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London Gezielte Corona-Infektionen: Ein guter Weg zum Impfstoff?

Die Welt kämpft mit den Folgen der Corona-Pandemie. Die Sehnsucht nach einem wirksamen Impfstoff gegen das Virus ist groß. Das führt dazu, dass einige auch auf umstrittene Methoden setzen.

Während in aller Welt Mediziner um das Leben schwer erkrankter Corona-Patienten ringen, infiziert ein kleines Ärzte-Team in einer Londoner Klinik Menschen gezielt mit dem Virus.

Was erstmal etwas gruselig klingt, könnte in wenigen Monaten Realität sein. Dahinter steht ein ehrgeiziges Ziel: Mit sogenannten Human Challenge Trials soll schneller ein wirksamer Corona-Impfstoff gefunden werden. Doch die Vorgehensweise ist ziemlich umstritten.

Bei Human Challenge Trials, die bei der Entwicklung von Grippe- oder Malaria-Impfstoffen bereits zum Einsatz kamen, wird möglichst fitten, gesunden Freiwilligen zunächst ein potenzieller Impfstoff verabreicht. Dann werden die Probanden absichtlich dem jeweiligen Erreger ausgesetzt. Die Forscher wollen sehen, wie viele Probanden sich trotz Impfung anstecken. Der Vorteil an diesem Prozedere: Die Wirksamkeit kann vergleichsweise effizient getestet werden. Das übliche Verfahren sieht vor, Zehntausende zu impfen und dann zu schauen, ob sich weniger Menschen auf natürliche Weise infizieren als in einer ungeimpften Kontrollgruppe.

Des britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca könnte für seinen Corona-Impfstoff noch in diesem Jahr eine Zulassung beantragen.
Des britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca könnte für seinen Corona-Impfstoff noch in diesem Jahr eine Zulassung beantragen. | Bild: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/Illustration

In London sollen nun weltweit erstmalig ab Januar solche Tests mit Bezug auf Corona stattfinden, wie die "Financial Times" unter Berufung auf Projektbeteiligte berichtet. Man arbeite mit mehreren Partnern zusammen, um mithilfe von "Human Challenge"-Tests die Entwicklung von Impfstoffen zu beschleunigen, bestätigte ein Regierungssprecher der Deutschen Presse-Agentur in London.

Diese Partner sind zum einen das Londoner Imperial College sowie das Pharma-Forschungsinstitut hVivo, das bereits ähnliche Studien bei anderen Mitteln durchgeführt hat. In der kommenden Woche soll das Projekt offiziell vorgestellt werden.

Ethische Bedenken

Die ganze Welt sehnt sich nach einem Impfstoff, der die Pandemie unter Kontrolle bringt. Da klingt alles, was ein solches Mittel schneller verfügbar machen könnte, erst einmal vielversprechend. Doch so einfach ist es bei den Human Challenge Trials nicht: "Je gefährlicher eine Krankheit ist, desto mehr spricht dagegen, solche Tests durchzuführen", sagt Joerg Hasford, der in Deutschland den Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen leitet.

Covid-19 sei erwiesenermaßen tödlich, teilweise auch für junge Menschen, und es gebe bislang kein zuverlässiges Gegenmittel. "Ich finde, das ist auch eine Zumutung für die Ärzte. Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt und infizieren jemanden, und der stirbt." Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) nennt solche Studien im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 sogar "inakzeptabel".

Zurzeit laufen beim Gesundheitsunternehmen Sanofi intensive Vorbereitungen, um nach der Zulassung eines Impfstoffs unmittelbar lieferfähig zu sein.
Zurzeit laufen beim Gesundheitsunternehmen Sanofi intensive Vorbereitungen, um nach der Zulassung eines Impfstoffs unmittelbar lieferfähig zu sein. | Bild: Martin Joppen/Sanofi/dpa

Neben ethischen Bedenken steht auch die wissenschaftliche Aussagekraft der Trials in Zweifel. Impfstoffe könnten keinesfalls auf diese Weise an Senioren und chronisch Kranken getestet werden, betont der vfa - obwohl gerade diese Gruppen besonders durch das Coronavirus gefährdet seien. "Es ist eben nicht so, dass man Ergebnisse von jungen Frauen so leicht auf alte Männer übertragen kann. Das körpereignes Abwehrsystem wird mit dem Alter in der Regel nicht besser", meint auch Hasford.

