7.04 Uhr Ich sitze im Auto auf dem Weg zur Arbeit. Auf Karlsruhes Straßen sind bislang nur die Frühaufsteher unterwegs; es geht daher recht höflich zu. Die Drängler, Zwangsüberholer und Andere-nicht-einscheren-Lasser tummeln sich erst kurz vor den üblichen Zeiten zum Arbeitsbeginn.

7.28 Uhr Ich schließe die Redaktion auf. Erst mal lüften. Danach die Heizung auf. Jetzt den Fernseher an, aber nichts Weltbewegendes ist passiert. Ich werfe den Computer an. Sobald ich das erste mal die Hand auf die Maus gelegt haben werde, gibt es keinen Weg mehr zurück, denn bis zum Feierabend werden die zu erledigenden Aufgaben wie ein endloser Film ohne Werbeunterbrechung auf mich einregnen. Dann besser vorher nochmal an unsere Deluxe-Kaffeemaschine, die Ruhe vor dem Sturm genießen. Natürlich hat der Letzte gestern nicht den Wassertank aufgefüllt! Und die Bohnen sind auch leer.

Ich sortiere die E-Mails: Die Viagra-Preise im Netz fallen ins Bodenlose. Außerdem haben wir gleich dreimal einen Millionenbetrag bei Verlosungen gewonnen. Zwei Personen fragen, ob ich gegen den halben Betrag nicht als Treuhänder für ein Millionenerbe fungieren wolle – sie brauchen nur meine Bankdaten…  Endlich der erste Polizeibericht: Ein zerkratzter Roller, mehrere Unfallfluchten kleineren Ausmaßes und ein Familienstreit in Rastatt. Na ja.

Dann kommt es: Ein Unfall auf der A5, der zu einem zehn Kilometer langen Stau führte. Ein erster Schweißtropfen läuft mir über die Stirn. Schnell rein damit! Ich lege den Artikel an und füge das Bild ein. Beim Durchlesen fällt mir auf, dass beim Schreiben die Fantasie des tippenden Polizeibeamten mit ihm durchgegangen ist, denn der Vorfall liest sich wie ein spannungsgeladener Abenteuerroman. Das fällt mir spätestens auf, als vor meinem geistigen Auge die Verkehrswacht – gespielt von Bruce Willis – aus ihrem Dienstfahrzeug aussteigt und mit lässig im Mundwinkel herumrutschender Zigarette den Schadensfall aufnimmt. Gnadenlos kürzen!

7.51 Uhr Ich nehme die Meldung online. Der Artikel läuft sehr gut an. Die Leser beehren meine Arbeit mit höchster Aufmerksamkeit – das verrät die Statistik. Ich schaue, was die Nachrichtenagentur gemeldet hat. Aha, "Ermittlungen um Afghanistan-Bombardement gehen weiter“, der Regierungschef einer Republik am Ende der Welt wurde im Amt bestätigt, "Wirtschaftskrise noch nicht überstanden“, es ist seit gestern also nichts passiert, zumindest nichts, was den Karlsruher aus dem Sessel hebt.

9.15 Uhr Ich rufe alle zur Redaktionssitzung zusammen. Themenvergabe. Ich habe mehrere Termine auf dem Tisch und dazu noch ein paar Themen, die zwar nicht drängen, die ich aber trotzdem gerne bearbeitet wüsste. Praktikant B. ergreift die Chance beim Schopf. Da er eine Leidenschaft für Verkehrsthemen hat, ruft er lautstark "ICH!“, als ich zu dem Gleisbau-Termin komme. Bei so viel Engagement kann man nichts machen – B. bekommt das Thema. Die übrigen Themen werden auf normale Weise vergeben. Danach gehen alle an die Arbeit.

Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag: Pressemitteilung – an Praktikantin A.,Pressemitteilung an Praktikant D., Umfrageauswertung an Praktikantin L., Praktikantin A.: " Fertig“, neue Meldung. Die Nachrichtenagentur schickt eine wichtige Eilmeldung – Tippfehler raus ("immer das Selbe!“) und hoch damit. Volontärin T. geht die Leserkommentare durch und streicht die eine oder andere Beleidigung.

11.15 Uhr Eine Partei schickt wieder einmal ein Statement zu einem kontroversen Lokalthema. Volontärin R., welche die Sache schon seit längerer Zeit betreut, bearbeitet die Mitteilung und fügt sie in den Gesamtkontext des Themas ein. Das Telefon klingelt: "Könnte ich den Herrn Elbl sprechen?“, ich stelle durch, L. ist fertig, ich schicke ihr ein neues Thema, eine E-Mail kommt herein. Ein gewisser Herr G. beschwert sich über den Inhalt eines Artikels – ich leite weiter an den Redaktionsleiter.

So geht es über Stunden. Als Praktikantin A. so um 13 Uhr herum aufsteht mit den Worten: "Ich mach dann mal Mittag“, bin ich wieder einmal ganz überrascht. Mittag, schon? In meinem Gehirn ist der Siedepunkt schon fast erreicht. Ich entscheide mich also dafür, der nahe gelegenen Bäckerei  einen kurzen Besuch abzustatten. Als ich zurück bin, taumelt ein völlig überladener DHL-Lieferant herein – er ist bepackt wie der Weihnachtsmann. Ich bitte ihn, alles am Tisch der Kulturredaktion abzustellen – das sind die Preise für die Quiz-Gewinner. Die Tischplatte biegt sich unter der Last.

14.12 Uhr Telefon, Mail, Pressemitteilung, dpa-Meldung, Mail, Telefon, Mail, Pressemitteilung, dpa-Meldung, Leseranfrage und immer so fort. Ich denke mit einem entrückten Lächeln auch daran, dass es nicht mehr viele Minuten sind, die mich noch vom Feierabendbier trennen. Zum Schluss habe ich die Zeit, die Tagesplanung für den nächsten Tag und den nächsten Tagesredakteur vorzubereiten.  Das schaffe ich mit den letzten Energiereserven, die mein Körper aufzubringen vermag.

18.12 Uhr Mit einer Verspätung von etwa 15 Minuten ploppt der Kronkorken von meiner Bierflasche. Junge, tut das gut! Prost.

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