Sonderlich voll ist es nicht, als die Tür der Bahn sich öffnet. Es ist ein Freitagvormittag, die meisten Pendler sitzen bereits an ihrem Arbeitsplatz, Schüler sind in den Sommerferien nur vereinzelt unterwegs. Eigentlich könnte es entspannt sein. Doch dann ertönt ein Satz, der die Fahrgäste aufhorchen lässt: "Die Fahrscheine bitte!" Es folgen Kopfschütteln, Rascheln von Taschen, ein Fahrgast rollt sogar mit den Augen, als die drei Kontrolleure von Platz zu Platz gehen.

Plötzlich erregt eine Szene nahe des Ausstiegs die Aufmerksamkeit der Fahrscheinprüfer: Ein Jugendlicher springt auf und will zur Tür. Jedoch erfolglos - an den Kontrolleuren kommt er nicht vorbei. Einen gültigen Fahrschein? Hat er nicht, gibt der Jugendliche zu. Das wird ihn nun 60 Euro kosten -  er kassiert einen EBE (Erhöhtes Beförderungsentgelt), wie der Strafzettel für Bahnfahrer in der korrekten Bezeichnung heißt.

Sonderlich beeindruckt scheint der junge Schwarzfahrer von der Strafe allerdings nicht zu sein: Während seine Personalien aufgenommen werden, tippt er teilnahmslos auf seinem Smartphone, antwortet nur noch mit Lauten statt Wörtern auf Nachfragen.

Gegessene Fahrscheine und Pfefferspray-Attacken

Szenen wie diese gehören zum Alltag von Sebastian, Bela und Volker* (Namen von der Redaktion geändert) Sie gehören zu den insgesamt 163 Fahrscheinprüfern, die im Netz des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV) im Einsatz sind.

Manche üben ihre Tätigkeit hauptberuflich aus, so wie Volker, der schon seit 20 Jahren bei den Verkehrsbetrieben arbeitet. Bela und Sebastian bessern sich durch diesen Nebenjob ihr Studentengehalt auf. Zu manchen Zeiten greift der KVV auch auf eigene Fahrer oder Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen zurück.

Unterwegs mit einem Fahrkartenkontrolleur

Die typischen Ausflüchte kennen Bela, Sebastian und Volker inzwischen aus dem Effeff. Doch so mancher blinde Passagier versucht es auch mit originellen Ausreden. "Ein Mann behauptete, er hätte seinen Fahrschein gegessen", so Bela. Ein anderer habe angegeben, seinen Fahrschein zerrissen zu haben. "Er hat dann versucht, ihn wieder zusammen zu puzzeln", lacht Sebastian. Dass es aber auch anders laufen kann, weiß er aus leidvoller Erfahrung.

Lebhaft ist ihm noch ein Fall in Erinnerung, bei dem er ein Pärchen kontrollieren wollte. "Als ihr Freund keinen Fahrschein vorzeigen konnte und abhauen wollte, hat sie mir Pfefferspray in die Augen gesprüht", schildert er. Fahrgäste hätten ihm dann geholfen. Aber: "Es hat drei Stunden gedauert, bis ich wieder einigermaßen sehen konnte", erklärt der junge Kontrolleur. Das flüchtige Pärchen wurde später von der Polizei aufgegriffen und kassierte eine Anzeige wegen Körperverletzung.

Richtiges Ticket, aber die falsche Bahn

Fälle wie dieser seien aber die absolute Ausnahme. Die meisten Gäste würden sich gelassen bis freundlich zeigen. So mancher bittet die Kontrolleure sogar um Hilfe. Wie eine ältere Dame, die mit ihrem Enkel an diesem Freitag unterwegs ist. Sie wollte eigentlich nach Jöhlingen, ist aber in eine Bahn der Linie S5 gestiegen. Ein Mitarbeiter der deutschen Bahn habe ihr diese Auskunft erteilt. Jetzt sitzt sie in der falschen Bahn - und das mit einem Ticket, das für eine fixe Strecke bezahlt ist.

Kontrolleur Bela gibt Hilfestellung. Ein 60-Euro-Ticket fürs Schwarzfahren muss er ihr zwar ausstellen, gibt ihr aber den Tipp, sich mit dem Kundencenter in Verbindung zu setzen. Eventuell könne von der Zahlung abgesehen werden. Im Anschluss erklärt er noch, wie die Frau von der nächsten Haltestelle nach Jöhlingen kommt. Dass sie keine Leistung erschleichen wollte, glaubt er ihr. "Man bekommt mit der Zeit ein Gefühl dafür, wer einen anlügt und wer nicht."

Mit all jenen, die auf gut Glück ohne Ticket zusteigen, haben die Kontrolleure weder Verständnis noch Mitleid. "Es gibt bei uns keine Ausreden", macht Volker klar. Nach rund zwei Stunden haben die drei Kontrolleure ihre Tour beendet. Fazit: 14 Personen erwischten die Kontrolleure ohne gültiges Ticket, 180 Euro Strafe wurden gleich in bar bezahlt, eine Scoolcart wurde eingezogen. Jetzt heißt es für Bela, Sebastian und Volker Pause machen - bis zum nächsten Mal.

Hintergrund bei ka-news:

Ohne gültigen Fahrschein unterwegs zu sein, ist mehr als eine Lappalie. Im Gegensatz zum Falschparken, welches eine Ordnungswidrigkeit darstellt, ist das Erschleichung von Leistungen, umgangssprachlich auch Schwarzfahren genannt, eine Straftat. Der Karlsruher Verkehrsverbund berichtet von 1,4 Prozent Schwarzfahrern.

In den meisten Fällen kommt der Schwarzfahrer mit einem erhöhten Beförderungsgeld von 60 Euro davon. Fällt ein Fahrgast aber mehrfach durch Schwarzfahren auf, sind auch härtere Konsequenzen möglich. Das Strafgesetzbuch sieht für das Erschleichen von Leistungen neben Geldstrafen oder gar eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr vor.

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