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Karlsruhe Komplexe Phänomene einfach erklärt - warum Verschwörungstheorien gerade in Krisenzeiten so beliebt sind

"Elvis lebt" oder auch "Die Mondlandung war inszeniert" - das sind zwei sehr bekannte Verschwörungstheorien. Solche Ideen faszinieren den Menschen seit langer Zeit und sind nicht neu. Doch nicht alle sind so harmlos - viele münden in antidemokratische Bestrebungen und Rassismus. Gerade in Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur - komplexe Phänomene werden einfach erklärt. Doch wie geht man mit Verschwörungstheoretikern um? Wie kann man sie entkräften?

"Verschwörungstheorien sind vor allem dann gefährlich, wenn sie sich gegen ohnehin schon schwache und stigmatisierte Gruppen richten - seien es Flüchtlinge, Juden oder wie beim jüngsten Attentat in Neuseeland Muslime", erklärt Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen. Er forscht schon lange zu Verschwörungstheorien - in Karlsruhe hat er im Rahmen der Wochen gegen Rassismus einen Vortrag gehalten. ka-news hat ihn zum Gespräch getroffen.

Was sind Verschwörungstheorien?

Michael Butter unterscheidet bei Verschwörungstheorien drei Charakteristika:

  1. Sie gehen erstens davon aus, dass nichts durch Zufall geschieht.
  2. Sie behaupten zweitens, dass alles miteinander verbunden ist.
  3. Und drittens, dass nichts so ist wie es scheint.

Verschwörungstheoretiker gehen demzufolge von einer im Dunkeln agierenden, kleinen Gruppe aus, die die Gesellschaft kontrolliert. "Vor allem in Krisenzeiten genießen Verschwörungstheorien Hochkonjunktur", heißt es auf der Seite der baden-württembergischen Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Hinzu kommt heutzutage vor allem noch der "Vertrauensverlust in die etablierten Medien", so die Landeszentrale weiter.

Verschwörungstheorien haben "Sündenbockfunktion"

Die Popularität von Verschwörungstheorien begründet sich vor allem darin, dass sie komplexe Phänomene erklärbar machen. Sie erfüllen eine "Sündenbockfunktion" und geben Anhängern ein konkretes Feindbild: "Es sind nicht abstrakte Dinge wie die Globalisierung, die an den Problemen schuld sind, sondern eine identifizierbare Gruppe von Bösewichten", meint Butter im Gespräch mit ka-news.

Genau darin steckt dann auch die Gefahr des Rassismus: "Verschwörungstheorien, die rassistisch und antisemitisch sind, sind immer in besonderer Weise problematisch, weil sie dazu führen können, dass Gewaltausübung legitimiert wird", so der Professor für Amerikanistik.

Jüdische Gemeinde Karlsruhe
(Symbolbild) | Bild: Archiv

Als einen "Klassiker" unter ihnen bezeichnet Michael Butter den Glauben an die "jüdische Weltverschwörung", wonach die Juden die Kontrolle über die Welt anstreben oder bereits besitzen. Diese Theorie war, wie Butter erklärt, in Deutschland im 20. Jahrhundert für eine Zeit lang Staatsideologie und hat "signifikant zum Holocaust beigetragen". Ihr Ursprung findet sich nach Ansicht des Tübinger Professors nicht, wie oft angenommen, im Mittelalter, sondern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Wenn die Verschwörungstheorie rassistisch wird

Eine sehr gegenwärtige Behauptung ist die "Theorie des Großen Austausches", eine antimuslimische Theorie. Diese geht laut Butter davon aus, dass es "eine dunkle Gruppe von Eliten" gibt, die das Ziel verfolgt, "die christliche Bevölkerung Europas gegen eine muslimische auszutauschen" und dieses Ziel durch eine bewusste und gelenkte Einwanderung erreichen will.

Nach dem Christchurch-Attentat vor wenigen Tagen in Neuseeland wurde sie erneut befeuert: "Das Manifest, das der Attentäter von Neuseeland ins Netz gestellt hat, bevor er losgezogen ist, trägt nicht umsonst den Titel 'Der Große Austausch', weil er sich genau auf diese Verschwörungstheorie bezogen hat", so Butter.

Am "Großen Austausch" orientiert sich auch eine Behauptung zu 9/11. Hierbei glauben die Anhänger, dass die Anschläge auf das World Trade Center von der US-amerikanischen Regierung inszeniert wurden oder "zumindest willentlich geschehen lassen wurden", wie Butter gegenüber ka-news erläutert.

World Trade Center
(Symbolbild) Das durch den Anschlag von 2001 zerstörte World Trade Center in New York. | Bild: pixabay.com

Innerhalb dieser Behauptung, so erklärt er weiter, gebe es verschiedene Versionen, unter anderem eine antisemitische, die davon ausgeht, dass die Juden gewarnt wurden. Deshalb soll sich am Tag des Anschlags auch kein Jude im World Trade Center befunden haben und somit auch kein Jude ums Leben gekommen sein, was "nachweislich" nicht stimme, so Butter.

