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Karlsruhe Ein Tag beim Bestatter: "Der Tod gehört zum Leben dazu"

Der Tod ist für die viele Menschen ein Tabuthema. Darüber geredet wird eher nicht. Anders ist das bei Sonja Vogt. Sie ist Bestatterin, bereitet Tag für Tag Verstorbene auf Beerdigungen vor und betreut die Angehörigen. ka-news hat sie und ihre Kollegen einen Tag lang begleitet.

Es ist ein milder Mittwochmorgen Anfang April. Auf der Haid-und-Neu-Straße herrscht reger Betrieb. Frauen und Männer sind auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Terminen. Daneben ein starker Kontrast: der Karlsruher Hauptfriedhof mit seinem eindrucksvollen Eingangsportal. Die schlichte, mit Efeu bewachsene Friedhofsmauer scheint wie eine Grenze zu sein: die Grenze zwischen Leben und Tod, Laut und Leise, Freude und Trauer. Eines Tages kommt jeder einmal mit dem Tod in Berührung. Ob all diese Passanten darüber nachdenken, wenn sie Tag für Tag an diesem stillen Ort vorbeihetzen? 

Ich möchte wissen, was genau hinter der Friedhofsmauer geschieht. Wie fühlen sich die Bestatter, die Tag für Tag diese Grenze überschreiten und das Thema Tod ständig präsent ist? Einen Tag lang wurde ich mitgenommen und erkenne, was diese Menschen antreibt, diesen besonderen Beruf auszuüben.

Bestatter kümmern sich um alles, nicht nur Beisetzung

Sieht man in Filmen einen Bestatter, wird oft das Bild eines reservierten und ernsten Menschen vermittelt. Sonja Vogt arbeitet als Bestatterin beim Bestattungsinstitut Karlsruhe und ist das genaue Gegenteil. Sie wirkt zwar ruhig und konzentriert, aber nicht unnahbar. Mit dem Thema Tod hat sie keine Berührungsängste. "Er gehört für mich zum Leben dazu", sagt sie.

Vom Abholen des Verstorbenen bis zur Beisetzung begleiten Bestatter den Bestattungsvorgang. Auch Bürotätigkeiten sind ein großer Teil ihrer Arbeit. Dennoch gleicht kein Tag dem anderen. Am Morgen wird zunächst mit den Kollegen besprochen, was im Laufe des Tages erledigt werden muss, wieviel Personal da ist und wie man es zusammenbringt. Es werden Listen herumgereicht: Tagesplan, Tresorliste und ein Eingangsbuch mit den Informationen über den Sterbefall. Alles wirkt sehr organisiert.

Was Priorität hat, richtet sich nach dem Tagesplan. Frank Steinberg, Mitglied des Überführungsteams, führt mich heute über den Friedhof und zeigt mir zunächst die große Kapelle mit ihrem bunten Kirchenraum.

Ein Tag beim Bestatter
Große Kapelle | Bild: Julia Baege

Das Gebäude birgt aber noch viel mehr. Im rechten Teil befindet sich ein Raum für die Angehörigen, einer für den Pfarrer und ein Spielzimmer für Kinder. Dann führt der Bestatter mich in den hinteren Teil des Gebäudes. Vorbei an einem grauen Vorhang kommen wir in einen reich verzierten und warm beleuchteten Gang von dem rechts und links Flügeltüren abgehen. Hinter diesen Türen befinden sich die Aufbahrungszellen. "Hier können sich die Trauernden noch einmal am Sarg verabschieden", erklärt der gelernte Bestatter.

Ein Tag beim Bestatter
Hinter den Türen rechts und links sind die Aufbahrungszellen. Hier können sich Trauernde von ihren Verstorbenen verabschieden. | Bild: Julia Baege
Ein Tag beim Bestatter
So sieht eine Aufbahrungszelle aus. Hier können die Trauernden zusammen kommen und Abschied nehmen. | Bild: Julia Baege

Der "Raum der Stille", wie er genannt wird, befindet sich am Ende des Ganges und ermöglicht Trauernden ein Verabschieden ganz für sich. Es kann Musik gehört werden, etwa das Lieblingslied des Verstorbenen - fast alles ist möglich. "Die Wünsche der Angehörigen sind bei uns oberstes Gebot", erklärt Steinberg.

