Karlsruhe Gespräch mit einem Notfallseelsorger: Wie geht es den Schülern und Eltern nach dem Amokalarm?

Eine Amok-Alarm hat am Dienstagnachmittag den Alltag rund um die Weinbrennerschule an der Karlsruher Kriegsstraße lahmgelegt. Dann die Entwarnung: Es war ein Fehlalarm - Gott sei dank. Dennoch sind Notfallseelsorger Markus Thesen und seine Kollegen an diesem Tag vor Ort. Warum eine seelsorgliche Nachbetreuung auch dann enorm wichtig ist, wie er auf betroffene Schüler und Eltern zugeht und wie er selbst solche Extremsituationen verarbeitet - ka-news.de hat ihn im Interview gefragt.

"Bitte beobachten Sie Ihre Tochter, falls sie auffällig still wird." - Aufmerksam betrachtet Markus Thesen die junge Schülerin vor sich, die sich in die Arme ihres Vaters schmiegt, während er mit ruhiger und freundlicher Stimme mit ihren Eltern spricht. Im nächsten Moment lässt der Notfallseelsorger seine Augen schon wieder über das dichte Gewusel aus Schülern, Müttern und Vätern schweifen, die sich am Dienstagabend vor dem Eingang der Weinbrennerschule in der Karlsruher Südweststadt drängen.

Nach dem Amok-Fehlalarm an der Schule ist Thesen mit seinen fünf Kollegen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) Karlsruhe im Einsatz, um Eltern und Schülern seelsorglichen Beistand zu leisten und das Geschehene mit ihnen zu verarbeiten. ka-news.de hat mit ihm über seinen Einsatz gesprochen.

Herr Thesen, als Notfallseelsorger werden Sie von der Integrierten Leitstelle an den Einsatzort gerufen - wie gehen Sie dann an eine solche Aufgabe wie heute heran?

Wenn wir alarmiert werden, melden wir uns bei dem Einsatzleiter der Polizei und stimmen mit ihm das weitere Vorgehen ab. Ein generelles Rezept gibt es für diese Situation nicht. Wir schauen uns die aktuelle Lage vor Ort an und reagieren dann entsprechend darauf.

Wie betreuen Sie die Kinder aktuell vor Ort?

Die Kinder sind im Moment sehr gut versorgt. Im Prinzip sind sie die ruhigsten in dem ganzen Szenario.

Und wie gehen Sie mit den Eltern und den Angehörigen um?

Die Eltern versuchen wir einfach zu informieren, denn Information beruhigt. Wir sagen ihnen, wo ihre Kinder sind, was gerade geschieht und wie ihre Kinder nun organisatorisch wieder aus der Schule herausgeführt und ihnen dann übergeben werden.

Vor der Weinbrennerschule drängen sich Schüler und Eltern. Hier ist Markus Thesen im Einsatz. | Bild: Melissa Betsch

Heute ist glücklicherweise nichts Schlimmeres passiert - warum müssen Sie dennoch vor Ort nachbetreuen?

Um zu informieren und dadurch zu beruhigen, das ist ganz wichtig. Wir werden auch morgen das Gespräch mit der Schulleitung führen, inwieweit eine Nachbetreuung in der Schule und der Kita stattfinden muss. Aber das können wir jetzt heute noch nicht entscheiden.

Was macht eine solche Extremsituation mit den Schülern und auch den Eltern?

Da gibt es ganz unterschiedliche Reaktionen, sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern. Die Kinder nehmen das im Moment vielleicht noch als Abenteuer auf, da kann vielleicht vor Weihnachten oder in drei bis vier Tagen einfach noch einmal eine Reaktion kommen, sodass sie erst dann verstehen, was heute passiert ist.

Der Polizeieinsatz an der Weinbrennerschule versetzt viele in Schock - ihnen versuchen Thesen und seine Kollegen zu helfen. | Bild: Aaron Klewer/Einsatz-Report24

Der eine nimmt so etwas leicht mit, der andere wird still - und um die Stillen werden wir uns zu kümmern wissen - sowohl bei den Schülern als auch bei den Eltern.

Wie gehen Sie selbst mit solchen Ereignissen um - so etwas lässt doch auch Seelsorger nicht kalt?

Das ist richtig, wobei die Notfallseelsorger über einen sehr langen Zeitraum qualitativ hochwertig ausgebildet werden. Das heißt also: Wir wissen, wie wir mit solchen Situationen umzugehen haben. Gibt es Notfallseelsorger, die das verarbeiten müssen, dann gibt es sogenannte Supervisionsgruppen. Also auch wir haben unsere Seelsorger, mit denen wir das Erfahrene besprechen können.

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