Kriegsinvalide Otto Schwall ist ein ruhiger, nüchterner und sehr solider Typ, der überall gerne gesehen ist. Eine seltsame Eigenschaft hat er – er macht gerne nachts lange Spaziergänge. Am 7. August 1920, einem Samstagabend, möchte er eine Versammlung in Mühlburg besuchen. Laut seiner Frau trägt er weder Ring noch Uhr, hat aber zirka 40 Mark im Geldbeutel dabei.

Das könnte Sie auch interessieren

Doch Schwall kommt abends nicht mehr nach Hause und am Sonntagmorgen um 6 Uhr erscheint auf der Daxlander Polizeiwache ein Briefträger, der erzählt, er habe auf der Daxlander Straße, nicht weit von der Einmündung des nach der Appenmühle führenden Kornwegs, einen toten Mann liegen sehen, der eine Schussverletzung und einen Stich in den Hals aufweist.

"In bestialischer Weise verunstaltet"

In einem Welschkornacker, dem Gewann Listacker, etwa 15 Meter von der Abzweigung des Kornwegs entfernt, findet die Kriminalpolizei Karlsruhe schließlich die Leiche von Otto Schwall, daneben eine große Blutlache und nicht weit weg eine Patronenhülse. Offensichtlich ist er von der Straße in den Acker geschleppt worden und man stellt auch fest, es habe einen heftigen Kampf mit dem Täter gegeben.

Die Appenmühle in Daxlanden
Bild: Thomas Riedel

Durch Revolverschuss und mehrere Messerstiche am Kopf ist Schwall gegen 0.30 Uhr in der Nähe der Appenmühle an der Alb in Daxlanden umgebracht worden. Nach dem tödlichen Revolverschuss wurde Schwalls Kopf "in bestialischer Weise durch Messerstiche und Schnitte verunstaltet", berichtet die Zeitung Volksfreund am 14. August - als hätte der Mörder ihn unkenntlich machen wollen.

Auf die Überführung der Täter werden bis zu 3.000 Mark ausgesetzt. Der 30-jährige Schwall war Fabrikmitarbeiter und Mitglied beim Deutschen Transportarbeiterverband. Dieser schreibt am 10. August im Nachruf: "Unser Kollege wurde durch ruchlose Mörderhand unerwartet aus dem Leben geschieden" und bittet um zahlreiches Erscheinen bei der Beerdigung.

Die Todesanzeige für Otto Schwall.
Die Todesanzeige für Otto Schwall. | Bild: Deutscher Transportarbeiterverband

War es eine Verwechslung?

Aber wer hätte Schwall denn umbringen wollen? In den Wochen nach der Tat wird eine ganze Reihe von Theorien vorgestellt. Ging es um eine Verwechselung? Zunächst berichtet ein Zeuge, dass er kurz vor der Tatzeit auch in der Nähe unterwegs gewesen sei, und dass er am Bahnübergang der Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe zwei Burschen gesehen habe.

Als er vorbeiging, habe er gehört, dass einer sagte: "Nein, das ist er nicht." Und ein anderer Zeuge meint, es habe in der Nacht ein junger Mann mit einem großen Geldbetrag aus Karlsruhe kommen sollen – der Sohn eines Daxlander Wirtes, der auch Schwall heißt.

Die Appenmühle in Daxlanden
Bild: Thomas Riedel

Offensichtlich hat eine Mordbande auf diesen gelauert, Otto Schwall mit ihm verwechselt und den falschen Mann getötet. Der "richtige" Mann kam zwei Minuten später vorbei und sah angeblich das Aufblitzen des Revolverschusses. Das kann aber alles nicht bestätigt werden. Und: Für diese Theorie gibt es keine Anhaltspunkte, schreibt die "Badische Presse" fünfzehn Jahre später am 26. Juni 1935.

"Wenn ich zu ihm sage ‘Listacker und Grünwinkel‘, dann ist er so klein"

Als nächste Theorie fällt der Verdacht auf unseren alten Freund Wilhelm K., der Hauptverdächtige in dem Mordfall Josef Grünling, dem Portier, der genau elf Monate zuvor im benachbarten Grünwinkel umgebracht wurde. Man habe gehört, wie Wilhelm K.s Frau sagte: "Wenn ich zu ihm sage ‘Listacker und Grünwinkel‘, dann ist er so klein und ich kann von ihm alles haben."

Das könnte Sie auch interessieren

Als Schwall ermordet wird, habe K. zu anderen gesagt: "Der ist genauso zugerichtet wie Grünling." Zudem sieht Schwall dem Ehemann von K.s Geliebter verdächtig ähnlich. Hier kommt die Polizei jedoch auch nicht weiter.

