22  

Karlsruhe "Religion radikal" in Karlsruhe: Wenn der Dschihad cool wird...

Wann wird Religion radikal, wann zum Terror - und wieso? Aufgrund der aktuellen Ereignisse steht vor allem der radikale Islam immer wieder im Fokus der Berichterstattung. Gewaltbereite Jugendliche, die im Namen der Religion in den Dschihad, den "Heiligen Krieg", ziehen - über diese Entwicklung scheint man in Europa ratlos und schockiert. Was tun gegen den Terror? Eine Antwort auf diese Frage gaben zwei Wissenschaftler am Mittwochabend am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Der radikale Islam - nicht erst seit dem Anschlag auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo ein Schreckgespenst, das durch Gesellschaft und Medien geistert. Selten wird die Begriffsverwendung reflektiert - was bedeutet radikal? Warum wenden sich Jugendliche dem radikalen Islamismus zu und wie kann dieser Bewegung entgegengewirkt werden?

Radikale Religion "ist nicht negativ"

Eine radikale Religionsausübung ist zunächst nicht negativ, so der evangelische Theologe Reinhold Bernhardt. Er ist Professor an der Universität Basel für Systematische Theologie, bezeihungsweise Domatik, und referierte im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend über radikale Bewegungen. Radikal bedeute zunächst die Rückbesinnung auf den Ursprung, die Wurzeln, das Fundament. Die Verallgemeinerung des Begriffs in der Religion und der Politik führte zu seiner emotionalen Aufladung, der einer konstruktiven Debatte den Boden entzieht.

Eine Folge der Emotionalisierung: Kontextverlust und die damit verbundene Ausblendung anderer religiöser Erscheinungsformen - so gibt es auch beim Juden- und Christentum radikale Strömungen, wie beispielsweise das orthodoxe Judentum oder die Priesterbruderschaft St. Pius X. Und dann gibt es auch noch radikalen Bewegungen, in der die Politik den religiösen Aspekt darstellt. Die Nationalismusbewegung in den USA wäre hierfür ein Beispiel.

Wann wird radikale Religion gewaltsam?

Eine weitere Folge der Verallgemeinerung des Begriffs: Die implizierte Verbindung mit Gewalt und Terror. Aber: "Radikale Religion muss nicht unbedingt etwas mit Gewalt zu tun haben", sagt Theologe Bernhardt in seinem Vortrag am Mittwochabend. Es gebe auch den "stillen Radikalismus" - ohne Religion- oder Politikbezug. Hier konzentriert sich der Anhänger allein auf die Rettung seiner eigenen Seele. Eine Bewegung ist die streng pazifistischen "Amish People"-Gemeinde in den USA.

Wenn sich radikale Religion in Gewalttaten manifestiert, so hat dies andere Gründe. Diese sind laut Bernhardt sowohl psychologisch als auch soziologisch begründet. Radikalismus wird zum "Rückgrat der Selbstdefinition"; die Besinnung auf einfache und unverrückbare Werte gibt dem orientierungslosen Individuum Halt, das sich im "Chaos der Realität" zu verlieren glaubt.

Gründe für die Islamisierung von Jugendlichen

Doch das alle radikalisierten Religionsanhänger nur aufgrund von mangelndem Selbstbewusstsein zur Gewaltbereitschaft neigen, ist Theologe Bernhardt eine zu einfache Erklärung. Hinzu kommen soziologische Faktoren wie Perspektivlosigkeit, Armut oder gesellschaftliche Ausgrenzung. Die nach innen gerichteten Aggressionen und die eigene Unzufriedenheit wird nach Außen auf ein Feindbild projiziert. Von dieser These ausgenommen sind die führenden Köpfe radikalisierte Bewegungen - die "Ingenieure des Islams", die mit ihrer Auslegung der Heiligen Schrift, die Ausrichtung vorgegeben.

Diese Meinung teilt auch der zweite Referent des Abends, Moussa Al-Hassan Diaw. Er ist Doktorand am Institut für Islamische Theologie an der Universität in Osnabrück, Mitgründer des "Netzwerkes Sozialer Zusammenhalt, Prävention, Deradikalisierung und Demokratie" und Teil des Netzwerkes EUISA und Mitglied beim "Radicalisation Awarness Network" der Europäischen Kommission "RAN Europe". Er engagiert sich im muslimisch-jüdischen Dialog, unter anderem in der "Foundation for Ethnic Understanding - Gathering of European Muslim und Jewish Leaders".

