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Karlsruhe Impfansturm bringt Karlsruher Ärzte ans Limit: "Die Mitarbeiter laufen uns davon"

Die Impf-Priorisierung ist aufgehoben, doch der Impfstoff bleibt aus. Erst gegen Ende Juni sollen die Lieferungen mit der begehrten Flüssigkeit an Fahrt aufnehmen. Umso mehr sind da jetzt die niedergelassenen Ärzte in Karlsruhe gefragt. Die haben im Stadtkreis Karlsruhe bisher 55.186 Spritzen gesetzt (Stand: 8. Juni). Doch auch die wichtigen Helfer im Kampf gegen die Pandemie haben mit fehlendem Impfdosen, Organisationschaos und uneinsichtigen Patienten zu kämpfen. Das bleibt nicht ohne Folgen - wie uns eine Ärztin aus Karlsruhe berichtet.

20 Euro pro Impfung: So viel erhalten die Arztpraxen aktuell in der Corona-Pandemie. Verdienen tun sie daran nichts, doch hinter der ganzen Impfkampagne steckt ein enormer Aufwand, der Ärzte und Mitarbeiter an ihre Grenzen bringt.

Ein Stethoskop liegt in der Praxis eines Hausarztes.
Ein Stethoskop liegt in der Praxis eines Hausarztes. | Bild: picture alliance / Stephan Jansen/dpa/Symbolbild

Eine davon ist die Fachärztin für für Allgemeinmedizin, Marianne Difflipp-Eppele. Ihre Praxis in Karlsruhe-Durlach gehörte zu den "Modellpraxen" bezüglich Corona-Impfung. Noch vor dem eigentlichen Impfstart in den Arztpraxen hat sie probeweise schon 150 ihrer eigenen Patienten gegen das Virus geimpft. Seither hat die gebürtige Durlacherin alle Hände voll zu tun.

30 Impfungen pro Woche

Aktuell hat die Ärztin für diese Woche drei Dosen Biontech und vier von Johnson & Johnson im Kühlschrank. Im Schnitt führt ihre Praxis 30 Impfungen in einer Woche durch. Viel zu wenig im Anbetracht der enormen Nachfrage. "Wir sind bei den ganzen Anfragen gar nicht hinterhergekommen, ständig hat das Telefon geklingelt", erzählt sie im Gespräch mit ka-news.de.

Das Problem: Viele Menschen haben keinen richtigen Hausarzt und melden sich quer durch Karlsruhe bei sämtlichen Praxen an. Das erschwert wiederum die Organisation der Mitarbeiter, wie Difflipp-Eppele erzählt: "Da haben wildfremde Menschen bei uns angerufen, die eine Anspruchshaltung an den Tag legten, dass sie es jetzt überall probieren müssen, weil sie jetzt unbedingt in den Urlaub wollen."

Vor allem ältere Patienten seien wählerisch

Durch Hinweis auf ihrer Website, dass Anmeldungen nur noch per Mail angenommen werden, hat sich der Ansturm vom Telefon auf den Computer verlagert. Aber da kommt schon das nächste Problem: "Es kam auch vor, dass einige ihre Termine bei uns auch nicht abgesagt haben, wenn sie dann doch Glück im Impfzentrum hatten."

Ein Fläschchen mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson wird gezeigt.
Ein Fläschchen mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson wird gezeigt. | Bild: Federico Gambarini/dpa/Symbolbild

Aus diesem Grund impfen sie und ihr Team lediglich die eigenen Patienten noch nach der Prio-Reihenfolge. Aber die sind zum Teil ziemlich wählerisch: "Wir haben zwar nur noch wenige Patienten über 60, die noch geimpft werden wollen. Aber die Älteren ziehen  alle Biontech den Vektorenimpfstoffen vor, obwohl diese für junge Menschen weniger geeignet sind", so die Allgemeinmedizinerin und führt aus "Johnson & Johnson konnten wir vorher gar nicht bestellen und jetzt, wo es klappt, wollen ihn viele ihn nicht."

Erstimpfungen bis in den September?

