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Karlsruhe Irrtümer über den Islam: Denken Sie auch so?

Über den Islam wird viel geredet und geschrieben, vieles dabei ist nicht richtig. Nicht Wissen und nicht Verstehen sind die Basis für Vorurteile und Stigmatisierung, die ein friedliches Zusammenleben erschweren. Meinungen wie Muslime seien Terroristen, Dschihad bedeute "Heiliger Krieg" und muslimische Frauen hätten keine Rechte sind weit verbreitet. Doch was ist dran? ka-news hat sich mit gängigen Islam-Irrtümern beschäftigt. Denn häufig ist alles anders, als man denkt.

"Islam als eine einheitliche Religion zu begreifen ist schon ein Irrtum", sagt Professor Ulrich Rebstock, Islamwissenschaftler an der Universität Freiburg, gegenüber ka-news. Der Begriff Islam sei eine Verallgemeinerung und werde der Vielfalt der islamischen Religionsgemeinschaften nicht gerecht. "Den Islam gibt es nicht", so der Professor.

Weltweit existierten viele verschiedene Ausprägungen des islamischen Glaubens. Die neuere Forschung neige daher dazu von einer Mehrzahl, also von "Islamen",  zu sprechen, erklärt er. Die unterschiedlichen islamischen Religionsgemeinschaften müssten genauso differenziert betrachtet werden wie die verschiedenen christlichen Konfessionen. So gebe es bei beiden unterschiedlichste Ausgestaltungen des religiösen Lebens.

Dschihad - kein "Heiliger Krieg"

Dschihad heißt Heiliger Krieg, so die weitläufige Meinung. "Das ist komplett falsch", sagt hingegen Forscher Rebstock. Die Übersetzung Heiliger Krieg entstamme einer christlich-abendländischen Terminologie. Das arabische Wort Dschihad bedeute "Bemühung" oder "sich einsetzen für etwas". Zudem müsse unterschieden werden zwischen dem kleinen und großen Dschihad, so der Islamwissenschaftler.

Der große Dschihad bedeute, dass sich Muslime für die individuelle Glaubensstärke einsetzen sollen. Es handele sich dabei um eine nach innen gerichtete Bemühung. Dabei werde die innere Läuterung zur moralischen Vervollkommnung angestrebt. Dazu zähle auch die Einhaltung der fünf Säulen des Islams - Glaubensbekenntnis, tägliches Gebet, Fasten, soziale Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka.

Der kleine Dschihad sei als Gemeinschaftsauftrag zu verstehen, so Rebstock. Sozusagen als Pflicht den Islam zu verbreiten; den islamischen Glauben nach außen zu vertreten und für ihn zu werben. Dieser Auftrag werde fälschlicherweise auch als die gewaltsame Verbreitung des Islam verstanden, bemängelt der Experte. "Es gibt nur eine kleine konservative, radikale Minderheit, die der Meinung sei, diese Pflicht mit Gewalt durchzusetzen", so Rebstock. Der überwiegende Teil der Muslime würde der Mission aber neutral und passiv gegenüberstehen.

Islam ist Gewalt und Terror, glauben viele

"Wenn ein Muslim tötet, dann ist das eine Todsünde. Dann muss er sich vor Gott verantworten", so Rüstü Aslandur, Vorsitzender des Deutschsprachigen Muslimkreises Karlsruhe (DMK), kürzlich gegenüber ka-news zum Thema Gewalt im Islam. Das Töten sei, wie in den christlichen Zehn Geboten, strikt verboten. Radikale "missbrauchen meinen Glauben und schaden mir als Muslim, weil sie meinen Glauben, der mir sehr wichtig ist, schlecht machen", so Aslandur.

Es gebe zwar radikale Gruppen, die mit Hilfe von Gewalt ihren Alleinvertretungsanspruch durchsetzen wollen, sagt Professor Rebstock. Dabei handele es sich aber um einen kleinen orthodoxen Kreis, der von sich behaupte die muslimische Mitte zu sein und beanspruche für die gesamte muslimische Welt, die sogenannte Umma, also die weltweite Glaubensgemeinschaft der Muslime, zu sprechen. "Sie sagen, sie seien das Zentrum des Islam", so Rebstock. Aber sie sprächen eben nicht für alle Muslime.

"Islam ist kein in Stein gemeißeltes Dogma"

Das sei so ähnlich wie mit dem Papst, sagt Rebstock. Der Papst gelte als das Oberhaupt aller Katholiken weltweit, doch lange nicht alle gläubigen Katholiken würden seinen Worte folgen, viele seine Anweisungen im alltäglich Leben ignorieren. Viele würden sagen, ich bin Katholik, aber was der Papst sagt, gilt nicht für mich.

