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Karlsruhe "Empowerment bedeutet, dass ich die Gesellschaft nicht sofort ändern kann, aber ich kann die Einstellung dazu ändern"

Menschen zu stärken und ihnen Vertrauen zu geben, dass sie ihr Leben so gestalten können, wie sie es wollen. Das ist das Ziel der Karlsruher Gruppe "Empowerment! KA". Was hinter dem Wort Empowerment steckt und wie es die Gesellschaft verändern kann, darüber hat ka-news-Mitarbeiterin Sandra Akkad mit den Gruppen-Gründerinnen Katarina Behret und Lavinia Sichert gesprochen.

Wie entstand die "Empowerment! KA"-Gruppe?

Katarina Behret: Vor fast vier Jahren hatte ich das Bedürfnis eine Community in Karlsruhe zu schaffen, in der man sich regelmäßig trifft und austauscht, unter anderem über politische Arbeit. Zuerst habe ich einen Flyer erstellt und über verschiedene Kanäle einen Aufruf gestartet. Ich habe Menschen direkt auf der Straße angesprochen und so hat sich langsam eine kleine Gruppe aus fünf Leuten gebildet.

Wir treffen uns heute regelmäßig, tauschen uns über politische Themen aus, organisieren Aktionen und sprechen über persönliche Erfahrungen, die wir im Alltag erleben. Die Besonderheit an unserer Gruppe ist, dass es unabhängig ist, welcher Religion man angehört oder aus welchem Land man stammt, alle sind herzlich willkommen.

Lavinia Sichert: Unsere regelmäßigen Treffen, helfen uns dabei in vielen Themen voranzukommen.

Welche Themen sind das?

Sichert: Wir thematisieren zwei Bereiche. Zum einen den inneren Bereich, das heißt wir stärken uns selbst durch Gespräche und Austausch von Erfahrungen. Es kommt zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt immer wieder vor, dass man aufgrund des "falschen Namens" diskriminiert wird.

Oder bei der Wohnungssuche als PoC (Person of Colour) ungewöhnliche Fragen gestellt bekommt, wie zum Beispiel: Wie groß ist ihr Freundeskreis? Feiern sie nachts Partys? Wir haben auch Eltern in der Gruppe, die die Treffen dafür nutzen, um sich über rassistische Bemerkungen gegenüber ihren Kindern auszutauschen.

Zum anderen gibt es den äußeren Bereich, der politische Themen aufgreift. Hierzu gehören, unsere Veranstaltungen mit Storytelling, wie zum Beispiel letztes Jahr am Tag des Rassismus oder mit Zeitungen zu sprechen. Wie versuchen dahin zu wirken, dass es in den Zeitungen eine politisch gerechtere Sprache gibt. Wie zum Beispiel anstatt "Flüchtling" wäre eine bessere Umschreibung Geflüchteter/Geflüchtete oder anstatt "Fremdenfeindlichkeit" besser Rassismus zu wählen.

Behret: Wir als Gemeinschaft helfen einander mit dem Austausch unserer Lebenserfahrungen. Dies ist für uns sehr wertvoll. Wir haben Spaß zusammen, machen gemeinsam Ausflüge oder gehen ins Kino. Wir sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Doch es gibt einen Punkt, der uns vereint und das sind die rassistischen Erfahrungen. In der Gruppe findet man den Rückhalt und die Freundschaft, die man braucht.

Wie ist die Resonanz nach vier Jahren in Karlsruhe?

Sichert: Die Gruppe hat sich vergrößert, es kommen immer mehr Mitglieder hinzu. Wir sind seit 2016 bei den "Wochen gegen Rassismus" dabei und jedes Jahr mit verschiedenen Aktionen vertreten, zum Beispiel haben wir die Autorin Anne Chebu eingeladen. Sie hat das Buch "Anleitung zum Schwarz sein" geschrieben.

Behret: Des weiteren haben wir immer wieder Veranstaltungen zum Thema "vorteilsbewusste Pädagogik" an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe. Wir veranstalten Kinderbuchlesungen in Kindergärten. Wir haben zum Beispiel ein Berliner Kinderbuch "Nelly und die Berlinchen" vorgestellt, dass nicht nur weiße blauäugige Kinder darstellt, sondern auch Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben. Das Buch zeigt wie wirksam es ist, wenn mehrere Kinder of Colour was zusammen machen, ohne dass es dabei um "fremde" Kulturen, Flucht oder Rassismus geht.

Es ist wichtig, dass Lehrer und Lehrerinnen darin hin ausgebildet werden, dass sie diskriminierungskritisch denken! Denn wir haben festgestellt, dass Diskriminierung bereits in Kindergärten und Schulen beginnt. Es geht uns darum, dass wir Lehrkräfte sensibilisieren, auf bestimmte Begriffe oder Wortwahlen zu reagieren. Hinhören ist sehr wichtig!

Eröffnung Karlsruher Wochen gegen Rassismus
Frauenpower: Die "Empowerment KA"-Gruppe im Interview mit ka-news | Bild: Alexander Hammer

Kommen Schulen und Kindergärten auf Sie zu?

