Karlsruhe Zug der Erinnerung

Einfahrt des "Zugs der Erinnerung" im Frankfurter Hauptbahnhof (Foto: pr)
Die Deutsche Bahn AG rechnet für das Gedenken an deportierte Kinder und Jugendliche im Karlsruher Bahnhof in Euro und Cent ab. Das wirft ihr der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor. Im November des vergangenen Jahres hatte der DGB-Region Mittelbaden zusammen mit einigen Mitstreitern und mit Unterstützung der Stadt den "Zug der Erinnerung" nach Karlsruhe geholt (ka-news berichtete). Mit dieser rollenden Ausstellung wird der zahlreichen deportierten Kinder und Jugendlichen im "Dritten Reich" erinnert.

Mehrere tausend Menschen hatten in Karlsruhe diese Ausstellung besucht. Vor allem zahlreiche Schulklassen nahmen das Angebot an, sich mit den Schicksalen und der damit verbundenen Geschichte auseinanderzusetzen. Bundesweit stößt die Ausstellung über Deportationsschicksale wie in Karlsruhe auf große Resonanz und Anerkennung.

DGB: "Deutsche Bahn stellt sich nicht ihrer Geschichte"

Auch wenn die Mitarbeiter in den Bahnhöfen vor Ort, so auch in Karlsruhe, diesen Ausstellungszug dankenswerterweise wohlwollend unterstützen, gelte dies nicht für ihren Arbeitgeber, so der DGB. Anstatt sich der Geschichte zu stellen und die Initiative um den Ausstellungszug zu unterstützen, verlange die Deutsche Bahn teure Trassenpreise und Infrastrukturgebühren. "So lässt sich mit einer unrühmlichen Vergangenheit noch ein Geschäft machen", stellt der DGB-Regionsvorsitzende Martin Spreng enttäuscht fest.

Zug der Erinnerung am Karlsruher Hauptbahnhof (Archivfoto: ka-news)

"Inzwischen wissen wir auch, was der Bahn AG das Gedenken an die deportierten Kinder und Jugendlichen im Stuttgarter Hauptbahnhof und im Esslinger Bahnhof wert ist, denn eine Rechnung weist für Karlsruhe 45 Euro pro Stunde aus." Unverständnis herrscht sowohl beim DGB wie auch beim Verein "Zug der Erinnerung", weil sich diese Forderung auf keinerlei Dienstleistung beziehe, sondern lediglich die Öffnungszeiten der Ausstellung in Rechnung stelle.

Für den DGB-Regionsvorsitzenden ist eine solche Vorgehensweise eine "Verhöhnung der damals deportierten Opfer". "Diese politische Instinktlosigkeit und Geschichtslosigkeit passt nicht in eine Zeit, in der es für alle durch Aufklärung und Erinnerungsarbeit allen neonazistischen Tendenzen entgegenkommt. Mit dem Schicksal im 'Dritten Reich' deportierter Menschen Geld zu verdienen, ist für einen Konzern, der an die Börse will, auch im Blick auf unsere europäischen und damals vom gleichen Schicksal betroffenen Nachbarn absolut unglaubwürdig", so Spreng.

Bahn: "Initiatoren war klar, dass bezahlt werden muss"

Unverständnis herrscht indes auch bei der Deutschen Bahn. Deren Pressestelle teilte ka-news auf Anfrage mit, dass die Bahn einen Katalog für Stationsgebühren habe, der für alle Gültigkeit habe. In diesem könne vorher berechnet werden, wie hoch die Stations- und Trassenentgelte sind. Die Bahn sei durch Paragraf 14 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes verpflichtet, für jedes Unternehmen bei gleichen Leistungen die gleichen Rechnungen zu stellen. Den Initiatoren sei von Anfang an klar gewesen, dass bezahlt werden müsse. Je nach Lage des Bahnhofs gebe es verschiedene Entgelte, über die die Bundesnetzagentur wache. Auch die Anschuldigungen, die Bahn habe "instinktlos und geschichtslos" gehandelt, entbehre jeglicher Grundlage, da es kein zweites deutsches Unternehmen gebe, das sich so seiner Vergangenheit stelle wie die Deutsche Bahn.

Außerdem weist die Pressestelle der Bahn ausdrücklich darauf hin, dass die Deutsche Bahn nicht Rechtsnachfolger der Reichsbahn zu Zeiten des Nazi-Regimes sei. Rechtsnachfolger ist der Bund mit dem Bundeseisenbahnvermögen. Insbesondere Bahnchef Hartmut Mehdorn setze sich sehr stark für die Aufarbeitung der Vergangenheit ein. Zur Entschädigung der Zwangsarbeiter habe die Bahn in den Zwangsarbeiterfond einen siebenstelligen Betrag eingezahlt, obwohl dieser nie von der Bahn gefordert worden sei.

DGB wehrt sich gegen Darstellung der Deutschen Bahn

Martin Spreng vom DGB wehrt sich gegenüber ka-news gegen diese Darstellung der Deutschen Bahn. "Wir hatten im Vorfeld keinerlei Hinweise bekommen, dass die Veranstaltung etwas extra kostet. Alleine durch die Tatsache, dass sich Bahnchef Mehdorn gegen eine solche Ausstellung gewehrt hat und es erst durch ein langwieriges Vermittlungsgespräch mit Bundesverkehrsminister Tiefensee zu einem Kompromiss gekommen ist, zeigt schon die Bedeutung der Bahn für diese Veranstaltung", erklärt Spreng. Auch zahlreiche Demonstrationen in und vor den Bahnhöfen und Informationsveranstaltungen hätten damals an der Blockadehaltung von Bahnchef Mehdorn nichts ändern können.

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