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Karlsruhe Kretschmann in Karlsruhe: "Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen"

Die Grünen bekommen im Wahlkampfendspurt Schützenhilfe von Winfried Kretschmann. Eine Woche vor der Bundestagswahl schaltet sich der einzige Ministerpräsident der Grünen, Baden-Württembergs Regierungschef aktiv in den Wahlkampf ein. Am Freitagabend war Kretschmann auch in Karlsruhe zu Gast und sprach über Moral in der Politik, Diesel-Skandal und Tempolimit.

Die Grünen setzen im Wahlkampf-Endspurt angesichts anhaltend schwacher Umfragewerte auf eine stärkere Abgrenzung zur Konkurrenz. Zusammen mit dem Spitzenduo Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir wirbt Kretschmann in einem am Samstag bekannt geworden Klimaschutz-Appell für eine Regierungsbeteiligung der Grünen und warnt vor der FDP, einem möglichen schwarz-gelben Bündnis sowie vor einer Neuauflage der großen Koalition von Union und SPD.

Diesel-Skandal: Problem nur langfristig lösbar

Im Tollhaus in Karlsruhe äußerte sich Kretschmann am Freitagabend zu weiteren Wahlkampfthemen - unter anderem zum Diesel-Skandal, wachsenden Populismus, Flüchtlingspolitik und Mobilitätsthemen. Das Publikum bekam einen offenen und pragmatischen Ministerpräsidenten zu hören.

So räumte der Landeschef schwere Fehler bei der Überschreitung von Dieselgrenzwerten ein, die man korrigieren müsse - aber: "schwerer Fehler heißt schwerer Fehler, weil er schwer zu korrigieren ist." Man werde das Problem lösen und die Schlupflöcher für die Automobilindustrie schließen, aber das werde nicht von heute auf morgen möglich sein, so Kretschmann.

Was kann dem wachsenden Populismus entgegengesetzt werden, der die Spaltung der Gesellschaft weiter vorantreiben will? Sich der diffusen Terrorismusbedrohung stellen, lautet der Ansatz von Kretschmann - diese sieht der grüne Landeschef als "ernst zunehmende Bedrohung." Kretschmann: "Die fundamentale Bedrohung der Gesellschaft erzeugt Angst und genau das ist ja auch das Ziel der Terroristen." Der Staat müsse daher alles tun, um die Bevölkerung zu schützen: Von Anti-Terror-Paketen bis zu mehr Polizei.

Kretschmann: Politik soll nicht moralisieren

Den Flüchtlingsdeal mit der Türkei betrachtet Kretschmann als "schwierig", derartige Flüchtlingsabkommen seien aber mangels Alternative notwendig. "Ich sehe vorerst keine vernünftige Alternative dazu." Über einen Abbruch von Beitrittsverhandlungen könne Deutschland weiterhin nicht entscheiden - "diese Frage können wir nicht alleine klären", sagt Kretschmann und verweist auf die notwendige, mehrheitliche Zustimmung in der Europäischen Union. Es sei notwendig, dass man auf EU-Ebene in der Flüchtlingspolitik eine einheitliche politische Linie ausarbeite.

Moral in der Politik lehnt Kretschmann ab, auch das wird am Freitagabend im Tollhaus deutlich: "Wir haben ein Grundgesetz, das ist eine ganz großartige Errungenschaft der Nachkriegsgeschichte. Grundlegende moralische Fragen sind durch das Grundgesetz geklärt."

Man brauche in der Politik keine Moral, sondern Lösungen. Dies wird vor allem bei der Flüchtlingspolitik deutlich: Hier stecke man in einem moralischen Dilemma, so Kretschmann. "Wir haben ein Asylrecht, das verteidigen wir und nehmen wir ernst. [...] Die, die nicht verfolgt werden, schicken wir zurück. Aber die Leute, die wir zurückschicken, kommen aus nachvollziehbaren Gründen."

"Tempolimit kommt wahrscheinlich nie"

"Wir brauchen ein Einwanderungsrecht - das ist eine sehr pragmatische Angelegenheit", fordert der Grünen-Politiker. Man müsse Fluchtursachen betrachten, angehen und die Probleme lösen. Konkret bedeute dies, beispielsweise in Afrika die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, so Kretschmann und verweist als positives Vorbild auf die amerikanische Wirtschaftshilfe in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. "Problem- und lösungsorientiertes Arbeiten bringt uns voran, keine gegenseitigen moralischen Vorhaltungen. Dafür ist die Politik nicht da."

