3  

Berlin/Brüssel Streit um Astrazeneca: Sollten den Impfstoff auch Jüngere bekommen können?

Der Nutzen ist höher zu bewerten als das Risiko - das sagt die EU-Arzneimittelbehörde zu Astrazeneca. Doch Deutschland lässt weiterhin lieber Vorsicht walten. Wie machen es die anderen EU-Länder?

Trotz der Entscheidung der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur uneingeschränkten Anwendung von Astrazeneca wird der Corona-Impfstoff in manchen Ländern weiter nur älteren Bürgern geimpft - auch in Deutschland.

Was die EMA gemacht habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte der Infektionsimmunologe Christian Bogdan bei einer Online-Diskussion des Science Media Centers gestern Abend. "Aber das, was die Stiko gemacht hat, kann man sicherlich genauso rechtfertigen", meinte Bogdan, der Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist.

Der Corona-Impfstoff Astrazeneca soll in Deutschland nur an Menschen ab 60 verimpft werden.
Der Corona-Impfstoff Astrazeneca soll in Deutschland nur an Menschen ab 60 verimpft werden. | Bild: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa

Die Stiko hatte den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt erst ab 60 Jahren empfohlen. Grund war unter anderem das Auftreten von Hirnvenenthrombosen bei 1 bis 2 unter 100.000 geimpften jüngeren Frauen in Deutschland.

Es gab auch wenige Fälle bei Männern in Deutschland - jedoch wurden bisher bundesweit 2,5 Mal mehr Frauen das erste Mal mit Astrazeneca geimpft. Bogdan sagte, die EMA-Entscheidung werde sicher ein Thema in einer der nächsten Stiko-Sitzungen werden.

Astrazeneca ab 60 in Deutschland, Italien und Spanien

EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides rief die EU-Staaten bei einer Videokonferenz der nationalen Gesundheitsminister am Mittwochabend zu einem abgestimmten Vorgehen auf, um das öffentliche Vertrauen zu stärken. "Unsere Entscheidungen sollten nun auf der wissenschaftlichen Arbeit der EMA beruhen und einer gründlichen, fortlaufenden Bewertung der Risiken und Vorteile."

Ein Fläschchen mit fünf Millilitern Corona-Impfstoff von Astrazeneca.
Ein Fläschchen mit fünf Millilitern Corona-Impfstoff von Astrazeneca. | Bild: Soeren Stache/dpa

Auch der portugiesische Vorsitz der EU-Staaten forderte die Mitgliedsstaaten zu einer möglichst abgestimmten Position auf. Portugals Gesundheitsministerin Marta Temido sagte: "Das ist eine technische Entscheidung. Es ist keine politische Entscheidung." Man dürfe nicht vergessen, dass einzelne Entscheidungen sich auf alle auswirkten.

In den ersten Ländern wurden nach der EMA-Mitteilung von gestern Nachmittag bereits Entscheidungen zur weiteren Verwendung des Astrazeneca-Präparats getroffen. Italien änderte seine Richtlinien - Astrazeneca wird nun wie in Deutschland nur noch für über 60-Jährige empfohlen.

Der Impfstoff der Firma Astrazeneca lagert in einem Kühlschrank.
Der Impfstoff der Firma Astrazeneca lagert in einem Kühlschrank. | Bild: Fabian Strauch/dpa

Das gab der Präsident des obersten Gesundheitsinstituts (CTS), Franco Locatelli bekannt. Auch in Spanien soll Astrazeneca vorerst nicht mehr an unter 60-Jährige verabreicht werden. Das habe das Gesundheitsministerium den Regionen des Landes empfohlen, teilte Ministerin Carolina Darias mit.

Es handele sich um einen vorläufigen Vorschlag. In Österreich sprach sich das nationale Impfgremium dafür aus, der EMA-Empfehlung zu folgen.

"Ich halte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten"

Unterdessen zeigte sich der Virologe Hendrik Streeck überrascht über die Empfehlung der Stiko, Menschen in Deutschland nach einer Impfung mit Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna anzubieten.

"Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten, ob die Studien erfolgreich sind", sagte er der "Fuldaer Zeitung" (Donnerstag). Er halte es aber für eine "nachvollziehbare" Entscheidung, Astrazeneca bei Menschen unter 60 Jahren nicht mehr zu impfen - auch wenn der Impfstoff an sich gut und sicher sei.

Die Stiko hatte empfohlen, dass Menschen unter 60 Jahren, die bereits eine erste Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca erhalten haben, bei der zweiten Impfung auf ein anderes Mittel umsteigen sollen. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko einer Hirnvenenthrombose jüngere Menschen betrifft.

Die Stiko riet, als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen. In Deutschland sind die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen.

Ab April soll in Großbritannien auch mit dem Vakzin von Moderna geimpft werden.
(Symbolbild) | Bild: Michel Spingler/AP/dpa

Bereits gestern wollte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinen Länderkollegen eigentlich auch über die Zweitimpfungen für junge Leute beraten, die mit dem Wirkstoff von Astrazeneca geimpft wurden. Über ein Ergebnis wurde aber zunächst nichts bekannt.

Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, sagte der "Rheinischen Post" (Donnerstag) zu der Empfehlung zur Zweitimpfung: "Der Schutz gegen Covid-19 nimmt bei einmaliger Astrazeneca-Impfung nach gewisser Zeit ab." Mertens meinte, dass es bei einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff sogar zu einer besseren Schutzwirkung kommen könne.

EMA empfiehlt Astrazeneca uneingeschränkt

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfahl gestern uneingeschränkt die Anwendung von Astrazeneca. Der Nutzen sei höher zu bewerten als die Risiken, erklärte die EMA in Amsterdam. Die britische Impfkommission änderte dagegen ihre Empfehlung: Das Präparat soll künftig möglichst nur noch über 30-Jährigen verabreicht werden.

Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.
Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. | Bild: Kay Nietfeld/dpa

Stiko-Chef Mertens sagte zudem der "Augsburger Allgemeinen", dass die Stiko und das Robert Koch-Institut Vorschläge prüfen wollten, für eine größere Anzahl an Erstimpfungen den Abstand zur Zweitimpfung bei Mitteln von Biontech und Moderna zu verlängern.

"Stiko und RKI beschäftigen sich intensiv auch mit dieser Frage und wollen zu einer wissenschaftlich begründbaren Stellungnahme kommen."

Der Virologe Klaus Überla, der ebenfalls der Stiko angehört, zeigte sich allerdings skeptisch. "Hinweise auf eine nachlassende Wirksamkeit beginnend sechs Wochen nach einer Biontech mRNA Immunisierung sprechen aus meiner Sicht gegen diesen Vorschlag", sagte er der "Augsburger Allgemeinen".

Eine Spritze wird mit dem Corona-Impfstoff von Biontech aufgezogen.
Eine Spritze wird mit dem Corona-Impfstoff von Biontech aufgezogen. | Bild: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild

Die Stiko empfahl zuletzt einen Abstand von sechs Wochen bei Biontech und Moderna für die Zweitimpfung. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und andere Wissenschaftler hatten am Osterwochenende einen Kurswechsel hin zu möglichst vielen kurzfristigen Erstimpfungen gefordert.

 

Haben Sie einen Fehler entdeckt?
Links
Rechts
Das könnte Sie auch interessieren
Das wird gerade bei ka-news heiß diskutiert
Die besten Themen
Kommentare (3)
Hinweis: Kommentare geben nicht die Meinung von ka-news wieder.
Der Kommentarbereich wird 7 Tage nach Publikationsdatum geschlossen.
Bitte beachten Sie die Kommentarregeln und unsere Netiquette!
  •   AlterMann
    (267 Beiträge)

    09.04.2021 16:03 Uhr
    Tödliche Impfung?
    Im weiteren Bekanntenkreis ist eine ältere Frau (ü60) mit AstraZeneca geimpft worden, drei Wochen später ist sie gestorben.
    Zusammenhang mit der Impfung unklar, wird noch untersucht.

    Allerdings habe ich mir mal die Beipackzettel meiner Medikamente angesehen, die Wahrscheinlichkeit daran zu sterben ist um ein vielfaches höher, und das Zeug nimmt man aber ohne darüber nachzudenken.

    Letztendlich ist es die Aufgabe eines Impfstoffes vor einer Erkrankung mit dem Erreger zu schützen, unsterblich macht der einen nicht.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   myopinions
    (1215 Beiträge)

    08.04.2021 13:47 Uhr
    ..............es ist ebenso
    grotesk wie absurd, was da für ein Geschiss gemacht wird.

    Menschen, die bis ans andere Ende der Welt reisen, lassen sich ggfs. vor Ort in exotischen Ländern mit unbekannten Seren impfen, nur damit der Trip in den Dschungel, auf den Berg oder in die Wüste nicht gefährdet ist. Da fragt keiner nach möglichen Folgen.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
  •   Ringo.Ginsterburg
    (128 Beiträge)

    08.04.2021 13:20 Uhr
    Die Verlängerung des Abstands zwischen den Impfungen
    ist meines Erachtens Scharlatanerie, zumindest dann, wenn sie nicht von den Herstellern der Impfstoffe aufgrund gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse in bestimmten Grenzen erlaubt, sondern von Politikern einfach beschlossen wird.

    Dass nach der Erstimpfung erst ein Bruchteil des Schutzes besteht, ist bekannt - sonst bräuchte man keine Zweitimpfung. Und mit der Vergrößerung des zeitlichen Abstands sinkt dieser Schutz nicht nur, sondern es steigt auch das Risiko der Ausbildung resistenter Mutationen.

    Wenn man den Abstand erhöht, um kurzfristig mehr Leuten eine Erstimpfung verabreichen zu können, riskiert man zudem, dass zum Termin der Zweitimpfung gar kein Impfstoff vorhanden ist. Da hat Hessen das meiner Ansicht nach einzig richtige getan, nämlich stets nur die Hälfte der gelieferten Impfdosen für Erstimpfungen verplant und die zweite Hälfte für die dazugehörigen Zweitimpfungen aufgehoben.
    Bewerten:  Lädt... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet melden antworten
Schreiben Sie Ihre Meinung
Fett Kursiv Link Zitat Sie dürfen noch Zeichen schreiben
Informiert bleiben: