Karlsruhe "Krasser Rollenwechsel": Karlsruher Jugendbetreuer begeistert auf Instagram

Keine Betreuung nach der Schule, keine Freunde im Jugendzentrum, keine Interaktion mit den Betreuern - der Corona-Lockdown hat Jugendhäuser in ganz Karlsruhe dazu gezwungen zu schließen. Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, hat Betreuer Lawrence Lawniczak vom Kinder- und Jugendhaus Südwest in Karlsruhe aus der Not eine Tugend gemacht und eine neue Art der Jugendarbeit entwickelt: Jugendbetreuung per Instagram-Livestream.

"Die Schulen haben geschlossen, jetzt müssen wir auch zumachen" - mit dieser Hiobsbotschaft seiner Kollegen hat Lawrence Lawniczak nicht gerechnet, als er am Morgen des 13. März zu seiner Arbeit im Kinder- und Jugendhaus (KJH) Südwest nahe des ZKM erscheint.

Gähnende Leere im Jugendzentrum

Die zu diesem Zeitpunkt gerade um sich greifende Corona-Pandemie machte auch vor den rund 19 Kinder- und Jugendeinrichtungen in der Fächerstadt nicht Halt - so auch nicht vor dem KJH Südwest. Denn auch wenn die offene Calisthenics-Anlage im Garten der Einrichtung immer noch mit Mindestabstand geöffnet war -  an der gähnenden Leere im Jugendhaus selbst änderte das nichts: Keine Brettspiele mehr, keine Hausaufgabenhilfe, kein Mittagessen, kein sozialer Raum für Kinder und Jugendliche, die ansonsten allein zu Hause wären.

Gähnende Leere im Jugendzentrum | Bild: rmv

Trübsal blasen kam für Lawrence Lawniczak dennoch nicht in Frage: "Wenn überhaupt war die erste Woche nach der Schließung der Schulen eine gute und willkommene Gelegenheit, das komplette Haus einmal von vorne bis hinten zu polieren", sagt er im Gespräch mit ka-news.de. Trotzdem fehlte schnell vor allem eines: die Besucher. Doch wie sollte man die Jugendlichen in Zeiten der Corona-Krise erreichen?

Virtuelles Jugendhaus - "So etwas haben wir noch nie vorher gemacht"

Auf die rettende Idee brachte Lawniczak schließlich die Social-Media-Plattform Instagram: Die bietet Nutzern seit November 2016 mit "Instagram Live" die Möglichkeit, eine maximal einstündige Live-Show auszustrahlen, aufgenommen über das eigene Smartphone.

Das Kinder- und Jugendhaus Südwest nahe des ZKM. | Bild: rmv

"Wir haben darin über die Themen gesprochen, die uns gerade in den Sinn kamen", erklärt der Jugendbetreuer. Dank der Chat-Funktion konnten sie auf Fragen und Anregungen ihrer Zuschauer reagieren. "Wer aus dem Publikum mitmachen wollte, durfte auch anrufen." Nach der Ausstrahlung waren die Videos für 24 Stunden zum Nachschauen verfügbar, später dann sogar noch länger.

"Das war schon ein krasser Rollenwechsel", meint Lawniczak. "So etwas haben wir noch nie vorher gemacht." Tatsächlich war das Kinder- und Jugendhaus Südwest nach seinen Angaben sogar das erste im Stadtjugendausschuss Karlsruhe, dass die Livestream-Idee in dieser Größenordnung umgesetzt hat: tägliche Übertragungen, immer um 13 Uhr, 77 Tage lang.

Das kam gut an: "So kam dann auch wieder eine gewisse Routine in das Leben der Jugendlichen", erklärt Lawniczak. "Für viele war das eine Konstante: Um eins guckt man den Livestream vom KJH."

Brücken bauen während Corona: Livestreams verbinden deutsche Jugendhäuser

Schnell wurde die Idee auf die anderen Jugendhäuser in Karlsruhe ausgeweitet: Innerhalb von wenigen Wochen war jedes KJH der Fächerstadt mindestens einmal virtuell als Co-Moderator zu Gast im "Südwesten". "Dann wollten wir auch Einrichtungen außerhalb von Karlsruhe einladen", so Lawniczak.

KJH Südwest: Hier wird die Live-Show aufgenommen | Bild: rmv

Damit begann ein deutschlandweiter Austausch: So lange ein Jugendtreff eine Instagram-Seite besaß, konnte er eingeladen werden. Auch über den Hashtag #jugendhaus wurde der Jugendbetreuer schnell fündig. "So waren unter anderem auch weit entfernte Häuser aus Nordrhein-Westfalen bei uns zu Gast", sagt Lawrence Lawniczak im Gespräch mit ka-news.de.

Das Ziel des Netzwerkes: Alle Jugendhäuser im deutschsprachigen Raum - also auch in Österreich und der Schweiz - miteinander zu verbinden. "Offene Kinder- und Jugendarbeit, jetzt noch offener, aktueller und dynamischer. Das ist die Idee dahinter. Wir möchten Brücken bauen."

Und diese Brücken könnten in Zukunft sogar weiter zu nicht-deutschsprachigen Ländern geschlagen werden. "In den Niederlanden ist das Jugendhaus zum Beispiel etwas komplett anderes, da sind alle viel lockerer und es wird auch mal ein Bier getrunken", meint der Karlsruher Jugendbetreuer.

Alle Episoden auf Abruf: Livestreams können bei Instagram nachgeschaut werden. | Bild: rmv

Sein Traum für diese internationale Jugendarbeit: Ein Besuch in einem weit entfernten Jugendhaus - beispielsweise in Australien - um es mit dem wachsenden Netzwerk zu verbinden. "Aufgrund der Pandemie rückt das aber aktuell leider in die Ferne", so Lawniczak.

Rundfunk von Jugendlichen für Jugendliche

Zurzeit konzentriere man sich daher auf den Ausbau des entstandenen Live-Streams: "Idealerweise hätten wir auch gerne, dass die Zuschauer die Show selbst produzieren - von Jugendlichen, für Jugendliche."

Eine solches virtuelles Jugendhaus on-demand könne so laut Lawniczak auch vielen Heranwachsenden in ländlichen Gegenden helfen, für die der nächste Jugendtreff schon eine Stunde Anreise bedeutet. Wohin sich das Projekt in Zukunft konkret entwickeln wird, sei aber noch nicht entschieden. Klar aber ist: "Wir nehmen eines aus der Krise mit: Unsere Arbeit wird sich in Zukunft ändern."

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