Behret: Eine Freundin hat uns vor drei Jahren angesprochen, dass ihre Tochter rassistische Erfahrungen erlebt hat. Die Kita Leitung hat offen reagiert und wollte sich in dieser Hinsicht informieren und hat uns eingeladen. Leider ist es so, dass wir eher eine Abwehrhaltung gegen das Thema Rassismus in Deutschland erleben, deswegen freuen wir uns natürlich umso mehr, wenn Kita ,-und Schulleitungen offen gegenüber diesem Thema herantreten.

Das Wort Rassismus ist aus geschichtlichen und medienbedingten Gründen sehr schwer in Unterhaltungen einzubringen. Leider wird der Begriff in den Medien nur mit einem rechtsradikalen Zusammenhang genannt. Lehrkräfte überhören oft Bemerkungen oder tun es als gewöhnliche Hänselei ab. Einige stehen auch vor dem Problem, nicht zu wissen, wie sie reagieren sollen und was sie sagen können.

Sichert: Katarina und Kerstin Anabah haben die Ausstellung "Vielfalt mit Kindern erleben - Alltagsrassismus und Empowerment" konzipiert. Diese tourt durch die Kindergärten und Grundschulen in Deutschland. Es ist wichtig, die Einrichtungen so früh wie möglich zu erreichen.

Wie wird das Thema Rassismus an die Kinder herangetragen?

Behret: Wir tragen das Thema auf eine einfache und kindliche Ebene heran.

Sichert: Ein ganz einfaches Werkzeug sind Hautfarbenstifte. Hier müssen Erzieher und Erzieherinnen nicht viel reden, aber plötzlich stehen den Kindern nicht nur pinke Hautfarbenstifte zur Auswahl, sondern verschiedene Hautfarben.

Behret: Eine weitere Methode ist es die Spielzeuge zu erweitern, mit Puppen oder Playmobil Figuren mit verschiedenen Hautfarben. Es ist spannend mit kleinen Kindern zusammenarbeiten und ihre Sichtweise zu sehen. Wir haben gemerkt, dass es bei Jugendlichen schwieriger ist, da meistens bereits eine Mauer aufgebaut worden ist.

Wie werden Leute auf Sie aufmerksam?

Sichert: Wir haben Mitglieder, die zum einen durch das Internet auf uns aufmerksam geworden sind und zum anderen durch Mund Propaganda. Menschen fällt es immer leichter auf uns zuzukommen, wenn sie jemanden bereits aus der Gruppe kennen, somit ist die Hemmschwelle geringer.

Welche Erfolgserlebnisse erleben die Mitglieder?

Sichert: Unsere Gespräche und der Austausch von Erfahrungen helfen Menschen bei der Wohnungs,- und Jobsuche. Sie gehen mit einer anderen Haltung in Bewerbergespräche. Sie sind gestärkt dank solcher Treffen. Aber auch im privaten Bereich haben sie gegenüber ihrer Familie eine andere Haltung. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Familienmitglieder die Betroffenen unterschwellig diskriminieren. Als Beispiel eine weiße Familie mit einem schwarzen Kind. Dieses regelmäßige Empowerment, hilft auch eine andere Einstellung sich selbst gegenüber wieder zu finden. Sich nicht mehr zermürben zu lassen.

Empowerment bedeutet, dass ich die Gesellschaft nicht sofort ändern kann, aber ich kann selbst die Einstellung dazu ändern. Ich kann meine Stärken zu gewissen Dingen wiederfinden.

Behret: Es sind Situationen, in die man immer wieder kommen wird, sei es in der Familie oder bei der Wohnungs,- und Jobsuche. Man bekommt oftmals ähnliche Fragen gestellt und man muss sich für sein Aussehen, seinem Namen oder seiner Aussprache rechtfertigen. Wenn man aber die Empowerment Gruppe besucht und vorher Themen bespricht oder in Rollenspielen erlebt, geht man gestärkt in Gespräche hinein.

Beim Empowerment geht es nicht darum, dem gegenüber etwas zu erklären, sondern selbst gestärkt aus der Situation zu gehen.

Diskrimierung ist etwas komplett Emotionales für beide Seiten. Deshalb ist es auch wichtig, mit dem Erlebnis an das Thema heran zu gehen. Dies beachten wir bei der Öffentlichkeitsarbeit, um die Menschen zu sensibilisieren.

Was wünschen Sie sich von der Stadt Karlsruhe?

Behret: Wir wünschen uns, uns mit anderen Vereinen zu vernetzen und regelmäßige Aktionen zu etablieren. Jeder Verein hat seinen Schwerpunkt, aber dennoch haben wir viele Gemeinsamkeiten und können voneinander lernen. Es können kreative Ideen entstehen, wie zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem Kampfsportzentrum InNae. In Karlsruhe gibt es viele aktive Gruppen, die bemüht sind, die Themen Diskrimierung und Rassismus regelmäßig präsent zu machen.