Konkrete antidemokratische Auswirkungen: Die Bundesrepbulik ist eine GmbH

Nicht weniger problematisch ist eine weitere Verschwörungstheorie, deren die sogenannten "Reichsbürger" anhängig sind: "Die Gruppe der Reichsbürger denkt, dass das Deutsche Reich nie aufgehört hat zu existieren und dass die Bundesrepublik eine Illusion ist", sagt Anglistik-Professor Michael Butter wiederum über die Reichsbürger.

Deutschland ist ihrer Ansicht nach nur eine GmbH, die mit dem Ziel eines wirtschaftlichen Gewinns betrieben wird. Als Beleg dafür führen Reichsbürger gerne an, dass die Deutschen einen Personalausweis besäßen, während es in anderen Ländern die "Identity Card" gibt und das würde beweisen, dass "wir Personal einer Firma" seien, erklärt Butter.

Grundgesetz gleich Verfassung?

Dieses Argument entkräftet die Landeszentrale für politische Bildung: Das Wort "Personal" lässt sich aus dem spätlateinischen "Personalia" ableiten und heißt so viel wie "persönliche Dinge" - und somit wird beim Wort Personalausweis nichts anderes ausgedrückt, als dass dieser persönliche Daten enthält.

Außerdem ist die BRD für die Reichsbürger kein anerkannter Staat, da das Grundgesetz zur Zeit der Besetzung durch die Alliierten nur für die westdeutschen Länder zählte und man es verpasst habe, mit der Wiedervereinigung eine neue gesamtdeutsche Verfassung zu etablieren. Ohne Verfassung also kein deutscher Staat.

"Reichsbürger"-Flagge
"Reichsbürger"-Flagge. Foto: Nicolas Armer/Archiv |

Die LpB widerspricht auch dieser Beweisführung. Stattdessen wurde das Grundgesetz einfach beibehalten und "der Artikel 146 GG wurde mit einem Relativsatz ergänzt, der festlegte, dass das Grundgesetz für das gesamte deutsche Volk gilt", heißt es bei der LpB. Deshalb nimmt nach Ansicht der LpB das Grundgesetz die Rolle einer Verfassung ein. Hier der Auszug aus Artikel 146:

"Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist." (Quelle: Bundesministerium für Justiz)

Der große Denkfehler der Verschwörungstheorien

Ein Grund für die Hartnäckigkeit solcher Behauptungen wie die der Reichsbürger liegt, im Unterschied zu Gerüchten, in der scheinbaren Beweisbarkeit: "Verschwörungstheorien versuchen zu beweisen, was sie behaupten. Verschwörungsgerüchte tun das nicht", so der Professor für Amerikanistik im Gespräch mit ka-news. Die Beweisführung erfolgt oft durch "abendfüllende Youtube-Filme", die viele Belege anführen oder auch über umfangreiche Bücher und Schriften, die teils noch hundert Seiten an Fußnoten zur Beweisführung anbringen, wie Michael Butter erläutert.

All die beschriebenen Theorien lassen sich seiner Aussage nach detailreich widerlegen. "Verschwörungstheoretische Argumentationen gehen allgemein von dem großen Fehlschluss aus, dass kleine Gruppen die Gesellschaft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg kontrollieren können. Das ist falsch und läuft allen Erkenntnissen der modernen Sozialwissenschaft entgegen", so der Tübinger Professor, und ergänzt: "Soziale Systeme sind viel zu komplex, als dass man sie dauerhaft kontrollieren könnte."

So kann man gegen Verschwörungstheoretiker vorgehen

Auch wenn sich die meisten Behauptungen detailreich widerlegen lassen, so ist es oft mühsam, einem Verschwörungstheoretiker mit Fakten beizukommen. Die können zwar bei der Argumentation gegenüber unbeteiligten Dritten helfen, doch nicht bei jenen, die schon fest an ihre Theorie glauben.

Wer Fakten anführt, erreicht eher das Gegenteil und sorgt dafür, dass bei den Anhängern solcher Theorien ein Abwehrmechanismus einsetzt, der dazu führt, dass sie "noch mehr an ihre Theorien glauben", so Michael Butter.

"Wie kommst du denn auf diese Idee?"

"Wenn es aber darum geht, einen Verschwörungstheoretiker zu überzeugen, dann sollte man nicht mit dem Wort "Verschwörungstheorie" kommen und den ganzen Fakten, die diese widerlegen", empfiehlt Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Uni Tübingen.

Stattdessen ist es ratsamer, auf sein Gegenüber einzugehen und Fragen zu stellen: "Wie kommst du denn darauf? Warum hast du diese Idee?", so Butter. Man sollte also die Rolle des Zuhörers einnehmen, der aus dem Hintergrund lenkt und die Anhänger von Verschwörungstheorien indirekt auf "innere Widersprüche ihrer Theorien" aufmerksam macht.

