Erst war es die Corona-Krise, jetzt ist es der Ukraine-Krieg. Das Einkaufen für die Deutschen ist erneut mit gewissen Einschränkungen verbunden. Doch das Problem ist nicht unbedingt an erster Stelle, dass durch den Krieg kein Nachschub in Karlsruhe mehr ankommt. Die "hamsternden" Einkäufer tragen eine Mitschuld an den leegeräumten Regalen.

In Hongkong sind viele Supermarktregale leer. Wegen der angespannten Corona-Lage haben sich viele Menschen mit Lebensmitteln eingedeckt.
Wegen der angespannten Lage haben sich viele Menschen mit Lebensmitteln eingedeckt. | Bild: Vincent Yu/AP/dpa

Supermärkte und Discounter rationieren deshalb seit einer Weile wieder ihre Waren, sodass pro Kopf/ pro Haushalt nur noch gewisse Mengen herausgegeben werden dürfen. Viele Kunden zeigen da aber wenig Verständnis. Beleidigungen und sogar körperliche Auseinandersetzungen sind die Folge.

"Es glaubt uns eh keiner, was wir am Tag erleben"

Einige dieser Geschichten erfährt ka-news.de von Supermarkt-Angestellten, die sich nach unserem Facebook-Aufruf an die Redaktion gewendet haben. 

"Unsere Nerven liegen blank und es interessiert die Mehrheit der Kundschaft nicht, wie es uns geht. Wir stehen die komplette Pandemie gerade und geben unser Bestes, damit auch alles da ist, was man braucht. Dann kommt eine Kundin rein, natürlich ohne Maske, und erzählt, dass ihr Mann positiv ist. Sie geht mal schnell einkaufen, bevor sie es auch ist. Wir Verkäufer könnten ein Buch schreiben, uns glaubt eh keiner was wir am Tag so erleben", kommentiert beispielsweise die Leserin Melissa. 

Ein Kunde schiebt einen bis zum Rand gefüllten Einkaufswagen über den Parkplatz eines Supermarktes.
Ein Kunde schiebt einen bis zum Rand gefüllten Einkaufswagen über den Parkplatz eines Supermarktes. | Bild: Matthias Balk/dpa

Unter ihrem Kommentar pflichtet ihr unter anderem die Userin Anja bei: "Ich bin jetzt 33 Jahre im gleichen Betrieb an der Kasse und bekomme es hautnah und manchmal auch verbal mit. Ich war zwischendurch auch schon soweit, das Handtuch zu werfen."

Das könnte Sie auch interessieren

In welchen Supermärkten die zwei tätig sind wird in beiden Kommentaren nicht genannt. Allgemein wird aber bei den Rückmeldungen deutlich, dass sich die Supermarkt-Mitarbeiter nur anonym zu Wort melden möchten oder darum bitten, dass der Name ihres Arbeitgebers nicht genannt wird. Denn: "Schlecht" über Kunden reden widerspricht der eisernen Regel "der Kunde ist König".

"Ich habe angefangen, meine Mitmenschen zu hassen"

Zu Letzteren gehört auch Stephanie, die sich bereit erklärte, telefonisch mit der Redaktion zu sprechen. Sie arbeitet seit 2016 als Marktleitung in einer bekannten Supermarkt-Kette in Karlsruhe, generell arbeitet sie aber schon seit dem Jahr 2001 im Einzelhandel. Ihr fällt vor allem eines auf: Die Kunden werden immer egoistischer und verhalten sich gegenüber den Mitarbeitern herablassend und respektlos.

Das könnte Sie auch interessieren

"Das betrifft nicht nur mich, sondern wirklich jeden Mitarbeiter im Lebensmittel-Einzelhandel oder in Drogerien", erzählt Stephanie. "Schon zu Pandemie-Beginn, als wir vermehrt auf die Maskenpflicht hinwiesen, haben die Leute angefangen uns zu hassen. Und ich habe auch angefangen, meine Mitmenschen zu hassen. Das belastet schon, wenn man mit den Mitmenschen nicht mehr kann."

