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Karlsruhe "Muslime für Loyalität": Ahmadiyya-Gemeinde will Zeichen in Karlsruhe setzen

An diesem Wochenende veranstaltet die islamische Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ihre große Jahresversammlung, die sogenannte Jalsa Salana. Die Veranstalter rechnen mit bis zu 40.000 Besuchern. Aber wer sind die Ahmadiyya-Muslime? ka-news hat den ersten Tag des großen Jahrestreffens begleitet.

Der Jubel ist groß, als Mirza Masroor Ahmad nach der Fahnenhissung an den Gläubigen vorbei zum Freitagsgebet schreitet. Der 67-Jährige ist der derzeitige Khalifat ul-Massih und damit das spirituelle Oberhaupt der Glaubensgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat.

Der Kalif ist an diesem Wochenende in die Fächerstadt gekommen, um zusammen mit 35.000 bis 40.000 Besuchern aus rund 60 Nationen die alljährliche "Jalsa Salana" mit gemeinsamen Gebeten und Vorträgen zu feiern. Gleichzeitig wollen sich alle an diesen drei Tagen öffentlich zum Frieden bekennen und ein Zeichen gegen Extremismus setzen.

"Kein Widerspruch, Muslim und guter Staatsbürger zu sein"

Die Ende des 19. Jahrhunderts in Indien gegründete Glaubensgemeinschaft zählt nach eigenen Angaben allein in Deutschland 45.000 aktive Mitglieder in 255 Gemeinden. Sich selbst sehen die Ahmadiyya-Muslime als Reformbewegung. So sind sie nach eigener Aussage der Auffassung, dass der Koran immer sinngemäß interpretiert werden müsse. "Der Islam legt bestimmte Regeln vor", erklärt Wasqas Shaheen, "wir wollen aber nicht blind etwas glauben, sondern setzen uns kritisch damit auseinander." Er ist an diesem Tag einer von rund 6.000 ehrenamtlichen Helfern in der Karlsruher Messe.

Eines betonen die Ahmadiya-Muslime in diesen Jahr in besonderem Maße: ihre Loyalität zum Heimatland. Erst im Juli hatte die Glaubensgemeinschaft in der Region eine Islam-Info-Kampagne mit dem Titel "Wir alle sind Deutschland" ins Leben gerufen. Auch die diesjährige Jahresversammlung in der Messe Karlsruher Messe steht unter dem Motto: "Muslime für Loyalität". "Es ist kein Widerspruch, Muslim und gleichzeitig ein guter Staatsbürger zu sein", meint Kamal Ahmad, der wie Shaheen als ehrenamtlicher Helfer vor Ort ist. Dieser sieht das ähnlich: "Wir sind eine rein spirituelle Bewegung und unabhängig von den Einflüssen einer Regierung."

Die Gemeinschaft der Ahmadiyya verurteilte zudem in der Vergangenheit wiederholt den Einsatz von Gewalt in Glaubensfragen und distanzierte sich von terroristischen Angriffen. "Die Quelle des Unfriedens ist nicht der Islam, sondern Menschen, die ihn missbrauchen", betont Shaheen und ergänzt: "Ich würde nie an ein Buch glauben, das zur Gewalt oder Krieg aufruft". Seine Gemeinschaft selbst sei immer wieder Opfer von Verfolgung und Anschlägen gewesen, vor allem Pakistan oder Saudi-Arabien. Aus diesem Grund gelten in der Messe an diesem Wochenende auch strenge Sicherheitsauflagen mit Taschenkontrollen und Detektoren.

Friedlich und liberal - aber auch konservativ?

Die Bewegung ruft aber auch Kritiker auf den Plan. Die Ahmadiyya bezeichnen sich selbst als "liberal und wertkonservativ". Letzterer Punkt war in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand von Kritik, andere werfen der Glaubensgemeinschaft aufgrund ihrer Kampagnen verstärkte Missionsabsichten vor. Bei Wissenschaftlern gilt sie als sehr konservativ, aber ungefährlich.

Die Anhänger richten ihr Leben nicht nur streng nach dem islamischen Pflichtkanon aus, sondern halten auch an den traditionellen Rollenbildern von Mann und Frau fest. Das zeigt sich an diesem Tag auch beim Freitagsgebet, einem der wichtigsten Termine der dreitägigen Jahresversammlung. Männer und Frauen sind an diesem Tag strikt getrennt, es gibt eine eigene Anmelde-Station für Frauen und eigene Veranstaltungen. Vereinzelt finden sich bei der Ansprache des Kalifen Frauen und Mädchen in der Menge. Gebetet wird aber in unterschiedlichen Hallen, der Kalif predigt dabei in einem separaten Raum.

Reform bedeute für ihn und andere Ahmadiyya-Muslime nicht die Abschaffung von den Regeln des Korans, erklärt Shaheen. "Wir wollen an diesen Werten festhalten." Geht das ohne Schwierigkeiten im Alltag vonstatten? Nein nicht immer, meint Shaheen.

