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Karlsruhe "Wir stecken viel weg! Doch unter unserer Schutzausrüstung sind wir auch nur Menschen mit Gefühlen." Wenn Helden Hilfe brauchen.

Sie springen ein, wenn Menschen Hilfe brauchen: Die Männer und Frauen der Feuerwehr sind bei Feuer, Unfällen, Hochwasser und anderen Ausnahmesituationen vor Ort. Sie stellen sich heldenhaft Situationen, bei denen andere instinktiv die Flucht ergreifen. Dabei werden sie oft Zeuge von unvorstellbarem Leid und Elend - Bilder, die traumatisieren können. Nicht selten brauchen auch Helden nach ihren Einsätzen Hilfe - dann sind Sascha Dietrich und Thomas Kunz mit ihrem Team zur Stelle.

Sascha Dietrich und Thomas Kunz sind Feuerwehrmänner der Berufsfeuerwehr Karlsruhe und betreuen zusammen mit etwa 15 weiteren Kollegen im Einsatznachsorgeteam (ENT) die Karlsruher Feuerwehren. Thomas Kunz ist Einsatzleiter der Feuerwehr Karlsruhe mit dem Spezialgebiet Psychosoziale Notfallversorgung. Sascha Dietrich ist ebenfalls Einsatzleiter in der Branddirektion. 

"Wir sind sogenannte 'Peers' der Feuerwehr, also besonders geschulte Einsatzkräfte, und nur für diese zuständig. So haben wir ein besseres Verständnis für unser Gegenüber, wir können unsere eigenen Erfahrungen in das Gespräch mit einbringen", so Thomas Kunz gegenüber ka-news.

Notfallseelsorge Feuerwehr Karlsruhe
Sascha Dietrich und Thomas Kunz vom Einsatznachsorgeteam der Berufsfeuerwehr Karlsruhe. | Bild: Anya Barros

Die beiden wissen, es gibt nicht oft "den einen Einsatz", der die Leute umhaut und besonders stark belastet. "Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, es gibt verschiedene Parameter", so Sascha Dietrich. "Klar, besonders heftig sind Einsätze, bei denen es um Kinder geht, oder wenn ein Kamerad verletzt wurde. Aber auch, wenn die Einsatzkraft einen anderen persönlichen Bezug hat oder sich selbst in Gefahr begibt. Das belastet!" Und Thomas Kunz ergänzt: "Die Einsätze lassen einen nicht kalt!"

Im August kam bei Etzenrot eine Person bei einem schweren Unfall ums Leben. Solche Ereignisse können eine Krise bei den Helfern auslösen. | Bild: Thomas Riedel

So geschehen beispielsweise Ende Juni: Mittwochmorgen, kurz vor 6.30 Uhr. Ein Reisebus ist auf dem Weg von Bayern in Richtung Frankreich unterwegs. Kurz vor der Großbaustelle auf der A5 passiert der Unfall: Der Bus rast in einen vor ihm fahrenden Mülllaster. Dabei kommt die Reiseleiterin ums Leben, weitere Fahrgäste werden teilweise schwer verletzt. Solche Großeinsätze können die Helfer schon mal emotional belasten.

Ende Juni ist ein Bus in einen Laster gefahren. Hier waren viele Einsatzkräfte dabei. Solche Großeinsätze können die Helfer aus der Bahn werfen. | Bild: Dieter Reichelt

Was heutzutage als selbstverständlich gilt - nämlich Hilfe und seelische Betreuung der Einsatzkräfte - war es lange Zeit nicht: Noch vor einigen Jahren galten Feuerwehrmänner als harte Kerle, die keine Gefühle zulassen dürfen.

Berufsfeuerwehr Karlsruhe
Unter der Ausrüstung steckt ein Mensch mit Gefühlen. | Bild: Julia Wessinger

Erst in den 1990er Jahren hat sich das langsam geändert: auch Dank Thomas Kunz und Kollegen. "Damals kam das Thema auf, Stressbewältigung nach dem Einsatz, denn wir haben festgestellt, dass nach den Einsätzen bei den Leuten viel hängen geblieben ist", sagt Kunz.

