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Karlsruhe Zwangsräumungs-Profi Patrick Rohrer: "Wir müssen auf alles vorbereitet sein"

Am 4. Juli tötete ein Geiselnehmer im Karlsruher Kanalweg vier Menschen und richtete sich danach selbst. Der Bluttat war eine Zwangsräumung vorausgegangen. ka-news sprach mit Patrick Rohrer, Spezialist für Wohnungauflösungen und Zwangsräumungen - über Gefahren, Backsteinwürfe und Angriffe mit Messern.

Seit 14 Jahren ist Patrick Rohrer im Geschäft. Mit über 3.000 Wohnungsräumungen können er und sein Team auf einen großen Erfahrungsschatz blicken. Zur Arbeit der Entrümpelungs-Spezialisten gehören auch Zwangsräumungen - sie machen etwa drei bis fünf Prozent aller Räumungen aus, zirka einmal pro Monat. Über seine Erfahrungen sprach Rohrer mit ka-news-Volontär Felix Brenner.

Herr Rohrer, wie läuft eine Zwangsräumung ab?
Bei einer Zwangsräumung, die direkt vom Gerichtsvollzieher durchgeführt und beauftragt wird, entscheidet in der Regel der anwesende Gerichtsvollzieher, welche Dinge eingelagert werden. Offensichtlich wertlose Gegenstände, Restmüll oder verderbliche Ware werden meist direkt entsorgt. Unsere Arbeit beschränkt sich allein auf den reinen Räumungsprozess. Wir erhalten normalerweise nur Informationen zu Volumen oder Umfang der Räumung. Hintergrundinformationen erhalten wir in der Regel keine. Beauftragen uns Privatleute, ist es teilweise möglich, dass wir im Gespräch etwas von der Vorgeschichte mitbekommen.

Mit welchen Schwierigkeiten und Gefahren haben Sie und Ihre Mitarbeiter bei einer Zwangsräumung zu kämpfen?
Es ist immer schwierig, eine Gefährdung zu beurteilen. Man weiß im Voraus meist nicht, in welcher Gemütslage sich der Bewohner befindet, deshalb müssen wir auf alles vorbereitet sein.

Gab es schon verbale oder körperliche Übergriffe auf Sie oder Ihre Mitarbeiter?
Bei einer Zwangsräumung ist eigentlich immer mit Konflikten zu rechnen. Meist sind sie verbaler Natur und können durch Gespräche gelöst werden. Wir sind aber durchaus schon bei der Räumung eines Grundstücks mit Pflastersteinen beworfen und mit Eisenstangen angegangen worden.

Was war das schlimmste Ereignis?
Vor einigen Wochen standen wir einer Person mit einem langen Messer gegenüber - konnten das Problem aber letztlich friedlich klären.

Wie haben Sie und Ihre Mitarbeiter auf die schrecklichen Ereignisse vom 4. Juli reagiert?
Wir waren natürlich auch geschockt und betroffen. Da wir die Brisanz solcher Räumungen aus unserer täglichen Arbeit kennen, nehmen wir diese Sache sicher noch intensiver wahr. Auch Familie und Bekannte haben sich an diesem Tag besorgt bei uns gemeldet und nachgefragt, ob wir in den Vorfall verwickelt seien. Es ist sehr traurig, dass hier unschuldige Menschen, die nur ihrer Arbeit nachgegangen sind, getötet wurden.

Wie sollte die Stadt Karlsruhe nach dem Geiseldrama mit fünf Toten reagieren?
Da abgesehen von dem Geiseldrama in Karlsruhe auch bundesweit Gewaltübergriffe keine Einzelfälle mehr sind, sollte man sich hier schon ernsthafte Gedanken machen. Was genau getan werden könnte, kann ich leider nicht abschätzen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass bei jeder Zwangsräumung Amtshilfe durch Polizisten geleistet werden soll?
Das Wort Zwangsräumung beinhaltet das Wort Zwang. Schon daraus ist eigentlich ersichtlich, dass es bereits im Vorfeld Konflikte und Widerstand gibt. Aus diesem Grund sollte man eine grundsätzliche Amtshilfe durch Polizisten in Betracht ziehen. Allerdings kann sich negative oder aggressive Stimmung hierdurch auch erst hochschaukeln.

Sollte sogar vor jeder Zwangsräumung eine kriminaltechnische Abfrage durchgeführt werden?
Zumindest technisch sollte das kein Problem sein. Jeder Unternehmer muss im Arbeitsschutz seinen Mitarbeitern gegenüber das Recht auf körperliche Unversehrtheit sichern. Das sollte auch für diejenigen gelten, die an einer Zwangsräumung beteiligt sind. Eine hundertprozentige Sicherheit wird man jedoch - gleich durch welche Maßnahmen - nie erreichen.

