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Karlsruhe "Gentlemen-Räuber": Ein Jahr nach dem Banküberfall in Karlsruhe

Es geschah vor einem Jahr. Am 10. Dezember 2010 um genau drei Sekunden vor 16 Uhr betritt ein mit Perücken maskiertes Gangsterduo die Volksbankfiliale in der Karlsruher Karlstraße. Die beiden Täter ziehen zwei Pistolen und verkünden: Banküberfall. Einem Bankangestellten gelingt es, einen stillen Alarm auszulösen. Wenige Minuten später trifft der erste Streifenwagen am Tatort ein. Es kommt zu einer heftigen Schießerei. Beide Täter sterben, eine Polizistin wird verletzt. Wie geht es den Polizisten heute? ka-news hat nachgefragt.

Den alarmierten Beamten fällt ein Paar auf, das sich von der Bank entfernt. Als die Polizisten die Beiden ansprechen, versuchen diese zu fliehen. Kurz darauf eröffnen die Räuber das Feuer und schießen aus weniger als 15 Metern auf die Beamten. Die schießen zurück. Insgesamt 19 Mal. Beide Täter werden von mehreren Polizeikugeln getroffen.

Wie geht es den Polizisten?

Die 38-jährige Bankräuberin richtet sich darauf mit einem Schuss in den Mund selbst, ihr 40-jähriger Komplize erliegt wenige Minuten später seinen Schussverletzungen. Die 28-jährige Polizistin wird bei der heftigen Schießerei in den Oberschenkel getroffen. Wie durch ein Wunder wird kein Passant verletzt. Später stellt sich heraus: Bei dem Räuber-Paar handelt es sich um die sogenannten "Gentlemen-Räuber".

Wie geht es den beteiligten Polizisten ein Jahr nach dem Banküberfall? "Die beteiligten Kollegen sind mittlerweile wieder uneingeschränkt dienstfähig und arbeiten nach wie vor bei der Polizei", erklärt Ralf Minet, Sprecher der Polizei Karlsruhe, auf ka-news-Anfrage. Keiner der Beamten hätte bleibende Schäden davongetragen - weder körperliche, noch seelische. Bereits nach wenigen Wochen hätten beide ihren Dienst wieder aufgenommen. "Allem Anschein nach, sind sie durch den Vorfall nicht traumatisiert", so der Polizeisprecher.

Wie fühlt sich ein Polizist, der einen Menschen tötete?

Doch was macht ein Polizist durch, der in so eine heftige Schießerei gerät? Joachim Kepplinger weiß das. Er ist Psychologe bei der Akademie der Polizei in Freiburg und Leiter der Koordinierungsstelle für Konflikthandhabung und Krisenmanagement. "Wir alle können uns vorstellen, dass wenn man so etwas dramatisches erlebt, man das nicht einfach von den Kleidern schütteln kann, ins Bett geht und am nächsten Tag ist alles vorbei." Ein solches Ereignis schlage sich auf der Psyche nieder, so der Psychologe.

"Nach solchen potentiellen traumatischen Ereignissen leiden die Beteiligten an einer akuten Belastungsstörung", so Kepplinger. Plötzlich tauchen die schrecklichen Bilder wieder auf, Albträume, schlechte Laune, Gereiztheit oder Schlafstörungen - all das können Symptome für eine solche Störung sein, erklärt er. Auch ein Vermeidungsverhalten sei eine typische Reaktion. So meiden manche Betroffene beispielsweise gewisse Orte oder Situationen, die sie an das Ereignis erinnern.

Die beißende Frage: War der Einsatz gerechtfertigt?

Eine akute Belastungsstörung sei nach einer solchen Extremsituation normal, sollte aber nach vier bis acht Wochen verschwinden, so der Polizeipsychologe. Kehre dann keine Normalität ein, dann spreche die Psychologie von einer Postraumtischen Belastungsstörung (PTB). "Diese ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung, die auch zur Arbeitsunfähigkeit führen kann", so Kepplinger.

Damit es erst gar nicht soweit kommt, hat die Polizei ein ausgeklügeltes System entwickelt. So würden ausgebildete Laienhelfer - psychologisch geschulte Polizisten - ihre Kollegen unterstützen, mit ihnen über den Einsatz sprechen, die nächsten Tage gemeinsam organisieren. Letztlich sei es von Person zu Person unterschiedlich, wie sie auf so ein Ereignis reagiert und auch "sehr stark abhängig von der konkreten Gegebenheit". Sehr wichtig sei zudem "unter Kollegen zu sein", sich also mit Gleichgesinnten über das Ereignis auszutauschen.

