"Hallo, ich habe mich entschieden, Ihnen zu schreiben, weil ich ein wichtiges Anliegen habe." Mit diesen Worten beginnt der Erfahrungsbericht einer ehemaligen Prostituierten - sie wendet sich 2020 mit ihrem Schreiben an die Karlsruher Therapeutin Ingeborg Kraus, welche den Brief mit der Redaktion teilte. Die recht förmliche und sachliche Anrede lässt zunächst nicht im Ansatz erahnen, von welchen unfassbaren Umständen die Frau im Anschluss berichtet.

"Ein Stück Fleisch"

"Vor einem halben Jahr habe ich für zwei Wochen in einem Bordell gearbeitet und möchte Ihnen erklären, was dort passierte. Das war die härteste Periode in meinem Leben", erzählt N. "Als ich dort gearbeitet habe, fühlte ich mich wie ein Stück Fleisch."

Die Silhouette einer Frau (Symbolbild).
Ein Foto von ihrem Gesicht und alle persönliche Daten werden vor Arbeitsbeginn festgehalten. | Bild: pixabay

Nicht viele Frauen sprechen über ihre Erfahrungen aus der Szene. Ingeborg Kraus: "Ich habe die 'privilegierten' Frauen bei mir - solche mit entsprechenden Deutschkenntnissen, Krankenversicherung und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme."

Den Austausch mit einem dieser Kontakte aus dem Jahr 2020 stellt Kraus der Redaktion zur Verfügung. "Meine aktuellen Patientinnen wollen nicht mit den Medien sprechen und das respektiere ich", so Kraus.

Profis am Werk

Bereits in den ersten Momenten wird Mädchen wie N. die Kontrolle genommen: "Wenn man anfängt zu arbeiten, macht die Hausdame direkt ein Gesichtsfoto - ohne es unkenntlich zu machen - und notiert sämtliche Personalien", berichtet die Aussteigerin. 

Eine Sexdienstleisterin sitzt in einem Zimmer im Etablissement einer Bordellbetreiberin.
Das Bordell verlässt N. nur noch selten. | Bild: Uli Deck/dpa/Archivbild

Die Bordellbetreiber seien nach Aussage der ehemaligen Prostituierten wahre "Profi-Zuhälter". "An diesem Ort kamen zu 99 Prozent junge rumänische Mädchen an, mit denen die Betreiber Oralverkehr ohne Kondom anboten. Viele der Mädchen benutzten Antidepressiva", erklärt N.

"Zerbricht die Mädchen komplett!"

Ihren Chefs sei es "scheißegal" gewesen, wie die Mädchen sich fühlten, meint die ehemalige Sexarbeiterin. "Ich habe jeden Tag 12 Stunden gearbeitet. Die Hausdame hat mir keine Zeit zum rausgehen gegeben - um Essen zu kaufen." Für maximal eine halbe Stunde am Tag habe sie das Etablissement tatsächlich verlassen können.

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"Es wurde getrunken und geraucht", meint N. Und dabei sei es wahrscheinlich nicht geblieben. | Bild: Oliver Berg/dpa

Währenddessen gehe es hinter den Türen des Bordells weiter, wie gewohnt, meint N. "Es wurde getrunken und geraucht und viele der Kunden und Mädchen nahmen vermutlich weitaus schlimmere Drogen. Diese Situation zerbricht die Mädchen komplett."

Geld geht über Gesundheit

Am Ende ihres "Arbeitstags" werde gemeinsam zu Bett gegangen, erklärt die ehemalige Prostituierte. "Man muss dann die Hälfte des verdienten Geldes abgeben und für den Schlafplatz bezahlen. Ihnen ist nur eines wichtig: Das Geld."

(Symbolbild)
(Symbolbild) | Bild: (VRD - Fotolia.com)

Darüber hinaus seien die Schlafbedingungen mehr als schwierig, erzählt die Aussteigerin. "Viele Mädchen schlafen in einem kleinen Raum in Doppelbetten, was besonders während der Corona-Pandemie problematisch war." Sie selbst sei nach ihren zwei Wochen im Bordell direkt an Grippe erkrankt. "Das sind keine guten Voraussetzungen, um die Arbeit zu machen", meint N.

Ein Symbol auf der Intensivstation einer Klinik weist auf den Covid-Bereich hin.
Die Frauen schlafen in einem engen Raum mit Doppelbetten. "Das war besonders während der Corona-Pandemie problematisch", berichtet N. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild

Zu ihrer Zeit im Bordell habe sie im Kontakt zu fünf Mädchen in Bukarest gestanden - welche wohl mit Covid-19 zurück zur Arbeit kamen. "Deshalb meiden die Betreiber auch den direkten Kontakt zu Kunden, denn sie sind um ihre Gesundheit besorgt!"