"Human Challenge"-Studien in Deutschland undenkbar

In Deutschland sind "Human Challenge"-Studien nach Einschätzung des Experten mit Corona-Impfstoffen quasi undenkbar. Gerichte könnten das Vorgehen bei Klagen als "sittenwidrig" einschätzen, da die Fürsorgepflicht eines Arztes nicht durch die Einwilligung eines Patienten aufgehoben werde. "Das gibt das deutsche Grundgesetz nicht her", so Hasford. Nach vfa-Angaben hat bislang auch kein Pharmaunternehmen entsprechende Verfahren in Deutschland beantragt.

Der Wettlauf um einen Impfstoff läuft weltweit auf Hochtouren. Einige wenige Mittel sind bereits in der entscheidenden Testphase III mit Zehntausenden Probanden. Dabei wird überprüft, ob der Impfstoff nicht nur verträglich ist, sondern auch tatsächlich vor einer Corona-Infektion schützt. Noch ist das für kein Mittel nachgewiesen.

Großer internationaler Protest?

Bis das Projekt in London anlaufen kann, gibt es noch Hürden. So steht dem "Financial Times"-Bericht zufolge etwa noch nicht final fest, ob dafür eine Quarantäneklinik von hVivo im Osten Londons genutzt werden kann - oder ein neues Gebäude gebaut werden muss. Die US-amerikanische Lobby-Organisation 1DaySooner, die sich für Covid-19-"Human Challenge"-Studien stark macht, setzt sich für die öffentliche Förderung eines Neubaus in London ein.

Bei 1DaySooner haben sich auch bereits rund 2000 Freiwillige gefunden, die im Fall der Fälle in Großbritannien an einer solchen Studie teilnehmen wollen. Medizinethiker Hasford bleibt skeptisch: "Ich könnte mir vorstellen, dass es großen internationalen Protest geben wird."

© dpa-infocom, dpa:200925-99-702631/10

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  •   kunvivanto
    (273 Beiträge)

    26.09.2020 11:19 Uhr
    Wenn nur Freiwillige mitmachen,
    sehe ich ethisch da kein Problem, sofern sie vorher gründlich untersucht und danach gut betreut werden.

    Zu einzelnen Aussagen:
    1.
    "erwiesenermaßen tödlich" ist nicht "garantiert tödlich", auch wenn die Formulierung das suggerieren soll.
    Es ist auch "erwiesenermaßen tödlich", wenn man aus dem 2. Stock springt und ungünstig aufschlägt. Aber Stuntmen machen derartige Sprünge, sie sorgen nur für begleitende Sicherheit.
    2.
    "keinesfalls auf diese Weise an Senioren und chronisch Kranken getestet werden"
    So perfekt muss es ja auch nicht sein. Es ist auch schon sinnvoll, Gesunde, die aber potentielle Überträger sind, zu schützen. Stichwort Herdenimmunität.

    Aber es ist mir klar, dass solche Sachargumente keinen Berufsbetroffenen beeinflussen können.
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  •   BMWFahrer
    (315 Beiträge)

    26.09.2020 10:06 Uhr
    Malaria-Impfstoff? (3. Absatz)
    Gibt es einen?
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  •   HerrNilson
    (1700 Beiträge)

    26.09.2020 11:47 Uhr
    Nein
    gibt es nicht. Nach wie vor muss man Prophylaxetabletten nehmen und wenn man Malaria bekommt, dann bleibt es.
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