Unterschätzen Städte und Justizbehörden die Gefahren einer Zwangsräumung?
Polizei und Stadt unterstützen bei einer Zwangsräumung die Beteiligten, soweit uns dies bekannt ist, eigentlich gut. Ob Amtshilfe geleistet werden soll, liegt bisher am persönlichen Eindruck, den der Gerichtsvollzieher von den Bewohnern im Vorfeld gewonnen hat. Auch bemühen sich die Städte eigentlich immer, eine Unterkunft oder weitere Maßnahmen zur Hilfe in die Wege zu leiten, wenn der Bewohner Hilfebedürftigkeit signalisiert. Oft sind Bewohner jedoch unkooperativ und möchten keine Hilfe annehmen.

Wird sich nach den Geschehnissen des 4. Juli an Ihrer Arbeitsweise etwas ändern?
Da wir schon bisher immer mit Konflikten in verschiedenen Ausprägungen bei einer Zwangsräumung rechnen mussten, wird sich nicht viel an der Arbeitsweise ändern. Ein mulmiges Gefühl bei der Anfahrt hat man hier eigentlich immer. Wenn man die Tür öffnet, weiß man oft nicht einmal, ob sich in der Wohnung noch jemand aufhält oder nicht. Sicher werden wir aber versuchen, in Zukunft noch aufmerksamer zu sein.

Alle weiteren Informationen zur Geiselnahme am Mittwochmorgen, den 4. Juli, finden Sie zusammengefasst im ka-news Dossier zum Geiseldrama.

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Geiselnahme Karlsruhe: Geiseldrama in Karlsruhe: Ein 53-Jähriger Franzose ist am Mittwoch, 4. Juli, bei der Zwangsräumung seiner Wohnung im Karlsruher Kanalweg ausgerastet und hat mehrere Geiseln genommen und später erschossen, darunter den Gerichtsvollzieher, einen Schlosser und den neuen Wohnungsinhaber. Auch die Lebensgefährtin des Geiselnehmers ist unter den Opfern. Bevor die Polizei die Wohnung im Karlsruher Kanalweg stürmte, richtete der Geiselnehmer sich selbst.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    13.07.2012 15:13 Uhr
    Aber es gibt eben auch Menschen, denen das dann nicht gegeben ist.
    Das ist traurig, deswegen sollte man aber aufgrund einzelner Erfahrungen kein ganzes System in Frage stellen!

    Es wird in dieser Tragödie jetzt verzweifelt ein Schuldiger gesucht, seien es nun Ämter, Banken. Die eignen sich natürlich hervorragend dazu!
    Jetzt geht es den Grünen um eine Verschärfung des Waffengesetzes. Wir haben eines und es wird auch angewandt. Der Täter war Franzose, wahrscheinlich kommt demnächst eine Forderung die Grenze zu Frankreich zu schließen!?

    Man kann nicht immer einen Schuldigen ausmachen, das liegt in der Natur von Tragödien. Das ist einfach so, da nützt auch die wildeste Mutmaßung nichts, wenn man nicht weiß wie es dazu kommen konnte. Punkt.
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  •   silberahorn
    (9622 Beiträge)

    13.07.2012 14:57 Uhr
    Mir ging es auch darum,
    dass es JEDEN treffen kann. Deswegen mein Fall unter der Vorgabe: staatliche Hilfen in Anspruich nehmen können!

    Die erschossene Wohnungseigentümerin hatte doch auch im Rest gesehen sogar noch mehrere zehntausend Euro Vermögen, scheint aber irgendiwie den Faden verloren zu haben. Da kann wirklich nur ein gutes privates Umfeld hilfreich sein.
    Ich hatte das zum Glück! Aber es gibt eben auch Menschen, denen das dann nicht gegeben ist.

    Habe zu Miete gewohnt, war Teil einer Erbengemeinschaft, gab das ordnungsgemäß an. Bedürftig hätte ich gar nicht sein müssen, wie sich später rausstellte.
    Die ganzen Arbeitsweisen hätten aber dazu führen können, dass ich die Wohnung nicht mehr mit Miete bedienen kann, weil ich "Besitz" hatte, dessen Verwertung auch Zeit braucht. Insgesamt gesehen hatte ich Vermögensschaden, der nicht abzuwenden war, den ich nicht versemmelt habe und den damit verbundenen Stress. Theorie und Praxis sind zwei Stiefel. Staatliche Hilfe ist theoretisch gut.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    13.07.2012 13:55 Uhr
    Das Procedere hätte bei mir auch kommen können
    Hätte, hätte Fahrradkette. Dieses Procedere kann jeden treffen.
    Wenn ich mein Haus nicht mehr finanzieren kann, aus welchem Grund auch immer, dann muss ich es entweder verkaufen oder es wird eben zwangsversteigert und ich zieh wieder in Miete.

