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Karlsruhe Beate Müller-Gemmeke über Rassismus: "Man muss Orientierung geben!"

Grünen-Bundestagspolitikerin Beate Müller-Gemmeke ist Mitglied im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales sowie Sprecherin für Arbeitnehmerrechte ihrer Fraktion. Diese Woche kam Frau Müller-Gemmeke zum Interview in die ka-news-Redaktion und sprach über Rassismus bei Jobvergaben, die aktuelle Flüchtlingssituation und welchen Stellenwert die 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' bei diesem Thema einnehmen.

Wie stehen die Grünen auf Bundesebene aktuell zu Thema "Rassismus bei der Jobvergabe"?

Wir Grüne lehnen Rassismus bei Jobvergaben natürlich komplett ab und haben da auch einen Blick drauf. Sicher ist, dass es Rassismus-Benachteiligung und Diskriminierung bei Jobvergaben gibt. Es ist bekannt, dass vor allem junge Menschen mit Migrationshintergrund es einfach schwerer haben eine Ausbildung zu finden. Oft wird schon im Bewerbungsverfahren konkret nach Nachnamen aussortiert. Daher haben viele junge Migranten oft keinen Berufsabschluss.

Es ist auch definitiv so, dass Menschen mit Migrationshintergrund einfach weniger verdienen. Wie viel weniger, dass kann ich nicht sagen, denn das ist branchenabhängig. Frauen mit Migrationshintergrund trifft es da dann sogar doppelt. Wenn die Löhne niedriger sind, wirkt sich das natürlich auch dementsprechend auf die Rente aus. Das sind für mich alles Indizien dafür, dass es Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt gibt. Es ist ein Thema auf das man immer wieder hinweisen muss.  

Was muss getan werden, damit Rassismus auf dem Arbeitsmarkt gemindert wird und was wurde bisher getan?

Solche Aktionstage wie die 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' können bereits helfen. Es ist wichtig, dass das Thema überhaupt öffentlich gemacht wird. Auch wenn so schlimm ist, wie es aktuell mit den ganzen Debatten über die Geflüchteten ist: Das Gute daran ist, dass darüber geredet wird, denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn etwas im Untergrund bleibt und nicht sichtbar wird.

Klar ist, dass man nicht per Gesetz die Diskriminierung abschaffen kann. Das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist eine Grundlage, aber damit verschwindet Diskriminierung nicht. Aber ich denke, dass alle Akteure in diesem Bereich etwas tun können. Man kann beispielsweise klare Haltung zeigen und deutlich ausdrücken, dass es Diskriminierung und Rassismus nicht geben darf. Wichtig ist auch, dass Aktionen und Maßnahmen diesbezüglich finanziert werden.  

Knüpft man mit ähnlichen Aktionen auch schon direkt bei den Arbeitgebern an? 

Die Arbeitgeber müssen eine klare Kante zeigen damit Rassismus in ihren Betrieben keine Chance hat. Viele Arbeitgeberverbände bieten beispielsweise Schulungen an um für das Thema zu sensibilisieren. Auch die Aktionen "Mach meinen Kumpel nicht an!" (Anm. d. Red.: "Mach meinen Kumpel nicht an!" – für Gleichbehandlung, gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist eine gewerkschaftliche Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus. Der 1986 gegründete Verein ist eine der ältesten antirassistischen Organisationen in Deutschland.) oder die Aktion der IG-Metall "Respekt - Es ist kein Platz für Rassismus" (Anm. d. Red.:"Respekt! Kein Platz für Rassismus" ist eine 2006 gegründete Initiative, die sich gegen Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz richtet.) sind einfach gute Aktionen und Kampagnen die über Jahre hinweg laufen und auch wirken.

Natürlich können auch Betriebsräte und Personalräte etwas machen. Man kann sich dafür einsetzen, dass Beschäftigte mit Migrationshintergrund aktiv aufgefordert werden, sich in den Betriebsrat einzubinden, denn sie haben einen ganz anderen Blick auf das Thema. Man kann auch Betriebsvereinbarungen gegen Rassismus oder Benachteiligung machen. Ich denke eben immer, dass es unglaublich wichtig ist, dass das thematisiert wird - damit die Leute ihre Augen aufmachen.

