der Erfolg terroristischer Aktionen lässt sich durchaus am Medienecho bemessen. Man könnte das erzwungene Reproduktion nennen.

Die mit Mord und Tod verbundene Message ist packend, auf diesen affektiven Impuls setzt auch die darstellende Kunst von der antiken Tragödie bis zur Hobbit-Trilogie. Und weil Terrorismus so unberechenbar ist, wird er gleich mythologisierbar. Alle fühlen sich betroffen, das wirkt unheimlich und einschüchternd. Wenn dann auch noch Fotos und Video-Dokumentationen vorliegen, gesellt sich ein glaubwürdiges Bild zu der Angstvorstellung. Das ist perfide und der Terror-Effekt ist deshalb im Gehirn nicht auszuschalten.

Sie sagen das "Image" des Terrors ist in einem ständigen Wandel - heißt das, Terror ist nicht gleich Terror?

Das Image des Terrors definiere ich als einen Prozess aus mentaler Vorstellung und visueller Darstellung von terroristischer Gewalt. Entscheidend beim Wandel des Begriffs ist seine Verwendung in der Theologie, in der Politik und in der Popkultur. Ich zeige anhand von Beispielen, dass zunächst Gott die Macht des Terrors zugeschrieben wurde, um die christlichen Gläubigen zu disziplinieren. Mit der Reformation und der Aufklärung sprang die Potenz der Drohgebärde quasi auf das Individuum über, welches sich dann im Sinne der Jakobiner gegen den König von Gottes Gnaden richtete.

Seither gibt es Terror mit dem Suffix "-ismus", was soviel bedeutet, wie einer Zukunftsvision zu folgen, etwa der "Freiheit". Darum benutzten Robespierre und die russischen Anarchisten das Wort "Terror" mit positiver Bedeutung. Wegen der Gewaltausübung hat sich aber ganz schnell das negative Image des Terrorismus durchgesetzt. Mit den postkolonialen Befreiungskriegen im 20. Jahrhundert kam wieder das positive Bild eines Guerillero dazu, der gegen Unterdrückung - gegen Staatsterror - kämpft. Die Begriffsbildung ist also ambivalent. Entsprechend werden die Begriffe leider oft undefiniert gebraucht.

Sie behaupten, dass Radikale einen "Bildüberlegenheitseffekt" haben und Bildkompetenz in einer "unästhetischen Demokratie" wichtig ist – wie ist diese Aussage zu verstehen?

Oh ja, das ist ein gutes Stichwort. Der Begriff "Bildüberlegenheitseffekt" kommt aus der Psychologie und der Wahrnehmungsforschung: Das Auge erfasst Bildzeichen schneller als diskrete Schriftzeichen, darum sind Bilder allgemein dem Text überlegen und haben viel "Diskursmacht". Bilder sind aber auch offener als konkrete Worte, weshalb man gewöhnlich auf die Symbiose von Text-Bild-Information setzt.

Man muss lesen lernen, aber kaum ein Unterrichtsfach macht Bildkritik stark, darum plädiere ich an unsere Bildungsverantwortlichen, an Eltern und Politik: Visuelle Kommunikation darf nicht erst an der Hochschule gelehrt werden, wir müssen dafür früher Lehr- und Lernraum schaffen. Damit ist auch die "unästhetische Demokratie" gemeint, nämlich die komplexe und nicht auf Sensation setzende parlamentarische Staatsordnung. Gerade Deutschland hat in seiner Geschichte schlimme Propaganda aufzuweisen.

Die aktuelle Politik macht zwar im Wahlkampf wenig gute Werbung, aber sie zeichnet sich sonst durch eine in den Medien breit erscheinende Debatte aus. Der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos oder die Teilnahme von Angela Merkel am Trauermarsch in Paris gehören als "Pathosformeln" zu den Ausnahmefällen. Ich berufe mich da auf den Kunsthistoriker Walter Grasskamp, der aufgezeigt hat, dass die demokratische Politik sich nicht ästhetisieren lässt, sondern dem Kunstmarkt das Spiel mit Kommerz und Propaganda überlässt.

Darum habe ich auch untersucht, wie Terrorismus in der Kunst als Bild und Metapher auftaucht. Wie ich beweisen konnte, gibt es in der Kunstgeschichte einen ambivalenten Umgang mit Terrorismus, einhergehend mit den Avantgardefantasien. Der Terrorismus bringt automatisch einen Aufmerksamkeitsmotor mit, auch für den Kunstmarkt. Und die Bilder von 9/11 waren zum Beispiel so wirkmächtig, dass sie von verschiedenen Künstlern und Kuratoren wie Kunst angesehen wurden. Das nenne ich in meiner Arbeit das "Stockhausen-Syndrom."

Sind Ihnen Karlsruher Karikaturisten bekannt, die sich mit der aktuellen Thematik beschäftigten?

Ich habe als Abonnent der Badischen Neuen Nachrichten deren Berichterstattung verfolgt und schlage eigentlich immer nach der Titelseite um zur Karikatur, hier gab es drei recht treffende Zeichnungen. Besonders gefällt mir Tomicek. Sonst kenne ich von Karlsruher Karikaturisten aktuell keine Zeichnungen zum Fall Charlie Hebdo. Vielleicht werden die mir jetzt zugetragen; das würde mich freuen, weil sich eine bildwissenschaftliche Untersuchung dazu förmlich aufdrängt.

Wie "mutig" sind deutsche Medien in Bezug auf terrorkritische Darstellungen (Wort, Schrift, Zeichnung) im Gegensatz zu ihren europäischen Nachbarn?

"Der Spiegel" und die "taz" sind mir aufgefallen, weil beide Charlie Hebdo Karikaturen auf den Titelblättern hatten, die "Süddeutsche Zeitung" hat eine Serie nachgedruckt. Mutig, aber spät. Im Vergleich zu Frankreich hinkt die politische Karikatur international nach.

Die Französische Revolution wurde europaweit durch Karikaturen verbreitet. Der französische Künstler Honoré Daumier gehört zu den kunsthistorisch bedeutendsten Karikaturisten des 19. Jahrhunderts. Ich wünsche der zeitgenössischen Karikaturen- und Kabarettszene in Deutschland, dass sie mehr Öffentlichkeit erfahren. Wir wollen ja noch etwas zu Lachen haben.

Die Fragen stellte Corina Bohner.