"Dass Islam nicht als differenzierte und gelebte Religion verstanden wird, sondern als ein in Stein gemeißeltes Dogma, dem alle Muslime unterliegen müssen", sei eines der krassesten Irrtümer findet Rebstock. Denn diese Vorstellung habe mit dem alltäglichen gesellschaftlichen und familiären Leben der meisten Muslime wenig bis gar nichts zu tun.

Haben muslimische Frauen keine Rechte?

Werden Frauen im Islam unterdrückt? Im Koran sei zwar eine prinzipielle Ungleichheit zwischen Frau und Mann enthalten, erklärt Rebstock. Diese Ungleichheit sei aber erst einmal wertfrei zu behandeln - also im Sinne von verschieden, und entspreche nicht eine Unter- oder Überordnung. So gebe es islamische Gesellschaften, da hätten Frauen mehr Rechte als Männer und das Sagen in der Familie.

ka-news sprach auch mit der Leiterin der Internationalen Islamischen Frauengemeinschaft in Karlsruhe (IIFG), Najoua Benzarti. "Ich bin dagegen, dass man sagt der Koran unterdrückt die Frau", sagte sie im ka-news-Gespräch. Die gebürtige Tunesierin lebt seit 28 Jahren in Deutschland, ist gläubige Muslima. Sie selbst trägt Kopftuch. Gewalt und Unterdrückung gebe es überall, dies sei kein Phänomen des Islams, betont sie.

Die Religion an sich unterdrücke weder Frau noch Mann, so die Auffassung Benzartis. Egal ob Islam oder Christentum, es sei nicht die Religion an sich, die Frauen unterdrücke. Sondern es seien die Männer, die ihre Frauen unterdrückten. "Die Religion ist gekommen für Frieden und Gerechtigkeit. Sie soll soziale Gerechtigkeit stiften und die Gleichbehandlung von Frau und Mann ermöglichen", so Benzarti.

"Wenn muslimische Männer behaupten sie schlagen ihre Frauen, weil es so im Koran steht, dann wehre ich mich dagegen", so die Muslima. Sie kämpfe gegen Männer, die sagen: Ich darf das, das steht so im Koran. Diese Männer sollten erst mal den Islam lernen und ihn richtig praktizieren, so Benzarti. Männer die so etwas behaupten, seien häufig dieselben, die auch saufen und fremdgehen würden. Also all das machen, was laut Koran verboten sei. "Aber wenn es ums Schlagen der Frau geht, dann berufen sie sich plötzlich auf den Koran. Das ist doch abstrus."

Kopftuch: Symbol der Unterdrückung?

Das Kopftuch ist für Benzarti kein Symbol der Unterdrückung. "Ich mache das freiwillig und aus Überzeugung. Es ist ein Gottesdienst für mich. Eine Sache zwischen mir und Gott", erklärt sie. Sie trage das Kopftuch, weil es im Koran stehe. Die Verschleierung soll demnach Frauen davor schützen, dass sie als reine Sexobjekte für Männer gesehen werden. "Frauen sind mehr als Werbeträger für Reklame. Sie sollen nicht auf ihr Äußeres reduziert werden, daher verschleiern sie sich", so Benzarti. Ihre eigene Tochter trage kein Kopftuch. "Ich hätte gerne dass sie es trägt, aber ich zwinge sie nicht". Außerdem gebe sehr viele muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen, aber in ihrem Benehmen und Glauben besser seien als viele Frauen "mit Kopftuch".

"Für mich ist grundsätzlich jeder Mensch frei, solange er nicht einem anderen mit seinem Verhalten schadet." Sie sei dagegen, Frauen dazu zu zwingen Kopftuch zu tragen, aber genauso dagegen, dass man eine Frau dazu zwinge ihr Kopftuch abzulegen. Grundsätzlich sieht Benzarti mehr Gesprächsbedarf und mehr Dialogbereitschaft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. "Vorurteile haben wir alle, jeder hat Vorurteile", so Benzarti. Nur durch direkten Kontakt und kulturellen Austausch könnten diese abgebaut werden. Denn so könne aus Angst Freundschaft werden.

In der Serie "Islam in Karlsruhe" wollen wir in den nächsten Wochen Aspekte des muslimischen Lebens in Karlsruhe beleuchten. Alle bisher erschienen Artikel zum Thema finden Siehier.

Mehr zum Thema
Islam in Karlsruhe | ka-news.de: Kopftuch, Koran, Glaube, Irrtümer und Vorurteile: Im ka-news-Dossier "Islam in Karlsruhe" haben wir zahlreiche Artikel über den Islam und Muslime in Karlsruhe sowie einen geplanten Moschee-Bau zusammengefasst.
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  •   malerdoerfler
    (5842 Beiträge)

    04.11.2018 17:23 Uhr
    Pakistan - ganz aktuell
    "Die Gerichte, aber auch das Parlament und das Militär des Landes hatten sich in der Vergangenheit gescheut, Entscheidungen zu treffen, die gewalttätige islamistische Gruppen erzürnen könnten."

