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Karlsruhe Historischer Rückblick: So lief die erste Bundestagswahl 1949 in Karlsruhe ab

Am 14. August 1949 fand die erste Bundestagswahl in Deutschland statt. Von jedem Wahlkreis wird ein Mitglied des Bundestags gewählt. Diese ist die erste komplett freie Wahl in Deutschland seit der Reichstagswahl vom 6. November 1932. Für die westdeutsche Bevölkerung ist die Wahl wichtig für die Neubildung ihres Staates und ihrer Regierung. Sie ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu einer freien Nation. Nach 12 Jahren erdrückender Diktatur und verheerendem Krieg braucht Deutschland eine politische Führung, die das Land geistig und physisch wieder aufbaut. ka-news.de blickt auf die erste Wahl in Karlsruhe damals zurück.

Bei der Wahl 1949 gibt es einige Restriktionen, da das Bundesgebiet jetzt in zwei unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme geteilt ist und von den Besatzungsmächten – in Karlsruhe den Amerikanern – mit ihren militärischen und zivilen Vertretungen kontrolliert wird. Die etwa 17 Millionen Deutschen in der Ostzone dürfen nicht mitwählen.

Viele haben ihr Wahlrecht verloren

Dazu haben in Westdeutschland viele Ex-Nazis auf Grund der sogenannten "politischen Säuberung" im Rahmen des Spruchkammerverfahrens ihr Wahlrecht verloren. Die Besatzungsmächte schauen derweil ganz genau hin, wie die Wahlkampagnen abgehalten werden und welche Parteien gewählt werden.

Bei der Bundestagswahl können Bürger ab 18 ihre Stimme abgeben.
Bei der Bundestagswahl können Bürger ab 18 ihre Stimme abgeben. | Bild: Michael Kappeler/dpa

Das Spruchkammerverfahren wurde nach Ende des Nationalsozialismus in den Besatzungszonen Westdeutschlands mit dem Ziel der "Entnazifizierung" eingeführt. Deutsche, die Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer Verbände gewesen sind, wurden untersucht und politisch in fünf unterschiedlich schuldige Gruppen eingeteilt. Zu den Strafen gehörte u.a. auch der Verlust des Stimmrechts.

Der damalige Oberbürgermeister Friedrich Töpper fordert zur Einreichung von Kreiswahlvorschlägen für den Wahlkreis 13 – Stadtkreis Karlsruhe – auf. Wie heute ist ein Kreiswahlvorschlag eine Zusammenstellung von Formularen, mit deren Hilfe ein Kandidat für das Direktmandat in einem Wahlkreis aufgestellt wird. Abgesehen vom Alter, gelten die gleichen Bedingungen für den Wahlkreiskandidat als auch für den Wähler.

Wahl damals erst ab 21

Der Kandidat muss mindestens 25 Jahre alt sein, während der Wähler mindestens 21 sein muss (heute müssen sowohl Wähler als auch Kandidaten mindestens 18 sein). Kandidaten und Wähler müssen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und seit mindestens drei Monaten ihren ständigen Wohnsitz im Bundesgebiet haben, nicht entmündigt sein oder die bürgerlichen Ehrenrechte verloren haben.

Hermann Veit wurde Karlsruhes erster Bundestagsabgeordneter.
Hermann Veit wurde Karlsruhes erster Bundestagsabgeordneter. | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Bildstelle I 5264/3

Und ganz entscheidend bei der ersten Bundestagswahl: Wer sein Wahlrecht durch Urteil der Spruchkammer verloren hat oder von der Militärregierung wegen seiner Verbindung mit dem Nationalsozialismus verhaftet wurde darf weder vorgeschlagen noch gewählt werden.

Jeder Kreiswahlvorschlag darf nur einen Bewerber benennen. Die bekannte Sperrklausel der "Fünf-Prozent-Hürde", nach der eine Partei mindestens 5 Prozent der gültigen Zweitstimmen auf sich vereinen muss, gilt heute bundesweit. Bei der Bundestagswahl 1949 gilt diese Hürde auf Landes- und nicht auf Bundesebene. Außerdem haben die Wähler zu dieser Zeit, im Gegensatz zu allen späteren Bundestagswahlen, nur eine Stimme. Heute darf der Wähler mit der Zweitstimme eine Partei wählen, deren Kandidaten auf einer Landesliste zusammengestellt werden.

Fünf Parteien stehen zur Wahl

In Karlsruhe werden 1949 fünf Parteien vorgestellt: CDU, SPD, DVP, KPD und die Unabhängigen. Wilhelm Baur ist der CDU-Kandidat. Aus Gmünd in Württemberg ist er Sohn eines Goldschmieds. Baur war im Ersten Weltkrieg bei den badischen Leibgrenadieren, dem Karlsruher Hausregiment, und lag in der Fächerstadt im Lazarett.

