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Karlsruhe Karlsruher Obdachlose in der Corona-Krise: Essen, unterhalten, aufwärmen? Ja, aber nur bis 9 Uhr früh!

Wer kein Dach über dem Kopf hat, hat es schon in normalen Zeiten nicht einfach. In der aktuellen Corona-Krise haben Obdach- und Wohnungslose es aber besonders schwer, denn: Viele Hilfseinrichtungen sind geschlossen oder laufen nur im Notbetrieb - wie der Tagestreff "Tür" in der Kriegsstraße. Wie der Alltag dort momentan aussieht und warum die Situation für viele der Hilfsbedürftigen gefährlich werden kann - ka-news.de hat mit Anita Beneta, Bereichsleiterin für Sozialarbeit beim Diakonischen Werk Karlsruhe, gesprochen.

Schach spielen, sich unterhalten, zu Mittag essen, Bücher lesen oder sich ganz einfach nur aufwärmen - für viele Obdach- und Wohnungslose, die den Tagestreff "Tür" in der Karlsruher Kriegsstraße 88 besuchen, gehört das zum festen Tagesablauf.

Statt warmem Mittagessen gibt es nur ein kaltes Vesper

Doch das war vor der Corona-Krise, bevor der Tagestreff, der von der Diakonie Karlsruhe betrieben wird, in den Notbetrieb versetzt wurde. Aufhalten dürfen sich Bedürftigen dort nun nicht mehr, die Räumlichkeiten stehen montags bis freitags nur noch von 7.45 Uhr bis 9 Uhr zur Verfügung. Danach müssen die Besucher wieder raus auf die Straße - und sind auf sich allein gestellt.

Im Tagestreff "Tür" können sich die Besucher normalerweise tagsüber aufhalten, Spiele spielen, etwas essen oder sich beraten lassen. | Bild: Lena Kube

Auch das normalerweise für alle Besucher zubereitete Mittagessen muss zur Zeit etwas kleiner ausfallen: "Von 8 Uhr bis 8.30 Uhr können sich die Besucher lediglich ein Vesperpaket im Eingangsbereich abholen" erklärt Anita Beneta, Bereichsleiterin für soziale Arbeit, Migration und Integration beim Diakonischen Werk.

Von 8.30 Uhr bis 12 Uhr stehen zudem Duschen und der Zugang zu eingelagertem Gepäck zur Verfügung. 26 Personen besuchen die "Tür" laut Beneta momentan pro Tag. Zum Vergleich: Im April 2019 waren es noch knapp 70.

Zu ihrem Schutz und dem der ein bis zwei Mitarbeiter muss auch hier darauf geachtet werden, dass alle Hygienevorschriften und Sicherheitsabstände eingehalten werden. "Oberflächen, Duschen und bei der Essensvorbereitung wird regelmäßig desinfiziert", so Beneta gegenüber ka-news.de. 

Corona-Krise ist für Bedürftige eine große Belastung

Wie gehen die Besucher damit um? "Sie sind sehr achtsam, mann muss sie nicht besonders auf die Vorschriften hinweisen", erklärt die Bereichsleiterin für Sozialarbeit. Das liege ihrer Ansicht nach an deren oft schon angeschlagenen Immunsystem und der fehlenden Krankenversicherung. "Da sind viele besonders vorsichtig."

Ein Obdachloser frühstückt in einer Wohnungsloseneinrichtung in Dortmund.
Ein Obdachloser frühstückt in einer Wohnungsloseneinrichtung. | Bild: Ina Fassbender/dpa

Für viele Obdach- und Wohnungslosen bedeute die aktuelle Lage insgesamt eine große Belastung: Nur noch rund 600 Plätze stehen laut Beneta in Notunterkünften in Karlsruhe zur Verfügung. Viele Hilfseinrichtungen laufen - wie der Tagestreff "Tür" - auf Notversorgung oder wurden - wie der Alkoholkonsumraum "A hoch 3" - ganz geschlossen. Die Kontaktstelle für Drogenabhängige "get IN" hat jedoch weiterhin unter der Woche an jedem Tag geöffnet.

"Den Menschen fehlt eine geregelte Tagesstruktur"

Das kann mitunter sogar gefährlich werden: "Den Menschen fehlt dann eine geregelte Tagesstruktur, die ihrem Leben einen Sinn gibt", so Anita Beneta im Gespräch mit ka-news.de. Gerade für Alkohol- oder Drogenabhängige, die sich auf dem Weg raus aus der Sucht befinden, könnte das ein erneutes Abrutschen in die Abhängigkeit bedeuten. 