Besonders anfällig für Islamismus sind Jugendliche, die sich in einer identitätsbildenden Phase befinden. Erfahren sie auf ihrer Suche nach Identität Fremdheit und Zurückweisung durch die Gesellschaft, Medien und Institutionen, so sind sie empfänglich für radikale, islamistische Gruppen, die ihnen das fehlende Zugehörigkeitsgefühl bieten. 

Terroristen werben im Internet: "Der Heilige Krieg ist cool"

Der "Kampf der Kulturen" finde laut Diaw in erster Linie im Internet statt: Bilder von enthaupteten IS-Geiseln stehen den Gräueltaten syrischen Regimes gegenüber. Für jede Sichtweise gibt es Unterstützung in Form von Bildmaterial, um mithilfe von Empathie und persönlicher Betroffenheit Anhänger zu gewinnen. 

Eine große Rolle für die Anwerbung spielen hierbei die sozialen Medien: Die Abwandlung von Werbesprüchen und damit ikonografische Darstellung des "Heiligen Kriegs" transportieren die gesuchten Werte von Kameradschaft und Freundschaft. "Jihad do it" statt "Nike - You can do it", "Alquaida" statt "adidas" und ein mit Maschinengewehren ausgestattetes Auto im "Pimp my ride Jihadi style". Werbebotschaften, die gezielt auf westliche Jugendliche ausgerichtet sind.

Was kann man gegen die Radikalisierung von Jugendlichen tun?

Wann eine religiöse Radikalisierung eintritt, lässt sich bei Jugendlichen nur schwer erkennen, weiß Diaw. Es erfolgt eine ideologische Veränderung bei der Person, die mit einer Verhaltensänderung einhergehen kann. Sie kann sich in der Ablehnung der pluralistischen Gesellschaft und demokratischer Werte äußern - oftmals wird dies jedoch erst deutlich, wenn es zu spät ist: Mit der Ausreise aus dem Heimatland und der Bereitschaft zur Gewaltanwendung im Namen der Religion - auch gegen sich selbst in Form des "Märtyrertods".

Was kann man gegen die zunehmende Radikalisierung Jugendlicher in Europa tun? Auch hier sind sich beide Wissenschaftler einig: Langfristige und bessere Integration. Die eigenen Integrationsideale selbstkritisch hinterfragen und Subkulturen breitere Räume bieten. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie beispielsweise der USA, ist Integration in Europa unverrückbar mit gewissen Vorstellungen im Bewusstsein verankert.

Um missbräuchliche Inanspruchnahme der Religion zu verhindern, sollte selbstkritisch an eigene Quellen herangegangen werden. Eine historische Auslegung der entsprechenden Texte - also ein Bezug zur Entstehungszeit, hält Theologe Bernhardt für notwendig. "Es gibt keine überzeitlichen Gotteswahrheiten", so Bernhardt, "auch nicht im Christentum, wo eine Bibelstelle beispielsweise das Schlagen des Sohnes erlaubt." Diese Selbstaufklärung wird in der Religion noch zu wenig betrieben, meint der Theologe, die Friedenspotentiale der "Heiligen Schriften" müssten viel mehr herausgearbeitet werden.

Mehr zum Thema
Islam in Karlsruhe | ka-news.de: Kopftuch, Koran, Glaube, Irrtümer und Vorurteile: Im ka-news-Dossier "Islam in Karlsruhe" haben wir zahlreiche Artikel über den Islam und Muslime in Karlsruhe sowie einen geplanten Moschee-Bau zusammengefasst.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (22)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Herbert-119
    (1164 Beiträge)

    23.01.2015 16:49 Uhr
    die Friedenspotentiale der "Heiligen Schriften"..........
    dürften wohl sehr unterschiedlich sein.
    Muß man nicht auch in der Theologie den Weg zurück zur Wahrheit finden.
    Irgendwie scheint in diesem Land alles im Geiste der 68er zu wandeln.
    Und was kam dabei heraus...
    Lügenpresse Lügenmedien Lügenpolitik Lügenkirchen Lügenteologen Lügenstaat Lügenverbände.
    Lügen Lügen lügen am Laufenden band.