Notfallseelsorge Feuerwehr Karlsruhe
Thomas Kunz von der Berufsfeuerwehr Karlsruhe. Sein Spezialgebiet ist die Psychosoziale Notfallversorgung. | Bild: Anya Barros

Es schwebt zwar immer noch das Stigma über dem Helferteam, dass Kollegen, die Hilfe in Anspruch nehmen, keine richtigen Männer, ja vielleicht sogar Weicheier seien. Das sei schlicht Quatsch und falsch. Reden kann bei der Verarbeitung helfen, Situationen und falsche Schuldgefühle klären.

"Wir stecken viel weg! Doch unter unserer Schutzausrüstung sind wir auch nur Menschen mit Gefühlen", sagt Sascha Dietrich, "wir haben keinen Schalter zum Abschalten, das zu vermitteln ist es, worum es uns bei unserer Arbeit geht."

Sascha Dietrich von der Berufsfeuerwehr Karlsruhe. Sein Spezialgebiet ist die Psychosoziale Notfallversorgung. | Bild: Anya Barros

Heute sind die Kollegen der Einsatznachsorge immer da, wenn sie gebraucht werden. Oft werden die beiden gezielt von der Führungskraft angesprochen, manchmal sind sie auch selbst vor Ort und können bewusst auf Kollegen zugehen.

"Wir merken recht schnell, ob das auch von den Einsatzkräften gewünscht ist oder ob jeder schnell seiner Wege gehen möchte", weiß Thomas Kunz. Neben Maßnahmen zur Selbstkontrolle, um nach dem Einsatz einen innerlichen Abschluss zu finden, kann auch ein "Debriefing", also die Einsatznachsorge, in Anspruch genommen werden.

Oft sind die Erinnerungen falsch, da helfen die Kameraden

Gemeinsame Gespräche mit Kollegen können bei eventuellen Schuldgefühlen helfen: "Wir besprechen dann den Einsatz, wer war wo, als der Notruf kam, welche Funktion hatte man, wie hat man den Einsatz vor Ort erlebt und wie waren die Gefühle, als man wieder ans Gerätehaus zurückgekommen ist", sagt Kunz im Gespräch mit ka-news. Manchmal können so die Erinnerungen wieder richtig eingeordnet werden, vor allem wenn einer der Kameraden besonders belastet aus dem Einsatz zurückgekommen ist.

Tödlicher Unfall auf A8
Bei einem Unfall auf der A8 kam im Febuar ein Mensch ums Leben. Gedanken wie "Das Auto kenne ich, das ist der Nachbar" können die Einsatzkräfte belasten, auch Wochen nach dem Einsatz. | Bild: Igor Myroshnichenko

"Wir versuchen dann alle zusammen, das Puzzle zusammenzusetzen." Denn oft trügen die Erinnerungen oder werden übertrieben dargestellt - durch das gemeinsame Betrachten der Fakten kann die Erinnerung wieder geordnet werden.

"Manchmal wären ohne unsere Gespräche die Details eines Einsatzes nie ans Licht gekommen, aber in der Gruppe lösen wir das dann auf und unter Umständen verschwinden dann die Schuldgefühle, die den Kameraden geplagt haben, weil er in seinen Augen einen vermeintlichen Fehler gemacht hat", sagt Thomas Kunz.

Jeder Mensch reagiert anders nach dem Einsatz

Wie erkennt man, ob eine Situation seelische Belastungen hervorruft? Sascha Dietrich weiß um die Symptome: Erste Reaktionen der Helfer sind nach dem Einsatz oft erhöhter Rededrang, Anspannung oder starkes Schwitzen.

Sascha Dietrich von der Berufsfeuerwehr Karlsruhe. Sein Spezialgebiet ist die Psychosoziale Notfallversorgung. | Bild: Anya Barros

Doch das legt sich bei vielen schnell wieder, sie kehren zurück in ihren Alltag. Das gelingt nicht jedem. Weitere Symptome wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen bis hin zu aggressivem Verhalten deuten auf eine Akute Belastungsstörung (ABS) hin. "Das müssen die Kollegen verstehen, dass das passieren kann", sagt Sascha Dietrich. "Wer diese Symptome nicht kennt, denkt vielleicht, das sei nicht normal!" 

