30  

Karlsruhe "Es hat lange gedauert, bis ich ausgewachsener Neonazi war - und genauso lange, um mich davon zu distanzieren"

Lange war Christian Ernst Weißgerber Teil der rechten Szene, wurde als Jugendlicher zum Neonazi - und fand den Ausstieg. Heute spricht er über seine Vergangenheit, will Jugendlichen helfen, ebenfalls aus der Szene auszusteigen und Eltern für das Thema sensibilisieren. Denn der Einstieg in rechte Strukturen geschieht langsam - über Freunde, Konzerte und jugendliche Neugier.

Weißgerber wurde selbst als Jugendlicher zum Neonazi, sang in rechtsextremen Bands, koordinierte Jugendgruppen. Dann stieg er aus. Heute lebt er als ausgebildeter Kulturwissenschaftler und Philosoph in Berlin und ist freiberuflich als Bildungsreferent und Übersetzer tätig. Heute klärt er Jugendliche und Eltern über rechtsextreme Strukturen auf. Aktuell engagiert er sich im Rahmen der Karlsruher Wochen gegen Rassismus.

Wie passiert der Einstieg in die rechte Szene?

"Viele finden es spannend, sind neugierig oder haben Freunde, die in der Szene aktiv sind - und dann entwickelt sich das langsam", erzählt Weißgerber im Gespräch mit ka-news.

Aussteiger Christian Weißgerber
Aussteiger Christian Weißgerber will Kinder und Jugendliche über die Gefahren der Radikalisierung aufklären. | Bild: Sebastian Geschonke

Junge Menschen würden nicht verführt oder rutschten ab, so der Aussteiger, so Weißgerber. Viele wüssten was sie tun. "Viele machen aus Überzeugung mit, genießen es, Macht auszuüben!" Wie gelang Weißgerber der Ausstieg? Irgendwann es bei ihm "Klick gemacht", er wollte raus aus der rechten Szene. "Es hat lange gedauert, bis ich ausgewachsener Neonazi war - und es hat auch genauso lange gedauert, mich davon zu distanzieren", so Christian Weißgerber.

Im Juni 2017 marschierten Neonazis durch Durlach (Symbolbild). | Bild: T.Riedel

Damit es bei anderen Jugendlichen gar nicht erst so weit kommt, will er bei der Aufklärung helfen. "Manche Eltern checken das gar nicht. Wenn man keinen guten Draht zu seinem Kind hat, dann ist es schwer festzustellen, dass sich der Sohn oder die Tochter radikalisiert!"

 

Eltern müssen sich mit Thematik auseinandersetzen

Dass junge Menschen nationalistische und rassistische Anschauungen vertreten ist keinem speziellen sozialen Umfeld zuzuordnen: Es "zieht sich durch alle Schichten", sagt Weißgerber. Daher sei es für Eltern oder Angehörige wichtig, dass sie sich mit der Thematik Neonazismus auseinandersetzten. "Dazu haben aber die wenigsten Zeit und Lust", sagt Weißgerber. 

Daher ist der Kulturwissenschaftler unterwegs, veranstaltet Lesungen aus seinem neuen Buch "Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war", erzählt über seinen Ausstieg, hält Vorträge und Diskussionsrunden.

Aussteiger Christian Weißgerber
Christian Weißgerber bei einem Vortrag in Nürnberg bei DEGRIN e.V. | Bild: DEGRIN e.V.

So auch vor Schülern des Karlsruher Markgrafen-Gymnasiums. "Die Einladung nach Karlsruhe zu kommen verstehe ich als Teil meiner Verantwortung dafür, was ich in meiner Jugend gemacht habe", so der 29-Jährige im Gespräch mit ka-news. 

Der Artikel wurde nachträglich bearbeitet.

 

ka-news-Hintergrund

Christian Weißgerber ist im Rahmen der Karlsruher Wochen gegen Rassismus aktiv. Aus Sicherheitsgründen werden Orte und Daten der Vorträge nicht vorab publiziert.

Derzeit bereitet er eine Promotion zur Untersuchung des Einflusses von digitalen Medien auf Radikalisierungsprozesse vor. Ausgehend von seinen Erfahrungen in der Neonazi-Szene liegt sein Fokus auf der Aufklärung über rechtsextreme Strukturen besonders bei der Betrachtung von Radikalisierungsprozessen, ihren individuellen gleichwie gesellschaftlichen Auslösern, den sie begünstigenden Umständen sowie auch möglichen Deradikalisierungsstrategien.

Mehr zum Aussteiger: www.christianweissgerber.de

Mehr zum Thema
Online-Wochen gegen Rassismus:
Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Unsere Sonderthemen
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (30)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   107
    (359 Beiträge)

    29.03.2019 20:26 Uhr
    unser völkerrechtlich verbindlicher Friedensvertrag fehlt seit 11.11.1918
    neben der US Airbase in Ramstein wird jetzt eine neues Militär-Hospital gebaut und

    in Lingenfeld bei Germersheim soll die Kapazität des Gefahrgutlagers von 70 auf 1900 Tonnen erweiter werden und

    in Büchel in der Eifel werden die Nuklearwaffen "aktualisiert" und

    die Bundeswehr hat einen Vertrag mit DB Cargo seit 1.1.2019, der bis an die Grenze Rußlands reicht.