    Nein Danke Leute So nicht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mein-senf
    (962 Beiträge)

    23.01.2015 10:54 Uhr
    Tolle Photos
    Call of Duty lässt grüssen...
    Warum werden diese Leute, welche in von hier in diesen Krieg ziehen als "Dschihadisten" bezeichnet, das sind doch potentielle Mörder und sonst nichts.
    Eine Erklärung zu Krieg.
    Wenn jemand in einen Krieg zieht, geht er nicht auf den Ponyhof und spielt im Bällchenbad, der geht da hin um Menschen umzubringen, sprich ,diese Leute haben die Absicht jemand zu ermorden, oder haben gemordet.
    In diesem Land ist es strafbar jemanden zu ermorden, egal ob man in KA , in Timbuktu, dem Irak oder in Syrien gemordet hat.
    Diese " Heimkehrer vom Dschihad " sollte man bei der Rückkehr sofort in U-Haft nehmen wegen Mordverdacht und dann den Prozess wegen versuchtem Mord, oder Mord machen.
    Ich denke das würde den Enthusiasmus künftiger "Dschihadisten" merklich dämpfen, wenn die Aussicht bei der Heimkehr der Knast wegen versuchtem Mord oder gar Mord ist .Anstatt dessen labern Politclowns von "Dschihadisten" , man sollte mal das Kind beim Namen nennen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Hardy_spricht
    (751 Beiträge)

    23.01.2015 10:30 Uhr
    Teil 3
    Und zwar nicht nur Ausgrenzung durch die "Einheimischen" - sondern auch freiwillige Ausgrenzung. Dazu ist die aktuelle Auslegung des Islams rückständig, nicht mehr zeitgemäß und kein bisschen selbstkritisch. Dagegen ist die katholische Kirche direkt modern. OK.. das ist übertrieben.

    Was wir dringend bräuchten ist Dialog und Annäherung. Dazu müssen sich aber alle Seiten bewegen und selbstkritisch sein. Gegen sich und gegen die eigene Religion. Ich habe tiefsten Respekt vor der Leistung der itl.Einwanderer. Die kamen als erste ins Nachkriegsdeutschland u. sind hier auf eine sehr konservative Gesellschaft gestoßen, die sehr ablehnend war. Ich habe dazu ein Buch eines ehemaligen "Gastarbeiters" gelesen. Heftig was die erleben mussten. Aber sie wollten sich hier integrieren und haben unsere Kultur bereichert und nachhaltig verändert. Ich denke dass sie uns auch weltoffener gemacht haben. Weil auch sie sich bewegt haben. Zur Nachahmung empfohlen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   AlterEgo
    (283 Beiträge)

    23.01.2015 10:30 Uhr
    Schade um die Menschheit, die ach so intelligente.
    Religion ist doch die größte Seuche was sich die Menschheit jäh selbst angeschafft hat. Die die glauben wissen nicht. Statt Bibel, Koran und wie sie alle heißen sollten sie sich mal die fast komplett entschlüsselte Entstehung der Erde/des Lebens ansehen dann bräuchten sie nicht glauben sondern würden wissen. Und spätestens dann käme die Erkenntnis dass wir schon lange keine Religionen mehr brauchen. Denn all diese Bücher und Schriften egal wie alt, sind von Menschenhand geschrieben um andere Menschen zu unterwerfen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Hardy_spricht
    (751 Beiträge)

    23.01.2015 10:18 Uhr
    Teil 2 ... es reicht nie in einem Artikel :-)
    Man hat in Europa schlichtweg verpennt zu erkennen welche Gefahren entstehen, wenn kulturelle Gegensätze aufeinander prallen. Stattdessen war die Devise "MultiKulti - zu jedem Preis". Klar ist MultiKulti nicht übel. ABER nicht zu jedem Preis. Es ist doch im Kleinen und im Großen das gleiche: kommen Menschen zusammen müssen Regeln eingehalten werden. Das gilt in einer Beziehung, in einer WG .. einfach überall. Lebt jeder seine Freiheiten wie er will endet das im Chaos. Aber unsere Zeit ist von Egomanen geprägt. Da fühlen sich Menschen anderen überlegen und besitzen keinen Anstand und kein soziales Gewissen mehr. Und diese haben leider zu oft das Sagen. Schaut euch die Wendehälse in der Politik an. Bestes und einfachstes Beispiel. Partei-übergreifend.
    Weil es zur Zeit politisch korrekt ist lässt man die Integration schleifen. So prallen Kulturen aufeinander wissen nicht miteinander umzugehen. Es wird ihnen nicht geholfen und daraus entstehen Vorurteile, Mißtrauen, Ausgrenzung
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Hardy_spricht
    (751 Beiträge)

