Karlsruhe Seit 2003 ist Beirat für Menschen mit Behinderung in Karlsruhe aktiv: "Wir sind ein Sprachrohr für alle Behinderten"

Karlsruhe unternimmt einiges, um seine Stadt behindertenfreundlicher zu gestalten. Doch wo muss noch angesetzt werden? Wie steht es um die Inklusion? Und was hat der Beirat für Menschen mit Behinderung (BMB) damit zu tun? ka-news hat mit Beate von Malottki, Josefine Schelenz und Artur Budnik, dem neugewählten Vorstand des BMB gesprochen.

Warum braucht unsere Gesellschaft den Beirat für Menschen mit Behinderung?

Es ist sehr wichtig, dass sich jemand mit der Politik auseinandersetzt, der die Mankos kennt, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Das muss jemand sein, der die Augen offen hat und in Kontakt steht zu Menschen, die schwerbehindert sind. Man muss durch den Austausch Lösungen finden. Die Politik vertritt die Mehrheitsgesellschaft, aber sie kann eben nicht immer alles im Blick haben.

Beirat für Menschen mit Behinderung
Eine Sitzung des Beirates für Menschen mit Behinderung: (v.l.) Ulrike Wernert (Behindertenbeauftragte der Stadt Karlsruhe), Vorstandsmitglied Beate von Malottki, Vorstandsvorsitzende Josefine Schelenz, Vorstandsmitglied Artur Budnik. | Bild: Felix Haberkorn

Es gibt ja die verschiedensten Formen der Behinderung und da wäre es auch etwas schwierig, wenn jeder sein Anliegen als Einzelperson vortragen würde. Denn als Einzelner ist man gegenüber den Organen bei Politik und Verwaltung zu schwach. Jeder hat zudem auch individuelle Wünsche. Deshalb ist dieses Gremium sehr wichtig, welches die Forderungen und Wünsche ein wenig zusammenfasst und bündelt.

Im Januar startete nun das neu gewählte Gremium seine fünfjährige Amtszeit. Was sind die grundsätzlichen Ziele für die nächsten Jahre?

Das Thema Barrierefreiheit wird einen Schwerpunkt bilden. Es geht dabei um barrierefreie Bürgerbüros, die barrierefreie Gestaltung des neuen Wildparkstadions, Barrierefreiheit am Hauptbahnhof oder in der Gastronomie. Uns interessieren jedoch auch Themen wie Inklusion, also inklusive Ferienbetreuung, aber auch schulische Inklusion. Der Beirat ist vertreten beim Runden Tisch Inklusion. Da geht es um den Austausch, wie weit Karlsruhe bei der Inklusion in den Schulen ist oder durch welche Maßnahmen kann es vorwärts gehen. Ein positives Beispiel sind die Elternlotsen zur Unterstützung der Eltern bei der Entscheidung für eine inklusive Beschulung ihres Kindes.

Behinderung
(Symbolbild) | Bild: pixabay.com

Wichtig ist, dass wir ein Sprachrohr werden für alle Menschen mit Behinderung. Wir wollen eine möglichst große Bandbreite verschiedenster Behinderungen abdecken, also nicht nur Unterstützung bieten für Menschen mit körperlichen Behinderungen oder Blinde und Gehörlose, sondern auch Unterstützung bieten für Menschen mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung. Genau deshalb sind hier im Beirat auch Personen mit allen Behinderungen vertreten, um ihre Themen mit einzubringen.

Behinderung
(Symbolbild) | Bild: pixabay.com

Die Themen brauchen aber auch ihre Zeit. Ein Beispiel dafür ist der Hauptbahnhof. Wir sind seit der Gründung des Beirates im Jahr 2003 immer wieder in Gesprächen mit der Direktion des Bahnhofs, um dort Barrierefreiheit zu schaffen. So gab es vor drei bis vier Jahren endlich die Entscheidung, ein Blindenleitsystem zu schaffen. Außerdem gibt es inzwischen am Hinterausgang eine elektronische Tür und behindertengerechte Fahrstühle. Aber das alles ist noch nicht fertig. Letztes Jahr im September hatten wir ein Gespräch mit der Direktion, wo uns zugesagt wurde, dass bis Ende 2022 die Bahnsteige mit Blindenleitsystemen versehen werden. Auch was die Durchsagen angeht soll es künftig ein digitales System geben. Das ist natürlich nur ein Beispiel. Das beschäftigt uns über Jahre. Es gibt eine Entwicklung, aber die ist eigentlich nie zu Ende.

