Karlsruhe Anti-Rassismus-Trainer: "Wir alle müssen verhindern, dass es passiert"

Jürgen Schlicher ist seit über 20 Jahren Anti-Rassismus-Trainer. Am vergangenen Dienstag hielt er im Tollhaus einen Vortrag anlässlich der Karlsruher Wochen gegen Rassismus. Im Interview mit ka-news spricht Schlicher Herausforderungen für die Opfer und wie und warum er zum Anti-Rassismus-Trainer wurde.

Herr Schlicher, seit über 20 Jahren setzen Sie sich bereits mit den Themen Rassismus und Diskriminierung auseinander. Wie kamen Sie dazu, sich so intensiv damit zu beschäftigen?

Das begann etwa 1991/92 mit den Vorfällen in Rostock-Lichtenhagen. In einem Wohnheim für vietnamesische Arbeiter gab es massive rassistische Übergriffe. Das Wohnheim mit 100 Vietnamesen und einem Fernsehteam des ZDF wurde angezündet. Dabei kam ein Freund von mir fast ums Leben, der für das ZDF den Film "Die Bombe tickt" drehte. Damals stellte ich fest, dass es keine Stelle gibt, an die man sich bei Diskriminierung wenden kann. Das wollten wir ändern.

Was genau haben Sie in diesen 20 Jahren darüber gelernt? Gibt es so etwas wie eine zentrale Erkenntnis?

Es ist schwierig für Betroffene, die Situation zu verändern. Aber auch die Außenstehenden wissen oft nicht, wie sie eingreifen können. Darum geht es in unseren Workshops. Es ist schockierend, wie die Opfer von Diskriminierung scheinbar die Klischees erfüllen. Sie haben kaum die Möglichkeit, sich anders zu verhalten. Wie sie es machen, sie machen es falsch. Die Opfer von Rassismus werden geradezu in die Schubladen gezwungen, in die sie die Gesellschaft steckt.

Wie sollte man als Betroffener Rassismus begegnen? 

Wir machen den Fehler, dass wir denen, die ausgegrenzt werden, die Verantwortung zuschieben. Wir gucken immer nur, was können sie selbst tun. Doch die richtige Frage muss lauten: Was können wir von außen dagegen tun? Die Betroffenen selbst müssen aufpassen, dass diese Erfahrungen mit Rassismus nicht an ihrem Selbstbewusstsein nagen. Doch das können sie nicht allein schaffen. Wir alle müssen verhindern, dass so etwas passiert. Gerade die, die nur Zuschauer sind, sind in der Pflicht.

Welche besonderen Reaktionen in ihren Workshops sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Es ist erschreckend zu sehen, wie die Personen reagieren und wie leicht sich Menschen manipulieren lassen. Um dieses Thema zu verdeutlichen, behandeln wir in unserem Workshop die Braunäugigen freundlich, die Blauäugigen herablassend. Diejenigen, die bevorzugt werden, genießen ihre Privilegien sichtlich.

In der heutigen Zeit wird der Ton scheinbar immer rauer. Diskriminierung und Vorurteile scheinen allgegenwärtig. Wie schaffen Sie es, da nicht den Mut zu verlieren?

Was ist die Alternative? Die Alternative wäre, dass wir uns mit Waffen und Worten zurück in die Steinzeit "bomben". Wir glauben, dass wir die Zeiten von Diskriminierung schon überwunden hätten. Das ist falsch. Der Weg zur Gleichberechtigung in der Gesellschaft geht leider immer zwei Schritte vor und eineinhalb zurück.

Glauben Sie, dass die Gesellschaft auf dem richtigen Weg ist?

Ich denke gerade hier in Deutschland sind wir vielleicht einen kleinen Schritt weiter als in anderen Nationen. Das liegt auch daran, dass wir uns sehr umfangreich mit unserer eigenen Geschichte auseinandersetzen. Das ist unumgänglich. Wir müssen uns mit der Vielfalt beschäftigen und mit unseren Visionen, wie wir leben wollen. Ich habe Mut und Hoffnung. Doch der Weg ist weit. Im Moment gilt es für aufrechte Demokraten, Flagge zu zeigen.

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Ja zum Meinungsaustausch, nein zu Rassismus! Vom 15. bis 31. März 2019 werden wir mit den dritten ka-news Online-Wochen gegen Rassismus ausführlich über das Thema berichten. Als Medienpartner begleiten wir die Karlsruher Wochen gegen Rassismus mit Berichten, Interviews und Hintergründen. Beteiligen auch Sie sich! Zeigen Sie Flagge mit dem Hashtag #gegenRassismus, etwa in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook oder schreiben Sie uns zum Thema an ka-reporter@ka-news.de!

Hier gibt es das gesamte Programm der Karlsruher Wochen gegen Rassismus zum Download.

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