    UND ?
    Irren ist menschlich.

    Sollte mein Eindruck sich bestätigen, daß die hiesigen Besatzer Vorbereitungen treffen für einen Angriffskrieg dann wäre nicht nur Schluß mit lustig.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   HerrNilson
    (1010 Beiträge)

    29.03.2019 20:36 Uhr
    Was genau hat
    das mit Rassismuswochen und dem Aussteiger aus der Naziszene zu tun?
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Nacional
    (527 Beiträge)

    29.03.2019 11:24 Uhr
    sehr guter Artikel
    ka-news, bitte mehr davon grinsen
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Rambazamba
    (345 Beiträge)

    28.03.2019 08:13 Uhr
    Eines der Fotos zeigt doch einen Grund
    So banal das jetzt klingen mag, aber Dinge wie "Kameradschaft" können schon verlockend sein - vor allem wenn man selbst im Abseits steht. Man findet eine Gruppe, ein Rudel, seine Brüder, die auch noch - welch ein Glück! - die selbe Gesinnung haben. Dann hat man noch ein gemeinsames "Feindbild" und schon hat man ein feines Grüppchen, das eingeschworen aufeinander aufpasst und zusammen etwas/jemandem/den anderen gegenübersteht.
    Dann braucht es noch einen charismatischen Anführer und die "braven Soldaten" folgen. Egal, ob (religiöse) Sekte, (Neo-)Nazis, IS, ... so funktioniert's. Widerstehen kann nur, wer geistig und moralisch gefestigt ist, ein solides Umfeld hat und im Leben auf sicheren Beinen steht.
    Hineinrutschen - gerade durch den "falschen Umgang" - kann man gerade als noch naiver Jugendlicher ganz schnell. Herauskommen ist eine Herkulesaufgabe, weil man nicht nur der eigenen Gesinnung abspricht, sondern auch seinen "Brüdern". Darum: Respekt, Herr Weißgerber.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Gedankenpolizei
    (152 Beiträge)

    28.03.2019 01:45 Uhr
    Karlsruhe sollte sich generell gegen Radikalismus stellen.
    Da gäbe es zu diesem Aussteiger bestimmt noch welche von anderen Gruppierungen, die zu Wort kommen könnten.Es ist doch auf allen Seiten die selbe Masche. Gutgläubige werden durch hohle Phrasen zu einem extremen Menschen geprägt, der bereit ist üble Straftaten inm Sinne der Vereinigung zu begehen.

    Glaubt mir eines. Es wird auch nach Ausmerzung der jetzt vorhandenen Extreme wieder neue Bewegungen geben. Der Mensch ist ein Herdentier und immer anfällig für sogenannte Leader. Hauptsache selbst nichts denken zu müssen ist dich hoch im Kurs. Sehet die Dauer-"Smartphone"-Nutzer. Sie tragen ihr Hirn in der Hand. Nimm ihnen das Ding weg, dann rennen sie herum wie ein Junkie, der den nächsten Schuß sucht. Es ist mittlerweile zu einfach geworden, Menschen zu radikalisieren. Das funktioniert sogar mit Gemeinderäten oder ähnlichen Institutionen.

    Nun gut, wir wissen ja was Sache ist. Ändern wird schwierig sein.
    Solche Leute sind das gefundene Fressen für Radikalisierer.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Krawallradler
    (442 Beiträge)

    27.03.2019 20:50 Uhr
    zum Glück
    gelingt es ja den allermeisten Eltern ihre Kinder so zu erziehen, dass sie gegen die rechten Luftblasen und Verschwörungstheorien immun sind.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Peacemaker
    (423 Beiträge)

    27.03.2019 20:37 Uhr
    Dieser Aussteigerbericht
    ist wohl das einzig wirklich wertvolle an diesen Rassimuswochen. Respekt.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   HerrNilson
    (1010 Beiträge)

    27.03.2019 20:38 Uhr
    ..
    Aha
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   09-05-1951
    (20 Beiträge)

    27.03.2019 20:24 Uhr
    #gegenRassismus
    Hier wird ein junger Mann vorgestellt, der aus dem inneren Kreis der rechten Szene kommt und ganz genau weiß wie diese Szene tickt und vernetzt ist.
    Was er nun leistet ist ein echter Beitrag an Aufklärung und das was er über Verantwortung sagt ist, über seine Verantwortung, kann nicht hoch genug geschätzt werden.

    Hut ab, das erfordert Mut.

    Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass hier (außer zwei sehr müden Versuchen, das alles abzuwerten) so wenig Kommentare stehen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   VielVorNixDahinter
    (222 Beiträge)

    29.03.2019 06:54 Uhr
    Das mag durchaus sein
    Allerdings fehlt auch der Hagel von Schulterklopfern aus den Reihen der Berufslinken, die hinter jedem Krümel auf der Straße Rassismus wittern und vor lauter Jagd darauf aus der Schnappatmung nicht mehr herauskommen. Dort müsste doch jetzt eitel Freude herrschen über einen Sünder, der Buße getan hat.

    Herr Weißgerber hat meinen großen Respekt. Denn mit dem langen Weg aus der Szene wird es nicht getan sein - sie wird ihn beobachten, und wenn er zu laut ist, wird sie ihn bedrohen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten

Seite : 1 2 3 (3 Seiten)

Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.