Eine WM-Woche im umstrittenen Gastgeberland Katar ist vorbei. Die große gesellschaftspolitische Befürchtung hat sich (noch) nicht bewahrheitet, das fußballerische Niveau scheint überschaubar. Und über die Stimmung gibt es verschiedene Meinungen. Fünf Trends aus sieben Tagen Fußball-WM.

Politik:

Dass in Deutschland die lautstarke Kritik wegen der Menschenrechtslage in Katar verstummt, sobald der Ball rollt, blieb nur eine Befürchtung. Die Debatte um das FIFA-Verbot der "One Love"-Kapitänsbinde bestimmte den gesellschaftspolitischen Teil der WM-Berichterstattung. DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff sprach von "Zensur". Und vorbei ist die Diskussion noch lange nicht - die Oppositionsverbände gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino, zu denen auch der DFB gehört, sprechen dem Vernehmen nach in Katar regelmäßig miteinander.

Stimmung:

Nur ein WM-Spiel - der Klassiker Argentinien gegen Mexiko - war bislang ausverkauft, sogar beim so wichtigen zweiten Auftritt des Gastgebers gegen den Senegal blieben viele Plätze leer. Eine Fußball-Nation ist Katar nicht. Für Heimspiel-Atmosphäre sorgen vor allem die arabischen Fans von Marokko, Tunesien und Saudi-Arabien. Auch die südamerikanischen und mexikanischen Anhänger machen in den hochmodernen Arenen ordentlich Stimmung, die europäischen Fans sind in der Unterzahl.

Quoten:

Die Boykott-Debatte in Deutschland scheint Wirkung gezeigt zu haben. Das deutsche Auftaktspiel gegen Japan (1:2) verfolgten nur knapp weniger als zehn Millionen Menschen. Der Zulauf auf den Streamingportalen glich das nicht aus. Auch abseits der deutschen Nationalmannschaft hielt sich das Interesse in Grenzen, in anderen Ländern sieht das allerdings anders aus. Aus Südamerika oder Nordafrika beispielsweise wird große Begeisterung gemeldet.

Tore und Regeln:

Noch einmal Zittern in der Nachspielzeit - das kann in Katar ganz schön lange dauern. Beim 6:2 der Engländer gegen den Iran wurden offiziell 24 Minuten Extrazeit angezeigt (14 nach der ersten und 10 nach der zweiten Halbzeit), die dann nochmals überzogen wurde. "Wir werden die Nachspielzeit sehr sorgfältig kalkulieren und versuchen, die Zeit auszugleichen, die durch Zwischenfälle verloren geht", sagte FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina. Hochklassige Spiele und viele Tore werden dadurch nicht garantiert - an den ersten Spieltagen gab es mehrere eher zähe Unentschieden, der Torschnitt liegt bei 2,375 (57 Tore in 24 Spielen).

Überraschungen:

Saudi-Arabien gegen Argentinien oder Japan gegen Deutschland - auch die vermeintlichen Außenseiter beweisen bei dieser WM, dass mit ihnen zu rechnen ist. Teams wie Kanada (gegen Belgien), die USA (gegen England) oder Ghana (gegen Portugal) haben gezeigt, dass sie zumindest mit großen Nationen mithalten können. "Die kleinen Mannschaften sind viel stärker als früher", urteilte Portugals Coach Fernando Santos bereits vor dem mühevollen 3:2 seiner Auswahl gegen Ghana. Nach Ansicht des 68-Jährigen haben die vermeintlich kleinen Teams inzwischen weiter zu den Top-Mannschaften aufgeschlossen - taktisch, technisch und von der internationalen Erfahrung her. Das erste Team im Achtelfinale ist dennoch ein Favorit: Frankreich ist nach zwei Spielen bereits durch.