Es ist mein Appell an die Zivilgesellschaft, in diesem Fall an die Beschäftigten, dass man sich umschaut und kümmert, dass man solidarisch ist, dass man aktiv aufdeckt, wenn es Benachteiligung oder Hetze sowie Mobbing gibt. Alles zusammen ist dann ein starkes Paket, mit dem man gegen Rassismus am Arbeitsplatz vorgehen kann. 

Inwieweit beeinflusst die aktuelle Flüchtlingspolitik den Rassismus in Deutschland - Ihre Prognose?

Ich glaube, dass die Flüchtlings-Thematik das ganze Rassismus-Thema immerhin öffentlich macht und die Menschen sich mehr damit auseinandersetzen - das ist schon einmal gut. Wie das nachher ausgeht, kann ich nicht sagen, denn da bin ich noch ein bisschen ambivalent. Wir wissen alle, dass der Ton rauer geworden ist, dass man wieder Dinge sagen darf, die man viele Jahre nicht gesagt hat, dass es doch sehr laut und eindeutig geworden ist.

Die ausländerfeindliche und rechtspopulistische Hetze in öffentlichen Facetten ist insgesamt auch normaler geworden. Allerdings ist auch der demokratische Teil unserer Gesellschaft lauter geworden und steht eben auch auf. Von daher weiß man noch nicht so genau, wie sich nachher alles entscheidet. Ich hoffe natürlich, dass der Teil der Gesellschaft, der ganz klar zur Demokratie, zur Vielfalt, gegen Rassismus und gegen die Diskriminierung steht, am Ende gewinnt und der größere Teil ist.

Wie wichtig sind die 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' in Ihren Augen?  

Wenn die Stadt Karlsruhe eine solche Verantwortung übernimmt und das initiiert, dann hat eine solche Veranstaltung auch eine ganz andere Bedeutung und Wirkung. Ich finde im Übrigen auch, dass gerade Städte und Landesregierungen und die Politik überhaupt eine Vorbildfunktion hat und auch einnehmen muss, um dem gerecht zu werden. Sie müssen den Menschen eine gewisse Orientierung geben.

Können die 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' zur Solidarität, Menschlichkeit und Integration beitragen?  

Ich finde die 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' extrem wichtig dabei. Die Veranstaltung geht in beide Richtungen. Es ist ja nicht nur um die Deutschen, die vielleicht momentan verunsichert mit dieser Situation sind, es ist ja auch ein ganz klares Zeichen für die geflüchteten Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund, die momentan eben auch verunsichert sind und vielleicht auch Stimmung abbekommen. Es ist eine wichtige Sache, dass sie sehen, dass sie im Mittelpunkt stehen, dass man die Vielfalt und die Solidarität möchte.

Das allerwichtigste ist, dass man Begegnungen organisieren muss, damit es aufhört über "die Flüchtlinge" zu reden und der Flüchtling ein Gesicht bekommt, einen Namen bekommt, dass man weiß woher er kommt, welche Geschichte dahinter steht. Denn in dem Moment, in dem es nicht mehr anonym oder allgemein ist, kann sich Ausländerfeindlichkeit und Rechtspopulismus nicht ganz so stark verbreiten.  

Außerdem müssen die Menschen Informationen über die Lage vor Ort bekommen. Ich glaube wir sind da manchmal zu sehr in unserer eigenen sehr politischen Welt. Es kann durchaus zu Aha-Momenten kommen, wenn eine größere Information da ist, denn nur so kann man sich mehr mit der Situation auseinandersetzen. Ich gehe davon aus, dass es hier bei den 'Karlsruher Wochen gegen Rassismus' auch viele solche Informationen zu erfahren gibt. Man musst die Menschen mit solchen Veranstaltungen erreichen, denn es darf nicht kippen, denen die unsicher sind, muss man Orientierung geben.

