2  

Berlin Sorge um Corona bei Kindern - Humangenetiker fordert: "Wir brauchen eine Impfpflicht für das Personal in Kitas und Schulen"

Kinder bis zwölf können gar nicht gegen Corona geimpft werden - und ab zwölf ist es nicht generell empfohlen. Wie aber soll dann Schule nach den Sommerferien sicher stattfinden können?

Die Sorge vor einer verstärkten Corona-Verbreitung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland wächst. Zunehmend heftig wird darüber diskutiert, wie Infektionen bei Minderjährigen und eine Virus-Weitergabe in ihren Familien eingedämmt werden können.

Der Humangenetiker Wolfram Henn vom Deutschen Ethikrat forderte: "Wir brauchen eine Impfpflicht für das Personal in Kitas und Schulen." Der Bundeselternrat verlangte am Montag Luftfilter an allen Schulen. Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger warnte vor einer vierten Corona-Welle mit enormen Dimensionen.

Hintergrund der Debatte: Für Kinder bis zwölf gibt es keinen zugelassenen Impfstoff. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt derzeit nur für Kinder und Jugendliche eine Impfung, wenn sie etwa bestimmte Vorerkrankungen oder gefährdete Personen im Umfeld haben, die sich selbst nicht schützen können.

Eine Maske liegt auf einem Tisch in einer Münchner Schule.
Eine Maske liegt auf einem Tisch in einer Münchner Schule. | Bild: Matthias Balk/dpa

Pro Impfpflicht für Lehr- und Erziehungskräfte

Henn argumentiert bezogen auf das Schul- und Kitapersonal: "Wer sich aus freier Berufswahl in eine Gruppe vulnerabler Personen hineinbegibt, trägt eben besondere berufsbezogene Verantwortung." Lehrkräfte, Erzieher und Erzieherinnen sollten vor allem Kinder unter zwölf Jahren schützen, sagte der Medizinethiker an der Universität des Saarlandes der "Rheinischen Post" (Montag).

Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel.
Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Zwar trügen Kinder ein geringes Risiko, schwer an Covid zu erkranken, sagte Henn. Man müsse aber weiter damit rechnen, "dass sie das Virus in ihre Familien tragen und Menschen aus Risikogruppen infizieren". Henn nannte als Beispiele Krebspatienten, die wegen ihrer Therapien noch nicht geimpft werden konnten. Diese Gruppe müsse durch eine Impfpflicht bestimmter Berufsgruppen geschützt werden.

Eine Impfpflicht ist in Deutschland möglich, aber selten. So ist seit März 2020 ein Nachweis einer Immunisierung gegen Masern für Kinder bei der Aufnahme in Kitas und Schulen vorgeschrieben. Für Lehr- und Erziehungskräfte gilt diese Pflicht auch. Laut Infektionsschutzgesetz kann das Bundesgesundheitsministerium anordnen, "dass bedrohte Teile der Bevölkerung" an Schutzimpfungen teilzunehmen haben.

Frank Ulrich Montgomery beim Deutschen Ärztetag 2019.
Frank Ulrich Montgomery beim Deutschen Ärztetag 2019. | Bild: Guido Kirchner/dpa

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, unterstützt eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Auch "Ärzte und Schwestern" sollten geimpft sein, sagte er der Funke Mediengruppe.

Contra Impfpflicht für Lehr- und Erziehungskräfte

Kritik an dem Vorstoß kam vom Verband Bildung und Erziehung. "Was wir jetzt nicht brauchen, ist eine Diskussion über eine Impfpflicht für eine Berufsgruppe, die mit überwältigender Mehrheit geimpft ist", sagte der Chef der Gewerkschaft, Udo Beckmann. Lehrkräfte und Erzieher hätten der Impfung entgegengefiebert. Die meisten hätten ihr Impf-Angebot angenommen. Die Impfquote liege teils bei 90 Prozent. Beckmann mahnte: "Wenn aus gesundheitlichen Gründen keine Impfung möglich ist, darf dies nicht in einem Berufsverbot enden."

Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE, Udo Beckmann.
Der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE, Udo Beckmann. | Bild: Federico Gambarini

Die Bundesregierung lehnt Impfpflichten ebenfalls ab. Alle Menschen seien aufgerufen, sich impfen zu lassen - auch Lehr- und Erziehungskräfte, sagte ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). «Es wird keine Impfpflicht geben.» SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach sagte den Funke-Zeitungen. «Eine solche Impfpflicht lehne ich ab.» Da müsse die Politik Wort halten. Eine allgemeine Impfpflicht hatte auch Henn abgelehnt.