N. will ihre Erfahrungen teilen

All diese Umstände bewegen N. schließlich dazu, den Kontakt zu Ingeborg Kraus in Karlsruhe zu suchen. "Frau Kraus versteht, wie die Mädchen unter der sexuellen Gewalt leiden - und ich stimme ihr zu", berichtet die ehemalige Prostituierte. 

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Der Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und Prostitution. | Bild: ninocare@pixabay.com

Über die Initiative "Karlsruhe-gegen-Sexkauf" setzt Kraus bereits seit 2019 ein klares Statement gegen das Prostitutionsgewerbe. Zuletzt rückte Kraus und ihre Initiative durch die Gegenwehr bezüglich eines Bauvorhabens an der Ottostraße ins Licht der Öffentlichkeit.

Dr. Ingeborg Kraus - Psychotherapeutin aus Karlsruhe
Dr. Ingeborg Kraus, Psychotherapeutin aus Karlsruhe. | Bild: Jeremy Gob

Mithilfe der Therapeutin hofft N. darauf, zur permanenten Schließung ihres ehemaligen "Arbeitsplatzes" beizutragen. "Wenn es möglich ist, möchte ich auch zu Polizei gehen und ihnen erklären, was mir in besagtem Bordell widerfahren ist", erklärt die Aussteigerin in ihrem Schreiben.

Ex-Freier berichtet

Ein ehemaliger Besucher eben jenes Bordells meldet sich einige Monate später ebenfalls bei Frau Kraus. Auch er habe sonderbare Umstände hinter der Rotlichtfassade aufgeschnappt: "Die Frauen nahmen vorher das Geld und gingen dann  kurz aus dem Zimmer. Beim anschließenden Sex taten sie teilweise so, als hätten sie Spaß", berichtet der ehemalige Freier.

Eine Frau in einem Bordell (Symbolbild).
Ein Schauspiel? Ex-Freier T. ist sich sicher: "Sie taten so als hätten sie Spaß." | Bild: pixabay

Rückblickend vermute er, dass die Frauen psychisch leideten, meint T. "Sie wirkten währenddessen irgendwie abwesend und resigniert." Und dann waren da noch die Verständigungsprobleme: "Die Frauen haben häufig nur mangelhaft Deutsch gesprochen und kamen überwiegend aus Osteuropa", sagt der ehemalige Bordellbesucher.

Rotlicht/Prostitution
Um solche Reklamen macht T. inzwischen einen großen Bogen. | Bild: pixabay

Eines Tages kommt es für T. zu einem regelrechten Schlüsselerlebnis. "Eine Frau von der ich den Eindruck hatte, sie würde den Job gerne machen, brachte mir ihre Bitterkeit und Frustration einmal sehr deutlich gegenüber zum Ausdruck", erzählt er. Ohne dieses Erlebnis weiter auszuführen habe die Situation eines bewirkt: "Dies brachte mich dazu nicht mehr zu Prostituierten zu gehen."

Prostitution in Karlsruhe

Im Rahmen der Karlsruher Frauenwochen fand am Freitag, 17. März, eine online Veranstaltung zum Thema Prostitution in Karlsruhe statt. Veranstalter des zweieinhalbstündigen Austauschs war die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF). Unter anderem hätten die Bordellbaupläne in Durlach Anlass zur Veranstaltung gegeben.

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"Wir müssen uns als Stadt an der Grenze zu Frankreich, das 2016 ein Sexkaufverbot nach Nordischem Modell eingeführt hat, entscheiden, ob wir ein weiteres Amsterdam werden wollen mit einem immer weiter florierenden Rotlichtmilieu, und ob das zu unseren Markenkennzeichen 'Recht', 'IT' und 'Medienkunst' passt", sagt Brigitte Schmid-Hagenmeyer, Vorsitzende der AsF. 

Um die Anonymität aller Beteiligten zu wahren, wurde auf jegliche Ortsangaben sowie namentliche Nennungen verzichtet.

Dr. Ingeborg Kraus ist Psychotherapeutin in Karlsruhe. Mit ihrer Spezialisierung auf Traumatherapie arbeitet Kraus unter anderem mit ehemaligen Prostituierten, um ihnen mit der Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zu helfen. Mit ihrer Initiative Karlsruhe-gegen-Sexkauf klärt Kraus bereits seit 2019 über die Hintergründe und Problematiken von Prostitution auf. Alle Infos findet ihr auf der Internetseite:

https://karlsruhe-gegen-sexkauf.de

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