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Karlsruhe Corona-Lage in Karlsruhe: Vorbereitung auf zweite Infektionswelle läuft

Seit Monaten beschäftigt die Corona-Krise Bürger und Behörden im Stadt- und Landkreis Karlsruhe. Über die aktuelle Lage haben Oberbürgermeister Frank Mentrup und Landrat Christoph Schnaudigel am Donnerstag informiert. Die gute Nachricht dabei: Die Zahl der Neuinfektionen hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Doch die Vorbereitung auf eine mögliche zweite Welle läuft bereits.

"Das Infektionsgeschehen ist aktuell sehr ruhig. Wir haben nur noch einzelne Fälle in Pflegeheimen und Kliniken. Das ist sehr erfreulich", sagt Ulrich Wagner, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Karlsruhe, am Donnerstag. Aktuell sind im Landkreis noch 55 Corona-Fälle bekannt, darunter acht im Stadtkreis (Stand Donnerstag, 5. Juni).

Nachverfolgung im Fokus der Corona-Maßnahmen

Diese Verschnaufpause müsse man jetzt nutzen, um sich auf eine eventuelle zweite Infektionswelle vorzubereiten, so Landrat Christoph Schnaudigel. Dabei legen die Verantwortlichen den Fokus nicht auf strengere Maßnahmen, sondern auf eine minutiöse Nachverfolgung der Infektionsketten. "Wir versuchen schon jetzt alle Kontaktpersonen auf Corona zu testen, das wurde vorher nur bei tatsächlichen Symptomen gemacht", sagt Ulrich Wagner.

Ulrich Wagner, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes Karlsruhe | Bild: Ruby Voigt

Um eine erneute Corona-Welle gar nicht erst entstehen zu lassen, wolle man auch die von Bund und Land erlassene Handlungsempfehlung noch verschärfen. Dabei geht es um die Grenze von 35 beziehungsweise 50 Neuinfektionen pro Woche und pro 100.000 Einwohnern, nach der erneute Corona-Maßnahmen wie ein Shut-Down ergriffen werden sollen.

Grenze soll schon bei 20 Neuinfektionen liegen

Hier sei es laut Schnaudigel "schon viel früher notwendig, zu handeln". Stadt- und Landkreis wollen daher künftig schon spätestens bei 20 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen mit Einschränkungen aktiv werden. 

Der Grund: Berechnungen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) hätten gezeigt, dass es etwa drei Wochen dauert, bis eine rasant steigende Infektionsentwicklung wie im März durch Maßnahmen wie dem Shut-Down ausgebremst wird, erklärt OB Frank Mentrup.

OB Mentrup | Bild: Ruby Voigt

"Hier wäre es unverantwortlich, auf das Erreichen einer so hohen Grenze zu 'warten'." Und: "Selbst mit dem Limit von 20 Neuinfektionen wäre eine diffuse Infektionslage mit mehreren Einzelfällen ohne nachverfolgbare Kontaktüberschneidungen schon hochgefährlich."

Hohe Zahl an Nachverfolgungen "personaltechnisch derzeit nicht zu leisten"

Ein weiterer Grund: Eine hohe Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen sei für das Gesundheitsamt des Landkreises auch personaltechnisch "derzeit nicht zu leisten", sagt Landrat Schnaudigel. 

"Diese Grenz-Zahl würde für den Landkreis ein Eingreifen bei 222 Neuinfektionen bedeuten, für die Stadt Karlsruhe bei 157 Neuinfektionen. Nimmt man die durchschnittliche Zahl an Kontaktpersonen pro infizierter Person hinzu, wären das wöchentlich 2.800 Kontaktpersonen. Zusammen mit den neu Infizierten ergibt das eine Summe von 3.200 Corona-Fällen, die jede Woche neu bearbeitet werden müssen", skizziert Schnaudigel.

Gesundheitsamt stockt Mitarbeiter auf

Genug Personal so aufrecht zu erhalten, um jederzeit auf die Nachverfolgung plötzlicher Corona-Hotspots vorbereitet zu sein, das sei nun die Schwierigkeit. Aus diesem Grund wird das Gesundheitsamt, bei dem aktuell knapp 115 Menschen arbeiten, Stück für Stück um insgesamt 30 bis 35 Mitarbeiter erhöht. Zudem wolle man einen Pool von Mitarbeitern aus dem Landratsamt für die Nachverfolgung schulen, um diese wenn nötig abziehen zu können.

