1  

Karlsruhe Karlsruher Schnapsbrenner erklärt: Warum es schwierig ist, bei der Produktion von Desinfektionsmittel zu helfen

Desinfektionsmittel ist derzeit auf dem Markt Mangelware. Doch gerade Kliniken sind im Kampf gegen das Coronavirus darauf angewiesen. Da für die Herstellung hochprozentiger Alkohol gefragt ist, helfen nun in ganz Deutschland Brennereien bei der Produktion mit - angeblich. Denn das ist nicht so einfach, wie es vielleicht den Anschein hat.

In der ganzen Republik arbeiten derzeit zwei Branchen zusammen, die sich in Zeiten abseits der Krise wohl eher gegenseitig die Arbeit erschweren: Spirituosenhersteller und Kliniken. 

Kliniken brauchen hochprozentigen Alkohol

Der Grund für diese ungewöhnliche Kooperation ist, dass Desinfektionsmittel auf dem Markt sehr gefragt sind. Um unabhängig zu sein und die medizinische Versorgung aufrecht erhalten zu können, stellen Apotheken und Krankenhäuser das Mittel zunehmend selbst her. Ein wichtiger Ausgangsstoff dabei ist hochprozentiger Alkohol.

Hubertus Vallendar überwacht in seiner Brennerei den Brennvorgang seines Whiskys "Malt of Kail".
Hubertus Vallendar überwacht in seiner Brennerei den Brennvorgang seines Whiskys "Malt of Kail". | Bild: Thomas Frey

Ob weltbekannte Marken wie Jägermeister oder regionale Brennereien: Viele der Betriebe stellen einen Teil ihrer Produktion auf die Herstellung von Ethanol um, um die Kliniken zu unterstützen. Beispielsweise soll das Universitätsklinikum Freiburg 15.000 Liter Alkohol von einer Schnapsbrennerei erhalten

Nahezu reiner Alkohol ist Voraussetzung - und Problem

Wird in Karlsruhe anstelle von Schnaps oder Bier ebenfalls schon Alkohol für die Krankenhäuser produziert? "Wir sind wie fast alle Brennereien nicht in der Lage, Alkohol herzustellen, der hochprozentig genug für die Weiterverwendung als Hand-Desinfektionsmittel ist", sagt Gerald Erdrich von der Karlsruher Destillerie Kammer-Kirsch. 

Gerald Erdrich von der Karlsruher Brennerei Kammer-Kirsch. | Bild: Britt Schilling

Dass viele Brennereien in Baden-Württemberg nun in der Lage wären, die Krankenhäuser zu beliefern, stimme nicht. Der Grund: Gemäß der Biozidverordnung darf Hand-Desinfektionsmittel nur aus 96 prozentigen Alkohol hergestellt werden - selbst wenn er in der Weiterverarbeitung verdünnt wird. "Wir können mit unseren technischen Apparaturen einen solch hohen Wert nicht erreichen", erklärt Erdrich.

Corona-Ausnahmeregelung greift nicht richtig 

Die Corona-Krise fegt jedoch den Markt an Desinfektionsmittel leer. Aus diesem Grund wurde eine Ausnahmeregelung erlassen. In einer Allgemeinverfügung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wurde beschlossen: Ab nun dürfen auch Betriebe den Rohstoff Ethanol für Hand-Desinfektionsmittel herstellen, wenn sie nicht über eine entsprechende Zulassung dafür verfügen.

Breaks Gin Karlsruhe. (Symbolbild) | Bild: David Michalik

Der Knackpunkt: "Nach wie vor muss der Alkohol als Ausgangsprodukt 96 Volumenprozent aufweisen", so Gerald Erdrich. Ansonsten genüge das Endprodukt - das Desinfektionsmittel - nicht den hygienischen Standards. Viele kleine Brennereien haben so nicht die Möglichkeit, bei der Bereitstellung des Alkohols mitzuhelfen.

Alkohol für Flächendesinfektion darf geliefert werden

Anders sähe es bei der Desinfektion von Flächen aus: Hier könnte bereits ein wenig hochprozentiger Alkohol zu Einsatz kommen und kleine Brennereien könnten bei der Herstellung mit anpacken. Doch: Dafür fehlt derzeit noch die Rechtsgrundlage.

"Die Desinfektion von Flächen ist aktuell nur mit zugelassenen oder auf Grund der nationalen Übergangsvorschriften verkehrsfähigen Produkten möglich", schreibt das BAuA. Eine Ausnahme wie für die Hand-Desinfektion gibt es derzeit nicht.

Brauerei Hoepfner möchte Produktion umstellen

Die Karlsruher Brauerei Hoepfner erwägt trotz der unklaren Situation bereits, mit der Destillation von Alkohol und dem Herstellen eines Flächen-Desinfektionsmittel den Kampf gegen das Virus zu unterstützen. Die Bierburg müsste dafür ihre Produktion umstellen und mit weiteren Firmen zusammenarbeiten, die den Alkohol weiterverarbeiten.  

Bei Karlsruher Krankenhäuser besteht derzeit kein zusätzliche Bedarf an Desinfektionsmitteln, heißt es auf ka-news.de-Nachfrage.  Die beiden Apotheken des Klinikverbundes können derzeit noch ausreichend Desinfektionsmittel herstellen, heißt es von den ViDiA-Kliniken. 

Beim Städtische Klinikum Karlsruhe reichen die derzeitigen Bestände ebenfalls aus, sind jedoch knapp bemessen. Dort will man Handesinfektionsmittel bald selbst herstellen, ein entsprechender Kontakt zu Alkoholieferanten bestehe bereits.

Mehr zum Thema
Corona-Virus in Karlsruhe: Der Corona-Virus breitet sich aus: Alle Zahlen der Infizierten, Schutzmaßnahmen, Absagen von Veranstaltungen und weitere Informationen für Karlsruhe und die Region in diesem Dossier.
Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (1)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   BMWFahrer
    (273 Beiträge)

    04.04.2020 11:55 Uhr
    Augenwischerei
    Die Karlsruher Raffinerie erhält im Monat mehrere zehntausend Tonnen reines Ethanol aus Großproduktionen (z.B. Pannonia Ethanol in Ungarn) zur Beimischung in die Kraftstoffe Benzin E5 bzw. Benzin E10.

    Gäbe es auf dem Markt wirklich einen Mangel an Ethanol, so könnte man diese Beimischungen vorübergehend reduzieren oder aussetzen und es wären sofort enorme Mengen an Ethanol verfügbar. Wobei durch den Rückgang des Treibstoffbedarfs in Folge der Kontaktverbote ohnehin die Nachfrage nach Ethanol rückgängig ist.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden.