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Karlsruhe Karlsruher Frauenberatung im Interview: "Es geht nicht allein um sexuelle Gewalt"

Häusliche Gewalt ist ein Tabuthema, sollte aber keines sein. Immer noch werden viele Frauen unterdrückt und misshandelt, ganz gleich ob physischer oder psychischer Art. Als Träger des autonomen Frauenhauses Karlsruhe und der Frauenberatungsstelle unterstützt der "Verein zum Schutz misshandelter Frauen und deren Kinder" Betroffene und hilft ihnen, aus der Gewaltspirale zu entkommen. ka-news hat mit Ulrike Stihler, Leiterin der Geschäftsstelle des Vereins, und Monika Kuckeland, von der Frauenberatung, gesprochen.

In Hollywood ist seit letzten Herbst die Bewegung "#MeToo" ein vorherrschendes Thema. Immer mehr Fälle von Gewalt gegen Frauen, ganz gleich welcher Art, werden bekannt. Und nun ist das ja nicht nur im großen Hollywood ein wichtiges Thema, sondern natürlich auch in Deutschland, im privaten Sektor ganz abseits des großen Medienrummels. Mit welchen Eindrücken haben Sie die MeToo-Bewegung wahrgenommen?

Stihler: Das ist genau unser Thema. Die MeToo-Debatte zeigt: es gibt noch lange keine Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft. Frauen sehen sich mit einer Männerwelt konfrontiert, in der es in erster Linie um Machtverhältnisse geht. In der MeToo-Debatte geht es nicht allein um sexuelle Gewalt. Es ist ein Dominanzthema.

Wenn wir den Blick mal auf Karlsruhe richten und insbesondere auf die Arbeit der Frauenberatungsstelle bzw. des Frauenhauses. An welche Frauen richtet sich ihr Verein? Wer kann hier Hilfe suchen?

Kuckeland: Jede Frau kann zu uns kommen, die in eine Situation gerät, in der sie psychischer oder körperlicher Gewalt ausgesetzt ist. Viele Frauen spüren, "da stimmt etwas nicht". Oft ist das ein schleichender Prozess. Da ist ein Ungleichgewicht, es ist aber nicht fassbar. Es muss nicht die große Gewalteskalation sein, um sich an uns zu wenden. Man kann schon in den Anfängen kommen, um zu überprüfen, in welcher Situation man sich befindet.

Stihler: Häusliche Gewalt ist vielfältig. Manchmal sind es Demütigungen und Beleidigungen. Ein anderes Mal möchte der Partner plötzlich wissen, mit wem sich die Frau trifft, er möchte bestimmen, ob sie arbeitet, wo sie arbeitet, wofür sie ihr Geld ausgibt. Die Frau reagiert mit Angst. Sie beginnt unmerklich auf ihre Rechte zu verzichten.

Oft hört man beim Thema häusliche Gewalt, dass Frauen sehr lange beim Partner bleiben und ihm wieder eine neue Chance geben. Warum fällt es vielen so schwer, sich zu trennen und Hilfe zu suchen?

Stihler: Das ist oft ein Kreislauf. Wir sprechen hier von der sogenannten Gewaltspirale: Erst kommt es zur Eskalation, dann folgt die große Reue und das Versprechen des Partners, sich zu bessern. Die Frau glaubt ihm, malt sich eine bessere, eine Zukunft ohne Gewalt aus. Dann passiert irgendwas, vielleicht im Job des Mannes, er rastet erneut aus und alles geht von vorne los. Erfahrungsgemäß brauchen Frauen oft fünf bis sieben Jahre, bis sie aus dieser Gewaltspirale ausbrechen. Sie reden vorher kaum mit ihren Freunden oder Verwandten darüber. Das ist ein großes Tabuthema.

Kuckeland: Das hat auch viel mit Abhängigkeit zu tun. Der Mann ist nach wie vor der Hauptverdiener. Da ist es schwierig auszusteigen.

Stihler. Viele Frauen in Gewaltsituationen sind völlig erschöpft. Sie haben keine Kraft für eine Trennung, keine Kraft zur Wohnungssuche, oft nicht einmal mehr Kraft für die Kinder ist übrig. Um sich Hilfe zu suchen und zum Beispiel ins Frauenhaus zu gehen, da muss es ihnen schon sehr schlecht gehen.

Würden Sie sich mehr Unterstützung von der Politik wünschen und vor allem welcher Art?

Stihler: Ganz wichtig sind vor allem eine bessere Finanzierung der Beratungsstellen. Es gibt in Baden-Württemberg nach wie vor zu wenige Beratungsstellen und Frauenhäuser. Viele Betroffene aus dem Umkreis können nicht den weiten Weg nach Karlsruhe machen. Auch Frauenhäuser sollte es aber überall in unmittelbarer Nähe geben. Die Frauenhäuser sind in allen Bundesländern voll belegt. Und ein ganz großes Problem sind bezahlbare Wohnungen. Die Frauen können sich nicht trennen, wenn sie keine Chance sehen, irgendwo eine Wohnung zu finden.