So soll das Gesundheitsamt langfristig wieder zu seinen originären Aufgaben wie Umwelthygiene, gesundheitliche Prävention und Gesundheitsförderung, Schulgesundheitspflege und Jugendzahnpflege zurückkehren können. Erst bei "Alarmstufe rot" sollen alle Mitarbeiter wieder rein für die Corona-Nachverfolgung eingesetzt werden müssen.

Landrat Christoph Schnaudigel | Bild: Ruby Voigt

"Die finanziellen Rahmenbedingungen hierfür haben wir bisher allerdings noch nicht", sagt Christoph Schnaudigel. Er fordert das Land daher dazu auf, schnell zu reagieren. "Wir können nicht den Nachtragshaushalt abwarten." 

"Das ist eine ziemlich dreiste Frechheit"

Die Stadt Karlsruhe rechnet für das Jahr 2020 mit finanziellen Einbußen von rund 200 Millionen Euro im kommunalen Haushalt. Das von der Bundesregierung am Mittwoch beschlossene Konjunkturprogramm von 130 Milliarden Euro befinden Landrat und Oberbürgermeister zwar als "an vielen Stellen hilfreich", man wünsche sich allerdings spezifischere und für die Kommunen konkretere Rettungsschirme durch Bund und Land als große, undurchsichtige Streuprogramme.

Als besonders ärgerlich bezeichnet Frank Mentrup den Umgang der Landesregierung mit dem Städtischen Klinikum Karlsruhe. Als kommunales Maximalversorger-Krankenhaus und Covid-Klinik müsse es mit den durch das Land bereitgestellten 600 Millionen Euro gegen Liquiditätsengpässe aufgrund der Freihaltung von Intensivbetten ebenso finanziell unterstützt werden wie das für Universitätskliniken vorgesehen ist.

Mentrup ist über die Landesregierung verärgert. | Bild: Ruby Voigt

"Das ist eine ziemlich dreiste Frechheit. Es erfüllt denselben medizinischen Standard in der Patientenversorgung wie eine Uni-Klinik", so das Stadtoberhaupt. Man habe ebenfalls Intensivbetten freihalten müssen - dadurch entstünden dem Klinikum Kosten von 75 Millionen Euro, wovon allerdings nur 55 Millionen Euro durch den Bund übernommen würden. "So entsteht ein Defizit von rund 22 Millionen Euro. Das ist eine Unwucht, die durch nichts zu erklären ist", kritisiert Mentrup.

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Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus breitet sich aus: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für Karlsruhe und die Region in diesem Dossier.
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  •   silberahorn
    (10329 Beiträge)

    06.06.2020 05:36 Uhr
    Großen Dank
    an die vielen ehrenamtlich Tätigen, die sicherlich auch viel zur Verbesserung der Lage beigetragen haben, allerdings gewiss nicht so geschützt waren, wie Menschen mit regulären Arbeitsverträgen.

    Da es in Karlsruhe aber offenbar kein Problem mit Wohnsitzlosen gibt und auch keiner ohne Krankenversicherung unterwegs sein kann, muss in den Bereichen wohl ohnehin nichts getan werden. Und ich muss in Zukunft einfach nur auch meine Augen so verdecken, dass ich derlei potentielle Fälle gar nicht sehe. So einfach ist das. Was man nicht sieht, das gibt es nicht. Selbst den Covid-19-Virus kann man nämlich mit guter Technik sehen.
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  •   kritiker_2014
    (475 Beiträge)

    05.06.2020 11:57 Uhr
    Dieses ganze Theater
    hätte man sich ersparen können.
    Es liegt ein Pandemie Plan aus dem Jahr 2012 vor der in der Schublade schlummert.
    Die Bundesregierung hätte es wissen können bzw. wissen müssen.
    Drucksache 17/12051
    Unter Anhang 4 Ergebnisse Risikoananlyse durch Virus Modi-SARS
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  •   SunCityKA
    (35 Beiträge)

    05.06.2020 09:10 Uhr
    Danke
    Wie wär's einfach mal mit einem schlichten "Danke" an alle, die in den vergangenen Monaten alles dafür getan haben, dass die Situation heute so ist, wie sie ist. Alle aus dem Berufsfeld Gesundheit, Medizin, Pflege! Aber eben auch oft an die viel gescholtenen Politiker und Beschäftigte im öffentlichen Dienst (z. B. in Gesundheitsämtern, Landratsämtern, Rathäusern, etc.), die schnell und bestmöglich alle Informationen zusammengetragen und veröffentlicht haben. Auch an Ordnungsdienst und Polizei, die den undankbaren Job hatten uninformierte und/oder unwillige Mitbürger auf die geltenden Regeln hinzuweisen. Im Nachhinein gibt's natürlich wieder viele Schlaumeier, politische Extreme von rechts und links, bis hin zu Verschwörungsmärchenonkel (und -tanten), die schon immer alles besser wussten.
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  •   Avatar
    (827 Beiträge)

