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Karlsruhe Karlsruherin bloggt über Flüchtlinge: "Es sind gute Menschen, keine Kriminelle"

Vorurteile abbauen und dem anonymen Wort "Flüchtling" ein Gesicht geben - das ist das Anliegen von Bloggerin Lisa Hess. Die angehende Erzieherin aus Karlsruhe besucht in ihrer Freizeit Flüchtlinge in der Landeserstaufnahmestelle - und schreibt über die Schicksale in ihrem Blog "Menschengeschichten".

Wie kamst du auf die Idee "Menschengeschichten" zu schreiben?

Die Idee hatte ich schon seit längerer Zeit. Ungefähr seit der Mitte letzten Jahres, als das Thema Flüchtlinge hier in Karlsruhe groß aufkam. Ich möchte den Flüchtlingen ein Gesicht geben, zeigen wer diese Menschen sind.

Hast du beruflich mit Flüchtlingen zu tun?

Nein, das ist komplett privat. Beruflich mache ich gerade meine Ausbildung zur Erzieherin.

Wie lange schreibst du das Blog schon?

Die Internetseite habe ich Anfang dieses Jahres eingerichtet.

Wie findest du deine "Menschengeschichten"?

Ich laufe vor der Landeserstaufnahmestelle auf und ab und spreche Menschen einfach an. Ich unterhalte mich mit ihnen und höre ihnen zu. Ich frage am Ende des Gesprächs, ob ich sie fotografieren und über sie schreiben darf. Natürlich sagt nicht jeder ja.

Wie sind die Reaktionen auf deinen Blog?

Die Reaktionen sind positiv, viele finden das Projekt super. Viele Rückmeldungen bestehen darin, dass die Leute nachfragen, wie sie helfen können. Inzwischen habe ich eine Kiste mit Spenden zuhause - bei jedem Besuch in der LEA nehme ich Kleidung, Hygieneartikel oder Spielsachen mit.  

Wie kommunizierst du mit den Flüchtlingen?

Das geht von gebrochenem Deutsch bis hin zu fließendem Englisch. Oft kommen aber auch Hände und Füße und der Google-Übersetzer zum Einsatz. Mit den Flüchtlinge aus Afrika klappt es ganz gut auf englisch und französisch, das können die meisten. Bei den Menschen, die aus der Balkan-Region und Südosteuropa kommen, ist es schon schwieriger. Da geht es dann per Hand, Fuß und auch mal dem Zeichenblock.

Welche Geschichte ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Das ist Sandra Osayi - mit ihr hatte ich bisher am meisten zu tun. Sie stammt aus einer sehr armen Familie aus Nigeria, lernte dort einen Mann kennen, der ihr Arbeit und ein besseres Leben in einem anderen Land versprach. Sie folgte ihm 2004 nach Italien, wo sich der Mann als Zuhälter entpuppte. Nach Jahren der Prostitution und Gewalt, schaffte sie es, schwanger nach Belgien zu fliehen. Von Karlsruhe wurde sie in den Rems-Murr-Kreis transferiert. Mit ihr habe ich immer noch Kontakt.

Wie reagieren die Flüchtlinge, wenn du sie ansprichst?

Sehr gemischt. Gerade die Menschen aus Afrika sind unglaublich herzlich und offen. Vor allem die Kinder - sie nehmen dich einfach an die Hand, ziehen dich mit und stellen dich ihren Eltern vor. Andere Flüchtlinge sind recht scheu und wollen nicht reden.

Mit wie vielen Flüchtlingen hast du dich schon unterhalten?

Mit einer ganzen  Menge. Ich habe das Gefühl, dass ich bei der LEA schon ziemlich bekannt bin. Wenn die Kinder mich sehen, kommen sie schon angerannt. Es ist ein kleines Netzwerk, das sich ausbreitet, aber auch wieder verkleinert - denn die Bewohner sind immer nur wenige Wochen dort. Ich werde auch oft von Menschen, dich ich schon kenne, neuen Bewohnern vorgestellt.

Du bist ja jetzt relativ oft in der LEA - woran mangelt es deiner Einschätzung nach am meisten? Wo sind die Defizite?

Definitiv die Sauberkeit: Es stinkt in den Gängen unglaublich nach Urin. Das ist wirklich widerlich. Im Frauenblock ist es noch schlimmer als bei den Männern, vielleicht weil es die kleinen Kinder manchmal nicht halten können. Ein weiterer Punkt ist das Essen: Die Bewohner dürfen keine Herdplatte auf dem Zimmer haben und haben auch keinen sonstigen Zugang zu einer. Das heißt, es gibt hauptsächlich kaltes und eingeschweißtes Essen. Ich hab das mal probiert - das ist echt widerlich. Oft fehlt es auch an Hygieneartikeln und Kleidung. So richtig versorgt werden die Flüchtlinge damit erst bei der späteren Verteilung in den Außenstellen.

Hast du Kontakt zu anderen Hilfsorganisationen?

Nein. Aber vielleicht klappt das ja in Zukunft. Ich habe mir vorgenommen, dass ich in nächster Zeit auch mal die Außenstellen besuche, beispielsweise in Rheinstetten.

Was wünscht du dir für deinen Blog - für die Wirkung der "Menschengeschichten"?

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen darauf aufmerksam werden. Dass sich das Bild in den Köpfen der Menschen ändert - gesehen wird, dass es wirklich gute Menschen sind, die dort ankommen und keine Kriminellen. Auch ich hatte teilweise Vorteile, doch die haben sich durch das Kennenlernen der Menschen abgebaut. Es sind hochgebildete Leute, zum Teil Architekten und Dozenten, die gerne in Deutschland arbeiten würden. Freuen würde ich mich, wenn ich es schaffe, mit meinen "Menschengeschichten" eine Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Hier geht's zum Blog "Menschengeschichten" (externer Link)

 
Die Person hinter dem Blog

Name:
Lisa Hess
Alter: 24 Jahre
Aktuelle Tätigkeit/Beruf: Ausbildung zur Erzieherin, ausgebildete Radio- und Fernsehmoderatorin
Wohnort: Karlsruhe
Geburtsort: Mecklenburg-Vorpommern
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