Ich habe gelesen, der neue Beirat will sich auch bei den Themen Digitalisierung und Neue Medien engagieren. Was können Sie dazu konkret sagen?

Wir wollen unsere Homepage barrierefrei gestalten. Dabei denken wir unter anderem an Gebärdensprachvideos. Als blinder Mensch könnte man wiederum Audios hochladen.

Inklusionslauf beim Baden-Marathon
Sportler mit und ohne Behinderung können beim Baden-Marathon gemeinsam an den Start gehen. | Bild: Stadt Karlsruhe

Im Museum gibt es zudem immer diese Audioguides und da wäre es schön, wenn man das auch in Gebärdensprache zur Verfügung stellen würde. Dadurch wäre eine gehörlose Person unabhängig von gesonderten Führungen mit Gebärdensprachdolmetscher. Das wäre eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben.

Wie beurteilen Sie allgemein die Behindertenfreundlichkeit der Fächerstadt und wo gibt es Ansatzpunkte zur Verbesserung?

Im Vergleich zu Berlin ist Karlsruhe in der Behindertenfreundlichkeit für Menschen mit körperlichen Behinderungen schon sehr weit. Dennoch gibt es weitere Hürden, die es zu bewältigen gilt, zum Beispiel wenn man in Behörden viele Treppen steigen muss. Ein Mensch, der eine Beeinträchtigung hat, der möchte genauso ins Theater gehen, der möchte genauso ins Kino gehen oder ein bestimmtes Restaurant zusammen mit seinen Freunden besuchen, wie andere.

Web-App Karlsruhe Barrierefrei
Die Webanwendung Karlsruhe barrierefrei soll zuhause und unterwegs eine Unterstützung für Menschen mit Behinderung sein. | Bild: Florian Kaute

Wenn derjenige aber ausgeschlossen wird, weil er nicht hineinkann, dann kann er eben nicht an diesem gesellschaftlichen Erlebnis teilhaben. Da ist es für eine moderne Stadt im 21. Jahrhundert wichtig, dass man immer die Möglichkeit hat, sich zu bewegen, eine Behindertentoilette aufzusuchen, und, dass alles gut ausgeschildert ist.

Wir müssen zudem für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen für leichte Sprache sorgen. Das ist etwas, was noch in den Kinderschuhen steckt. Zu viele Dinge sind noch zu kompliziert formuliert oder ausgeschildert.

Das Thema Inklusion ist ja auch ein wichtiges Ziel des Beirates. Wie beurteilen Sie hier die Lage, wie gut steht Karlsruhe bei der Inklusion in Schulen, Kitas und an Arbeitsplätzen da?

Inzwischen gibt es langsam mehr Kinder, die an inklusiven Bildungsmaßnahmen teilnehmen. Doch nach wie vor gehen viele in pädagogische Sondereinrichtungen. Die Stadt setzt sich für Inklusion ein und es geht auch langsam voran. Aber es könnte ruhig schnel

Symbolbilder Bahn in Karlsruhe
Bild: Thomas Riedel

ler gehen. Man weiß nicht ganz genau, woran es liegt, dass es so langsam geht. Wir haben das Wahlrecht, also Eltern dürfen entscheiden, ob ihr Kind inklusiv oder nicht inklusiv zur Schule geht. Außerdem gibt es für bestimmte Behinderungen Schwerpunktschulen. Das richtet sich nach dem Landeskonzept.

Wir brauchen deshalb mehr Schulen in Karlsruhe, so dass die Kinder möglichst auch in ihrem Bezirk zur Schule gehen können. Denn oft sind die Kinder sehr lange mit dem Fahrdienst zur Schule unterwegs. Die brauchen teilweise eine Stunde bis zur Schule, weil dort eben erst ein Kind abgeholt wird und dann wird zum zweiten, zum dritten und zum vierten Kind gefahren. Dadurch entstehen diese langen Fahrzeiten. Um das zu ändern, brauchen wir mehr Schulen. Karlsruhe ist da schon auf dem Weg, aber es muss sich noch mehr tun.

 

Lesen Sie in Teil 1, warum es in Karlsruhe in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion immer etwas zu verbessern gibt.

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