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Karlsruhe Europa in Zeiten von Corona: Wenn Ländergrenzen Familien trennen und der geplante Urlaub ausfallen muss

Es ist ein anderes Europa, das sich seit der Corona-Pandemie zeigt. Familien, die nur wenige Kilometer entfernt wohnen, sind plötzlich durch die Ländergrenzen getrennt. Als ein Zeichen des Zusammenhaltes in der Krise werden alle Karlsruher Bürger dazu aufgerufen, am Europatag um 18 Uhr gemeinsam die "Ode an die Freunde" zu spielen. Was bedeutet die Pandemie für das europäische Wir-Gefühl?

Ob Urlaub am Mittelmeer, ein kurzer Städtetrip oder ein Familienbesuch: Offenen Grenzen sind für viele europäische Bürger zum Selbstverständnis geworden. Die Corona-Pandemie hat das in den vergangenen Wochen auf eindrückliche Art wieder ins Bewusstsein gerückt, als die Grenzen zu vielen Nachbarländern bis auf Weiteres schließen mussten.

Am Grenzübergang Lauterbourg/Neulauterburg - zwischen Deutschland zu Frankreich. | Bild: Kube

Der Corona-Virus hat Europa verändert. So steht unweit von Karlsruhe die Bundepolizei an der französischen Grenze und kontrolliert, dass nur Berufstätige vom einen in das andere Land gelangen. Französische Staatsbürger fühlen sich diskriminiert, denn sie dürfen auf dem Nachhauseweg nicht einmal im Supermarkt einkaufen. Paare, die nur wenige Autominuten voneinander entfernt wohnen, sind nun durch Ländergrenzen getrennt. 

"Familien werden zerschnitten: Erwachsene Kinder etwa dürfen ihre Eltern nicht sehen, solange diese nicht pflegebedürftig oder krank sind – und Geschwister bleiben auf zwei Seiten des Grenzzauns", so der Karlsruher Europa-Abgeordnete Daniel Caspary. 

Abgeordneter des Europäischen Parlaments: Daniel Caspary aus Karlsruhe. | Bild: ka-news

"Pendler werden fortgesetzt behindert: Zahlreiche Grenzübergänge werden weiter mit Schlagbäumen abgeriegelt. Menschen, die oft nur einen Steinwurf entfernt von ihrem Wohnort arbeiten, müssen lange Umwege fahren", so Caspary auf Nachfrage von ka-news.de weiter. Grenzüberschreitende Maßnahmen seien nun gefragt - allem voran eine enge Abstimmung der Nachbarländer.

Der Europatag 2020 - im Zeichen des Corona-Virus

Doch: Ausgerechnet in diese Zeit fällt der Europatag im Jahr 2020. Samstag, der 9. Mai, soll wie in jedem Jahr ein Feiertag sein, an dem die europäische Idee und der Zusammenhalt der Länder wertgeschätzt wird. 

In diesem Jahr sollte der Europatag in Karlsruhe groß gefeiert werden. Das hatte der Gemein­de­rat im Vorjahr angeregt. "Wir werden jetzt leider keine tolle Parade machen können", so Oberbürgermeister Frank Mentrup in einem Video-Statement. "Aber wir können gemeinsam an den Fenstern und auf den Balkonen die Europahymne schmettern."

Die Idee stammt aus Italien: Als das Land von der Epidemie wortwörtlich überrollt wurde und die Menschen ihre Häuser nicht mehr verlassen durften, drang dort von den Balkonen und Fenstern viel Musik. In der Quarantäne fanden sich sie Menschen so zum gemeinsamen Musizieren zusammen.  

Die Nachricht über das gemeinsame Singen in der Krise verbreitete sich über die italienischen Landesgrenzen hinaus. Auch Karlsruhe hat daraufhin Ende März einen ersten Versuch gewagt. Wie in vielen anderen deutschen Städten wurden die Bürger dazu aufgerufen, am 22. März um 18 Uhr gemeinsam ein Lied zu spielen, dass ein jeder kennt: Die Europahymne "Ode an die Freunde"

"Diese Musik aus Fenstern und von Balkonen zeigt sich europaweit als Geste mit besonderer Symbolkraft", sagt Oberbürgermeister Frank Mentrup.  Am Samstag, 9. Mai, soll erneut das "Balkonkonzert" erklingen. Um 18 Uhr werden alle Karlsruher erneut aufgefordert, gemeinsam die Hymne zu spielen. Ob mit Gesang, Trompete, Cello oder Gitarre: Der Kreativität bei der Wahl des passenden Instruments sind keine Grenzen gesetzt.