    Was ihr persönlicher Fall jetzt mit diesem zu tun hat erschließt sich mir immer noch nicht.
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  • unbekannt
    (1272 Beiträge)

    13.07.2012 10:44 Uhr
    Die Bank und ihre Helfer
    Was passiert dann mit den Leuten die aus der Wohnung müssen ? Werden diese Leute aufgefangen ? Was passiert meistens mit der Immobilie ? Ist es häufig die Bank die Ihr Geld dadurch bekommt ? Ein paar schicksale, natürlich Anonymer art wären Interesant.

    Was kann man eigentlich dagegen tun wenn eine Immobilie weit unter Wert ermittelt wird nur um der Bank den Betrag zu geben ?

    Wie ich gehört habe scheint es Praxis zu sein und die Leute Kreisen ja auch wie die Geier über sowas.
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    13.07.2012 11:04 Uhr
    Moment
    Im konkreten Fall war es so, dass es am Geld nicht lag. Mehrere zehntausend Euro waren aus der Versteigerung übrig und warteten nur auf die Anforderung der ehemaligen Eigentümerin.
    Am Geld lags also nicht, auch nicht an der Bank oder an irgendwelchen Geiern.

    Ein öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger erstellt im Vergleichsverfahren eine Wertermittlung her, also keinesfalls weit unter Wert.
    Von welcher Praxis schreibst du eigentlich? Natürlich ist es Praxis eine Zwangsversteigerung durchzuführen, wenn der Schuldner nicht mehr zahlen kann. Wie wäre denn dein Vorschlag?
    Schulden einfach erlassen? Sollte das die Bank tun, wäre das auch dein Geld! Bist du so großzügig?
    Und nochmal, es dauert sehr sehr lange bis es zu einer Zwangsversteigerung kommt, man hat also die Möglichkeit zu reagieren, Stundung und Umfinanzierung und das nichts bringt werden auch staatliche Hilfen, wei z.B. eine Schuldnerberatung angeboten. Man muss sie nur nutzen.
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  •   silberahorn
    (9622 Beiträge)

    13.07.2012 11:49 Uhr
    Hat mit Banken
    tatsächlich nichts zu tun.
    Aber wie geht das überhaupt, dass jemand 50.000 EUR bei einer Krankenversicherung ansammeln kann, die dann vom Zoll eingetrieben werden muss. Privat versichert muss man sowieso in Vorleistung treten. Gesetzlich versichert dauert es auch ein Weilchen, falls es um Beitragsleistungen ging.

    Freiwillig versichter Selbsständige war ich auch schon und habe mir bei meiner seriösen Zahlungsmoral das Geld dafür geliehen. Allerdings nicht bei der Stadt Karlsruhe mit deren Darlehensverträgen.
    Bis sich dann rausstellte, wo der klitzkleine Anfangsfehler lag und die DRV Bund Krankenversichrungsbeiträge getragen hätte, sind Jahre vergangen und über 30 Stellen zur Beratung, Klärung und Unterstützung auch tatsächlich angelaufen worden. Davon waren die meisten auch kompetent und hilfreich. Der Rest hat denen Arbeit eingebracht und auch noch so getan, als wenn es an mir lag. Es lag nicht an mir!

    Man muss staatliche Hilfen eben nur nutzen?
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  • unbekannt
    (8066 Beiträge)

    13.07.2012 12:20 Uhr
    Es ging mir jetzt um diesen Fall und das Procedere der Zwangsversteigerung im Allgemeinen und nicht um ihre Krankenversicherung oder die DRV (deutsche Rentenversicherung, nur falls einer das Kürzel nicht kennt zwinkern )
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  •   silberahorn
    (9622 Beiträge)

    13.07.2012 13:33 Uhr
    Das Procedere hätte bei mir auch
    kommen können. Ein vorgelegter Darlehensvertrag mit der Stadt war in meinem Fall unverhältnismäßig mit Pfändungsverpflichtung und Recht auf Zwangsversteigerung verbunden gewesen!!!
    Versagt haben in meinem Fall Leute in Karlsruhe, deren berufliche Aufgabe Kenntnis der Gesetze gewesen wäre. Es hat nichts geholfen, wenn ich sagte, dass etwas nicht stimmen kann.
    Dass die Stadt viel Geld einsparen konnte, weil ich behilflich war Wohnraum für Obdachlose zu erstellen, das ging aber.
    Wenn ein Dipll. Ing. das in Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung machte und man von den zuständigen Stellen alles auslässt, was an beratenden Wegen in die richtige Richtung führt, dann steckt mehr dahinter, als nur Krankenversicherung, Rentenversicherung. Seit 2005 wusst man von der Anerkennung nach Opferentschädigungsgesetz!
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