Wir wünschen uns, dass sich die Bürger und Bürgerinnen aus Karlsruhe mit dem Thema regelmäßig beschäftigen und nicht nur einmal alle zwei Jahre bei den "Wochen gegen Rassismus". Wir sollten nicht nur darauf warten, dass die Politik eine Veranstaltung zu dem Thema plant, sondern wir Vereine sollten selbst aktiv werden.

Eröffnung Karlsruher Wochen gegen Rassismus
Bild: Alex Hammer

Sichert: Eine gendergerechte Sprache wäre sicherlich sinnvoll. Ich wäre für die Quotenregelung in jeder Partei und auch in den Amtsstuben.

Sichert: Das Thema Straßenbau in Karlsruhe, fällt mir auch noch ein. Menschen mit Behinderungen bemängeln, dass der neue Straßenbelag für Menschen, die nicht gut sehen können miserabel ist. Sie können sich nicht mehr orientieren. An solchen Maßnahmen, merkt man, dass nicht zusammengearbeitet wird.

Behret: Die Wertschätzung unserer Arbeit. Ämter könnten sich Workshops zu dem Thema "kritisches Weißsein" ins Haus holen. Die Machtstrukturen und Machtverhältnisse aufbrechen und zu schauen, wer sitzt denn an welchen Positionen? Wie sind die Einstellungsmethoden? Es gibt einige Leute in der Stadt Karlsruhe, die viel zu diesem Thema tun und sich auch einsetzen. Als Stadt des Rechts ist dieses Thema auch wichtig.

Die "Empowerment! KA" Gruppe

Empowerment! KA ist eine Anlaufstelle für alle, die von Rassismus betroffen sind und sich gegen diesen selbst stärken möchten. Bei unseren Gruppentreffen einmal im Monat bietet die Gruppe einen "geschützten Raum" für schwarze Menschen und PoCs aus Karlsruhe und Umgebung, die ihre Selbststärkung gegen Rassismus fördern möchten. Angeboten werden auch unterschiedliche Selbstbehauptungskurse für Kinder, Mädchen und Frauen of Color.

Mehr Informationen zur Gruppe: www.empowerment-ka.de
Mehr zum Thema
Online-Wochen gegen Rassismus:
Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

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  •   Krawallradler
    (404 Beiträge)

    02.04.2019 20:13 Uhr
    das geht Sie gar nichts an
    und hat mit dem Thema auch absolut nichts zu tun.

    Bitte beantworten Sie doch erst mal die Fragen der Redaktion, die sind an Sie gerichtet.
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  •   Kruppstahl
    (954 Beiträge)

    02.04.2019 23:41 Uhr
    Es geht jeden Bürger an,
    ob sich "gemeinnützige" Organisationen aus steuerfinanzierten Töpfen wie z.B. einer gewissen Summe des Familienministeriums bedienen. Auf die deplazierten Gegenfragen der Redaktion antworte ich nicht, weil dieser Kommentar die Gesinnung der Redaktion hervorragend wiederspiegelt, Das war ein wunderbares Eigentor für ein "neutrales" Medium.
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  •   Krawallradler
    (404 Beiträge)

    03.04.2019 00:09 Uhr
    lesen Sie manchmal auch vorher was
    bevor Sie schreiben? Ich halte das für empfehlenswert

    denn

    Zitat von Kruppstahl Es geht jeden Bürger an, ob sich "gemeinnützige" Organisationen aus steuerfinanzierten Töpfen wie z.B. einer gewissen Summe des Familienministeriums bedienen.


    es ist keine steuerfinanzierte Organisation.
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  •   Kruppstahl
    (954 Beiträge)

    03.04.2019 00:25 Uhr
    Ja, lesen scheint in der Tat sehr schwierig zu sein.
    Ich schrieb von einer "gemeinnützigen" Organisation. Meine Frage lautete, ob diese aus steuerfinanzierten Töpfen Fördersummen bezieht.
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  •   Krawallradler
    (404 Beiträge)

    02.04.2019 20:14 Uhr
    sollte eigentlich ganz unten stehen ...
    .
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  •   Peacemaker
    (423 Beiträge)

    02.04.2019 19:19 Uhr
    Anlaufstelle für alle von Rassismus betroffenen.
    De facto gibt es so gut wie gar keinen Rassismus in Deutschland. Also ist die Gemeinnützigkeit nicht berechtigt.
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  •   schmidmi
    (1516 Beiträge)

    02.04.2019 22:01 Uhr
    Lies mal
    die aktuelle Kriminalitätsstatistik und komm dann wieder.
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  •   Peacemaker
    (423 Beiträge)

    03.04.2019 20:39 Uhr
    Habe ich. Und?
    Präzesieren Sie bitte, was genau Sie mit Ihrem Kommentar zu dem Thema beitragen wollen.
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  •   schmidmi
    (1516 Beiträge)

    03.04.2019 21:34 Uhr
    +8%
    Anstieg rechter Gewalttaten. Ist das nichts?
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  •   HerrNilson
    (1009 Beiträge)

    02.04.2019 19:43 Uhr
    Was für eine
    drollige Aussage. Leider einen Tag zu spät, der 1. April war gestern.
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