Welche Maßnahmen unternimmt die EU in der Krise?

Das gemeinsame Musizieren der Bürger soll ein Symbol für den Zusammenhalt in Europa sein. Doch was leistet der Staatenbund in der Corona-Krise? "Um insbesondere die am stärksten betroffenen Regionen schnell finanziell zu unterstützen, stimmte das Parlament im April 2020 für ein Soforthilfepaket in Höhe von 3 Milliarden Euro für die nationalen Gesundheitssysteme", erklärt Europa-Parlamentarier Caspary. 

Abgeordneter des Europäischen Parlaments: Daniel Caspary. | Bild: ka-news

Längerfristig sollen die Testkapazitäten in den EU-Ländern erhöht und die medizinische Forschung intensiviert werden. 2,7 Milliarden Euro seien für das Soforthilfeinstrument der EU bestimmt, 380 Millionen Euro werden in die "rescEU"-Kapazität für medizinische Ausrüstung fließen. "Das zeigt: Wenn nötig handeln wir als Europäische Union schnell, wirksam und entschieden", so Caspary abschließend. 

ka-news.de-Hintergrund: Warum der Europatag am 9. Mai gefeiert wird

Der Ursprung der heutigen Europäischen Union geht auf das Jahr 1950 zurück. Nach dem zweiten Weltkrieg schlossen sich mehrere europäische Länder in ihrer Kohle- und Stahlproduktion zusammen. Unter ihnen Deutschland und Frankreich, die noch wenige Jahre zuvor im Krieg an gegenüberliegenden Fronten gekämpft hatten.

Am 9. Mai 1950 war es so weit: Die Schumann-Erklärung wurde bekannt gegeben - der Grundstein der Zusammenarbeit. Rund ein Jahr später wurde auf Basis dieser Erklärung die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gegründet. Aus dieser Kooperation ist über rund ein halbes Jahrhundert die heutige, europäische Union entstanden.

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Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus breitet sich aus: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für Karlsruhe und die Region in diesem Dossier.
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  •   Riewespitz
    (88 Beiträge)

    10.05.2020 09:14 Uhr
    Lassen Sie uns teilhaben
    an Ihren Gedanken , was ein "Soforthilfepaket" in Wirklichkeit bedeutet und wie Sie darauf kommen, dass man für dumm verkauft wird ? Ihre Erklärungen werden sicher sehr interessant sein.
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  •   Oitastisch
    (165 Beiträge)

    09.05.2020 14:40 Uhr
    Symbolkraft
    Falls jemand heute Abend sein Instrument erklingen lässt, werde ich bedauerlicherweise wohl meine Fenster schließen müssen. Ich werde die Zeit nutzen um darüber nachzudenken, warum es uns damals eigentlich nicht interessiert hat, als Länder wie Italien, Spanien etc. durch die finanziellen Daumenschrauben der EU ihres Gesundheitswesens beraubt wurden.
    https://zackzack.at/2020/03/20/eurorettung-zerstoerte-spitaler-suedeuropa-leidet-unter-eu-finanzpolitik/
    Was man nämlich gerne verschweigt: Es gab auch in den Jahren davor bereits mehrere Kollapse in den Krankenhäusern, nur war da leider kein Kamerateam.
    Aber viel mehr interessiert mich die Frage, warum jetzt Menschen glauben, sie können diesen Ländern oder anderen Menschen helfen indem sie daheim bleiben und schief geschneiderte Masken beim einkaufen tragen. Und vor allem werde ich mich fragen, ob die hohen Herren uns wirklich für so dumm halten, dass wir nicht genau wissen, was ein "Soforthilfepaket" im Klartext eigentlich bedeutet.
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  •   Riewespitz
    (88 Beiträge)

    10.05.2020 07:48 Uhr
    Nachlesen
    würde ich gerne wann und wo in der Vergangenheit Krankenhäuser vor dem Kollaps standen.
    Leider kann ich nichts darüber finden, aber Sie haben bestimmt die Quellen parat. Wäre es möglich, diese bekanntzugeben, damit man diese Wissenslücke schließen kann.
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  •   Oitastisch
    (165 Beiträge)

    11.05.2020 00:47 Uhr
    Aufgeschlossen
    Diese Probleme haben bisher auch nur wenig mediale Beachtung bekommen und dann fast ausschließlich auf regionalem Niveau. Daher sind fast alle Artikel auf Italienisch oder Spanisch, welche ich finden kann. Es ist schwierig diese auf Authentizität zu überprüfen, da ich selber kein Spanisch oder Italienisch spreche. Trotzdem habe ich etwas für sie, was aber EU übergreifend ist und auch die Zustände in den USA behandelt. Der Artikel ist aber sehr akribisch und bietet zahlreiche weitere Verlinkungen.
    https://off-guardian.org/2020/04/02/coronavirus-fact-check-1-flu-doesnt-overwhelm-our-hospitals/
    Ich bedanke mich für ihre Neugier. grinsen
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  •   Iglaubsnet
    (776 Beiträge)

    10.05.2020 09:48 Uhr
    Durlach
    Paracelsus
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  •   Riewespitz
    (88 Beiträge)

    10.05.2020 11:06 Uhr
    Insolvenz halt
    Oistatisch meinte aber den Kollaps bei Überlastung der Kliniken, ansonsten macht es ja keinen Sinn zu beklagen, dass dort dann keine Kamerateams waren.
    Über die Paracelsiusklink und deren wirtschaftlicher Lage wurde genug berichtet, das kann er also nicht meinen .
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  •   Schillerlocke
    (233 Beiträge)

    10.05.2020 05:44 Uhr
    in Ihrem Kosmos
    würde ich nicht leben wollen. Eine Mischung aus Verbitterung und Vetschwörungstheorien. Was genau hält Sie eigentlich noch hier?
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  •   Oitastisch
    (165 Beiträge)

    10.05.2020 19:24 Uhr
    Meinung?
    Ich musste bei ihrer Antwort sofort an "argumentum ad hominem" denken. zwinkern Haben sie je länger als 30 Minuten hautnah mit Menschen gesprochen, welche den 2. Weltkrieg erlebt haben? Und haben sie die mal gefragt, wie die politische und diskriminierende Verfolgung damals angefangen hat? Das hoffnungsvolle Schiff Europa begann zu sinken als die Nichtbeistands-Klausel vom Vertrag von Maastricht mehrfach verletzt wurde. Vorreiterin für diesen Vertragsbruch ist nun einmal unsere werte Kanzlerdarstellerin. Das Europa, welches uns die Massenmedien schön reden, hat nichts mehr mit dem Europa zu tun, welches einem Normalbürger und Geringverdiener Sicherheit und Zukunft bietet. Damit wird in meinen Augen eine großartige Idee versenkt, auf unser aller Kosten. Freut mich für sie, wenn sie sich von solcher Propaganda angesprochen fühlen, aber ich ziehe es noch immer vor demokratischen Prinzipen treu zu bleiben und mein Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben. Und das mit guter Laune, im übrigen zwinkern
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  •   Freigeist1
    (1224 Beiträge)

    09.05.2020 20:50 Uhr
    Da ist schon was dran. Aber wurden Belgien, die USA
    und UK (ich glaube diese Länder sind am schlimmsten betroffen) auch durch "EU-Daumenschrauben" ihrer funktionierenden Gesundheitssysteme beraubt? In Italien sollte man nicht ganz vergessen, dass in diesem Land (zumindest im Süden) ohne die Mafia gar nichts geht, wo schon viele EU-Gelder "versickert" sind. Die Art der Nutzung und Verschwendung von EU-Geldern hat schon auch etwas mit Italien zu tun, schätze ich.
    Ich meine: Jetzt in der Krise großzügig helfen, dann aber offen und ohne Tabus mit den Ländern über eine gangbare Zukunft reden... Ehrlich wäre auch ein Ausstiegsoption für Länder, die dies wünschen, so dass dann dort wieder mehr Wettbewerbsfähigkeit durch Abwertung der Währung möglich wäre. Als Alternative sehe ich die Vereinigten Staaten von Europa. Also ich wäre mit dabei.
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  •   Iglaubsnet
    (776 Beiträge)

    09.05.2020 21:36 Uhr
    Diese Länder
    USA und GB unterliegen den selben Beschränkungen die durch den Neoliberalismus gegeben werden. Genau dieselben die wir Italien und Spanien aufgezwungen haben.
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