"Wir therapieren nicht!"

Diesen Reaktionen kann allerdings vorgebeugt werden: "Durch eine trainierte Fitness, lange Berufserfahrung, eine stabile Partnerschaft oder gute Kameradschaft", sagt Thomas Kunz gegenüber ka-news. "Es gibt aber Fälle, da müssen die Kollegen auch in eine Therapie gehen, da vermitteln wir auch gerne!"

Brandeinsatz
Kameradschaft ist unter Feuerwehrleuten wichtig. | Bild: Thomas Riedel

Denn der Arbeitsauftrag der beiden Einsatznachsorgekräfte ist für sie klar festgelegt: "Wir therapieren nicht! Wir bieten Hilfe an, aber wir sind nur das Bindeglied zwischen den Seelsorgern und den Psychologen, denn die sind nicht immer von den Kollegen akzeptiert", sagt Sascha Dietrich im Gespräch mit ka-news.

Wie wichtig die Arbeit der beiden Heldenhelfer und ihrem Team ist, zeigt ein Blick in die Zahlen: 2018 gab es für das Team der Einsatznachsorgekräfte mehr Einsätze, als in den vergangenen Jahren zusammengenommen. "Das ist ein Zeichen, dass sie uns wahrnehmen. Die Hemmschwelle, uns zu rufen, ist niedriger. Wir haben in den letzten zehn bis 15 Jahren viel erreicht", sagt Thomas Kunz!

 

ka-news Hintergrund: Die Notfallseelsorge Karlsruhe, die vor etwa 15 Jahren gegründet wurde, hat im Stadt- und Landkreis zwei Arbeitsbereiche. Das eine ist die klassische Notfallseelsorge für Betroffene, meist sind das kirchliche Mitarbeiter. Das andere ist das Einsatznachsorgeteam, das es für die jeweiligen Hilfsorganisationen gibt.
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Alles zur Feuerwehr in Karlsruhe: Die Berufs­feu­er­wehr der Stadt Karlsruhe verfügt über etwa 210 Einsatz­be­amte, die ihren Dienst auf 2 Feuer­wa­chen versehen. Zusätzlich verfügt die Stadt über eine leistungsfähige Freiwillige Feuerwehr, die 16 Abteilungen umfasst. Hier versehen rund 650 ehrenamtliche Helfer ihren Dienst. Hier gibt es eine Übersicht über Berichte rund um die Karlsruher Feuerwehr.
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  •   Der_Sprayer
    (264 Beiträge)

    01.09.2018 22:21 Uhr
    Einmal ein Danke an alle
    Rettungssanotäter, Feuerwehrleute und Polizisten, die tagtäglich teilweise unter Einsatz des eigenen Lebens anderen helfen. 👍👍👍
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  •   Laetschebachschorsch
    (3088 Beiträge)

    29.08.2018 09:11 Uhr
    Da gibt es noch etwas
    Nur einfach dankbar sein. Und wenn ich jemanden antreffen würde, der diese Leute behindert oder bespuckt und der gleichen, ich glaube ich werde ausrasten und ohne auf mich selber Rücksicht zu nehmen eventuell strafbar werden.
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  •   Malerdoerfler
    (4619 Beiträge)

    29.08.2018 08:49 Uhr
    Respekt!
    Ich möchte nicht in deren Haut stecken.
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  •   Der_Sprayer
    (264 Beiträge)

    28.08.2018 09:22 Uhr
    Rettungssanitäter
    Und Notärzte soll das natürlich heissen.
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  •   Sackgesicht
    (182 Beiträge)

    29.08.2018 07:34 Uhr
    !
    Soo iiischd es!
    Dem möchte ich mich anschließen!
    „Danke!“
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  •   Der_Sprayer
    (264 Beiträge)

    28.08.2018 09:21 Uhr
    Einmal ein Danke an alle
    Rettungssanotäter, Feuerwehrleute und Polizisten, die tagtäglich teilweise unter Einsatz des eigenen Lebens anderen helfen. 👍👍👍
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