Ein Obdachloser sitzt vor der Victoria Station in London. FotoÖ: Victoria Jones/PA Wire
Obdachlosen fehlt durch die Corona-Krise oft eine geregelte Tagesstruktur. | Bild: Victoria Jones

Auch aus diesem Grund ist es ihr besonders wichtig, dass - wie die "Tür" - nicht alle Hilfsangebote komplett dicht gemacht werden. "Die Menschen sind sehr dankbar dafür. Ihnen fehlt einfach der Kontakt zu anderen Personen. Viele sind froh, hier in dieser Zeit ein paar bekannte Gesichter sehen zu können."

Für die Bedürftigen da sein? Das geht nur noch per Telefon

Oft hätten Besucher aber auch psychische Probleme oder finanzielle Ängste und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wo der Tagestreff hier normalerweise mit Beratungsangeboten und Hilfestellungen für den Alltag zur Stelle wäre, muss jetzt eine telefonische Notfallberatung genügen - doch das gestalte sich schwierig. "Per Telefon oder online zu helfen hat eben eine ganz andere Wirkung, als wenn man persönlich Unterstützung anbietet", sagt Beneta.

Das Hab und Gut eines Obdachlosen im Vorraum einer Bank beim Übernachten. (Archivbild)
Viele Bedürftige haben Angst, wie es mit ihnen in der Corona-Krise weitergehen soll. | Bild: TMC|Carmele Fotografie

Je länger die Einschränkungen dauern, desto schwieriger würde es ihrer Ansicht auch, die verzweifelten Menschen zu besänftigen. "Und je nachdem, wie sich die wirtschaftliche und finanzielle Situation für die Bürger entwickelt, könnte es auch passieren, dass noch mehr Obdachlose hinzukommen", so die Bereichsleiterin der Diakonie.

Aus diesem Grund befinde man sich mit allen wichtigen sozialpolitischen Akteuren der Fächerstadt im Austausch, etwa der Arbeiterwohlfahrt (AWO) oder der Caritas. "Noch greifen alle Maßnahmen", so Beneta. Sollte sich die Situation allerdings verschlimmern, "dann brauchen wir alle ein Konzept auf Stadtebene".

"Geld spenden. Das ist die größte Hilfe"

Doch auch die Karlsruher Bürger können laut Anita Beneta ihren Teil zur Unterstützung der Obdach- und Wohnungslosen beitragen: "Geld spenden. Das ist die größte Hilfe", sagt sie gegenüber ka-news.de. Hierfür hat die Diakonie auf ihrer Homepage www.dw-karlsruhe.de einen Spendenbutton eingerichtet.

Anita Beneta im "A hoch 3" | Bild: Anya Barros

Damit sollen Notfälle unterstützt werden können, beispielsweise mit Medikamenten, Lebensmitteln und Hygieneartikeln. "Eben mit allem, was die Lebensqualität verbessert", meint Beneta. So soll gewährleistet werden, dass Bedürftige in Karlsruhe auch weiterhin "schnelle und unbürokratische Hilfe bekommen".

#KANEWSverbindet

Mit der Aktion #KANEWSverbindet wollen wir Hilfesuchende und Helfer zusammenbringen: Auf dem Portal können Helfer ihr Angebot eingetragen und Hilfesbedürftige die Angebote nach ihren Anforderungen filtern. Weiterhin bieten wir der lokalen Geschäftswelt eine Möglichkeit, sich mit ihren Kunden zu vernetzen. Unternehmen können ihr Angebot kostenfrei eintragen.

Nachbarschaftshilfe: https://kanews-verbindet.de/

Übersicht Helferliste: https://kanews-verbindet.de/helferliste/

Geschäftswelt: https://kanews-verbindet.de/wirtschaft/

Übersicht Geschäftswelt: https://kanews-verbindet.de/wirtschaft/firmenliste/

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  •   ALFPFIN
    (7164 Beiträge)

    07.04.2020 13:20 Uhr
    Übrigens
    schon im alten Rom kümmerte sich der Staat um die ärmeren Mitbürger. Er teilte ihnen kostenlos Getreide zu und schütze sie so vor Hunger.
    Im alten Rom gab es bereits eine staatliche Grundsicherung, die allen Römern eine Existenz ermöglichen sollte. Das Bezugsrecht war jedoch nicht vom Einkommen abhängig.
    Unter der Herrschaft von Kaiser Augustus waren etwa 200.000 Menschen bezugsberechtigt, wobei eine Ration für zwei Personen ausreichte. Bei einer Einwohnerzahl von ungefähr 600.000 Bürgern erhielt somit der Großteil staatliches Getreide.

