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Karlsruhe Burkini-Urteil: So machen es die Karlsruher Schulen

Kann es muslimischen Mädchen zugemutet werden, am gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungen teilzunehmen? Ja, sagte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Mittwoch - eine Entscheidung, die auch an Karlsruhes Schulen sehr genau verfolgt wurde. Das Problem kennt man auch hier - dass wegen dem Urteil mehr muslimische Mädchen ins Wasser springen, glauben die Karlsruher Schulleiter allerdings nicht.

An der Gutenbergschule (Grund- und Hauptschule) gibt es seit drei Jahren Islamischen Religionsunterricht. Außerdem unterrichten hier drei staatliche Lehrer mit Migrationshintergrund und den entsprechenden Muttersprachen der Schüler. Beim Thema Schwimmunterricht musste Schulleiter Gunter Vogel dennoch schlechte Erfahrungen machen. "Seit dem letzten Jahr ist es ein gefühlsmäßig großes Problem geworden, dass Mädchen muslimischen Glaubens am Schwimmunterricht nicht mehr teilnehmen wollen."

Bisher habe man die religiösen Begründungen toleriert und die Mädchen stattdessen am Sportunterricht der nächsthöheren Klassenstufe teilnehmen lassen - das sei nie ein Problem gewesen. Doch nun gebe es durch das Urteil eine eindeutige Rechtslage: "Ab sofort lassen wir diese Begründungen nicht mehr gelten. Wir müssen verstärkt mit den Eltern sprechen, ihnen das klar machen und sie auch auf die Möglichkeit der Burkinis hinweisen."

"Die Gründe werden einfach umverlagert. Nach den religiösen kommen nun die gesundheitlichen Begründungen."

Eine Mehrbeteiligung verspricht er sich vorläufig trotzdem nicht. "Die Gründe werden einfach umverlagert. Nach den religiösen kommen nun die gesundheitlichen Begründungen." Atteste über vermeintliche "Chlorallergien" hätten bereits vorgelegen und seien schließlich vom Gesundheitsamt überprüft und widerlegt worden. "Mittlerweile gibt es an der Schule schon bekannte Ärzte, die solche Atteste ausstellen, deren Praxen liegen teilweise sogar bei Stuttgart. Häufig handelt es sich dabei dem Namen nach um Ärzte aus dem gleichen Kulturkreis wie die Schülerinnen."

Vogel nimmt an, dass mit Attesten dieser oder anderer Art weiter zu rechnen sei. "Wir befürchten auch, dass wir Moslems, die partout ihre Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen lassen wollen, ohnehin nicht erreichen können." Außerdem ziehe sich der Prozess mit der Prüfung der Atteste beim Gesundheitsamt sehr lange hin, bei einem Fall über ein ganzes Jahr. Danach war das Thema Schwimmunterricht ohnehin hinfällig, da dieser nur in bestimmten Jahrgansstufen erteilt wird. Trotz der Widerlegung könnten sich die Schülerinnen ja weiterhin krank melden. Darum sei das Urteil vermutlich nicht mit aller Gewalt durchzusetzen und verlange eine gewisse Flexibilität.

"Lieber Alternativen als wochenlang krank"

Elisabeth Groß, Leiterin des Staatlichen Schulamts Karlsruhe, befürwortet auch andere Lösungen. "Vor ein paar Jahren hatten wir einmal den Fall, dass eine Schülerin absolut nicht am Schwimmunterricht teilnehmen wollte", berichtet sie. Damals habe man sich auf einen Kompromiss geeinigt und dem Mädchen eine Alternative angeboten: Sie durfte zur Zeit des Schwimmunterrichts eine andere - nicht sportliche - Leistung erbringen. "Das ist auf jeden Fall besser, als wenn sie sich wochenlang krank melden und ganz fehlen." Damit würden sie noch mehr vom Unterricht verpassen. So könnten sie die Zeit für andere Projekte und Aufgaben sinnvoll nutzen.