    05.06.2020 15:47 Uhr
    Danke
    und dem ist nichts hinzuzufügen 👏
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  •   silberahorn
    (10329 Beiträge)

    05.06.2020 09:33 Uhr
    Und ein Dank
    an den Bund, wo man sehr schnell Möglichkeiten schaffte, die Finanzbelastungen bei Kommunen abzufedern.
    Selbstverständlich muss endlich einmal im Gesundheitsamt, das für die Stadt Karlsruhe und den Landkreis im Landratsamt gemeinsam zuständig ist, Personal aufgestockt werden. Da stimme ich dem Landrat voll und ganz zu.
    Wieso hat das vorher keiner der Stadt Karlsruhe einmal angeregt?
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  •   Prof.Baerlapp
    (737 Beiträge)

    05.06.2020 09:25 Uhr
    Sehr richtig
    Dieser Dank ist angebracht.

    Man kann natürlich über jede politisch getroffene Entscheidung trefflich streiten (und das ist auch durchaus gut so), aber dass wir insgesamt gut durch die kritischen Wochen gekommen sind, liegt auch an den vielen engagierten Menschen an den genannten Stellen. Hoffentlich vergisst man das nach Corona nicht gleich wieder...
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  •   Gevatter
    (281 Beiträge)

    05.06.2020 08:51 Uhr
    Die 2. Welle kommt, wenn überhaupt, im Herbst.
    Die ganzen neuen Coronainfektionen ereigneten sich zum großen Teil in geschlossenen Räumen, siehe Leer, Göttingen, oder in den Fleischfabriken.

    Man wird sehen müssen, wie die Lage Mitte Juni ist, wo dann das Pfingstwochenende einfließt. Glaube allerdings nicht, dass sich da etwas ändert. Nach jeden Feiertag, Wochenende nach Ostern wurde immer große Besorgnis bekundet. Die Zahlen gingen aber nach unten.

    Die Nagelprobe kommt im Herbst, wenn dann noch die normale Grippesaison dazukommt.
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  •   Nachteule
    (791 Beiträge)

    05.06.2020 06:35 Uhr
    Zweite Infektionswelle ?
    Sogar der Chefvirologe der Bundesregierung Christian Drosten geht inzwischen davon aus, dass es keine zweite Welle geben wird. Davon abgesehen, kann man auch nicht behaupten, dass es in Karlsruhe überhaupt eine „erste Welle“ gegeben hat. Die Intensivstationen in den Karlsruher Krankenhäusern waren in der Phase als in Deutschland die höchsten Infektionszahlen pro Tag gemessen wurden, zu mehr als 50% leer. Insofern muss man sich fragen, was denn nun dieses Gerede in Mentrups PK überhaupt soll. Irgendwie scheinen Sie Spaß daran zu haben, die Bürger weiter im Krisenmodus zu halten. Die Frage ist nur WARUM?
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  •   Deisyy
    (308 Beiträge)

    05.06.2020 14:50 Uhr
    gebt einem Garfield "seine Freiheit wieder"
    das er sich nicht als armselige Nachteule bei ka-news ausheulen muss zwinkern
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  •   tom1966
    (181 Beiträge)

    05.06.2020 09:57 Uhr
    Zweite Welle
    Solange es keine Impfung gegen Covid-19 gibt, ist ein erneutes Ansteigen der Infektionszahlen, also eine zweite Welle, nicht auszuschließen.
    Was soll daran falsch, auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet zu sein? Man muss dann nur die Pläne aus der Schublade holen, wenn es soweit kommen sollte. Auch die zu Beginn fehlende Ausrüstung soll ja zur Verfügung stehen. Die kann ja auch bei eventuell auftretenden anderen Infektionswellen verwendet werden.

    Die jenigen, die jetzt kritisieren, dass sich die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen auf eine mögliche zweite Welle vorbereiten, sind die gleichen, die sich beschweren, man sei nicht gut genug vorbereitet gewesen, wenn es zu einer zweiten Welle kommen sollte.
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