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Karlsruhe Lockdown-Lust oder Lockdown-Frust? Karlsruher Eheberaterin über Paare in der Corona-Krise

Pandemiezeiten sind Krisel-Zeiten, nicht nur in der Wirtschaft oder in der Politik. Auch an Paaren geht die ewige Fehde mit Corona nicht spurlos vorbei - und kann sogar Beziehungsprobleme und Trennungen begünstigen. Droht 2021 jetzt das große Jahr der Scheidungen zu werden? ka-news.de hat sich mit einer Karlsruher Eheberaterin über Familien- und Beziehungsstress im Lockdown unterhalten.

Ob mit oder ohne Corona, Eheberatungen und Paartherapien werden seit jeher stark in Anspruch genommen. Allein in Karlsruhe gibt es fast 20 Praxen und Beratungsstellen, an denen Experten, Familien, Ehepaaren und unverheirateten Paaren mit Rat zur Seite stehen.

"Corona nimmt viel Raum ein"

Eine von ihnen ist Barbara Fank-Landkammer, Vorständin von der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatungsstelle Karlsruhe e.V. Mit ihrem Team berät und coacht die Sozialpädagogin Paare und Einzelpersonen sämtlicher Altersstufen und Familienverhältnisse - aktuell per Videoschalte oder Telefon.

Barbara Fank-Landkammer, Vorständin/Stellenleiterin der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung Karlsruhe e.V.
Barbara Fank-Landkammer, Vorständin/Stellenleiterin der Ehe-, Familien- und Partnerschaftsberatung Karlsruhe e.V. | Bild: Barbara Fank-Landkammer

Das sind zwischen 80 bis 100 Beratungstermine innerhalb einer Woche, 10 davon sind meistens Neuanmeldungen. Doch nicht nur die Art und Weise der Beratung ist außergewöhnlich, auch die Gründe scheinen sich infolge der Pandemie zu verschieben oder gar erst aufzutun. 

"Tatsächlich nimmt Corona in den momentanen Gesprächen sehr viel Raum ein", bestätigt die 60-Jährige. Der Grund: Da viele Paare im Homeoffice sind oder gar nicht arbeiten können, sitzen sie 24 Stunden am Tag aufeinander. Wenn dann noch Kinder hinzukommen, die nicht zur Schule oder zu Freunden können, kommt häufig noch die Zweisamkeit zu kurz. "Die Paare kommen jetzt nicht gezielt wegen Corona zu mir, aber aufgrund der Veränderungen, die mit dem Virus einhergehen", so die Expertin.

Ein Paar mit Kind läuft eine schmale Straße entlang.
Ein Paar mit Kind läuft eine schmale Straße entlang. | Bild: Felix Kästle/dpa/Archiv

Besonders für Familien ist die Situation schwierig, da die Bedürfnisse komplett nach dem Kind ausgerichtet werden. Hierbei spielt dann auch die Anzahl der Kinder und die Größe der Wohnung eine wichtige Rolle. Der Grund: Eltern erleben ihre Kinder jetzt "intensiver" - und das gegebenenfalls auf kleinster Wohnfläche.

"Da kommt ganz viel auf einmal zusammen. Bei Familien mit Kindern kann da irgendwann der Atem ausgehen", erklärt Fank-Landkammer auf Anfrage von ka-news.de. "Es ist nicht so, dass kein Wille da wäre, aber die Eltern merken, dass die Konsequenzen immer mehr Raum einnehmen. Da kann es vorkommen, dass Eltern sich fragen: Will ich so weitermachen?"

Bereitschaft zur Trennung steigt 

Speziell im Sommer im Jahr 2020 hat die Eheberaterin diese Unsicherheiten deutlich zu spüren bekommen. Bis zu 20 Neuanmeldungen hat die Beratungsstelle pro Woche bekommen. Die meisten davon waren von Ehepaaren mit Kindern. "Wir arbeiten zwar grundsätzlich mit Wartelisten, aber im Juni war das wirklich viel, weil die Situation auch für die Leute neu war", erzählt sie. 