Etwa zwei bis drei Prozent von Einsatzkräften, die eine solche dramatische Situation erlebt haben, erleiden später eine PTB. Das hätten Studien ergeben, so Kepplinger. Das bedeute aber nicht, dass ein traumatischer Einsatz zwangsläufig dazu führe. "Häufig ist es auch die Gesamt-Dosis. Polizisten und Rettungskräfte erleben viel Schlimmes, ein Ereignis kann dann das Fass zum Überlaufen bringen und zum psychischen Zusammenbruch führen."

Polizisten haben richtig gehandelt

Doch wie fühlt sich ein Polizist, der einen anderen Menschen getötet hat oder selbst angeschossen wurde? "Für den Todesschützen ist es extrem wichtig, dass er rechtmäßig gehandelt hat", so Kepplinger. So beschäftige ihn die bohrende, beißende und krankmachende Frage: War der Einsatz legitimiert? Es sei daher eine ungeheure Entlastung für den Betroffenen, wenn er keinen Beschuldigten-, sondern einen Zeugen-Status habe. Dies sei für eine erfolgreiche Verarbeitung enorm wichtig. Im Fall der Schießerei in Karlsruhe war für die Landespolizeidirektion, die in solchen Fällen grundsätzlich ermittelt, schnell klar, dass die beiden Polizisten rechtmäßig und in Notwehr gehandelt hätten, als sie auf die beiden Bankräuber schossen.

"Polizisten sind sehr gut geschult. Sie trainieren mit Waffen und absolvieren ein sehr gutes taktisches Training", sagt Psychologe Kepplinger. Das sei auch sehr wichtig. Denn nur so könnten die Beamten professionell handeln und auch in extremen Stresssituationen handlungsfähig bleiben. "Hilflosigkeit muss vermieden werden und dies geschieht durch hartes Training", so Kepplinger. Zudem seien Informationen über den Tathergang sehr wichtig. So könnten sich die Beamten schon auf dem Weg zum Tatort auf die Situation einstellen.

Was ist passiert, wurde geschossen, gibt es Verletzte oder Tote, wie viele Personen sind beteiligt? "Auch wenn es nur ein paar Minuten sind, diese Informationen sind extrem wichtig. Die Beamten können so viel besser reagieren." Wenn ein Passant unvorbereitet in eine solche Situation gerät - eine Person blutüberströmt neben ihm zusammenbricht - dann kann dieser wesentlich schlechter damit umgehen, als jemand der sich gedanklich auf eine solche Situation bereits eingestellt hat, erläutert Kepplinger.

Spur zu drittem Täter - keine Spur von der Beute

Auch ein Jahr nach dem Überfall laufen Ermittlungen gegen eine dritte Person, die an verschiedenen Banküberfallen der "Gentlemen-Räuber" beteiligt gewesen sein soll. "Es besteht der Tatverdacht gegen eine bestimmte männliche Person, die sich derzeit im Ausland aufhält", bestätigte Rainer Bogs, Sprecher der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, auf ka-news-Anfrage. Die Identität des mutmaßlichen Komplizen des Räuber-Paares sei der Staatsanwaltschaft bekannt. Allerdings konnte bisher noch kein Haftbefehl erwirkt werden.

Es bestehe der Verdacht, dass der Mann an elf Raubüberfällen auf Kreditinstitute beteiligt gewesen sei, so Bogs. Das letzte Mal wohl am 24. Oktober 2002. Es gebe aber keine Erkenntnisse, das er auch an späteren Überfällen der Gentleman-Räuber beteiligt gewesen war. Da es sich um den Tatbestand "Bewaffnete Raubüberfälle" handle, drohe aktuell aber keine Verjährung, so der Sprecher.

Hintergrund: die "Gentlemen Räuber"

Die "Gentlemen-Räuber" waren insgesamt über 15 Jahre in Nordbaden und der Südpfalz aktiv. Ihnen werden mindestens 20 Banküberfälle zugeschrieben, bei denen sie rund zwei Millionen Euro erbeuteten. Was mit der Beute aus den Überfällen passiert ist, ist nach wie vor unklar. Der Spitzname "Gentlemen Räuber" rührt vor allem von den ersten Überfällen her, bei denen die Räuber sich nach der Tat per Brief entschuldigten und Gegenstände, etwa den Autoschlüsseln eines gestohlenen Fluchtwagens, zurückschickten.