Das Karlsruher Publikum interessierte vorwiegend Mobilitätsthemen - schlechte Öko-Bilanzen von Elektromobilität räumte Kretschmann ein - daran müsse man arbeiten. Weiterhin kam die Frage auf, ob Kretschmann im Dienst auch Fahrrad statt Auto fahre: "Nein, das geht aus Sicherheitsgründen nicht."

Zu einer weiteren Mobilitätsfrage gab es ebenfalls eine klare Antwort. Wann denn das Tempolimit komme? "Wahrscheinlich nie. Seit ich mich erinnern kann, kämpfen wir dafür. Und wir haben nie einen gefunden, der das auch will - außer uns. Etwas sarkastisch gesagt: Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen." Dafür kämpfe er nicht mehr, so Kretschmann, das Thema überlasse er den jungen Grünen.

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Kommentare (34)
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  •   diwd
    (542 Beiträge)

    17.09.2017 17:03 Uhr
    Bitte um Erklärung. "Rassisten und ewiggestrige Nazis "
    haben jetzt genau was mit diesem Thema zu tun, ausser dass Sie "Rassisten und ewiggestrige Nazis" in diesen Artikel mit einfließen lassen konnten?
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  •   107
    (183 Beiträge)

    16.09.2017 19:17 Uhr
    Ein Diesel-Fetischist wie Kretschmann heute immer noch ist
    kann als moralische Instanz nicht taugen.

    Wer damals, wie Kretschmann, einem Pol Pot ( Gewaltherrscher in Kambodscha ) Geldspenden zukommen ließ, ist dort wo er ist, fehl am Platz.
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  •   Mammut
    (574 Beiträge)

    16.09.2017 19:06 Uhr
    Elektroautos würden sich bei einem Tempolimit....
    ...viel besser verkaufen.
    Denn dann fehlt die Notwendigkeit, dass ein Auto mindestens 250km/h, wenn nicht noch mehr kann.
    Wer dann noch einen auf Prolet machen will, muss mit Beschleunigung seine Potenz demonstrieren - und da sind die Elektoautos wieder ganz vorne dabei.
    Vom Umweltschutzstandpunkt her sind natürlich die Diesel auf absehbare Zeit unschlagbar - mit Tempolimit 130 erst recht.
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  •   peddersenn
    (962 Beiträge)

    17.09.2017 15:42 Uhr
    denke ich nicht.
    Über 120 km/h fahre ich sowieso selten. In vielen Ländern geht das gar nicht.

    Einziges Problem bei den E-Autos ist der Preis. Und dann kommt ganz lang nix. Wenn ein E-Auto mit 300 km Reichweite 8 000 Euro kostet, habe ich auch eines. Mit der Reichweite und anderen Hängern kann man leben.

    Der Vorteil eines Tempolimits wäre eher, daß man dann endlich die Autos fahrwerktechnisch abrüsten kann. Oder könnte. Heute habe die Kisten adaptive Fahrwerke, Reifen, Federung und Dämpfung, mit der man vor 20 Jahren noch jede DTM gewinnen hätte können.

    Braucht - wie CW-Wert -bis 120 keine Sau. Vielöleicht könnte man dann auch sinnvolle Dinge wie Regenrinne und Fenster wiedereinführen.

    Ich fürchte, mit DIESER Automobilindustrie ist das nicht zu machen. Es gibt aber dankenswerterweise noch andere.
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  •   ALFPFIN
    (5721 Beiträge)