Hygienische und kosmetische Versorgungen

Hinter einem weiteren grauen Vorhang kommt eine Schiebetür zum Vorschein, hinter der sich die Kühlzelle befindet. Frank Steinberg öffnet sie und betritt den Raum – für ihn ganz alltäglich, für mich nicht. Es ist kalt und die Situation etwas befremdlich. An den Wänden sind Särge und Tische mit Verstorbenen hintereinander aufgereiht -  manche sind mit Tüchern bedeckt. Der Anblick der vielen Toten ist gewöhnungsbedürftig. 

Ein Tag beim Bestatter
Tür zur Kühlzelle | Bild: Julia Baege

Jeder Verstorbene ist in einem unterschiedlichem Zustand, nicht alles ist schön anzusehen. In der Nähe der Tür steht ein Tisch mit Kosmetika und Hygieneartikeln, die eingesetzt werden, um Abschiednahmen am offenen Sarg zu ermöglichen, auch bei zuvor erfolgten Verletzungen. 

"Ich hätte es mir früher nie vorstellen können als Bestatter zu arbeiten", sagt Frank Steinberg. Durch einen Bekannten, der beim Bestattungsinstitut der Stadt Karlsruhe gearbeitet hat, kam er auf die Idee, diesen besonderen Beruf zu wählen. Ihm macht besonders der Umgang mit den unterschiedlichen Menschen Freude. In den verschiedenen Kulturen, Religionen und Ländern wird ganz unterschiedlich getrauert. "Als eine Gospelsängerin beerdigt wurde, standen bei der Trauerfeier am Ende alle auf den Bänken und haben laut gesungen", erinnert sich Steinberg.

Auch Sonja Vogt arbeitet sehr gerne als Bestatterin. Es ist die Vielseitigkeit und der Menschenkontakt, der ihr Freude bereitet. "Man kommt mit Menschen aus allen sozialen Schichten in Kontakt und betritt die Häuser und Wohnungen, sieht, wie und unter welchen Umständen die Menschen gelebt haben", sagt sie. "Klar gibt es sehr schwierige Situationen, dennoch und auch gerade deswegen übe ich diesen Beruf sehr gerne aus. Diese komplette Bandbreite ist das, was es für mich so interessant macht", sagt sie. 

"Ich bin da und gebe den nötigen Halt!"

Doch wie geht man als Bestatter damit um, dass nicht nur alte Menschen, sondern auch Kinder sterben? Wird man als Bestatter auch mal wirklich traurig? "Ja, auf jeden Fall! Das Sterben in hohem Alter ist der Lauf des Lebens, aber wenn Kinder sterben, bei Suiziden oder Unglücken stehen einem manchmal die Tränen in den Augen. Besonders traurig ist es immer, wenn die ganze Familie und das Umfeld emotional mitgerissen wird", meint Sonja Vogt nachdenklich. Das bestätigt auch Frank Steinberg, der schon seit über 30 Jahren Bestatter ist. 

Als Bestatter muss man Einfühlungsvermögen haben. Das wird besonders dann deutlich, wenn Sonja Vogt in einem Aufnahmegespräch mit den Angehörigen über den Ablauf der Beerdigung spricht und sie Särge, Urnen und Trauersprüche aussuchen lässt. "Teilweise gibt es große Brüche in den Familien, die bei einem Sterbefall wieder hochkommen", erklärt sie. Oft wird geweint und es werden kleine Anekdoten erzählt. "Hier ist kein Ort, an dem man sich zusammenreißen muss", sagt sie. "Ich bin als Bestatterin da und gebe den nötigen Halt. Da gibt es hin und wieder auch mal eine Umarmung. Trotzdem kann und möchte ich nicht diejenige sein, die den Schmerz und die Trauer auffängt", stellt sie klar. 

