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Karlsruhe Ausgrenzung wegen Corona? So haben ka-news.de-Leser ihre Infektion erlebt

Seit über einem Jahr macht Corona den Menschen das Leben schwer. Allein im Stadt- und Landkreis Karlsruhe wurden seit Pandemiebeginn über 26.000 Corona-Fälle registriert. Oftmals geht die Virusinfektion aber auch mit gesellschaftlichen Änderungen im persönlichen Umfeld einher. Doch welche Erfahrungen haben die Bürger in und um Karlsruhe mit der Krankheit gemacht? Und warum reagieren die Menschen oft so sonderbar auf Erkrankte und Genesene? Per Facebook-Aufruf hat sich ka-news.de auf die Suche nach euren Geschichten gemacht. Wir sprachen mit Sabine, Viviana und Irene über die Folgen ihrer Corona-Erkrankung.

So individuell die Betroffenen, so unterschiedlich sind auch ihre Geschichten. Doch sie verbindet eines - eine Infektion mit Corona. Für viele ist das ein Schock. Wie verhalte ich mich, was geschieht jetzt mit mir und wie wird mein Umfeld darauf reagieren sind einige der Fragen, die einem in den Sinn kommen.

Negative Erfahrungen, die Betroffene mit dem eigenen Umfeld machen, sind dabei wohl keine Seltenheit. Das reicht von Unverständnis im Freundeskreis, bis hin zur Diskriminierung am Arbeitsplatz wie uns unsere ka-news.de-Leser berichten.

Verständnis nur wegen Trauerfall?

Unter ihnen: Die 49-jährige Sabine Reiser und ihre Familie. Ende Januar hat sich ihr Ehemann Steffen mit Corona infiziert und so das Virus nach Hause gebracht. Sie, ihre Tochter Linda und ihr Sohn Dominik erkrankten nach und nach. Ihr Mann verstirbt. Bis heute quälen Sabine Reiser noch die "Nachwehen" der Infizierung. 

 "Mein Gehirn ist wie leer. Obwohl ich gelernte Steuerfachangestellte bin, muss mir sogar eine Freundin beim Papierkram helfen, den ich früher mit Links geschafft habe", erzählt sie frustriert. Diese Freundin ist auch eine der Wenigen, die das Haus der 49-Jährigen überhaupt noch betritt.

Sabine Reiser und ihre Familie
Sabine Reiser und ihre Familie. Papa Steffen starb Anfang März infolge des Corona-Virus. | Bild: privat

"Die Leute sind verständnisvoll, halten aber trotzdem Abstand zu uns", führt Reiser aus und ergänzt: "Aber ich kann mir auch vorstellen, dass das Verständnis eher daher kommt, eben weil wir einen Verlust zu betrauern haben. Weniger, weil wir genesen sind."

Beschwerden werden nicht ernst genommen

Ähnlich ergeht es auch der 24-jährigen Vivian, die über einen ehemaligen Arbeitskollegen aus Karlsruhe auf unseren Aufruf aufmerksam wurde. Auch Sie hat bis heute mit den Folgen von Covid-19 zu kämpfen. Sie vermutet, sich im November mit Corona infiziert zu haben. Nachgewiesen wurde es allerdings erst im Februar durch einen Antigentest. Einen PCR-Test habe man ihr im Jahr zuvor verweigert. Aber warum?

"Ich hatte keinen Husten und kein Fieber, weshalb ich vom Hausarzt weggeschickt wurde. Ich habe mich dann selbst ohne Anweisung in Quarantäne begeben", erzählt die Studentin gegenüber ka-news.de. Das Problem: Personen aus ihrer nächsten Umgebung finden ihr Verhalten übertrieben und spielen ihre Beschwerden herunter.

Bild: privat/Vivian Lahdo

"Mir ging es die ganze Zeit schlecht und dann haben sie mir gesagt 'du siehst doch nicht krank aus' und 'Corona betrifft doch nur die Alten'. Weil ich dann irgendwann anfing, ständig Schimmel und Zigaretten zu riechen, bin ich sogar in eine neurologische Klinik gefahren, weil man bei mir einen Tumor vermutet hat", so Vivian gegenüber ka-news.de.

"Danach habe ich mich mit dem Thema 'Long Covid' beschäftigt und einige haben dieselben Beschwerden geschildert. Danach habe ich auf den Antigentest gepocht. Erst dann hatte ich Gewissheit."

