Karlsruhe Ein Brite in Karlsruhe - Paul Needham schießt den ka:augenblick

Die Liebe brachte den Fotografen Paul Needham vor gut einem Jahr nach Karlsruhe. In seinem Fotoblog "The Karlsruhe Diaries" zeigt er seine Sicht auf die Fächerstadt und ihre Menschen. Für ka-news startet er kommende Woche die Fotoserie "ka:augenblick". Im Interview erzählt er, was die Leser dort erwarten können, warum er beim Fotografieren immer öfter auf seine Handykamera schwört und wieso er es immer noch schwierig findet, in Deutschland ein Schnitzel zu bestellen.

Paul, wir führen dieses Interview auf Englisch. Du kommst ursprünglich aus Leicester in Großbritannien. Was hat Dich nach Karlsruhe geführt und wie lange lebst Du schon hier?

Kurz gesagt, aus dem besten Grund, den es überhaupt geben könnte: Ich habe mich in eine tolle Frau verliebt und bin deshalb vor fast einem Jahr nach Karlsruhe gezogen, um hier mit ihr zu leben. Eine fantastische Erfahrung, sowohl privat als auch beruflich, und ich lebe wirklich gerne hier.

Ursprünglich komme ich aus Leicester in Großbritannien - eine Universitätsstadt, genau wie Karlsruhe, etwa 160 Kilometer nördlich von London gelegen. Beide Städte sind sich sehr ähnlich, deshalb fasziniert es mich, Vergleiche anzustellen, aber auch die Unterschiede herauszufinden.

Du machst das vor allem mit Fotos auf Deinem Blog "The Karlsruhe Diaries", zu deutsch: die Karlsruhe Tagebücher. Worum geht es da genau?

"Karlsruhe Diaries" ist einerseits eine Art Bewegungsprotokoll - Orte und Dinge, die ich in meinem Alltag finde und erlebe. Fundsachen und Erlebnisse, die ich aufspüre und dann kreativ aufarbeite. Es ist andererseits aber auch einfach die Liebe zur Fotografie und eine Art fotografischer Sammelwahn, der mich ständig neue Dinge finden, dokumentieren und interpretieren lässt. Nicht zuletzt ist das Blog eine Hommage an Robert Doisneau und Cartier Bresson, zwei Fotografen, die ich sehr bewundere und in deren großen Schuhe ich versuche, in ganz kleinen Schritten zu laufen.

Der Untertitel Deines Blogs ist 'An Englishman with an iPhone in Southwest Germany', ein Engländer mit iPhone in Südwestdeutschland. Inwiefern beeinflussen Deine englischen Wurzeln Deine Arbeit hier in Deutschland?

Ich sehe die Dinge hier noch immer mit den Augen eines Außenseiters, und ich bin mir sicher, dass das noch eine ganze Weile so sein wird. Ich hoffe, dass eben diese "andere" Sichtweise das alltägliche Leben hier in Karlsruhe aus einer neuen, "frischen" und vielleicht manchmal überraschenden Perspektive darstellen kann. Deshalb bin ich auch nie mit einer vorgefassten Idee, was ich fotografieren will, unterwegs. Ich reagiere instinktiv und sehr direkt auf die Dinge, die ich sehe und erlebe.

Am ehesten ist diese Art zu erleben, vielleicht mit der eines Kindes zu vergleichen, das zum ersten Mal eine Stadt bewusst wahrnimmt. Ich habe mir die Fähigkeit bewahrt, mich immer wieder überraschen zu lassen, und vieles um mich herum ist tatsächlich einfach noch sehr neu und ungewohnt für mich. Deshalb reagiere ich auf meine Umwelt hier noch viel offener und "naiver" als das bei meiner Arbeit in Großbritannien der Fall war. Die Tatsache, dass ich noch sehr wenig Deutsch spreche und verstehe, hilft mir, diese kreative Distanz zu wahren - allerdings ist mir das keine große Hilfe, wenn ich versuche mir im Restaurant ein "Schnitzel" zu bestellen.

Im Englischen wird das Fotografieren normalerweise mit dem Terminus "taking photos", wörtlich übersetzt: Fotos nehmen, beschrieben. Auf Deinem Blog schreibst Du, dass Du lieber von "making photos", also Fotos machen, sprechen würdest. Was ist der Unterschied?