Übrig bleiben nur Knochenteile und Asche - und Metall

Frank Steinberg setzt seine Führung fort. Mit einem Leichenwagen geht es über den Friedhof zur kleinen Kapelle, die bis Anfang der 1990er-Jahren auch das Krematorium war. Der Kirchenraum ist deutlich kleiner als in der großen Kapelle: Etwa 40 bis 50 Menschen können hier bei einer Trauerfeier gemeinsam Abschied nehmen. Früher wurden die Verstorbenen auf einer absenkbaren Platte direkt im Anschluss an die Trauerfeier mit einem Aufzug nach unten gefahren und dort im Keller verbrannt. Heute kann man nur noch auf Wunsch bei der Kremation des Verstorbenen dabei sein.

Ein Tag beim Bestatter
Kleine Kapelle | Bild: Julia Baege

Im neuen Krematorium zeigt mir Steinberg die verschiedenen Bereiche. Durch ein Schaufenster kann man den Stand des Verbrennungsprozesses sehen - nichts für schwache Nerven!

Ein Tag beim Bestatter
Durch ein kleines Guckloch wird der Kremationsprozess überwacht. | Bild: Julia Baege
Ein Tag beim Bestatter
Der Sarg wird in die Brennkammer im Krematorium gefahren. | Bild: Julia Baege

Bei hohen Temperaturen werden die Verstorbenen im Sarg verbrannt und danach die Metallteile aus der Asche und den übrig gebliebenen Knochenteilen gelesen. "Man glaubt gar nicht, wie viel Metall sich in den Körpern unserer Mitmenschen befindet", sagt Frank Steinberg. Wenn die Asche verlesen wurde, wird sie in einer Maschine gemahlen und dann in eine Urne gefüllt. 

Ein Tag beim Bestatter
Alles, was nicht zum Körper gehört, wird nach der Verbrennung entfernt | Bild: Julia Baege

Verwechslungen der Asche sind unmöglich

Durch Schamottesteine mit Zahlen darauf, ist es technisch unmöglich, dass Asche vertauscht wird. "Bei uns geht alles mit rechten Dingen zu", sagt Steinberg. Der Bestatter ist enttäuscht, dass viel Falsches über Feuerbestattungen und mögliche Verwechslungen der Asche erzählt wird. Interessierte können eine Führung im Krematorium machen.

Ein Tag beim Bestatter
Durch den Stein ist eine Verwechslung nach der Verbrennung unmöglich. | Bild: Julia Baege

Tag für Tag werden Bestatter mit der Endlichkeit konfrontiert. "Es kann jederzeit passieren. Das wird uns hier jeden Tag vor Augen geführt", sagt Sonja Vogt. Seit sie Bestatterin ist, sieht sie das Leben und das, was wichtig ist, anders. "Die Zeit, die ich habe, nutze ich viel intensiver", sagt sie. 

Mein Tag mit den Bestattern geht zu Ende. Der Kontrast zwischen Friedhof und der belebten Straße wirkt noch stärker als zuvor. Auf den Straßen herrscht nun Feierabendverkehr und es regnet in Strömen. Es gerät im Alltag oft in den Hintergrund, aber vielleicht sollten wir von den Bestattern lernen und die sonnigen und hellen Tage in unserem Leben umso intensiver genießen und auch im Alltag vor Augen zu haben wie kostbar und einmalig das Leben ist...

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Kommentare (2)
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  •   ka-lex
    (1636 Beiträge)

    08.04.2018 18:39 Uhr
    Kompliment Frau Baege!
    Ein perfekter Artikel mit Empathie und trotzdem Distanz. Beispielhaft!
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  •   lenkdreiachser
    (401 Beiträge)

    08.04.2018 20:25 Uhr
    Ja, gefällt
    Ein sehr einfühlsamer Artikel mit Tiefgrund, für mich persönlich wertvoll, nachdem vor kurzem ein enger Angehöriger den beschriebenen Weg gegangen ist.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
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