Angst vor Diskriminierung

Selbst auf der Arbeit werden Erkrankte oder Genesene oft nicht von Ausgrenzung verschont. Das hat auch die 63-jährige Irene aus dem Landkreis Karlsruhe am eigenen Leib erfahren. Der Name der Leserin wurde auf Wunsch geändert.

Nach Absprache mit ihrem Chef, hat Irene ihre Erkrankung geheim gehalten. Nur die eigene Abteilung wusste Bescheid. Der Grund: Angst vor Diskriminierung. "Bei manchen Angestellten wäre es nicht gut ausgegangen, wenn sie von der Infektion gewusst hätten, das sagt sogar mein Chef", erklärt Irene. 

Auch häufige Abmahnungen können sich für Arbeitnehmer auf Dauer wie Mobbing anfühlen.
(Symbolbild) | Bild: Christin Klose/dpa-tmn

Besonders merkwürdig: Irene arbeitet für eine Pharma-Plattform, die sich ständig mit den neuesten Studien befassen muss. Dennoch herrschen dort, als auch in ihrem Bekannten- und Familienkreis, Unverständnis. "Da sind auch Querdenker und Impfgegner dabei", führt die 63-Jährige weiter aus. Doch wie lässt sich solch ein Verhalten gegenüber Erkrankten und Genesen erklären?

Das Verhalten als Selbstschutz

Aufschluss darüber gibt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Philipps-Universität in Marburg. Eine "Ausgrenzung" sei oftmals nicht mit bösen Absichten verbunden, sondern ein Frage des Selbstschutzes. "Die Krankheit wird als etwas Bedrohliches und Unheimliches wahrgenommen, davon wollen die Leute Distanz gewinnen. Ähnlich wie damals bei der Pest oder bei Lepra-Ausbrüchen. An sich eine vernünftige Sache, da der Mensch aus der Vergangenheit gelernt hat", erklärt er gegenüber ka-news.de. 

Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Philipps-Universität Marburg
Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Philipps-Universität Marburg | Bild: Laackmann Fotostudios Marburg

Das eigentliche "Problem" liege, so Wagner, aber in der Wahrnehmung der Betroffenen: "Das Distanzhalten wird unterschiedlich aufgefasst, sodass es manche auch als Diskriminierung empfinden." Aber wieso sind dann selbst Genesene davon betroffen? "Ich vermute, das sind Überbleibsel aus diesem Verhalten", sagt der Experte. 

Selbst diejenigen, die die Krankheit herunterspielen, tun das eigentlich aus eigenem Selbstschutz, weiß der Sozialpsychologe.

Jemand aus meinem Umfeld ist von Corona betroffen - wie verhalte ich mich richtig?

"Durch das Herunterspielen nimmt die Bedrohung der Krankheit ab, damit schützen sich die Menschen selbst", so der Experte weiter. Grundsätzlich seien sowohl die "Herunterspieler" als auch die "Distanzierten" aber gar nicht so verschieden. 

"In Situationen, in denen wir nicht wissen was los ist oder wie wir uns schützen, entsteht Beunruhigung. Dann versuchen wir, Jemanden die 'Schuld in die Schuhe zu schieben', wodurch der Mensch hofft, wieder die Kontrolle zu erhalten", führt Wagner weiter aus. Aber: "Das ganze geschieht zumeist im Unterbewusstsein. Das heißt, zugeben würde das natürlich so niemand."

Am Ohr ist es okay: Telefonieren mit dem Smartphone kann für die Schrittmacher-Funktion laut Experten nur dann zum Problem werden, wenn das Telefon direkt über dem Implantat liegt - und auch das nur selten.
Das regelmäßige Kommunizieren ist für Menschen in Quarantäne wichtig. | Bild: Christin Klose/dpa-tmn

Stellt sich die Frage: Wie sollten die Menschen stattdessen reagieren? Gibt es eine Art "Umgangsregel"?  "Wichtig ist, sein Mitgefühl auszudrücken, dem Betroffenen zeigen, dass er nicht allein ist. Eventuell auch darauf hinweisen, dass sie vielleicht etwas zu sensibel darauf reagieren und mit ihnen darüber sprechen", rät der Experte.

Doch auch umgekehrt können die "Ausgegrenzten" seiner Meinung nach etwas tun: "Betroffene können die Ablehnung gezielt ansprechen. Wer nicht komplett darunter leidet, den würde ich aber um etwas mehr Toleranz bitten."

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  •   Motorhead
    (394 Beiträge)

    17.05.2021 14:20 Uhr
    Unvorstellbar
    Da hast Du Corona, vielleicht Langzeitschäden, und wirst noch ausgegrenzt oder belächelt. Welch kalte Gesellschaft.
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