Es ist die einfachste Definition, um den Unterschied zwischen der durchdachten, überlegten und ernsthaften Fotografie und dem wilden Drauflosknipsen zu verdeutlichen. Damit meine ich nicht den Unterschied zwischen Amateuren und Profis - es gibt jede Menge uninspirierter Profis, die Fotos "schießen" oder "knipsen" und gut von ihrer Arbeit leben können, während es da draußen aber eben auch jede Menge Typen gibt, die sehr gute Bilder "machen" und sich als Amateure bezeichnen (müssen), weil sie nicht von der Fotografie leben können und diese nicht zu ihrem Beruf gemacht haben.

Es ist vielmehr eine Frage der Intention: Wenn Du Bilder machst, erschaffst Du ganz bewusst etwas. Dann beobachtest Du und wägst ab, berücksichtigst Dinge wie Licht, Komposition und wofür das Bild überhaupt verwendet werden soll, bevor du abdrückst. Wenn Du aber ein Foto "schießt", impliziert das, dass Du einfach loslegst, ohne groß darüber nachzudenken, was Du wo fotografierst. Ich weiß, der Begriff ist mittlerweile etwas altmodisch, aber im Englischen sprechen wir immer noch von "Snap shots" - Schnappschüsse sagt man glaube ich auf Deutsch dazu.

Die werden eben "geschossen" - und ein "Knipser" ist eben ein Fotograf, der sein Equipment die ganze Arbeit machen lässt, ohne wirklich zu verstehen, was er macht oder wie und warum er es macht. Das ist für mich der Unterschied zwischen dem Knipsen und dem "Bilder machen".

Als professioneller Fotograf bist Du es eigentlich gewohnt, mit professionellem Equipment zu arbeiten, große Spiegelreflexkameras und so etwas. Die Fotos auf Deinem Blog wurden allerdings alle mit dem iPhone aufgenommen. Warum?

Ich hab Anfang letzten Jahres mit der iPhone-Fotografie angefangen, noch in Großbritannien. Es war die einfachste und effektivste Möglichkeit, meiner Freundin mein Leben, meine Lebensumfeld und meinen Alltag zu zeigen und sie so an meinem Leben dort teilhaben zu lassen. Das Blog ist irgendwie daraus entstanden, und jetzt benutze ich meine Handykamera, um mein Leben hier in Deutschland mit meiner Familie und meinen Freunden in Großbritannien zu teilen.

Wir leben in einer sehr spannenden Zeit für die Fotografie, denn fast jeder kann ja heute mit seinem Handy Bilder machen und das Handy hat man ja auch immer dabei. Das war vorher nicht der Fall. Aus professioneller Sicht stellte sich mir die Frage, ob ich diesen Vorteil in meine Arbeit integrieren und künstlerisch nutzen kann - beides kann ich mittlerweile bejahen.

Genau wie die digitale Fotografie vor 10 oder 15 Jahren, ist die iPhone-Fotografie heute noch nicht als ernsthaftes kreatives und künstlerisches Medium anerkannt. Ich sehe das als ausgebildeter Grafikdesigner und Art Director vielleicht ein wenig differenzierter, als die Kollegen, die reine Fotografen sind. Wenn ich mit etwas ein Bild machen kann, ist es für mich ein Werkzeug, das ich kreativ nutzen kann. Es kommt einfach darauf an, zu wissen, wie und wann man es effektiv einsetzt.

Das heißt nicht, dass Handykameras irgendwann Spiegelreflexkameras oder anderes professionelles Equipment ersetzen werden, sondern lediglich, dass sie in den richtigen Händen sicherlich ihren Platz in der ernsthaften Fotografie verdient haben. Eine der vielen Ideen hinter dem Blog ist deshalb auch, die Ansicht der Menschen darüber, was eine "richtige" Kamera ist, zu verändern.

Was ist denn aus Deiner Sicht der Vorteil einer Handykamera?

Die Handykamera bietet im Vergleich zur herkömmlichen Spiegelreflex eine unglaubliche Freiheit. Sie ist klein, unaufdringlich und erlaubt es mir, fast unsichtbar zu arbeiten. Ich bin mir sicher, meine "street-photography"-Helden wie Doisneau, Bresson oder Weegee hätten das Potenzial der Handykamera gesehen und ihre Freude daran gehabt.

Aber technisch gesehen ist die Handykamera doch einer "richtigen" Kamera unterlegen...

