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Karlsruhe Als ein Piks die Gesellschaft spaltete: Karlsruher Psychologin erklärt, warum wir uns beim Streitthema Corona-Impfung einfach nicht einig werden

"Es ist, als wären wir wieder in der DDR!" und "Ihr seid unsolidarisch und egoistisch." Inmitten der Corona-Pandemie finden sich derlei Kommentare überall in Foren, Blogs und Social Media Beiträgen wieder. Hintergrund ist dabei immer wieder derselbe Streitpunkt: die Corona-Impfung. Doch was tun, wenn mein Gegenüber so heftig reagiert, nur weil ich zur Impfung eine andere Meinung habe? Und vor allem: Wie kommt diese "Spaltung" überhaupt zustande? Eine Karlsruher Psychologin gibt Antworten.

Toleranz, Kommunikation, Einfühlungsvermögen, Empathie. All das sind menschliche Werte, die für ein gutes Miteinander in der heutigen Gesellschaft als wichtig angesehen werden. All das scheint aber häufig vergessen, sobald irgendwo über die Corona-Impfung diskutiert wird. Besonders im Internet, genauer gesagt in Foren und auf sozialen Netzwerken, wird da der Ton schnell ruppig. Oftmals ist gar von einer "Spaltung der Gesellschaft" die Rede.

Die Mitarbeiterin eines mobilen Impfteams zieht eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff auf.
Diskussionsthema Nr.1: Die Corona-Impfung | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Fest jedenfalls steht: Die Ursache, warum die Situation dort so heftig eskalieren kann, greift deutlich tiefer, als nur ein Streit über einen Piks in den Oberarm. Das zumindest ist die Ansicht der Diplom-Psychologin Angela Diehl-Becker von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Karlsruhe. 

Im Schutz der Anonymität des Internets "die Sau rauslassen"

"Zuerst einmal müsste geklärt werden, ob es überhaupt eine Spaltung gibt. Wir haben aus eigenem Erleben vielleicht den Eindruck gewonnen, aber wenn wir diese Spaltung als 'gültig' bezeichnen wollen, dann müssten wir das untersuchen. Das ist meines Wissens noch nicht passiert", leitet Diehl-Becker die Unterhaltung ein.

Dass der Ton vor allem im Internet rauer geworden ist, habe ihrer Ansicht nach weniger mit Impfungen zu tun, sondern mit den Qualitäten des Internets an sich. "Hier liegt die Vermutung näher, dass es mit der Anonymität zusammenhängt. Ein Ort an dem man sozusagen 'die Sau rauslassen kann'. Insofern könnte diese 'Spaltung' ein rauer Ton sein, der mit dieser anonymen Form der Kommunikation mehr im Zusammenhang steht, als mit Impfungen."

Angela Diehl-Becker, Diplom Psychologin und Leiterin Studiengang BWL - Deutsch-Französisches Management an der DHBW Karlsruhe
Angela Diehl-Becker, Diplom Psychologin und Leiterin Studiengang BWL - Deutsch-Französisches Management an der DHBW Karlsruhe | Bild: DHBW Karlsruhe

Dies bedeutete aber nicht, dass virtuelle Kommunikation grundsätzlich hart und rau sei, wie Diehl-Becker aus eigener Erfahrung berichten kann. "Wir haben mit Kollegen aus Frankreich zwar sehr kritisch über Corona gesprochen, aber alles sehr vertrauensvoll, ohne Aggressivität. Aber wir müssen uns in diesem Fall immer fragen, ob es tatsächlich etwas mit Impfen und Nicht-Impfen zu tun hat oder ob es ein kommunikatives Phänomen ist, ermöglicht durch die Anonymität digitaler Medien."

Eine Frau arbeitet zu Hause an ihrem Laptop.
In der anonymen digitalen Welt fällt öfter einmal die Hemmschwelle. Auch beim Umgangston untereinander. | Bild: Roni Rekomaa/Lehtikuva/dpa

Oder anders gesagt: Durch das Vermissen eines Verhaltens-Codex, der vorgibt, wie man sich eben in der virtuellen Welt verhalten sollte, wird die Hemmschwelle schneller überwunden, beleidigend zu werden, als bei einem persönlichen Gespräch.

Der Grund: Durch die Sozialisierung lernt der Mensch, wie man sich verhalten soll, um - so Diehl-Becker - "einigermaßen höflich miteinander umzugehen". In der digitalen Welt werde das schnell vergessen.

Die Impfung ist symbolisch zu verstehen

Der Grund selbst, warum die Menschen sich dazu veranlasst fühlen, so heftig zu reagieren, sei nicht nur auf das Internet oder explizit auf die Impfung an sich zurückzuführen. Vielmehr agieren die Impfungen, so Diehl-Becker, als Symbol für die "Weltsichten" der Personen.