Insgesamt zeigt sich Difflipp-Eppele sehr unzufrieden mit der Umsetzung der Impfkampagne, weshalb sie von vorneherein auch dagegen war, die Priorisierung aufzuheben. Zum einen wegen des Ansturms der Impfwilligen, zum anderen aufgrund der mangelhaften Impfstoffversorgung. Treffe beides zusammen, sei Stress vorprogrammiert. 

"Es ist unglaublich aufwendig, da durchzurechnen, wer wann in welchem Abstand welchen Impfstoff bekommt und das auch bei den Bestellungen zu beachten. Hinzu kommen Aufbereitung, Dokumentation et cetera. Das ist enorm viel Arbeit."

Marianne Difflipp-Eppele, Ärztin aus Karlsruhe Durlach
Marianne Difflipp-Eppele, Ärztin aus Karlsruhe Durlach | Bild: Klaus Eppele

Doch nicht nur der Druck von außerhalb wächst, im Inneren macht sich ebenfalls immer mehr der Frust breit. Das Resultat: Viele medizinische Mitarbeiter kündigen ihre Jobs. Sogar in Durlach sollen bereits Mitarbeiter gekündigt haben. "Das ist aber nicht nur bei uns so, ich höre das auch von anderen Praxen, dass da die Mitarbeiter davonlaufen", so die niedergelassene Ärztin. 

Doch gibt es angesichts der angekündigten Impfstofflieferungen nicht bald Freude auf ein wenig Entspannung? Dem steht Difflipp-Eppele sehr skeptisch gegenüber. "Klar, wenn Impfstoff da wäre, könnte ich doppelt so viele Menschen impfen. Wir wollen ja alle unser normales Leben zurück. Aber Ich befürchte, dass wir angesichts der fehlenden Erstimpfungen diese bis in den September hinein fortführen müssen."

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  •   AhmedDerAufklärer
    (375 Beiträge)

    12.06.2021 12:15 Uhr
    Vor
    kurzem haben sich die Ärtze doch noch darüber beschwert, dass es zentrale Impfzentren gibt, wo die niedergelassenen Ärtze dies doch auch locker bewerkstelligen könnten.
    Fazit: es wird über alles und jedes geklagt. Ein zentrales Problem im Gesundheitswesen ist, dass dort Unsummen unsinnig versickern in Verwaltung, analogem Arbeiten über 7 Ecken (Quartale, Papier-Überweisungen, Faxe...).
    Da sollte sich die Ärtzteschaft bitte engagieren. Statt nach megr Geld zu rufen (aber das ist natürlich einfacher)
    Mein Tipp: Wenn die Mitarbeiter weglaufen, sollte man sich vielleicht mal in den Praxen das Einkommensgefüge Ärtzinnen <> Praxis-Mitarbeiter anschauen...
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  •   80er
    (6026 Beiträge)

    12.06.2021 10:58 Uhr
    Die....
    ....Mitarbeiter laufen davon? Weil die Praxen jetzt impfen dürfen? Wenig belastbar würde ich sagen. Wenn die Mitarbeiter der Gesundheitsämter davon gelaufen wären, wäre das Geschrei groß gewesen.
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  •   Winston_Smith
    (780 Beiträge)

    10.06.2021 12:55 Uhr
    Und in dem Zusammenhang noch dies
    Vollbelegte Intensivstationen als Gradmesser für den Ernst der Lage und als Rechtfertigungsgrund für diverse weitreichende und folgenschwere Maßnahmen

    Wir erinnern uns noch gut.
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  •   Mitsch
    (333 Beiträge)

    09.06.2021 14:37 Uhr
    Höchsten Respekt und DANKE
    ...für das was die Hausärzte aktuell MIT ihren Mitarbeitern zusammen alles leisten!!!
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  •   kawai
    (247 Beiträge)

    09.06.2021 13:51 Uhr
    Teilweise selbst schuld
    Tatsache ist, dass kein Impfzentrum auch nur annähernd ausgelastet ist. Die Zentren könnten also problemlos die derzeitige Impfstoffmenge verimpfen.