Aber: Hing das wirklich mit den Auswirkungen von Corona zusammen? "Nach meinen Beobachtungen, kann ich das Bejahen", so die Sozialpädagogin. Auch die Bereitschaft, sich zu trennen, sieht die Expertin als durchaus erhöht an.

Ein lesbisches Paar geht in Bremen mit seinem Sohn spazieren.
Ein lesbisches Paar geht in Bremen mit seinem Sohn spazieren. | Bild: Carmen Jaspersen/Archiv

Selbst bei Paaren ohne Kinder sieht die Situation ähnlich aus, was sich folgendermaßen erklären lässt: Die Paare erleben einen Mangel, sei es das gemeinsame Weggehen oder auch nur der Weg zur Arbeit. Dadurch verändert sich der Alltag, was die Paare wiederum zum Nachdenken anregt. "Die Paare resignieren und beginnen ein Resümee zu ziehen mit der Frage: Was will ich? Ist das das Leben was ich möchte?", erklärt Fank-Landkammer.

Infolgedessen sei  dann auch ein Schwinden der Geduld zu vermerken, wodurch der Umgangston zwischen den Paaren durchaus aggressiver werden kann. Dennoch: Ob es im Verlauf des Jahres tatsächlich zu einem "Trennungs-Boom" kommt, ist laut Fank-Landkammer nicht in Stein gemeißelt.

Denn dafür müssen erst die Ergebnisse vom statistischen Bundesamt vorliegen, die erst ab Herbst erwartet werden. "Ich bin selbst sehr gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird", so die Expertin.

"Inseln" schaffen Abhilfe 

Da stellt sich die Frage: Was kann man tun, um dem entgegenzuwirken? Die Expertin rät während des Lockdowns dazu sich eigene "Inseln" zu schaffen. Das heißt: Jeden zweiten Tag eine Zeit wählen, nur für sich selbst. Dabei ist weniger wichtig, wie lange diese Auszeiten sind, sondern wie qualitativ. 

Bild: takazart@pixabay.com

"Wichtig ist hierbei, den Kindern klar zu machen, dass in diesem Zeitraum die Mama oder der Papa jetzt nicht gestört werden möchte", erklärt die Sozialpädagogin. Ähnlich verhält es sich mit der Zweisamkeit. "Mindestens einmal pro Woche sollten sich Paare ausschließlich füreinander Zeit nehmen. Zum Beispiel wenn die Kinder bereits schlafen."

Als letzten Punkt nennt Fank-Landkammer das eigene Sinnieren, denn: "So können die Betroffenen sich in Erinnerung rufen wie sie früher Krisen bestanden haben - ob mit oder ohne  Partner."

 

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  •   Meron
    (17 Beiträge)

    18.02.2021 17:41 Uhr
    Home Office ist ein Segen
    Home Office ist das Beste was der Welt des Angestellten passieren hätte können. Endlich mehr Zeit bei der Familie. Power Nap in der Mittagspause? Kein Problem. Kopf blockiert gerade? Kurz ein Spaziergang mit dem Partner. Menschen die ich liebe möchte ich mehr um mich haben als meine Kollegen. In der Arbeitswelt ist man nur eine Nummer. Wechselt man den Arbeitgeber, kräht kein Hahn mehr nach einem nach ein paar Monaten. Ich bin froh, dass bei mir im Unternehmen ENDLICH ein Umdenken bezüglich HO gekommen ist. Wir sind nicht mehr im Militär, dass sich jeder dem gleichen Grenzen fügt. Jeder tickt anders und sollte die Freiheit haben selbst zu entscheiden ob er im HO oder im Büro effizienter ist. Und wenn HO ein Katalysator für den Bruch der Partnerschaft ist, dann umso besser - man sucht sich dann einen kompatibleren Partner und nicht jemand den man nur Nachmittags und an Wochenenden erträgt und dann auf der Arbeit seufzt "Endlich weg von der alten." oder "Ich lass mich scheiden wegen HO"
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