 


Neben den Klassikern, wie "Elvis lebt" oder der Mondlandung, die niemals stattgefunden haben soll, gibt es laut Landeszentrale für politische Bildung noch weitere bekannte Verschwörungstheorien: 

  • Tod von John F. Kennedy
    Im Gegensatz zur Einzeltäterthese, dass Lee Harvey Oswald den damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 erschoss, vermuten bis heute Verschwörungstheoretiker ein Komplott hinter dem Attentat. Befeuert wurden die Spekulationen durch das schnelle Ableben des Tatverdächtigen und Pannen, Versäumnisse und Fehler der Ermittlungsbehörden, Ärzte und Untersuchungskommissionen. Die Sowjetunion, die Mafia oder CIA und FBI - je nach Auffassung unterscheiden sich die Vermutungen, wer für den Mord verantwortlich war.
  • Geheime Weltregierung/Neue Weltordnung
    Nach der sogenannten "Neue Weltordnung" (Engl.: "New World Order") gibt es eine globalen Elite im Geheimen, welche die Herrschaft über die gesamte Menschheit erlangen will. Die meisten Verschwörungstheoretiker gehen allerdings schon davon aus, dass die Welt von einer autoritären und supranationalen Weltregierung kontrolliert wird. Je nach Auffassung stecken unterschiedliche Mächte hinter dieser Elite – von den USA, Illuminaten, Freimaurern bis hin zur jüdischen Weltverschwörung.
  • Impfen
    Anhänger der "Impf-Lüge" sind der Überzeugung, dass die Impf-Empfehlungen der WHO (World Health Organization) nur ausgesprochen werden, um die Profitgier der Pharma-Lobby zu bedienen. Je nach Auffassung unterstehen die WHO und das US-amerikanische CDC (Center for Disease Control and Prevention) der CIA. Sie soll wiederum Krankheiten erzeugen. Das Impfen dient nach den Impf-Gegnern nicht dem Schutz vor Krankheiten, sondern soll diese erst auslösen.
  • Chemtrails
    Nach den Anhängern der Chemtrail-Theorie werden giftige Chemikalien, die dem Treibstoff von Flugzeugen beigemischt werden, am Himmel ausgesprüht, um die Bevölkerung zu vergiften. Je nach Auffassung steckt wieder eine geheime Weltregierung dahinter. Deren Ziel sei es, die Bevölkerung der Erde zu kontrollieren oder reduzieren. Erst durch das Internet scheint diese Verschwörungstheorie zu ihrer Popularität gekommen zu sein.
  • RFID-Chips
    Um die Bürger zu kontrollieren, planen die Eliten der Welt angeblich, langfristig jedem Menschen einen Computerchip unter die Haut zu implantieren. Jede Person kann so durch elektromagnetische Wellen auf der Welt geortet werden. Besonders politisch unliebsame Personen sollen bevorzugtes Ziel dieser Überwachung sein. Manche Vertreter dieser Theorie vermuten sogar, dass der Chip die Fruchtbarkeit einschränkt, die Gedankenkontrolle oder sogar die Tötung der Knopfdruck ermöglichen soll.
  • Flache Erde
    Die Erde sei in Wirklichkeit flach. Anhänger der Theorie ziehen häufig die Schöpfungsgeschichte der Bibel als Beweis heran und argumentieren, dass nur das "echt" sei, was mit den eigenen Sinnen wahrgenommen werden könne. Die Kugelform stelle dagegen nur die Macht- und Geltungssucht einer globalen Elite dar. Sie soll das Bild einer kugelförmigen Erde vorgeben, um die Menschen vor Gott fernzuhalten.
  • Reptiloide
    Bei den Reptiloiden handelt es sich um Wesen, die aus einer Kreuzung zwischen Mensch und außerirdischer Reptilienrasse entstanden sein sollen. Auch deren Ziel ist die Weltherrschaft. Unter ihnen sollen sich sogenannte „shapeshifter“ befinden, die sich als normale Menschen tarnen, um aus hochrangigen Positionen Macht auszuüben. Wer unter anderem dazugehören soll: Mitglieder des englischen Königshauses, George W. Bush, Barack Obama oder auch Lady GaGa.
  • Bielefeld-Verschwörung
    "Bielefeld gibt’s doch gar nicht" – diese Theorie wurde im Jahr 1993 auf einer Studentenparty in Kiel gesponnen. Ein Jahr später wurde die Verschwörungstheorie erstmals öffentlich im deutschsprachigen Usenet verbreitet, wo sie Kultstatus erreichen konnte. Im Gegensatz zu den anderen Beispielen handelt es sich bei der "Bielefeld-Verschwörung" um eine satirische Verschwörungstheorie, die sich über die Argumentationsstrukturen anderer Verschwörungstheorien lustig macht.
Mehr zum Thema
Online-Wochen gegen Rassismus:
Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

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