Außerdem wünschen wir uns, dass das Thema häusliche Gewalt weiter enttabuisiert wird. Präventiv müsste mehr in Schulen mit Jugendlichen und in Kindergärten mit Eltern und Erziehern gearbeitet werden. Die Zahlen von Einsätzen bei häuslicher Gewalt sind in der offiziellen polizeilichen Kriminalstatistik des Landes Baden-Württemberg, im Gegensatz zu Rheinland-Pfalz, nicht aufgeführt. Da wundert man sich, warum sollen die Zahlen dort nicht auftauchen?

Woran müsste die Gesellschaft arbeiten und was müssten gerade auch Männer, vor allem im Hinblick ihres Umgangs mit Frauen, ändern?

Stihler: An der Gleichberechtigung. Wir sind noch lange nicht angekommen. Eine Frau, die sich für Kinder entscheidet, sollte hierfür finanziell belohnt werden. Solange ihr Berufsjahre fehlen, solange sie wegen der Kinder ein niedrigeres Einkommen und weniger Rente hat, solange haben wir keine Gleichberechtigung. Mir fehlt auch oft die Sensibilität bei Männern: Wie spreche ich gerade über oder mit einer Frau? Bei Konflikten sollte die Situation reflektiert werden, was war der Auslöser.

Kuckeland: Wichtig ist, als Paar im Gespräch zu bleiben und auf Augenhöhe zu agieren. Man muss ein offenes Ohr und Auge behalten, wie es dem jeweils anderen geht, um nicht in ein Rollenklischee abzudriften. Es geht auch darum, mutig zu sein, Stellung zu beziehen. Wenn in einer Gruppe frauenfeindliche Witze gemacht werden, sollte man den Mut haben, seinem Kumpel zu sagen: Das ist nicht angebracht. Das machen wir nicht mehr.

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Kommentare (3)
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  •   dipfele
    (4516 Beiträge)

    15.04.2018 17:48 Uhr
    Drumm prüfe.....
    ..... wer sich ewig bindet !!
    Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es einen bestimmten Frauentyp gibt, der sich zu Machos hingezogen fühlt, d.h. die Frauen "rennen" diesen vermeintlich starken Männern hinterher. Die Männer behandeln diese dann auch so. Denn die Frau "will ja was" vom Mann. Üblich ist doch eher, dass der Mann der Frau die "Aufwartung" macht.
    Ausserdem leiden auch Männer unter Männergewalt. Leider gibt es immer Hackordnungen, auch dort wo es eigentlich "nur" um die Sache gehen müsste. Die Profilierungssucht herrscht überall, ob zu Hause, am Arbeitsplatz, in den Parteien oder im Verein, vorzugsweise unter Männern. Nicht nur Frauen müssen leiden.
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  •   Franzjörg
    (1 Beiträge)

    15.04.2018 14:44 Uhr
    Wo bleiben die öffentlich finanzierten Unterstützungsangebote für männliche Opfer?
    Ich bin auf dem Weg von einem Kongress zu Familiärer Gewalt nach Hause. Ja natürlich, es gibt häusliche Gewalt. Von Männern und von Frauen. International gesichert und wissenschaftlich erwiesen. Hilfen gibt es aber nur für Frauen, weil die ideologische Augenklappe nur weibliches Opfertum und männliche Täterschaft erkennen darf. Und das gerade in Karlsruhe, das eine hoch belastete Geschichte von reiner Frauenförderung ohne jede vernünftige Relativierung hinter sich hat. Da ist Stuttgart und sind viele andere Kommunen schon lange viel weiter. Möge auch in Karlsruhe genug Hirn vom Himmel fallen, um das endlich realistischer erfassen zu können und damit kommunalpolitisches Handeln endlich auf soliden Analysen gründen zu können.
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  •   Felix1999
    (40 Beiträge)

    15.04.2018 13:50 Uhr
    Einseitig
    Zunächst: Natürlich ist es wichtig und richtig, dass es solche Einrichtigungen gibt. Dabei muss man aber auch feststellen: Frauenhäuser werden hauptsächlich von öffentlichen Zuschüssen finanziert. Deren Höhe hängt von den Belegzahlen ab. Aus zahlreichen Beratung von von Kindesentzug betroffenen Vätern ist mir bekannt, dass häufig Beratungsstellen trennungswilligen Frauen, die auch nach eigenen Angaben oder nachweisbar nicht von Gewalt betroffen sind, Unterkunft in Frauenhäusern vermitteln und so Beihilfe oder gar Anstiftung zumindest zu Kindeswohl gefährdenden, teilweise auch zu rechtswidrigem Kindesentzug leisten. Ferner ist auch eine große Anzahl von Männern von trennungsbedingter oder häuslicher Gewalt betroffen, deren Dunkelziffer nicht zu hoch eingeschätzt werden kann. Wo gibt es für diese Opfer Anlaufstellen in Karlsruhe ? Soweit mir bekannt, gibt es in Baden-Württemberg nur in Stuttgart ein "Männerhaus". Oft stehen solchen Einrichtungen ideologisch bedingte Hürden entgegen.
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