    Allerdings
    Diese Sozialleistungen ergaben sich nicht aus Solidarität mir ärmeren Bürgern, sondern aus dem überheblichen Selbstverständnisses der Römer heraus.
    Immerhin die alten reichen Römer zeigten Solidarität.
    Die Corona Pandemie hat schon so viele Opfer gekostet.
    Da ist es jetzt doch müßig darüber zu diskutieren, warum jemand in die Suppenküche geht.
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  •   ALFPFIN
    (7164 Beiträge)

    07.04.2020 13:06 Uhr
    Tatsache ist,
    das es für die Hilfsbedürftigen in solcher Extremsituation noch schwerer ist. Und da ist um so anerkennenswerter, dass es noch Mitarbeiter der sozialen Einrichtungen gibt, die sich für diese Menschen einsetzen. Da ist es zunächst einmal zweitrangig, warum ein Mensch in diese prekäre Lage gekommen ist. Man muss da schon unterscheiden, welche Lebensschicksale dahinter stehen.

    Meine lebenslange berufliche Erfahrung in der gesetzl. Sozialversicherung zeigt aber auch,
    dass es nicht wenige gibt, die versuchen, oft auch erfolgreich, die Hand aufzuhalten, um
    aus dem Topf unserer Sozialkassen einiges zu bekommen, die aber genug Eigenmittel haben.
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  •   Dobermann
    (169 Beiträge)

    07.04.2020 13:14 Uhr
    Sie haben vollkommen Recht.
    genau so sehe ich das auch.
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  •   ka-lex
    (1666 Beiträge)

    07.04.2020 11:50 Uhr
    Gerade habe ich kapiert was ein "Asozialer" ist.
    Und nein, ich meine nicht die Obdachlosen!
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  •   Route66
    (2415 Beiträge)

    07.04.2020 12:11 Uhr
    Recht hast
    Du Alex. Hier zeigt wieder jeder sein wahres Gesicht.
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  •   Dobermann
    (169 Beiträge)

    07.04.2020 12:07 Uhr
    Asozial bedeutet :
    Der Begriff asozial entspricht eigentlich „unsozial“ als Gegenbegriff zu „sozial“, wird jedoch in der Regel im Sinne von „antisozial“ (= gemeinschaftsschädigend) verwendet. „Asozial“ bezeichnet an sich ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten: Ein Individuum oder eine Gruppe verstößt durch die eigenen Handlungen gegen geltende gesellschaftliche Normen und gegen Interessen anderer Mitglieder der Gesellschaft.
    Also im Prinzip etwas nicht unrechtmäßiges.
    Nicht das schwarze Schaf ist anderst, sondern die weißen sind alle gleich..
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  •   RoentgenKaffee
    (6 Beiträge)

    07.04.2020 12:37 Uhr
    Keyboardwarrior bedeutet
    Jemand, der wütende Nachrichten veröffentlicht oder sich gerne im Internet streitet.
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  •   Route66
    (2415 Beiträge)

    07.04.2020 12:12 Uhr
    Doberman
    da must Du gar nicht lange rumreden: Du hast in Deinen Kommentaren gezeigt wie Du drauf bist.
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  •   zahlenbeutler
    (1526 Beiträge)

    07.04.2020 18:45 Uhr
    so issses
    für ihn halt unwertes Leben, diese Penner, schreibt er ja, mit denen würde er was ganz anderes machen, aber was mit irgendeiner Ideologie hat er selbstverständlich nichts zu tun, er ist ja nur ein rechtschaffener Bürger
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  •   Dobermann
    (169 Beiträge)

    07.04.2020 13:12 Uhr
    Route66
    das ist ja Sinn und Zweck , seine Meinung zu äußern und seine Ansichten zu schreiben.
    Drumherum gibt es bei mir nicht. Das sehen ja einige genauso wie ich.
    Sehr gut erkannt. Sie haben ein wachsames Auge. Top
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