Spätestens seitdem Edward Snowden die Weltöffentlichkeit auf die weltweiten Überwachungspraktiken von Geheimdiensten aufmerksam gemacht hat, ist "Whistleblowing" in aller Munde. So wie Snowdens Enthüllungen 2013 die NSA-Affäre auslöste, sorgten die Aufdeckungen eines Karlsruhers bereits rund 40 Jahre zuvor für einen Skandal.

Diskriminierung seitens der Chef-Etage

Leon Gruenbaum, ein französischer Wissenschaftler, war in den 70er-Jahren am Kernforschungszentrum Karlsruhe angestellt und stellte Untersuchungen im Bereich Reaktor-Physik an. Entgegen der üblichen Praxis wurde sein Dreijahresvertrag nicht verlängert. Um dieser Ursache auf den Grund zu gehen, stellte der Sohn einer jüdischen Familie gemeinsam mit zwei Kollegen Untersuchungen über den damaligen Geschäftsführer Rudolf Greifeld (gestorben 1984) an.

Die Wissenschaftler entlarvten damit die antisemitische NS-Vergangenheit von Greifeld, der als Oberkriegsverwaltungsrat im besetzten Paris unter anderem für die Deportation tausender Juden verantwortlich war. Des Weiteren organisierte er den Besuch von Hitler in der französischen Hauptstadt, so die Untersuchungsergebnisse von Gruenbaum. Seine Enthüllungen blieben nicht ohne Folgen: Gruenbaum konnte schließlich als Physiker keinen Fuß mehr fassen und widmete sich den historischen Grundlagen der militärischen und zivilen Nutzung der Atomenergie.

Whistleblower-Preis erstmals in Karlsruhe verliehen

Für seinen Mut, unfaire Machenschaften ans Tageslicht zu bringen, wird der 2004 verstorbene Wissenschaftler am Freitagabend posthum mit dem deutschen Whistleblower-Preis ausgezeichnet. "Damit wollen wir die Recherchen Gruenbaums und deren Bedeutung für die Geschichte der Vergessenheit entreißen. Gruenbaum machte öffentlich, dass antisemitisches Gedankengut das Leben in Deutschland auch lange nach dem Nationalsozialismus zu Teilen noch beeinflusste und Menschen dadurch im Alltag diskriminiert wurden", sagt Dieter Deiseroth, Jurymitglied und Richter am Leipziger Bundesverwaltungsgericht.

Die Preisverleihung, die von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) sowie den Juristinnen und Juristen gegen atomare, biologische und chemische Waffen (IALNA) verliehen wird, findet zum neunten Mal und in diesem Jahr zum ersten Mal in Karlsruhe, anlässlich des Posthum-Preises statt.

Ex-Drohnenpilot Bryant machte US-Tötungsdelikte öffentlich

Dabei ist Gruenbaum nicht der einzige Preisträger - neben ihm werden in diesem Jahr der Ex-Drohnenpilot Brandon Bryant aus den USA sowie der französische Molekularbiologe Gilles-Eric Séralini, der den Unkraut­vernichter und Krebserreger Glyphosat von Monsanto erforscht, ausgezeichnet. Gerade Bryants Veröffentlichung über die Arbeitsweisen der US-Armee haben in den vergangenen Jahren harte Anschuldigungen mit sich gezogen.

Der 29-Jährige war von 2006 bis 2011 als Pilot von Drohnen der US-Airforce für gezielte Tötungsoperationen eingesetzt. Anschließend enthüllte er in Interviews mit deutschen Medien, welche wichtige Rolle der US-Luftwaffenstützpunkt im rheinland-pfälzischen Ramstein für den Drohnenkrieg habe. Ferner machte er vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags deutlich, dass in den Drohnen-Operationen der US-Airforce viele unschuldige Menschen zu Schaden gekommen waren. Letztere hatte entgegen dessen immer behauptet, dass die Angriffe lediglich präzise Tötungen von mutmaßlichen Terroristen ermöglichten.

Bryant: "Ich bin dankbar dafür, in Deutschland Gehör zu finden"

Am Freitag macht Bryant im Rahmen eines Pressegesprächs zur Preisverleihung in Karlsruhe deutlich, welche Risiken es bringt, als Whistleblower an die mediale Öffentlichkeit zu gehen. "Ich möchte daran erinnern, dass viele Whistleblower wie Snowden oder Assange heute im Exil leben müssen, verfolgt werden, teilweise sogar mit dem Tod bedroht werden", so Bryant - "ich habe mich auf meinem Weg sehr von Deutschland unterstützt gefühlt. Mit so viel Hilfe und Gehör habe ich nicht gerechnet. Dafür bin ich sehr dankbar."

Heute ist der Ex-Drohnenpilot sich über seine berufliche Zukunft unschlüssig - in seinen alten Job wolle und könne er nicht wieder zurück kehren. Als er 2011 kündigte, litt er an einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung. Eigenen Angaben nach eine Folge der rund 1.600 gezielten Tötungsoperationen, mit denen seine Einheit beauftragt wurde. Derzeit gilt er daher und aufgrund weiterer Verletzungen als arbeitsunfähig und lebt in einem Waldgebiet in Montana.

"Es birgt viele Risiken und Gefahren, als Insider politische, militärische, wissenschaftliche oder soziale Geheimnisse und Missstände aufzudecken", so Deiseroth, "dieser Schritt erfordert ein hohes Maß an berufsethischem Verantwortungsbewusstsein und erfordert Respekt." Weiter betont er am Freitag im Vorfeld der Preisverleihung, dass es der Jury bei der Vergabe der Preise, auf das friedliche Motiv, ohne jegliches egoistisches Interesse, der Whistleblower ankomme, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Preisverleihung findet am Freitagabend, 16. Oktober, um 19.30 Uhr im Karlsruher Rathaus statt und wird von Oberbürgermeister Mentrup mitgetragen.