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Online-Wochen gegen Rassismus:
Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

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Kommentare (17)
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  •   malerdoerfler
    (5090 Beiträge)

    22.03.2017 18:18 Uhr
    Leute - erkennt doch bitte
    Das hier wird ganz sicher nicht mehr heiß diskutiert werden.
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  •   malerdoerfler
    (5090 Beiträge)

    19.03.2017 12:50 Uhr
    Sie kommt auf diesem Bild
    auf jeden Fall sehr sympathisch rüber.
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  •   Propagandahilfskraft
    (1239 Beiträge)

    22.03.2017 12:56 Uhr
    Bei Diskussionen ...
    ... zum Thema Arbeitsmarkt wirkte sie auf mich aber wenig informiert über die Daten des Mikrozensus von Destatis sowie die Auswertungen des SOeP und einiger andere offizieller (!) Quellen. Sie hielt sich mehr an den Fake-News der Bundesagentur für Arbeitslosigkeit fest. Auf dieser Basis kann man das grundlegende Problem des überlaufenen Arbeitsmarktes nur unvollständig bis gar nicht erfassen. Daher würde ich auch die gebotenen Orientierungshilfen sehr kritisch betrachten.

    Der aktuelle Rassismus basiert zu sehr großen Teilen auf der pauschalen Ausgrenzung von Gruppen die man als arbeitsmarktunverwertbar betrachtet. Da gehen der Ethnorassismus gegen „Südländer“ und der Sozialrassimus gegen „Hartzer“, ein Produkt der Agenda 2010, fließend ineinander über. Ich hoffe mit diesen Ausführungen genug Orientierung gegeben zu haben und hoffe, dass diese auch den Bedürftigen zu Teil werden.
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  •   JimmyBluebutton
    (831 Beiträge)

    19.03.2017 13:41 Uhr
    Schon...,
    für eine mittelalte, weiße Frau...
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  •   EmilyHobhouse
    (1431 Beiträge)

    18.03.2017 18:41 Uhr
    Wollte ich unter das Interview mit Jürgen Schlicher schreiben.
    +++ Das Posting ist themenfremd und wurde daher von der Redaktion gesperrt +++
  •   Pack
    (294 Beiträge)

    16.03.2017 22:03 Uhr
    Der bessere soll gewinnen!
    Unvollständige Bewerbungsunterlagen, mieses Anschreiben und schlechte Noten- wird alles gleich aussortiert, unabhängig davon ob der Müller oder Öcalan heißt!
    Von Benachteiligung kann i. d. Regel keine Rede sein. Welcher Personalverantwortlichen lässt einen besser qualifizierten Bewerber gehen, nur weil er einen ausländisch klingenden Namen hat? Eigentlich nur wenn zu erwarten ist, dass der Bewerber z. B. durch einen schwierigen Charakter die Teamdynamik stören könnte.
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  •   Propagandahilfskraft
    (1239 Beiträge)

    22.03.2017 12:41 Uhr
    Bitte mal einen Abgleich mit der Realität vornehmen!
    Zuerst mal suchen die meisten Personaler gar keine Mitarbeiter. Sehr viele Stellenanzeigen werden ausgeschrieben, obwohl gar keine Stelle zu vergeben ist. Diverse Abschätzungen ergeben immer wieder Dummy-Quoten von über 80 bis 90%. Daher ist der Hauptgrund der Ablehnung: „Es gibt gar keine Arbeitsplätzchen!“ Alleine wegen dieser sehr hohen Dummyquote müsste man mindestestens 2 mal 5000 Bewerbungen verschicken um ein halbwegs enges Vertrauensintervall zu erhalten.

    Dann gibt es noch andere Probleme mit der Versuchsdurchführung. Aus einigen KMU wurde folgendes berichtet: Es gingen zwei identische Bewerbungen unter verschiedenen ausländischen Namen ein. Diese wurden dann nach Aussagen der Mitarbeiter sofort aussortiert. Das sieht in meinen Augen nach einem Fehler bei so einem Versuch aus. Sind solche Fehler auszuschließen? Und wie wirken sich solche wiederholt und besonders bei ausländischen Namen auftauchenden Vorfälle auf die Filterstrategie der Personaler aus?
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  •   Joerg_Rupp
    (2609 Beiträge)

    19.03.2017 06:59 Uhr
    man kann
    auch alle Studien, die es dazu gibt, ignorieren.
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  •   art5gg
    (537 Beiträge)

    19.03.2017 15:10 Uhr
    Ein sinnvoller Vorschlag!
    +++ Das Posting verstößt gegen unsere Netiquette und wurde daher von der Redaktion gesperrt +++
  •   Pack
    (294 Beiträge)

    19.03.2017 07:48 Uhr
    Welche?
    Und sind die neutral?
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