3  

Stuttgart Jobverlust und weniger Geld in der Tasche: Steigt aufgrund Corona die Kriminalität im Land?

Baden-Württemberg ist eigentlich so sicher wie nie. Gerade in Corona-Zeiten geht die Kriminalität in einigen Bereichen weiter zurück. Das könnte sich bald ändern: "Wenn sich die wirtschaftliche Lage negativ entwickelt, kann das auch bedeuten, dass mehr Menschen auf andere Weise versuchen, an Geld zu kommen und da kann Kriminalität durchaus eine Rolle spielen", warnt die neue Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz.

Wenn Menschen ihren Job verlieren und keine Perspektive haben, schnell wieder Arbeit zu finden, steige das Kriminalitätsrisiko. Hinz nannte als Beispiele eine Reihe möglicher Delikte: Vom Nichtbezahlen der Tankfüllung über Internetbetrug bis hin zu unsauber abgewickelten Insolvenzen.

Deshalb dürfe man trotz milliardenschwerer Hilfspakete und sinkender Steuereinnahmen auf keinen Fall künftig bei der Polizei sparen. "Die funktionierende Verwaltung und die öffentliche Sicherheit sind Standortfaktoren, die wir nicht aus Finanzgründen hintanstehen lassen sollten", sagte Hinz. Zwar sei das Leben in Deutschland derzeit sicher. Aber: "Wenn wir wollen, dass das so bleibt, dann müssen wir da rein investieren."

Stefanie Hinz, Landespolizeipräsidentin von Baden-Württemberg, steht im Innenministerium.
Stefanie Hinz, Landespolizeipräsidentin von Baden-Württemberg, steht im Innenministerium. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

"Ich gehe nicht davon aus, dass der Normalbürger, der aufgrund von Kurzarbeit weniger Geld hat, auf einmal kriminell wird", sagte der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer. Bei künftigen Debatten um Sparpakete dürfe man aber dennoch nicht kürzen bei der Polizei. Die Beamten seien nicht optimal aufgestellt etwa bei der Digitalisierung und der Ausstattung. "Die Krise zeigt deutlich, dass der Staat zu schwach ist und die Polizei zu schwach ist."

Soziale Probleme durch Corona müssen angepackt werden

Die Grünen sehen ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen einem Anstieg von Kriminalität und einer möglichen Wirtschaftskrise - und wollen auf Prävention setzen. "Primäre Aufgabe der Politik ist es ja, dass wir verhindern, dass Menschen in derart schwierige Situationen geraten, dass sie keinen anderen Ausweg sehen", sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Uli Sckerl. Man müsse die sozialen Probleme, die durch die Krise größer werden, angehen und vor allem wirtschafts- und sozialpolitisch gegensteuern - etwa mit Konjunkturimpulsen und Soforthilfen.

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Die neue Landespolizeipräsidentin Hinz ist seit Januar im Amt und die erste Frau überhaupt auf dem Posten. Als Landespolizeipräsidentin ist die 47-Jährige nun Chefin von 33.000 Mitarbeitern, darunter rund 24.500 Vollzugsbeamte. Die ersten Monate im Amt waren für sie mehr als turbulent. Im Januar die Bluttat in Rot am See mit sechs Toten. Nun die Corona-Krise. "In der Tat: Es ist jetzt nicht unbedingt viel Zeit gewesen für eine klassische Einarbeitung", sagte Hinz. "Aber es hat auch Vorteile, ins kalte Wasser zu springen und schwimmen zu lernen."

Über 1.000 Polizeibeamte freigestellt oder in Quarantäne

Die Polizei arbeitet derzeit im Ausnahmezustand. Knapp 1.350 Bedienstete befinden sich nach Angaben des Innenministeriums zurzeit in Freistellung oder Quarantäne (Stand 24. April). Seit Beginn der Krise waren es mehr als 5.300. "In Spitzenzeiten waren zwischen acht und neun Prozent der Kolleginnen und Kollegen nicht im Dienst", sagte Hinz. "Das haben wir in einer normalen Grippesaison auch. Das ist für den Personalkörper verkraftbar." 231 Polizeibeamte erkrankten bislang an dem Coronavirus, derzeit sind es noch 54.

(Symbolbild) | Bild: Thomas Riedel

Die Lage sei aber auch belastend für die Beamten, berichtet Hinz. "Das sind Menschen, die sich genauso anstecken und krank werden können, die Familien zuhause haben, Angehörige in Pflegeheimen oder Kinder, die nicht zur Schule oder in die Kita können." Zwar fielen arbeitsträchtige Großereignisse wie Fußballspiele und Demonstrationen für die Beamten momentan weg. Hinz betonte aber, dass viele Kollegen gebraucht würden, um die Einhaltung der Corona-Verordnung zu überwachen. Seit dem 23. März wurden demnach gut 29.000 Fahrzeuge und fast 177.000 Personen kontrolliert (Stand 23. April). Dabei registrierten die Beamten 18.772 Verstöße.

Mehr Nachwuchs für die Polizei

Hinz will sich in ihrem Amt besonders der Nachwuchsgewinnung widmen. In dieser Legislaturperiode wolle die Polizei mehr als 9000 junge Kollegen einstellen und ausbilden. Hinz spricht sich vor allem für Kontinuität in der Personalpolitik aus. "Wir müssen wegkommen von den Wellenbewegungen - dass wir mal eine Pensionierungswelle haben, dann wieder eine Einstellungswelle, dann geht wieder ein paar Jahre nichts." Die Polizei brauche jedes Jahr 1.200 junge Kollegen.

Im Kampf um Nachwuchs und bei der Konkurrenz zur Privatwirtschaft rät sie zur Gelassenheit. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir kluge Köpfe in bestimmten Bereichen wie zum Beispiel der IT vielleicht nur für fünf, sechs oder acht Jahre bei uns haben - und sie dann wieder eine neue Aufgabe übernehmen oder zu einem anderen Arbeitgeber wechseln."

Mehr zum Thema
Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus breitet sich aus: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für Karlsruhe und die Region in diesem Dossier.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (3)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   dipfele
    (5772 Beiträge)

    27.04.2020 14:29 Uhr
    Die Frage war doch....
    …. steigt durch Corona die Kriminalität? Mit Sicherheit wird bei andauernder Seuche Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit steigen. Keiner wird unter das Existenzminimum kommen um zum Lebensmitteldieb zu werden,.
    Sehr bedenklich ist aber der Ruf von Grosskonzernen, die Milliarden Gewinne eingestrichen haben und nun nach staatlichen Subventionen rufen. Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste. Dieses Ungleichgewicht sollte nach Corona abgeschafft werden.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   kritiker_2014
    (471 Beiträge)

    26.04.2020 17:25 Uhr
    Kretschmann spaltet die Gesellschaft
    Während man Gerichte in BW 39.000 Masken kostenlos zu Verfügung stellen tut darf die Allgemeinheit für die Kosten selbst aufkommen.
    Zum anderen ist noch nicht mal sichergestellt,daß ausreichend Masken zur Verfügung gestellt werden.
    Die,die die z.B. im Internet angeboten werden werden zu Wucherpreisen angeboten.
    Siehe Trigema 10 Masken für 120 Euro.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Avatar
    (820 Beiträge)

    26.04.2020 17:44 Uhr
    Haschs
    jetzt dann mal irgendwann? Meinst Du wenn Du das 100 * wiederholst wird es wahrer? Geh in die Politik, zeig Dich, bewege was. Aber dieses permanente Regierungsbashing ist einfach nur widerlich.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.