    Ein Zitat über einen Bericht von "Die Presse" - ob das wohl auch ein Irrtum ist?
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  •   LaCage
    (2158 Beiträge)

    06.11.2011 19:50 Uhr
    Der Muselmane
    macht sich das Leben schwör, denn anonsten wär er gar kein solcher mehr
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  •   maria
    (797 Beiträge)

    06.11.2011 17:15 Uhr
    @rimalia
    Danke. Ich werde es mal durchlesen.
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  • unbekannt
    (2 Beiträge)

    06.11.2011 15:49 Uhr
    Berichtigung
    @ maria
    in der Einleitung des Korans aus der Reihe Philipp Reclam jun. Stuttgart, auf Seite 20
    Entschuldigung, das war keine Absicht, ich hatte es aus dem Kopf heraus geschrieben. Hier der korrekte Text:

    es heißt: man erzählt von Mystikern, die 7000 Auslegungen eines einzigen Koranverses kannten und in einer Nacht die Erklärungen eines Verses nicht ausschöpfen konnten.
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  • unbekannt
    (2 Beiträge)

    05.11.2011 19:41 Uhr
    Beliebigkeit
    Ganz zu Anfang im Koran steht eine Geschichte, die erklären soll, wie schön der Koran doch ist.
    Darin heißt es, dass ein Gelehrter in einer Nacht 7000 Auslegungen einer einzigen Sure gefunden hat.

    Mit anderen Worten heißt das, dass argumentiert werden kann, wie man lustig ist und dass man immer Recht hat. Man kann es auch Beliebigkeit nennen.

    Das ist meiner Meinung nach auch ein Grund, warum es keine Antwort auf Attentate geben kann. Genauso ist es wohl eine Ursache der Zerstrittenheit vieler islamischen Glaubensrichtungen.

    Rimalia
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  •   maria
    (797 Beiträge)

    06.11.2011 02:51 Uhr
    @rimalia
    Interessant. Wo steht das genau?
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  • unbekannt
    (54 Beiträge)

    05.11.2011 13:15 Uhr
    Ist das auch ein Irrtum?
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,796009,00.html
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  •   Wurzelsau
    (511 Beiträge)

    02.11.2011 10:33 Uhr
    Sämtliche Religionen
    können mir gestohlen bleiben!

    In meinen Augen sind das alles Sekten, egal wie groß.

    Und in Sekten wird "Sektierertum" betrieben", was das bedeutet wissen wir alle.

    Ich halte es mit dem "Humanismus", einfach mal in Wiki nachschauen.
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  •   silberahorn
    (9979 Beiträge)

    02.11.2011 04:09 Uhr
    Was immer man von Religionen hält, zu denen ich wegen etlicher Vertreter auch eine skeptische Haltung einnehme, gibt es durchaus Begebenheiten bei denen Mensch nur staunen kann.
    Man kann nie tiefer fallen als in Gottes Schoß (Margot Käßmann) war ein Satz über den ich mir Gedanken machte, weil sich ganz sonderbare Dinge begeben, für die Menschen bislang keine Erklärung fanden. Als Beispiel sei genannt, dass es Menschen gibt, die Flugzeugabstürze aus großen Höhen überleben.

    Die Welt ist groß und voller Widersprüchlichkeiten.
    Beispiel: Bevölkerungsexplosion in anderen Erdteilen, obwohl oder nachdem die Pille zur Empfängnisverhütung erfunden wurde.

    Religion sollte dem Seelenleben hilfreich sein - löst aber tiefe Ängste und Kämpfe aus.
    Mensch kann und muss noch viel lernen und vll anerkennen, dass auf der Welt verschiedene Entwicklungszustände einen Sinn machen, solange daraus keine Abwertungen oder künstliche Aufwertungen erfolgen.
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  •   andi79
    (2811 Beiträge)

    02.11.2011 02:04 Uhr
    jede relligion
    kann beliebig augelegt und uminterpretiert werden. Letztendlich haben aber alle relligionen einigen leuten zu macht verholfen, andere wurden damit unterdrückt. Glaube ist der Versuch etwas zu erklären was man nicht weiß/versteht. Relligion sind die GESCHICHTEN die um den Glauben drum rum konstruiert wurden. Und wenn sie nicht (aus)gestorben sind denn leben/streiten sie noch heute (und morgen.. und übermorgen).

    Meine persönliche Meinung: in 100 Jahren gibts keine religion mehr. Der Islam wird genauso wieder an boden verlieren wie kaum noch ein Christ wirklich glaubt... umso mehr die wissenschaft Wunder entzaubert, umso weniger bleibt platz für relligion. Eines Tages wird sie aussterben.
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