Irritationen im alltäglichen Umgang

Bereits eine Verabschiedung kann beispielsweise zu einer irritierenden Situation führen. Der Grund: Ein Handschlag zwischen Männer und Frauen ist bei den Ahmadiyya-Muslimen nicht vorgesehen. Die Verweigerung des Handschlags sei aber nicht als Respektlosigkeit gemeint, bekräftigen mehrere Ehrenamtliche gegenüber ka-news. Eine körperliche Berührung zwischen Mann und Frau sei allein Eheleuten vorbehalten. Im Einzelfall reagiere aber jedes Mitglied unterschiedlich. "Wenn man mir die Hand reicht, würde ich den Handschlag nicht verweigern, da das unhöflich wäre", erklärt ein ehrenamtlicher Helfer.

Auch Kalif Mirza Masroor Ahmad begründet seine Verweigerung des Handschlags bei einer Pressekonferenz am Freitag mit seinem Glauben. "Aber wann immer Sie mich brauchen, finden Sie mich in der ersten Reihe", so das Ahmadiyya-Oberhaupt. Zudem stellt der Kalif die Frage in den Raum, ob ein Handschlag allein Integration ausmache. Wer über diese und andere Fragen diskutieren möchte, kann dies noch an diesem Wochenende in der Karlsruher Messe tun.

Kalif Mirza Masroor Ahmad ist das Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinschaft. Bei einer Ansprache sprach er zu tausenden Gläubigen. | Bild: Eric Reiff

Termin: Jalsa Salana in Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) in der Messe Karlsruhe vom 25. bis zum 27. August. Weitere Informationen zur Ahmadiyya in Deutschland gibt es unter unter www.ahmadiyya.de.

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  •   jan
    (37 Beiträge)

    28.08.2017 10:17 Uhr
    Mein Haus?
    Das ist ja eine spannende Haltung. Es gibt also Leute, die mit größerem Recht festlegen dürfen als andere, was hier der richtige miteinander ist. Meine Heimat, also lege ich die Regeln fest.

    Und wenn der Muslim nun genauso seine Heimat hier hat? Konvertiten können die radikalsten Verfechter einer Überzeugung sein grinsen.

    Wieso nur entsteht der Eindruck, es gäbe in Deutschland eine ganze Menge Leute, die ihre eigene Kultur für so instabil halten, dass für sie das Ende des Abendlandes erreicht ist, sobald sich jemand anders verhält? Sind wir uns unserer eigenen Lebensweise so unsicher? Stellt jede Kritik gleich unser Wertesystem auf den Kopf?

    Ich bin mir sicher, dass etwa die in den Menschenrechten oder im Grundgesetz ausgedrückten Werte sich als tragfähiger erweisen, als die in der Thora, Bibel und Koran formulierten Versionen. Da vertraue ich darauf, dass evolutionär stets die bessere Version gewonnen hat. Wenn andere noch brauchen, bis sie das auch so sehen, kann ich das aushalten.
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  •   silberahorn
    (9374 Beiträge)

    29.08.2017 06:32 Uhr
    Was ist Heimat?
    So ähnlich war doch die Frage zu den Heimattagen, oder? Als ich darüber nachdachte was mir Heimatgefühle gibt, war auch klar, warum es Karlsruhe nicht ist. Für mich ist Heimat überall, wo ich verstanden werde. Das kann auch an einem Ort sein, wo gar nicht die bekannte Sprache gesprochen wird , aber ein Blick oder eine hilfreiche Geste signalisiert, dass man verstanden wurde.
    Nun mag es auch Gebiete geben, in denen immer mehr Menschen das Gefühl haben nicht verstanden zu werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie neu kamen oder dort geboren wurden. Wieso also ist es wichtig sich heimisch zu fühlen? Warum wird das so betont? Mir reicht es oft auch schon, wenn ich mich selbst verstehe. Auch das gelingt nicht jedem.
    Manche Leute werden nie verstehen, warum ich gar nicht verheiratet sein möchte - jedenfalls nach religiösen oder staatlich festgelegten Regeln. Mein Haus, meine Frau, mein Auto - und beim weiblichen Großteil vielleicht: meine Kinder, mein Haus, mein Mann?
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  •   Mondgesicht
    (1585 Beiträge)

    28.08.2017 11:03 Uhr
    Es ist so
    dass die Mehrheit die Regeln festlegt. Und das ist absolut demokratisch. Noch ist die Mehrheit in diesem Land deutschen Ursprungs, auch wenn Frau Merkel gewaltig am Umbau arbeitet.