Wilhelm Baur
Wilhelm Baur | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS o))) 1323

Nach dem Krieg arbeitet er zuerst als politischer Journalist, eine Karriere die der Nationalsozialismus beendet. Nach dem Krieg arbeitet er bei einer Bausparkasse und widmet sich als Stadtrat dem Aufbau der CDU. 1946 bekommt er von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz für eine Tageszeitung, die am 1. März 1946 mit dem Titel "Badische Neueste Nachrichten" erscheint. Baur wird bald Chefredakteur der Zeitung und bleibt es bis zu seinem Tod.

Berthold Riedinger, KPD-Kandidat, ist Bankangestellter und Sohn eines Lokomotivführers in Karlsruhe. Unter den Nationalsozialisten hat er sehr gelitten. Vor der Machtergreifung war er Stadtverordneter der KPD in Karlsruhe, wurde aber 1933 entlassen und kam ins Konzentrationslager Kislau bei Mingolsheim. Danach kam er 1944 nach Ausschwitz. Riedinger war der zweite Bürgermeister nach dem Krieg in Karlsruhe. Er tritt für ein einheitliches Deutschland ein – ihm ist die Solidarität der Nation für die Existenz des deutschen Volkes wichtig.

Veit wird erster Abgeordneter aus Karlsruhe

Hans Pflaumer, Geschäftsführer einer Bausparkasse, ist der Kandidat der Unabhängigen Notgemeinschaft, einer Organisation der Fliegergeschädigten und Sparer. Im Krieg war er Flugleiter bei der Luftwaffe. Pflaumer ist erfolglos und die Notgemeinschaft wird mit ihrer eingereichten Landesvorschlagsliste nicht zugelassen. Pflaumers Bruder Karl war zur Zeit des Nationalsozialismus Innenminister des Landes Baden und SS-Brigadeführer.

Alfred Keßler
Alfred Keßler | Bild: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 215/5a

Alber Keßler von der DVP (Demokratische Volkspartei) kommt aus Gondelsheim und studierte in Karlsruhe und Heidelberg. Nach dem Ersten Weltkrieg tritt er der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei bei und ist bis zur Machtergreifung Ortsvereinsvorsitzender in Karlsruhe. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er die Demokratische Partei Karlsruhe, einen Vorläufer der FDP. 1949 tritt er als Kandidat der DVP an. "Es muss zwischen den großen Parteien eine Mitte bestehen, welche die Gegensätze ausgleicht", sagt Keßler. Später, 1963, wird Keßler Ehrenbürger von Karlsruhe.

Hermann Veit, der SPD-Kandidat, ist in Karlsruhe geboren und studierte in Heidelberg und Leipzig. Er dient im Ersten Weltkrieg und lässt sich 1926 als Rechtsanwalt in Karlsruhe nieder. 1944/45 muss er in der Industrie arbeiten, aber nach dem Krieg beteiligt er sich an der Wiedergründung der SPD. Ab 1945 ist Veit Oberbürgermeister in Karlsruhe und ab 1946 Mitglied des Landtags von Württemberg-Baden, ein Land, das 1945 von der US-Militärregierung gegründet wird.

Hohe Wahlbeteiligung

Die Wählerliste liegt in der Wahlgeschäftsstelle zur Einsicht. Wählen darf nur wer in der Wählerliste steht oder einen Wahlschein hat. Verlorene Wahlscheine werden nicht ersetzt. Eine Briefwahl wie heute gibt es nicht. Hermann Veit bekommt die meisten Stimmen und wird als Abgeordneter für Karlsruhe in den ersten Bundestag gewählt.

Trotz Urlaubszeit war die Wahlbeteiligung hoch und betrug 70,89%. Mehr Frauen als Männer haben die CDU gewählt, während mehr Männer als Frauen für die KPD gestimmt haben. Sonst sind die Unterschiede bei den Wahlen nicht auffällig.

CDU: 25.061 (27,35%)
SPD: 33.861 (36,96%)
DVP: 15.122 (16,51%)
KPD: 9.026 (9,85%)
Notgemeinschaft: 8.552 (9,33%)

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  •   UngueltigDannZuLang
    (380 Beiträge)

    29.08.2021 11:20 Uhr
    Es hat etwas laenger gedauert (mein Kommentar)
    Aber einen solchen Artikel muss man erst mal lesen und dann auch noch verstehen.
    So ganz verkehrt bin ich halt doch nicht auf ka-news.
    Danke.
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