    Dass die Ärzte überhaupt schon impfen, hat mit massivem Druck der kassenärztlichen Vereinigung zu tun. Die KV fordert sogar seit Januar schon, dass die Impfzentren geschlossen werden, und nur noch die Ärzte impfen! Das muss man sich mal vorstellen.

    Außerdem betreibt genau dieselbe KV das misratene Terminvergabesystem der Impfzentren in Bawü. Da bitte ich die Ärzteschaft einfach mal, bei ihrer Lobbyorganisation nachzuhaken...
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  •   Schattegustl
    (228 Beiträge)

    09.06.2021 17:04 Uhr
    100% korrekt
    Die gute Kassenärztliche Vereinigung liefert hier ein totales Versagen nach dem anderen
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  •   Chris23
    (677 Beiträge)

    09.06.2021 14:50 Uhr
    Meinst du das Vergabesystem ist besser ...
    ... wenn es so wie hier quasi in Telefonterror endet. Das Vergabesystem an sich ist nichts besonderes, aber imho nicht schlecht aber wenn die Nachfrage das Angebot um das vielfache übersteigt kannst du das kaum vernünftig managen. Nur jetzt melden sich die Leute bei 10 Ärzten, und tragen sich auf 10 Wartelisten ein.
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  •   tom1966
    (1387 Beiträge)

    10.06.2021 08:35 Uhr
    Vergabesystem
    Das Vergabesystem der Impfzentren hier in BW ist ganz einfach unpraktisch nund kompliziert! Für jedes Impfzentrum muss man sich separat anmelden und dann, sofern man das Glück hatte, an den Registrierungscode zu gelangen, nochmal Glück haben, dass man einen Termin ergattert und ers solange immer wieder versuchen.
    In RLP haben sie ein deutlich besseres System (wobei ich nur über das online-System etwas sagen kann): Man meldet sich an und bekommt dann einen Link / Code per Email, über den man sich dann registrieren kann (klappt beim ersten Mal) - fertig. Wenn man einen Termin bekommt, wird man benachrichtigt (Post und / oder Email).

    Bei einem derart komplizierten System wie hier ist es kein Wunder, dass die Leute versuchen, bei niedergelassenen Ärzten eine Impfung zu bekommen. Ich denke nicht, dass in den Praxen die Impfungen das Problem sind (30 / Woche = 6 / Tag), sondern die Masse der Anfragen.
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  •   kommentar4711
    (3109 Beiträge)

    09.06.2021 15:02 Uhr
    ANTWORT AUF "MEINST DU DAS VERGABESYSTEM IST BESSER ..."
    Dass es ein Vergabesystem braucht ist klar. Aber die Ausgestaltung des aktuellen Systems ist auf jeden Fall sehr verbesserungsfähig. Warum müssen die Leute ständig umständlich drauf schauen, zumal die Seite der KV ohne andere wie Impfterminradar praktisch gar nicht nutzbar sind. Warum konnten sich nicht einfach alle aus einer Prio-Gruppe registrieren, egal ob am Telefon, per Brief oder eben online, und sobald weitere Dosen verfügbar sind bekommen per Zufallsgenerator ausgewählt die entsprechende Anzahl von Personen aus der Priorisierungsgruppe eine Nachricht, dass sie einen Termin buchen können. Sind 2 Tage später noch Termine daraus frei, bekommen die nächsten eine Info. Und ganz wichtig, die nächste Priorisierungsgruppe wird erst geöffnet, wenn 90% der registrierten aus der vorherigen Gruppe auch eine Impfung hatten.
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  •   kritiker_2014
    (796 Beiträge)

    09.06.2021 13:24 Uhr
    Impfstoffe für alle freigeben?
    Das macht doch keinen Sinn,wenn ich weiß es gibt keine zusätzlichen Impfdosen.
    Im übrigen sollen beim Impfstoff von Biontech bisher 11 Menschen verstorben sein obwohl sie beide Impfungen schon erhalten hatten,so Boris Reitschuster.
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