Karlsruhe Warum es im Fleischwerk Rheinstetten noch keinen Corona-Fall gab

In der ganzen Bundesrepublik sind Schlachthöfe und Fleischbetriebe von Corona-Ausbrüchen betroffen. Doch im Edeka-Fleischwerk in Rheinstetten gab es noch keinen einzigen Fall, bei 300 angeordneten Tests jeden Tag. Welche Hygienemaßnahmen und Vorschriften für die Mitarbeiter gelten und wie streng die Auflagen für Fleischbetriebe sind - ka-news.de hat sich vor Ort umgeschaut.

Ohne Fiebercheck darf niemand einen Fuß in das Edeka-Fleischwerk in Rheinstetten setzen, nicht einmal die Presse. Erst nachdem die Wärmebildkamera die Körpertemperatur erfasst hat, wird der Einlass gewährt. ka-news.de trifft sich mit Andreas Pöschel, Geschäftsführer von Edeka Südwest Fleisch. Das Unternehmen betreibt eine der größten Fleischfabriken in der Region.

Das Edeka Fleischwerk in Rheinstetten: Tausende Schweinehälften werden hier jeden Tag zerlegt. | Bild: Edeka

Während bundesweit Schlachthöfe und Fleischbetriebe von Corona-Ausbrüchen betroffen sind, zählt das Edeka-Werk in Rheinstetten bis dato keinen einzigen Fall. Anderenorts, beispielsweise beim nordrhein-westfälischen Schlachtkonzern Tönnies, hatten sich derart viele Mitarbeiter infiziert, dass die gesamte Stadt aufgrund eines Corona-Shutdowns stillstehen musste. Warum ist das Edeka-Fleischwerk bei Karlsruhe bislang verschont geblieben?

Tausende Schweinehälften werden täglich zerlegt

Eine kurze Vorstellung des "Fleischgiganten" bei Karlsruhe: 2011 wurde das neue Edeka-Werk auf den Feldern von Rheinstetten eröffnet.  Hier werden im Normalbetrieb jeden Tag 6.000 Schweinehälften angeliefert und in großen Hallen zerlegt, weiterverarbeitet und verpackt. An 36 Toren wird die Ware in Lastwagen verladen und erreicht Edeka-Filialen vom Bodensee bis Frankfurt am Main.

Andreas Pöschel, Geschäftsführer Edeka Südwest Fleisch.
Andreas Pöschel, Geschäftsführer Edeka Südwest Fleisch. | Bild: Lena Kube

"Sofort, nachdem die Pandemie in Deutschland ausgebrochen war, haben wir ein Präventions-Team ins Leben gerufen, dass sich jeden Tag berät", sagt Geschäftsführer Andreas Pöschel im Gespräch mit ka-news.de. "Wir kennen unsere eigenen Abläufe im Detail."

300 Corona-Tests jeden Tag: Alle Ergebnisse negativ

Seit die Corona-Verordnung für Schlachtbetriebe und Fleischverarbeitung Anfang Juli in Kraft trat, gelten besonders strenge Vorschriften. Jeder Mitarbeiter in Zerlegung, Produktion und Logistik muss zweimal pro Woche auf das Virus Sars-CoV-2 getestet werden. Für einen Betrieb dieser Größenordnung eine enorme logistische Herausforderung: "Das bedeutet für uns 300 Tests jeden Tag", so Pöschel.

Angehende Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit dem Schwerpunkt Fleischerei lernen zum Beispiel auch, was die richtige Zubereitung verschiedener Waren ausmacht.
Das Edeka-Werk in Rheinstetten versorgt 1.100 Supermarkt-Filialen mit Wurst- und Fleischwaren. (Symbolbild) | Bild: Uwe Anspach

Trotz dieser unglaublichen Anzahl an Tests ist bislang kein einziger in Rheinstetten positiv ausgefallen. Welche Maßnahmen werden ergriffen, um im Fleischwerk der Verbreitung des Virus Einhalt zu gebieten?