Es gibt wieder Klopapier - zumindest in diesem Supermarkt in Offenburg.
Heiß begehrt zu Beginn der Corona-Krise: Das Klopapier. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Richtig "heftig" ging es dann zu, als die Menschen anfingen, das Toilettenpapier leerzukaufen. Teilweise wurde der Streit um das "weiße Gold", aber auch um Nudel und Konserven, so heftig, dass die Kunden sich fast darum geprügelt haben. "Da musste ich auch schon dazwischengehen", so die Marktleiterin.

Russland-Rassismus macht sich breit

Jetzt, vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges, kommt allerdings noch ein weiterer Aspekt dazu, den Stephanie mit Sorge beobachtet: Rassismus.

Das könnte Sie auch interessieren

"Die Kunden schieben alles auf den Krieg und steigern sich rein, dass die Russen schuld an den leeren Regalen wären", sagt Stephanie. Darauf folgen üble Schimpftiraden, wenn Stephanie und ihr Team versuchen darauf hinzuweisen, dass pro Haushalt zum Beispiel nur eine Flasche Öl gekauft werden darf. "Wir können den Leuten einfach nicht gerecht werden, müssen uns dann anhören, dass wir zu blöd sind Ware zu bestellen oder sie erfinden Ausreden, damit sie mehr kaufen können. Die Mehrzahl der Leute ist wirklich hochaggressiv", beklagt Stephanie. 

Nur noch wenige Flaschen Öl stehen in einem Regal in einem Supermarkt. Die Nachfrage nach Speiseöl und Mehl stieg seit dem Beginn des ...
Nur noch wenige Flaschen Öl stehen in einem Regal in einem Supermarkt. Die Nachfrage nach Speiseöl und Mehl stieg seit dem Beginn des Krieges gegen die Ukraine stark an. | Bild: Sven Hoppe/dpa

Dass es aber Probleme bei den Lieferungen gebe, kann Stephanie so nicht bestätigen. "Es kommt halt nicht mehr in Massen, sondern in Schüben. Aber wenn wir versuchen zu erklären, dass die leeren Regale eher daher kommen, weil sie kistenweise die Flaschen raustragen, dann werden die richtig böse."

Kritik am Krisenmanagement

Etwas anders sieht es ein Mitarbeiter, der nur "Herr Abdulah" genannt werden möchte. Er arbeitete zuerst im Real, anschließend wechselte er zu "Globus". Er findet: Viele Einzelhändler können mit Krisen und hamsternden Kunden nicht umgehen und lernen nicht dazu. 

"Als die Corona-Krise angefangen hat, gab es Probleme mit Klopapier und Mehl. Die Firmen hier in Deutschland haben aber nicht viel Erfahrungen, mit den Krisen umzugehen, weil das die erste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Aber seit Beginn des Ukrainekrieges haben wir bei einigen Produkten einen hohen Kauf gemerkt, aber die Firmen haben nichts gemacht. Sie haben die Kaufmenge nicht begrenzt, sie haben nicht viele Waren bestellt, sie sind mit der Krise umgegangen, als gäbe es sie nicht", schreibt er an die Redaktion per E-Mail.  

sind die Regale in einem Supermarkt in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Leergeräumte Regale in einem Supermarkt. | Bild: -/Ukrinform/dpa

Er macht sich stattdessen eher Sorgen, was denn passiert, wenn auch in Deutschland ein Krieg ausbrechen würde. Wie würde da die Versorgung der Menschen bewerkstelligt werden?

Aus zwei Krisen haben die Firmen nicht gelernt, dass sie viele Waren bestellen und einlagern müssen und sie müssen immer einen Plan B haben. Die wichtige Frage hier ist, was passieren würde, wenn es hier in Deutschland Krieg gäbe? Können die Einzelhandelsfirmen lernen oder nicht? Haben sie vorsorgliche Pläne oder nicht? Ich glaube nicht. Wenn es hier Krieg gibt, werden die Menschen verhungern. Aber ich hoffe, dass es hier keinen Krieg gibt und dass in Deutschland der Frieden bleibt."