Stand der Impfung

Inzwischen haben in Deutschland 58,5 Prozent mindestens eine Erstimpfung. 42,6 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft. Nötig seien niedrigschwellige Angebote, um mehr Menschen vom Impfen zu überzeugen, sagte der Sprecher des Gesundheitsressorts. Einige Länder verfolgten bereits sehr "kreative Wege" - etwa mobile Impfteams vor Supermärkten oder in Hochschulen.

Jens Spahn äußert sich auf einer Pressekonferenz zu den Konsequenzen der Stiko-Empfehlung.
Jens Spahn äußert sich auf einer Pressekonferenz | Bild: Fabian Sommer/dpa

Spahn hatte angekündigt, dass sich alle erwachsenen Impfwilligen im Juli das erstes Mal impfen lassen können. Für Kinder und Jugendliche über 12 soll bis Ende August mindestens die erste Impfung möglich gemacht werden. Für alle Nichtgeimpften hatte der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, vorausgesagt: "Dieses Virus wird auf Dauer jeden Deutschen infizieren, der nicht geschützt ist durch eine Impfung."

Luftfilter an Schulen - eine Alternative?

Nun sollen voraussichtlich verstärkt Luftfilter für Schulen angeschafft werden. Laut Bundeswirtschaftsministerium gibt es Gespräche über eine Ausweitung des Bundesprogramms zu ihrer Förderung. Bisher fördert der Bund nur den Einbau fester Anlagen.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) hatte mitgeteilt, Bund und Länder arbeiteten an einem Programm für mehr solcher Filter in Klassenzimmern. Nachdem das Umweltbundesamt seine kritische Meinung gegenüber den Filtern geändert habe, würden die Länder nun beraten, wie man die Bundesförderung ergänzen könne, so der Kanzlerkandidat der Union in der ARD.

Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Bundesvorsitzender der CDU und Kanzlerkandidat.
Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Bundesvorsitzender der CDU und Kanzlerkandidat. | Bild: Christophe Gateau/dpa

Der Bundeselternrat forderte, Luftfilter nicht auf Klassen mit Kindern bis zwölf Jahre zu beschränken. "Wenn das nicht bis zum Beginn des neuen Schuljahres umgesetzt werden kann, müssen wenigstens größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, damit die Schüler nicht noch einmal dem Modell des Wechselunterrichts ausgesetzt sind", sagte Vizechefin Ines Weber den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Beckmann sagte, es sei die Verantwortung der Politik, "alle technischen Möglichkeiten in Kitas und Schulen auszuschöpfen, um alle in Schule und Kita befindlichen Personen vor Infektionen zu schützen".

Meidinger sagte zu RTL/ntv, neben Maskenpflicht und Schnelltestungen seien Filteranlagen wichtig. "Ich bin aber skeptisch, ob das allein ausreicht, Schulen mit Sicherheit offenzuhalten." Entscheidend würden die Fortschritte bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen sein. Eine Durchseuchung dieser bislang weitgehend ungeimpften Altersgruppe drohe auch außerhalb der Schulen. "Da kann dann selbst bei besten Gesundheitsschutzmaßnahmen an Schulen die vierte Welle enorme Dimensionen erreichen."

Mehr zum Thema
Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus hält Karlsruhe in Atem: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für die Fächerstadt und die Region in diesem Dossier.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (2)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   Reger
    (624 Beiträge)

    13.07.2021 11:33 Uhr
    Impfpflicht
    für Beschäftigte in Kitas, Schulen, Altenheimen, Krankenhäusern usw. Das muss von den Beschäftigten eingefordert werden. Sie haben eine Verantwortung gegenüber Kindern und Patienten.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Jossele
    (123 Beiträge)

    13.07.2021 10:39 Uhr
    Eine Impfpflicht für Lehrer
    klingt ziemlich sinnfrei für mich. Nicht nur, wie der VBE anmerkt, weil die Impfbereitschaft unter Lehrern sowieso sehr hoch ist, sondern auch, weil es für das Ausbreitungsrisiko kaum einen Effekt haben dürfte, von 26 Personen in einem Raum eine rauszunehmen aus der Rechnung...
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.