Aus kreativer Sicht haben Handykameras viel zu bieten. Die extrem eingeschränkten technischen Möglichkeiten helfen mir, mein Handwerk zu verfeinern - meine Beobachtungsgabe, die Komposition, Reflexe und den Instinkt für den "richtigen" Moment. Ich bin nicht sehr auf die technischen Finessen fixiert und weil die Kamera quasi immer und überall dabei ist, mache ich auch immer und überall meine Bilder.

Klar, das ist nicht immer erfolgreich und gut, aber das ist auch gar nicht der Punkt. Es ist wie mit allem - je mehr du "übst", desto besser wirst du. Deshalb hilft mir mein Handy dabei, meine Arbeit immer weiter zu verbessern, egal wo ich bin.

Wie bei vielen Dingen heutzutage, geht es auch bei der Fotografie heutzutage viel zu sehr um Equipment und Technologie, statt um Ideen und das eigentliche Handwerk. Man neigt dazu, immer mehr und immer besseres Equipment anzuschaffen, da bin ich auch keine Ausnahme, aber der Blog hilft mir, davon wegzukommen: Wie kann ich gute, ergreifende Bilder machen, mit der einfachsten Ausrüstung.

Als Fotograf bist Du auch für ka-news tätig, machst Fotos von Konzerten und anderen Ereignissen. Ab der kommenden Woche wirst Du für ka-news außerdem eine ganz neue Rubrik starten: ka:augenblick. Kannst Du mehr darüber erzählen?

Naja, für jemanden, der nicht so viel Deutsch spricht, bedeutet Augenblick "Moment", deshalb lautet der Titel eigentlich "Karlsruher Momente" - aber Augenblick setzt sich ja auch aus den Worten "Auge" und Blick" zusammen - also "Karlsruhe mit den Augen erblicken" - oder "erkunden". Und ich mag diese Doppeldeutigkeit.

Auf gewisse Weise soll das Feature auf ka-news die Karlsruhe Diaries ergänzen: Das iPhone liefert die Nahaufnahmen, quasi abstrakte Stillleben und ka:augenblick soll offener, kontaktfreudiger sein und sich auf die Menschen in der Stadt konzentrieren. Man könnte sagen, der Augenblick ist auch eine Art Überblick: Die Idee ist, verschiedene Aspekte des Karlsruher Alltags in einer Galerie von 20 Bildern zu bündeln. Auf eine Art, die eben nicht der herkömmlichen Pressefotografie entspricht: nicht nüchtern Bericht erstatten, sondern auf poetisch künstlerische und eben fotografische Weise Geschichten erzählen. Also eigentlich ganz das Gegenteil von dem, was es sonst auf ka-news gibt und ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, das "etwas andere" Karlsruhe zeigen zu können.

Wie wirst Du dabei vorgehen?

Ich werde ganz verschiedene Kameras benutzen: Alles von der Spiegelreflex bis hin zu kleinen einfachen "Jedermann"-Kameras. Wie in meinem Blog, will ich den Menschen nämlich auch zeigen, was mit relativ preisgünstigem Equipment möglich ist und sie ermutigen, selbst rauszugehen und Bilder zu machen.

Ich hoffe, ich schaffe es, die Leute mit meinem schrägen, britischen Humor, der sich auch in meinen Bilder ausdrückt, zu unterhalten. Ich möchte den Leuten Spaß bringen, mit dem, was mir Spaß macht. Und deshalb werde ich mich jetzt jede Woche auf mein Rad schwingen, einfach irgendwo auftauchen und schauen, was es dort zu fotografieren gibt.

Für mich auch eine tolle Möglichkeit, Karlsruhe und seine Einwohner noch besser kennen zu lernen. Es würde mich auch freuen, wenn die Leser ihre eigenen Ideen einbringen. Wer einen Tipp hat, wo und wann es etwas Tolles zu fotografieren gibt, darf sich gerne hier bei ka-news melden.

Fragen: Felix Neubüser

Die neue Foto-Serie ka:augenblick startet in der kommenden Woche. Neue Fotos werden immer dienstags veröffentlicht. Wünsche, Tipps oder Anregungen? Gerne als Kommentar unter diesen Artikel oder per Mail über das ka-Reporter-Formular.

Pauls Fotoblog: "The Karlsruhe Diaries"

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