"Das Grundrecht der Glaubensfreiheit vermittelt grundsätzlich keinen Anspruch darauf, im Rahmen der Schule nicht mit Verhaltensgewohnheiten Dritter - einschließlich solcher auf dem Gebiet der Bekleidung - konfrontiert zu werden, die außerhalb der Schule an vielen Orten bzw. zu bestimmten Jahreszeiten im Alltag verbreitet sind", heißt es im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts.

Diese Argumentation unterstützt auch Diana Grust, Schillerschule in Karlsruhe (Grund- und Werkrealschule). "Das Kind bewegt sich generell in unserer Gesellschaft und wird daher täglich, vor allem im Sommer, mit den Kleidungsgepflogenheiten der Mitmenschen konfrontiert." Sie begrüße das Urteil, vor allem weil es für Klarheit sorge. "Die Umstände sind jetzt geklärt. Die Mädchen haben die Chance mit einer Burkini die eigene Persönlichkeit zu schützen und trotzdem schwimmen zu lernen", erläutert Grust. Die anderen Schüler seien davon nicht berührt. Auch Gunter Vogel ist hoch erfreut über die Klarheit: "Ich fühle mich in meiner täglichen Arbeit bestärkt."

Probleme habe es an der Schillerschule bisher allerdings noch keine gegeben. "Wir haben sehr viele muslimische Schüler bei uns an der Schule und gehen daher sehr offen mit diesem Thema um. Ich denke, dass wir dadurch das Vertrauen der Eltern erworben haben", so die Schulleiterin. Auch hier gebe es seit drei Jahren islamischen Religionsunterricht. Am winterlichen (Weihnachts-)Basteln seien Schüler und Eltern muslimischen Glaubens allerdings ebenfalls stark vertreten.

"Die Mädchen stehen im Konflikt"

Schulamtsleiterin Groß hält den Gang vor Gericht für eine extreme Situation: "Es kommt auch immer sehr darauf an, welche äußeren Umstände mit im Spiel sind." Schwimmunterricht könne koedukativ oder geschlechtsgetrennt stattfinden, in öffentlichen Schwimmbädern oder in schuleigenen. "Seitens der Schule sollte man immer auch mit dem Kind selbst sprechen. Immerhin stehen die Mädchen oftmals in einem Konflikt zwischen der Schule und ihren Familien", so Groß weiter.

Generell haben sowohl die Schillerschule als auch die Gutenbergschule einen hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und auch muslimischen Wurzeln vorzuweisen. "Von Flüchtlingskindern, die ohne Eltern in Deutschland gelandet sind, bis hin zu Kindern ausländischer Gastprofessoren haben wir aus aller Herren Länder Schüler bei uns", berichtet Grust. Sie schätzt den Anteil muslimischer Schüler auf mindestens 30 Prozent. An der Gutenbergschule seien gut 20 bis 25 Prozent der Schüler mit muslimischem Hintergrund, überschlägt Vogel. 

Schwimmunterricht wichtiger denn je

Welche Berechtigung der Schwimmunterricht in der Schule hat zeigt eine am Mittwoch veröffentlichte Statistik: In diesem Sommer ertranken bundesweit 250 Personen - darunter sind 32 Kinder unter 15 Jahren, mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. "Diese Zahl erschreckt mich", sagt Grust. "Als Schule haben wir auch die Verantwortung den Schülern Schwimmen beizubringen, um die Gefahr, dass sie ertrinken könnten, zu schmälern." Das Schwimmen dürfe an den Schulen nicht vernachlässigt werden.

Hintergrund des Urteils aus Leipzig ist der Antrag eines muslimischen Mädchens aus Frankfurt. Sie wollte sich vom Schwimmunterricht befreien lassen, weil er nicht mit den muslimischen Bekleidungsvorschriften vereinbar sei. Die Gymnasiastin wollte sich nicht dem Anblick von Jungen nur mit Badehosen bekleidet ausgesetzt sehen. In den Vorinstanzen war sie gescheitert, das Bundesverwaltungsgericht lehnte diesen Antrag nun ab und wies auf die Burkini-Möglichkeit hin. Trotz der aktuellen Brisanz des Themas durch die Urteilsverkündung liegt der Prozentsatz der muslimischen Mädchen, die nicht am Schwimmuntericht teilnehmen, in ganz Deutschland bei unter 5 Prozent.

Aktenzeichen BVerwG 6 C 25.12

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  •   Kanalpirogel
    (321 Beiträge)

    16.09.2013 10:22 Uhr
    .
    Ungeachtet der Debatte schlage ich "Burkini" für das Unwort des Jahres vor.
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  • unbekannt
    (1444 Beiträge)

    13.09.2013 19:40 Uhr
    An alle Kommentatoren!
    Lasst die Kinder nicht an den Rechner! Ruppi ist auf Tour im Netz!
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  • unbekannt
    (4144 Beiträge)

    13.09.2013 20:05 Uhr
    Die "Gruenen" saufen so oder so ab!
    Und wenn es fuer Rot-Rot-Gruen reicht sind die nur noch das 3. Rad am Wagen und werden mit dem neuerstehenden Bundesempoerungsministerium abgefunden!
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  •   DerSpinner
    (2040 Beiträge)

    13.09.2013 20:57 Uhr
    Wenn Rupp aber eines der Kinder fängt,
    kann es übel ausgehen. Wir wissen ja, wie der drauf ist.
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  • unbekannt
    (1444 Beiträge)

    13.09.2013 19:11 Uhr
    Wie sagte einst J.W.v.Goethe...
    ..."Die Geister die ich rief, werd nun ich nicht mehr los!"
    Multikulti ist tot
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  • unbekannt
    (6808 Beiträge)

    13.09.2013 19:35 Uhr
    nein
    Realität
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  • unbekannt
    (11392 Beiträge)

    14.09.2013 14:35 Uhr
    Also...
    ...in einigen Viertel ist mehr Monokulti angesagt. Ein Nicht-Moslem geht da besser nicht rein oder schnell wieder raus zwinkern
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  • unbekannt
    (4144 Beiträge)

    13.09.2013 20:00 Uhr
    Und wo bitte
    ist Multikulti Realitaet?
    Solange die Zuwanderer versuchen irgendwelche dubiosen Rechte einzuklagen die von der Mehrheit der einheimischen Bevoelkerung nicht akzeptiert werden seid ihr in Deutschland noch Lichtjahre von Multikulti entfernt.
    Da du dich ja mit Canada so gut auskennst, kannst du von denen mal lernen wie Multikulti funktioniert, denn Canada ist das einzige Land das ich kenne wo es wirklich einigermassen klappt. Seltsamerweise klappt es auch bei eurem Lieblingsfeind den amis hier besser als bei Euch. Die einzigen die Schwierigkeiten haben sind die Afro-Amerikaner, aber die machen sich die Schwierigkeiten auch eher selbst.
    Und das trotz 300.000 Illegalen in Canada(??).
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  •   coleman0234
    (419 Beiträge)

    13.09.2013 18:23 Uhr
    Ganz einfach
    In Deutschland gibt es Schulpflicht, dazu gehört auch der Schwimmunterricht. Wenn die Mädels ihre Sachen haben, dann können sie das gerne entschuldigen, wenn einem Lehrer jedoch auffällt, das es eher um schwänzen oder religiös begründetes fernbleiben ist, sollte das Jugendamt eingeschaltet werden und z.Bsp eine Geldbuse gegen die Erziehungsberechtigen verhängt werden.

    Deutschland = Schulpflicht......... Basta , da gibt es keine Diskussionen.

    Ich habe Fertig.
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  • unbekannt
    (10716 Beiträge)

    13.09.2013 15:53 Uhr
    Wenn sich einer mit Mode auskennt, dann doch nur einer: Karl Lagerfeld
    Karl Lagerfeld über… den Islam
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