Karlsruhe Bloggerin Gümüsay in Karlsruhe: Für eine plurale Gesellschaft kämpfen!

Am Freitagabend starteten die 5. Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit einer Feier im Rathaus. Das Interesse war groß; der Bürgersaal bis auf den letzten Platz belegt. Für tanzendes Publikum und südamerikanisches Konzert-Flair sorgten Yelitza Laya und Band. Bloggerin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüsay rief in ihrem Redebeitrag zu mehr Geduld, Wohlwollen und zum Kampf für eine plurale Gesellschaft auf.

30 Minuten dauerte der Vortrag von Netz-Aktivistin Gümüsay, das Saalpublikum lauschte aufmerksam und bedachte die Referentin am Ende ihrer Rede mit minutenlangem Applaus. In ihrer Ansprache ging es um alte und neue Formen von Rassismus, um den Kampf gegen einen zunehmenden Rechtspopulismus aber auch um die Frage, wie man die starke und zunehmende Spaltung in der Gesellschaft überwinden kann.

"Leben in merkwürdigen Zeiten"

"Wenn wir nicht sprechen, existieren wir nicht", eröffnet Gümüsay ihre Rede und ruft zum aktiven Engagement gegen Diskriminierung und Rassismus auf. "Wir leben in merkwürdigen Zeiten, in denen man sich verteidigen muss, wenn man sich in der Flüchtlingshilfe engagiert; in denen sich Hilfeleistende verteidigen müssen - in denen man beweisen muss, dass man kein naiver Gutmensch ist." Um zu verstehen wie es dazu kommen konnte, müsse man sich mit der Methodik der Rechtspopulisten befassen, so Gümüsay.

Bloggerin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüsay
Bloggerin und Netz-Aktivistin Kübra Gümüsay redete auf der Eröffnungsfeier der 5. Karlsruher Wochen gegen Rassismus. | Bild: Reiff

Die Wiederholung von Inhalten und Provokationen führe zu Reaktionen der Gegenseite und Vernachlässigung   anderer Themen. "Es gab im vergangenen Jahr nur eine politische Talkshow zum Thema Bildung", prangert sie an. Gümüsay spricht von einer "selbsterfüllenden Prophezeiung": Den Provokationen der Rechtspopulisten wird so viel Aufmerksamkeit geschenkt, dass andere Themen vergessen werden - und der Vorwurf der Rechtspopulisten zur Realität werden könnte. "Wir haben uns unsere Agenda diktieren lassen. [...] Irgendwann stimmt der Vorwurf, dass wir kritische Themen vernachlässigen, weil wir mit Diskussionen um Rechtspopulisten beschäftigt sind."

"Hass im Netz ist Vorbote dessen, was uns erwartet"

Wie konnte diese Aufmerksamkeit entstehen? Maßgeblich durch das Internet, ist sich die Netzaktivistin sicher: Das Internet spülte den Hass der Gesellschaft nach oben, Wut und Hass werden in Kommentarspalten und in Netzbeiträgen lauter und lauter: "Wir duldeten ihn und konfrontierten ihn nicht mit gesellschaftlichen Normen - stattdessen fand er [im Internet] ein Echo [...] und ist inzwischen zur neuen Normalität geworden."

Weiterhin warnt sie vor Verharmlosung: "Der Hass im Netz ist nicht nur Abbild der Gesellschaft, sondern Vorbote von dem, was uns erwartet." Sie nennt Beispiele: Jugendliche oder Gesellschaftsgruppen, die durch Propaganda im Internet für vermeintliche Heilige oder Bürger-Kriege radikalisiert werden.

Was tun, wenn Menschen die vermeintlich gleiche Sprache sprechen, aber nicht zueinander durchdringen können? "Wie können Normen und das Miteinander noch konstruktiv gestaltet werden?" Ein erster Schritt laut Gümüsay: Provokationen ignorieren. Sie sagt: "Wir haben die AfD so groß gemacht wie sie ist, weil wir sie mit unseren Diskussionen legitimieren." Nachrichten über Tweets von USA-Präsident Donald Trump müssten nicht zur besten Sendezeit im Radio oder Fernsehen behandelt werden - für ihre darauf folgende Aussage erntet Gümüsay lauten Applaus: "Ich will das nicht mehr hören!"

"Selbst mal schreien und laut werden!"

Eine weitere Handlungsoption von Gümüsay: Eigene Themen setzen - "statt sich mit Rechtspopulisten zu beschäftigen, könnten wir selbst mal schreien und laut werden!" Für die Umsetzung des Traums der pluralen Gesellschaft brauche es eine oder mehrere Visionen - jeder benötigt "eine eigene, positive, hoffnungsvolle Vision, die uns aus der Lethargie löst und mobilisiert." Denn: "Es ist einfach gegen etwas zu sein, aber wofür sind wir?"

Für eine plurale Gesellschaft brauche es laut Gümüsay vor allem zwei Dinge: Geduld und Wohlwollen - zum einen für sich selbst und zum anderen füreinander. Die Geduld, gegenüber den eigenen idealen Kompromisse einzugehen und gleichzeitig ein Wohlwollen gegenüber Menschen, die "am gleichen Strang ziehen", aber den eigenen Idealen vielleicht nicht zu 100 Prozent entsprechen.

"Wir müssen nicht immer einer Meinung sein, aber wir dürfen nicht erlauben, dass unsere Stärke zur Schwäche wird und uns die Pluralität auseinander bringt. In diesem Jahr müssen wir uns in unserer Pluralität vereinen. Lassen Sie uns kämpfen - einige wieder, liebe 68er, andere zum ersten Mal. Lassen Sie uns kämpfen: Für und nicht gegen etwas."

Kübra Gümüsay, 1988 in Hamburg geboren, ist freie Journalistin, Bloggerin und Social Media Beraterin - zuletzt an der Universität Oxford. Sie schreibt und referiert zu den Themen Internet, Feminismus, Rassismus, Islam und Politik. 2010 co-gründete sie das "Zahnräder Netzwerk für Social Entrepreneurship". 2011 wurde ihr Blog "Ein-Fremdwoerterbuch.com" für den Grimme Online Award nominiert. 2013 co-startete Gümüsay den Hashtag und die Aktionsgruppe #SchauHin gegen Alltagsrassismus sowie 2016 den Hashtag "#Ausnahmslos gegen Sexismus und Rassismus". Ihre neueste Aktion heißt "Organisierte Liebe".

Die Karlsruher Wochen gegen Rassismus finden zum 5. Mal im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Unter dem Motto "Für eine offene Gesellschaft - gegen Hass und Rassismus" laden vom 10. bis zum 26. März über 100 Veranstaltungen in Karlsruhe zum Austausch ein. ka-news beteiligt sich mit den Online-Wochen gegen Rassismus an der Veranstaltungsreihe und begleitet ausgewählte Aktionen medial.

Das Programmheft zum Download

Dateiname : PDF-Download Programmheft: Karlsruher Wochen gegen Rassismus 2017
Dateigröße : 15.00 MBytes.
Datum : 08.03.2017 19:09
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Online-Wochen gegen Rassismus:
Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

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