    16.09.2017 18:56 Uhr
    Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen"
    Wenn er das so wörtlich gesagt hat, hätte er bei meinem Deutschlehrer alter Schule mindestens 3 Stunden nachsitzen müssen, um zu diesem Thema in "anständigem Deutsch" einen Aufsatz zu schreiben. grinsen
    Alle sagen sie das Gleiche. Einwanderungsrecht, das heißt auch Begrenzung. Es geht aber hier um Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen und um Menschen in erster Linie aus Afrika, deren korrupte Staatslenker das Volksvermögen in die eigene Tasche stecken, statt ihr Land wirtschaftlich zu entwickeln.
    Und gegen diese korrupten Regierungssysteme wird weder von der EU, noch von der USA etwas getan. Zweifellos, weil auch unsere Wirtschaft daran verdient. Vom Stuttgarter oder Berliner Regierungssessel aus zu palavern, das hilft den Menschen nicht.
    Und zum Thema Mobilität - Auto - Diesel, was soll er sagen als Schwabe im schwäbischen Autoland. grinsen
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  •   mikado46
    (55 Beiträge)

    16.09.2017 18:51 Uhr
    Kretschmanns Beitrag.....
    Kretschmanns Beitrag zum Umweltschutz : jeden Tag 200km Arbeitsweg auf Steuerzahlers kosten .
    Natürlich nicht mit den von den Grünen so propagierten ÖPNV, sondern im Auto.
    Mit Begleitfarzeuge dürfte das ca, 40 Liter Sprit auf 100km bedeuten.
    Er könnte ja umweltfreundlich in Stuttgart wohnen, aber , Umwelt hin und her, das eigene Bett ist ihm
    Lieber.......
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  •   mikado46
    (55 Beiträge)

    16.09.2017 18:29 Uhr
    Der ami.....
    Ich finde diese Äußerung diskriminierend.
    Wie kann nur ein grüner Politiker , dessen liebstes Gegenargument sich in das Wort "Populismus"
    Erschöpft, so eine allgemeine Aussage von sich geben.
    Herr Kretschmann ist das geblieben was er mal war: ein Kommunist .
    Und ein grüner, ideologischer Auto- und Industriegegner.
    Nur ist es so, dass ohne das Steueraufkommen der "dreckigen" Industrie , sich kein grünes Projekt finanzieren
    ließe . Selbst der OPNV würde stillstehen. Der fährt nämlich ohne Subventionen keinen Meter.
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  •   peddersenn
    (962 Beiträge)

    16.09.2017 17:18 Uhr
    Also ich kenn niemand, der rast....
    ...incl. mir.

    Ich kenne aber viele, die gerne auf Autobahnen im Ausland unterwegs sind, weil man da entspannter fährt. Es ist ja nicht die GeschwindigkeitsHÖHE, die das alles so unkomfortabel macht - es sind die unterschiedlichen Geschwindigkeuten. Wer unbedingt 180 fahren will, darf das bei uns. Er verlangsamt aber damit massiv die anderen Verkehrsteilnehmer. Einen SINN gibt das nicht. Die Transportleistung der (von allen bezahlten) Straße ist am höchsten, wenn möglichst viele gleichschnell fahren.

    Den Spruch finde ich trotzdem bescheuert. Und vielleicht will "der Ami" garkeine Knarre. Zumindest spricht sich selbst da drüben ein nicht unerheblicher Bevölkerungsanteil GEGEN das Waffengesetz aus.

    Und bei uns sprechen sich garnicht so wenige für ein Tempolimit aus.
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  •   betablocker
    (936 Beiträge)

    16.09.2017 18:44 Uhr
    Da sind
    wir wieder voll beinander (im Gegensatz zum Staubsaugen grinsen ). Für ein Tempolimit spricht praktisch alles, es gibt kein Gegenargument. Allerdings muss man noch sagen, dass das entspannte Fahren in unseren Nachbarländern (ausserhalb deren Ballungszentren) auch mit dem geringeren Verkehrsaufkommen zusammenhängt.
    Also es löst das Verkehrsproblem bei uns nicht völlig, aber es würde sicher auch hier für ein bisschen Entspannung sorgen. Und mir ist kein Fall bekannt in dem Franzosen, Schweizern oder Italienern bei der Durchquerung ihres Landes ein meterlanger Vollbart gewachsen wäre. Und für die die es nicht kapieren: Die Genannten erreichen ihr Ziel auch.
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  •   santana
    (810 Beiträge)

    16.09.2017 16:29 Uhr
    "Was dem Ami die Waffe, ist dem Deutschen das Rasen"
    Das ist ja Populismus in Reinkultur. So etwas kann natürlich nur von einem Grünen kommen.
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