Bevor ein Arbeiter die Produktionsstätte betritt, ist ein Kleidungswechsel Pflicht. Das war schon vor dem Ausbruch der Pandemie der Fall. "Die Mitarbeiter gehen durch sogenannte Hygieneschleusen", erklärt Pöschel. In den Schleusen öffnet sich die nächste Türe erst dann, wenn der Arbeiter beispielsweise die Hände gewaschen und desinfiziert hat.

Abstand halten: Aus Raucherraum wird "Raucherzelt"

Zusätzlich zur bislang geltenden Schutzkleidung besteht nun für die Mitarbeiter eine Mundschutz-Pflicht. Wo die Gesichtsbedeckung abgenommen wird, beispielsweise in der Kantine, wurde räumlich nachjustiert. Plexiglasscheiben in der Tischmitte verhindern, dass auch sich gegenübersitzende Personen infizieren. Der zu enge Raucherraum wurde durch ein großes Zelt ersetzt.

Laut der Corona-Verordnung ist in den Fleischwerken auch ein Mund-Naseschutz Pflicht. | Bild: Edeka

Einer der Gründe, warum die Infektionsgefahr in der Fleischproduktion höher ist, könnte die niedrige Temperatur in den Hallen sein. Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité warf in seinem NDR-Podcast die Frage auf,  "ob diese hohen Übertragungsaktivitäten in Schlachthöfen nicht etwas anzeigen, was wir sonst im Winter auch weitflächig erleben werden - nämlich eben diesen Temperatureffekt." Nach derzeitigem Stand könne die Wissenschaft dies jedoch nicht belegen.

Wie Lüftungssysteme gegen Viren helfen

Da Corona-Viren über die Atemluft übertragen werden, nimmt der Kühl- und Lüftungskreislauf der Betriebe dennoch eine wichtige Funktion ein. "Wir haben unsere Lüftungssysteme bereits überprüft", sagt Fleischwerk-Chef Andreas Pöschel. Pro Stunde werde die komplette Raumluft drei bis fünfmal gereinigt und ausgetauscht.

Das Symbolfoto zeigt Schweinehälften in einer Großfleischerei.
In den Zerlegungshallen ist es kalt. Fühlt sich das Virus hier besonders wohl? (Symbolbild) | Bild: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Das Lüftungssystem bietet einen weiteren Vorteil: Es entfeuchtet die Luft. Somit werden auch Aerosole - kleine Tröpfchen - herausgefiltert, die das Virus transportieren. Dies geschieht mit Hilfe von Lithiumchlorid, einem Salz, dass antiviral wirken könnte. Diesen Effekt lässt Edeka derzeit prüfen.

Neben all diesen Vorkehrungen stehen die Betriebe jedoch stark in der öffentlichen Kritik. Vor allem Werkverträge mit ausländischen Angestellten sind der Politik ein Dorn im Auge, denn die Lebensverhältnisse der Arbeiter - oftmals Mehrbettzimmer - könnten die Ausbreitung des Virus ebenfalls begünstigen.

Auch im Edeka-Werk bei Karlsruhe sind 450 Mitarbeiter über Werkverträge beschäftigt. Dies möchte der Konzern jedoch in Zukunft ändern und plant, bis zum Jahresende die Menschen über eigene Dienstverträge selbst anzustellen.

ka-news.de-Hintergrund: Edeka Südwest Fleisch

Das Zerlegungswerk Edeka Südwest Fleisch liegt in Karlsruhe bei Rheinstetten. Über 1.400 Mitarbeiter versorgen 1.100 Edeka-Märkte in ganz Südwestdeutschland mit Fleisch und Wurstwaren. Geschlachtet wird in Rheinstetten nicht.

Während im Regelbetrieb jeden Tag 6.000 angelieferte Schweinehälften zerlegt werden, wurde die Produktion aufgrund der Pandemie auf 4.500 Schweinehälften zurückgefahren. Im Jahr 2019 lag der Umsatz bei 706 Millionen Euro. Insgesamt 135 Tonnen Lebensmittel wurden innerhalb dieses Jahres in Rheinstetten verarbeitet.

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