    Es geht mir hier nicht um "deutschtümliche Folklore". Sondern um grundlegende Prinzipien unserer Gesellschaft einerseits und die Festlegungen aus unserem Grundgesetz. Es kann nicht sein, dass sich eine bestimmte Gruppe ein eigenes Recht schafft bzw. sich auf ein solches anderes Recht (z.B. die islamische "Rechts"ordnung) beruft. Wie es z.B. immer wieder geschieht, wenn muslimische Familien die Töchter nicht in den Sportunterricht lassen. Vieles klingt erst mal harmlos - ist aber bei näherem Hinsehen ein Zeichen, dass man unsere Rechtsordnung nicht in vollem Umfang akzeptiert.
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  •   jan
    (37 Beiträge)

    28.08.2017 13:04 Uhr
    In unserem Grundgesetz steht Religionsfreiheit
    ... von Hand reichen zur Begrüßung finde ich da nichts. Ein grundsätzliches Prinzip kann ich darin eben nicht finden. Wohl eine Gewohnheit (von der abzusehen mehr und mehr Ärzte aus ganz anderen Gründen raten). Es ist auch nicht grundgesetzlich verboten, meine Nase zu rümpfen, weil jemand anderes nach meinem Ermessen "unzüchtig" gekleidet ist und Dinge kaufen, die mir nicht passen.

    Ja, mit der Frage der Teilnahme am Schwimmunterricht kommen wir da durchaus in ein schwierigeres Gewässer. Ich wäre da auch noch reichlich großzügig, wenn es nur um die Frage ginge, ob die betroffenen Mädchen sich einer allgemeinen Regel unterwerfen. Da ich nämlich zu dem Schluss komme, dass damit den Mädchen Zugang zu einer gleichberechtigten Qualifikation verwehrt wird (sei es "nur" die Fähigkeit zu schwimmen), hat diese Frage eine wichtigere Bedeutung als viele der anderen Beispiele.

    Ich trotzdem anerkennen, das muslimische Eltern ein Problem damit haben. Ich muss das nicht mit der Brechstange lösen.
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  •   betablocker
    (907 Beiträge)

    29.08.2017 09:36 Uhr
    Die Religionsfreiheit
    hört eben da auf wo sie mit anderen Rechten kollidiert.
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  •   jan
    (37 Beiträge)

    30.08.2017 14:32 Uhr
    Ein Ende der Religionsfreiheit ist im GG nicht enthalten.
    Eine solche Beschränkung gibt es z.B. bei der freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Die darf nicht die Rechte anderer verletzen.

    Ich kann nicht sehen, woher ich ein "Recht auf Händedruck" ableiten sollte. Oder um das mal deutlicher zu formulieren: Stilisieren Sie (und andere) den Händedruck nicht künstlich hoch? Wie oft ist Ihnen ein Händedruck schon aus religiösen Gründen verwehrt worden? Ist das die zentrale Stelle unseres Gemeinwesens, die aus welchen Gründen auch immer jetzt in Gefahr ist?
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  •   betablocker
    (907 Beiträge)

    30.08.2017 15:00 Uhr
    Mir
    ist der Händedruck vollkommen wurscht, trotzdem werden hier keine islamischen Sitten eingeführt und fertig.

    Vollverschleierung, Beschneidung, Schächten, Welteroberungsgedanken, Diskriminierung - weg damit.
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  •   jan
    (37 Beiträge)

    30.08.2017 16:20 Uhr
    Keine Diskriminierung wäre ja schon mal fein.
    Da sind wir uns noch einig. Bei manchen der anderen Punkte werden wir auch einig. Aber ab wann dann die Diskriminierung beginnt und wer hier wen diskriminiert, da fürchte ich doch, dass wir einen Dissens haben.

    Ich gehe übrigens davon aus, dass das "einführen" von Sitten kaum möglich ist. Ich hoffe aber, dass unter neuen, bisher ungewohnten Riten auch gelegentlich etwas Gutes dabei ist, das sich etabliert. Nein, keine Angst, aus Ihrer Liste im letzten Post will ich auch keines haben. Wird auch nicht kommen. Da bin ich mir sicher.
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    (907 Beiträge)

    30.08.2017 19:38 Uhr
    Da sind
    wir doch schon mal gar nicht mehr so weit auseinander. Nur ob das nicht kommen wird, da bin ich mir halt nicht so sicher. Aber eine Glaskugel hab ich natürlich auch nicht (zum Glück).
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  •   Idiocracy
    (31 Beiträge)

    28.08.2017 00:01 Uhr
    Mein Haus, meine Regeln!
    Es gibt nichts zu diskutieren, Herr Kalif. Unser Land, unsere Regeln, unsere Gesetze, unsere Kultur, unsere Religion. Alternativlos. Und das hat ausschließlich mit Anstand zu tun. Kinderstube.
    Jeder hat hier die zugebilligte Freiheit, hinter seiner Tür zu tun, was er für kulturell und religiös für richtig hält. Zuhause. Aber draußen bitteschön anpassen, und zwar an unsere Kultur und Gesetze. Und das bitteschön mit der höflichen Bescheidenheit des Gastes! Nur, weil durch falsch verstandenes Gastgebertum in den letzten Jahren jeder meint, er könne alles fordern, heißt das nicht, dass das so weitergehen wird.
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