Mehr zu den "Gentlemen-Räubern" und zum Banküberfall bei ka-news

Folgende Überfälle gehen auf das Konto der "Gentlemen-Räuber":

  • 13. April 1995, Sparkasse in Karlsruhe-Wolfartsweier
  • 27. Oktober 1995, Sparkasse in Philippsburg-Rheinsheim
  • 2. Februar 1996, Sparkasse in Altlußheim
  • 9. Februar 1996, Volksbank Speyer in Westheim
  • 15. März 1996, Sparkasse in Malschenberg
  • 4. Juli 1996, Sparkasse in Rot
  • 23. April 1997, Sparkasse in Altlußheim
  • 12. August 1998, Sparkasse Lustadt (Germersheim-Kandel)
  • 4. Januar 1999, RV-Bank in Bobenheim-Roxheim
  • 22. Oktober 1999, Sparkasse in Altlußheim
  • 7. Dezember 2000, Volksbank in Karlsruhe-Knielingen
  • 13. Juni 2002, Sparkasse in Karlsruhe-Rüppurr
  • 24. Oktober 2002, Sparkasse in St.Leon-Rot
  • 28. Januar 2004, Sparkasse in St.Leon-Rot
  • 22. März 2005, Sparkasse in Malsch (Wiesloch)
  • 26. Oktober 2006, Volksbank Karlsruhe-Nordweststadt
  • 24. Oktober 2007, Volksbank Karlsruhe-Nordweststadt
  • 24. November 2008, Sparkasse Karlsruhe-Heidenstückersiedlung
  • 3. Dezember 2009, Volksbank Mannheim-Käfertal
  • 13. Juli 2010, Sparkasse-Grünwinkel
  • 10. Dezember 2010, Volksbank "Am Karlstor"
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Kommentare (10)
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  • unbekannt
    (1049 Beiträge)

    09.12.2011 21:09 Uhr
    mal was zum Thema.
    Mich würde mal die Motivation der Täter interessieren. "Verprasst" haben sie das erbeutete Geld ja offensichtlich nicht und zum Leben haben sie´s auch nicht gebraucht.
    Wieso fährt man weit von zu Hause weg, überfällt Banken, begibt sich und andere in Lebensgefahr und fährt dann wieder zurück?
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  •   silberahorn
    (9649 Beiträge)

    10.12.2011 02:27 Uhr
    Wieso
    Da gibt es sicher einige Möglichkeiten.
    Vll aus Idealismus , weil jemand das Geld benötigt, der die Weltmacht anstrebt. Nach dem Motto: guter Stundenlohn und einmal kurz Schwitzen gehört schon lange zum Programm.
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  •   landei
    (6123 Beiträge)

    09.12.2011 20:55 Uhr
    ausgebildete Laienhelfer - ?????? Ist da
    nicht mal Geld für professionelle Hilfe vorhanden ??????? Oder wie muss man das verstehen ?
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  • unbekannt
    (1550 Beiträge)

    09.12.2011 21:35 Uhr
    Natürlich!
    Ich vermute mal, nicht jeder will gleich zum Psychologen auf die Couch. Da hat man ganz schnell den Ruf weg, labil, krank oder verrückt zu sein. Wer gibt schon gern die Heulsuse? Mit Kollegen, die letztlich im selben Boot sitzen, spricht man da eher. Das geht dann auf Augenhöhe und im Prinzip auf Gegenseitigkeit.

    Unter den Umständen macht es doch Sinn, zumindest einigen Kollegen ein paar Grundlagen im Umgang mit solchen Situationen bzw. mit Betroffenen Kollegen zu vermitteln. Das ist wohl eine Spielart von Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.
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  • unbekannt
    (22 Beiträge)

    09.12.2011 19:08 Uhr
    Schreibfehler...
    ...sind bei KA-News leider an der Tagesordnung und nicht immer so ganz nachvollziehbar.
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  • unbekannt
    (34 Beiträge)

    09.12.2011 18:55 Uhr
    @KA-News...
    Das ist ja jetzt keine besonders aktuelle Meldung, die sehr zeitnah zum Ereignis erscheinen musste. Genau deshalb verstehe ich nicht, wieso in der Meldung so viele Schreibfehler enthalten sind. Habt ihr kein Rechtschreibungsprüfprogramm?
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  • unbekannt
    (53 Beiträge)

    10.12.2011 00:39 Uhr
    ....
    ... nörgelt nicht immer rum - der Artikel ist super!
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  • unbekannt
    (511 Beiträge)

    09.12.2011 19:28 Uhr
    Fehler
    Sie haben recht. In den Artikel haben sich ein paar Tippfehler eingeschlichen. Sie sind jetzt hoffentlich beseitigt. Sorry!
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  • unbekannt
    (34 Beiträge)

    09.12.2011 19:44 Uhr
    Das...
    ...sieht doch schon wesentlich besser aus! Vielen Dank! zwinkern
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  • unbekannt
    (161 Beiträge)

    09.12.2011 17:48 Uhr
    Das ist schön
    das es den Polizisten wieder gut geht udn sie weider arbeiten. ist ja nicht selbstverständlich. Wünsche weiterhin alles Gute
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