"Wenn wir die Impfung ernst nehmen, dann fühle ich mich bei dem Wichtigsten, was ich habe, angegriffen: meiner Gesundheit. Die Impfung stellt dann etwas dar, was sich andere ausgedacht haben oder was für die eigene Gesundheit schädlich ist. Wir suchen aber immer nach Erklärungen dafür, wie die Welt tickt, wir suchen nach Gewissheiten. Das wird in diesen unsicheren Zeiten eben sehr erschwert. Und die Impfgegner haben für sich andere Gewissheiten und andere Erklärungsmuster, als die Impfbefürworter. Das sind dann Weltsichten, die hier aufeinandertreffen", erläutert Diehl-Becker.

Wenn es nach den Gewerkschaften IG Metall und IG BCE geht, sollen Arbeitnehmer nicht dazu verpflichtet werden, ihren Corona-Impfstatus offen zu legen.
(Symbolbild) | Bild: Ole Spata/dpa

Das heißt: Durch die Unsicherheit und der Komplexität des Themas zieht sich der Mensch lieber auf seine eigene Position zurück. Wenn dann die zwei Positionen versuchen, das jeweils andere "Lager" von ihrer "Weltsicht" zu überzeugen, dann fühlen sich die Menschen bei ihrer eigenen Sicht angegriffen. 

"Sicherheit resultiert daraus, dass andere genauso ticken wie ich. In diesem Moment, wenn jemand nicht so tickt, dann fühle ich mich in meinem Erklärungsmuster angegriffen. Meine Sicherheit, das woraus ich auch mein Selbstbild, mein Selbstkonzept herbeiziehe, hat irgendwo einen Kratzer abbekommen. Die Art, wie ich mir die Welt erkläre, definiert mich und wenn jemand diese Art infrage stellt, dann stellt er auch mich infrage", führt die Expertin weiter aus.

Bei verschiedenen Ansichten prallen Welten aufeinander - auch beim Thema impfen. | Bild: geralt@pixabay.com

Das Ergebnis: Greift jemand meine "Welt" an, dann kann ich diese nur verteidigen, indem ich "zurückschlage". So entstehen dann letztendlich die teils heftigen Konflikte im Internet. 

Laut der Psychologin gehe es im Grunde um eine "Spaltung" in dem Sinne, dass hier "zwei unterschiedliche Art und Weisen dargestellt werden, die Welt zu erklären, welche sich erst durch das Thema 'impfen' manifestieren". Ein unüberwindbares Hindernis? Oder kann ich als Einzelner etwas tun, was ein normales Miteinander wieder begünstigt?

Das kann ich bei eskalierenden Konflikten tun

Wie bei allen Konflikten im Leben gilt auch hier: Kommunikation ist alles. Diehl-Becker empfiehlt hier auf "die Metaebene zu gehen", indem zum Beispiel gesagt wird: "Ich höre, was du sagst. Es ist nicht meine Einstellung, aber ich akzeptiere, dass du diese Einstellung hast." Hier sei es überaus wichtig, sich nirgendwo reinziehen zu lassen, was letztendlich doch wieder in Streit enden würde.

Wer die falsche Ansprache wählt, findet bei seinen Kollegen wenig Gehör. Mit der «Wa-wi-wu»-Regel klappt es besser.
Grenzen aufgezeigt werden ist bei Diskussionsthemen besonders wichtig. | Bild: Christin Klose/dpa-tmn

"Es ist wichtig, hier klare Grenzen aufzuziehen. Zu sagen, dass man nicht versuchen möchte, den anderen zu überzeugen, aber auch deutlich macht, dass man nicht selbst überzeugt werden will", so Diehl-Becker. Auch die Akzeptanz des jeweils anderen, diese Grenzen dann anzunehmen, sind hierbei von hoher Bedeutung. 

Allerdings, so Diehl-Becker, sei die Verunsicherung bei diesem Thema grundsätzlich nachvollziehbar. "Diese 'Spaltung' ist mitunter eine Konsequenz der Unsicherheit, die durch die inkohärente Kommunikation der Politik eher verstärkt wurde. Insofern hat auch die Politik ein Stück weit zu dieser Position ihren Beitrag geleistet."

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Kommentare (1)
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  •   AlterMann
    (378 Beiträge)

    21.09.2021 12:45 Uhr
    Übertreibung
    Ich glaube die Frau übertreibt ein bisschen.
    In meinem Bekanntenkreis gibt es zum Thema Corona und Impfungen auch unterschiedliche Meinungen.
    Streiten tun wir uns deswegen aber nicht, der Bekannten und Freundeskreis ist durch diese unterschiedliche Meinung nicht gespalten. Zumal es so viele unterschiede gibt dass wir da eher zerkrümelt als gespalten wären.
    In anderen Themenbereichen gibt es genauso unterschiedliche Meinungen, das ist doch nicht schlimm.
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