    23.01.2015 10:07 Uhr
    Europa ist schockiert ... und handlungsunfähig
    Wir zahlen aktuell die Zeche für jahrzehntelange politische Machterhaltung. Europaweit. Verantwortung übernehmen ist ein Begriff der abhanden gekommen ist. Ebenso wie verantwortungsvolles Handeln. Was zählt und zählt ist Macht und Geld. Dieses Thema erschien noch nie bei KA-NEWS; stand aber vor ein paar Tagen in allen großen Zeitungen= auf die reichsten 10 % entfallen etwa 85 % des weltweiten Vermögens.

    Warum meint ihr geht es den VERANTWORTLICHEN von IS und Boko Haram? Welcher Hinterwäldler glaubt denn, dass es den grauen Eminenzen im Hintergrund um religiöse Ziele geht? Ich rede nicht von den Idioten, die sich Gotteskriger nennen und sich vor das Gespann der Mächtigen Spannen lassen - sondern von denen, die auf dem Gespann stehen. Deren Ziel ist es in diese 10% Gruppe vorzustoßen. Es geht um MACHT... das Geld usw. -das kommt dann von alleine. Die Religionen werden immer vorgeschoben... klingt doch besser als wenn sie ehrlich wären "Lasst euch töten, ich will reich und mächtig sein"
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   mcclaney
    (1463 Beiträge)

    23.01.2015 12:51 Uhr
    ...
    Ich sehe das Problem in Nahost...es ging schon los, als die Amerikaner den Taliban Waffen schickten, damit diese den Russen aus dem Land werfen konnten...es sind Einmischungen in Machtstrukturen gewesen, die dem Westen vollkommen fremd waren/sind. Überheblichkeit und hegemoniales Streben

    Mit jedem Sturz eines Systems, sei dieser von innen oder außen gekommen, entsteht ein Machtvakuum, das sich füllen muss. Und in den vergangenen Jahren geschah dies vorallem durch radikale Kräfte.

    Um das ganz große Fass aufzumachen: Der Westen hätte sich nie in die Belange der Völker und Stämme im Nahen Osten mischen sollen. Im Nachhinein muss man doch zu dem Urteil kommen, dass es einfach nicht besser wurde, mit keiner einzigen westlichen Intervention. Es wurde stets immer nur schlimmer.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Caipichris
    (698 Beiträge)

    22.01.2015 19:31 Uhr
    Der Dschihad ist eine der Säulen des Islam...
    ...
    und der "wahre" Gläubige zu diesem verpflichtet!Nun gibt es "Liberale" die behaupten der Dschihad sei ein Kampf der Argumente. Wer das abnimmt vergisst die Anweisung die "Ungläubigen" über die wahren Absichten zu täuschen.
    Wer das kapiert wird endlich auf verstehen warum der Islam nicht in unsere westliche Gesellschaften passt die auf den Werten der Bibel basieren. Jesus hat zur Verbreitung seiner Religion kein Schwert sondern Argumente benutzt! Zur Info - die Kreuzritter waren ein paar hundert Jahre später. Da war die Lehre Christi schon längst durch Pfaffen und Königen von "Gottes" Gnaden zu einem Zerrbild verkommen! Der Islam konnte sich dagegen nur durch den Einsatz brutalster Gewalt verbreiten - in vorderster Linie der Prophet höchst selbst!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Sandhas
    (1286 Beiträge)

    22.01.2015 19:31 Uhr
    Radikale Religionen SIND negativ,
    und da fast alle Religionen radikal sind, sollte man sie aus dem oeffentlichen Leben verbannen. ALLE wohlgemerkt!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  • unbekannt
    (33 Beiträge)

    22.01.2015 19:09 Uhr
    Hier wird versucht
    alles zu relativieren.. Alles wie gehabt. Nichts dazugelernt.. Ein Freibrief für das Morden !!
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 (3 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.