Am Morgen des 8. August, gleich nach dem Mord, werden fünf verdächtige Personen entdeckt, die sich in der Nähe des Tatorts in der Gegend der Appenmühle aufhalten. Sie haben alle keine Beschäftigung und keine richtige Unterkunft. Sie kommen für die nächsten Wochen in Untersuchungshaft. Jetzt ist die Hoffnung groß, unter ihnen den oder die Täter zu finden.

Fünf Verdächtige - aber wer ist der Mörder?

Diese fünf Personen – drei junge männliche Taglöhner zwischen 20 und 23 und zwei Frauen, jeweils 20 und 40 – behaupten, sie hätten alle am Abend vor dem Mord auf dem Lindenplatz in Mühlburg gesessen. Dann haben sie sich getrennt, die Frauen gingen zu Bekannten schlafen, während die Männer in einem Schuppen neben der Appenmühle geschlafen haben.

Die Appenmühle in Daxlanden
Bild: Thomas Riedel

Am nächsten Morgen trafen sie sich wieder. Der Stiefbruder eines der Männer wird auch von der Polizei verhört und erzählt, er sei nachts mit einem Bekannten nach Daxlanden gelaufen, um seinen Stiefbruder im Schuppen zu treffen. Bei der Maschinenbaugesellschaft Karlsruhe hätten sie einen Mann nach Daxlanden laufen sehen. Auf dem Weg zur Appenmühle sei ihnen ein hinkender Mann entgegengekommen, der kurz hinter einem Baum stehen geblieben sei.

Zur gleichen Zeit fällt aus Richtung der Appenmühle ein Schuss – der Begleiter des Stiefbruders sieht sogar das Mündungsfeuer aufblitzen. Dann hören sie einen Lockpfiff. Es wird ihnen zu unheimlich und sie kehren wieder um. Der Schuss fällt gegen 0.45 Uhr. Mehrere Zeugen hören den ihn, manche wollen auch Frauenstimmen gehört haben. Ein anderer, der auf dem Heimweg von der Künstlerkneipe in Mühlburg war, will zwei junge Leute nach der Appenmühle gehen gesehen haben– wahrscheinlich der Stiefbruder und sein Begleiter.

Der Fall wird immer rätselhafter

Dieser Zeuge sieht auch das Blut auf der Straße, kümmert sich aber nicht darum. Jetzt stellt man auch noch fest, dass ein mehrkantiger Dolch die Mordwaffe war. Der Stich ist vom Hals bis in die Lunge gedrungen. Ob es der Schuss war, der Schwall umgebracht hat, ist jetzt fraglich.

Und dann folgt etwas sehr Seltsames: Man entdeckt, dass Schwall gar nicht in der Versammlung war. Offensichtlich war er nicht einmal in Mühlburg. Nachforschungen in der persönlichen Vergangenheit von Schwall ergeben keine neuen Anhaltspunkte, außer dass er früher selbst eine Neun Millimeter-Mauserpistole besessen hatte – dies ist offensichtlich die Waffe, aus der der Schuss gefeuert wurde.

Die Appenmühle in Daxlanden
Bild: Thomas Riedel

Am 17. August wird die Voruntersuchung gegen die Verhafteten eröffnet, doch einen Monat später muss die Staatsanwaltschaft sie bereits wieder schließen. Am 16. September werden alle Verdächtigen aus der Haft entlassen. Noch einige Male wird der Fall in den darauffolgenden Jahren immer wieder aufgefrischt, doch die Polizei kommt nicht weiter.

Im Jahre 1933 erstattet ein Daxlander Bewohner Anzeige, dass er auf der Federbachbrücke einen betrunkenen Mann habe sitzen sehen, der gemurmelt haben soll: "Den Schwall Otto hab ich um’brocht!" Die Ermittlungen jedoch bleiben bis heute ergebnislos.

Das könnte Sie auch interessieren

Hier geht es zu Teil 1 und 2 der mysteriösen Karlsruher Mordserie:

Teil 1: Die Karlsruher Polizei rätselt bis heute: Wer hat 1921 Otto Wirz in der Oststadt überfallen und ermordet?

Teil 2: Der nette Portier der Brauerei Sinner: Musste Josef Grünling aus Karlsruhe sterben, damit eine Affäre geheim bleibt?

Mehr zum Thema Stadtgeschichte: Es war einmal in Karlsruhe | ka-news.de